„Hair“, das American Tribal Love/Rock Musical der 60er, erzählt die Geschichte einer Gruppe von Hippies und deren Widerstand gegen den Vietnamkrieg. Wenn man das Musical zum ersten Mal sieht, bleibt man vermutlich etwas verwirrt zurück. Ich persönlich konnte mich nicht entscheiden, ob ich nun eine ausgefuchste Genialität zu sehen bekam oder nur wirres Geschrei und ausgeflippte Charaktere. 

Die Uraufführung am Broadway im Jahre 1968 begeisterte, löste Kontroversen aus und auch heute noch gilt „Hair“ als eines der erfolgreichsten Musicals weltweit. Ob Pazifismus, Rassismus oder der Aufstand gegen die Elterngeneration, „Hair“ besticht durch die Aufarbeitung gesellschaftlicher Themen. Deutschlandpremiere war 1968 in München, wo das Stück fast drei Jahre lang durchgängig gespielt wurde. Im Jahre 1979 entstand die gleichnamige Verfilmung des Musicals.

Doch was kann man sich unter einem Musical vorstellen, das den Namen „Haare“ trägt? Im New York der 60er Jahre begegnet der bürgerliche Claude Bukowski dem sogenannten „Tribe“, einer Gruppe von Hippies, deren Markenzeichen eben diese langen Haare sind. Die jungen Leute leben in den Tag hinein, konsumieren Drogen und protestieren gegen Gewalt und Krieg. Claude geht schließlich eine Dreiecksbeziehung mit der spirituellen Sheila und ihrem impulsiven Freund Berger ein und löst sich immer mehr von den Werten des traditionellen Amerikas. Doch der Vietnamkrieg ruft und Claude soll als Soldat in den Krieg eingezogen werden. Seine Freunde fordern ihn auf, den Einberufungsbefehl zu verbrennen, doch Gesellschaft und Familie erwarten von einem guten Amerikaner, für sein Land zu kämpfen.  Wie wird sich Claude entscheiden?

© Capitol Mannheim

Musikalisch hat sich der Komponist von „Hair“, Galt MacDermot, von kirchlichen Chorälen inspirieren lassen. Dennoch kann „Hair“ als Rock-Musical bezeichnet werden. Die Impulsivität und Leidenschaft, mit der die Figuren sich für den Frieden einsetzen, wird durch die Musik perfekt widergespiegelt. Diese wirkt beim erstmaligen Hören teilweise etwas schrill und durcheinandergewürfelt, passt aber zu der sich in Halluzinationen wiederfindenden Flower-Power-Generation. Großartige Ohrwürmer wie „Aquarius“ und „Let the sun shine in“ bleiben einem noch lange im Kopf.

Mehr als nur Flower-Power

Das Mannheimer Capitol macht bei seiner Inszenierung vieles richtig. Im Hintergrund sind die Musiker der Band zu sehen, die dem Musical eine Stimme geben – und was für eine. Der Sound erfüllt den ganzen Theatersaal. Und der ergänzt mit seinen roten Sitzen die relativ kleine Bühne, deren Hauptelement aus einer ebenfalls roten Plattform besteht. Diese ist umrahmt von Leinwänden, die die Hochhäuser New Yorks abbilden. Über alldem thront Uncle Sam, US-amerikanische Nationalfigur, die im Kontext von „Hair“ im Laufe des Abends immer mehr zur Karikatur eines überhöhten Patriotismus wird.  Der alte Theatersaal des Capitols kreiert eine intime Atmosphäre und bereits der erste Moment, als die Darsteller mithilfe von Body Percussion Töne erzeugen und „Aquarius“ anstimmen, löst Gänsehaut aus.

Hier wird dem Zuschauer bereits klar, nur acht Darsteller werden heute Abend auf der Bühne stehen. Vor ihnen liegt die enorme Aufgabe, ein komplexes Musical alleine zu stemmen, Rollen zu wechseln und den Saal auszufüllen. Jeder der sechs Schauspieler strahlt eine ansteckende Energie aus und legt sein ganzes Herzblut in diesen Abend hinein. Gesanglich und schauspielerisch zeigen alle ein hohes Niveau.

© Capitol Mannheim

Victor Hugo Barreto als Hud und Jeannette Friedrich als Dionne wirken ebenso authentisch wie Katja Friedenberg als schwangere Jeanie.

Nina Ungerer gibt eine wirklich süße Crissy ab und legt vor allem als Hündchen Adolf ein großes komödiantisches Talent an den Tag.

In einem Atemzug mit Komödie lässt sich auch Christian Schöne nennen, der nicht nur den Woof verkörpert, sondern sich auch in eine Touristenlady in Drag verwandelt. Er sorgte mit Abstand für die meisten Lacher im Publikum und auch die Nacktszene meisterte er bravourös.

Sascha Kleinophorst spielt den zu Beginn spießigen Claude Bukowski überzeugend und stellt vor allem die Zerrissenheit des jungen Mannes gut dar.

Dem in Mannheim nicht mehr wegzudenkenden Sascha Krebs ist die Rolle des George Berger wie auf den Leib geschneidert und man merkt ihm seine Freude, einmal so richtig abrocken zu können, deutlich an.

In der Rolle der Sheila hätte man niemanden besseren finden können als Zodwa Selele. Sie zeigt eine überragende Bühnenpräsenz und ihre grandios-soulige Stimme beweist, dass sie nicht umsonst bereits die Hauptrolle in „Sister Act“ spielte.

Ein Drogentrip der Superlative

Motivierte Darsteller, eine liebevoll gestaltete Bühne und passende Kostüme, was will man mehr? Eine Handlung. Ich als Zuschauerin, die die Geschichte von „Hair“ grob kannte, blieb irgendwann leider verwirrt zurück. Fragmentierte Szenen werden aneinandergereiht, ohne miteinander verknüpft zu sein. Als Zuschauer hat man das Gefühl, eine Abfolge von Songs und Sketchen geboten zu bekommen und nie richtig in die Handlung eintauchen zu können. Der Fokus wird eindeutig auf die Musik gelegt und auch tiefergehende Charakterzeichnungen bleiben aus. Ich persönlich fühlte nicht mit den Figuren mit und sonderlich sympathisch waren sie mir auch nicht. Die Begrenztheit des Bühnenbilds hat mir zu Beginn gefallen, lässt sie doch vor allem den Darstellern Raum für ihr Spiel. Leider waren jedoch keine Schauplatzwechsel erkennbar und ich fragte mich in nahezu jeder Szene, wo sich die Handlung gerade abspielte. Wenn die Darsteller dann noch laut schreiend protestieren und Liebe propagieren, trägt dies nicht zu einem besseren Verständnis bei und wirkt an manchen Stellen überzogen.

© Capitol Mannheim

Als ich das Theater verließ, dachte ich noch lange über das Gesehene nach und genau das will „Hair“. Es ist ein Musical, das protestiert, das bestehende Gesellschaftssystem kritisiert und unkonventionell ist. Demnach hat das Capitol alles richtig gemacht. Bereits am Broadway gab es eine fragmentierte Handlung und die Songs tauchen in jeder Inszenierung an anderer Stelle auf.  Der Mannheimer Regisseur George Veit orientiert sich sehr nah an der Originalversion. Die Inszenierung strotzt vor Verfremdungseffekten, die man eigentlich aus dem klassischen Schauspiel kennt. Die Doppelbesetzung von Claudes Eltern verstärkt den Einfluss, den die Elterngeneration ausübt. Bei den Protestrufen gegen den Vietnamkrieg regnen Flugblätter von der Empore und die Schauspieler durchbrechen die vierte Wand. Doch auch eigene Innovationen finden ihren Platz. Willkommensschilder mit der Aufschrift „Welcome“ werden umgedreht abgesetzt und entpuppen sich als weiße Grabsteine eines Soldatenfriedhofs.

Die Mannheimer Inszenierung von „Hair“ legt weniger Wert auf eine durchgängige Handlung und ausgefeilte Charakterzeichungen, sondern stellt die Musik und die polarisierenden Elemente in den Vordergrund. Leider wirkt dies an manchen Stellen ein wenig durcheinander und zusammenhanglos. Dennoch bietet sich dem Zuschauer ein unterhaltsamer Abend, der zum Nachdenken anregt.

Tickets und Informationen findet Ihr hier.

Uraufführung: 29.04.1968 (Biltmore Theatre, New York)
Deutschlandpremiere: 24.10.1968 (Theater in der Briennerstraße, München)
Besuchte Vorstellung: 19.10.2017 (Capitol, Mannheim)
Buch/Lyrics: Gerome Ragni, James Rado
Musik: Galt MacDermot
Musikalische Leitung: Achim Schneider
Regie: Georg Veit
Choreographie: Doris Marlis
Ausstattung und Maske: Daniela Werner
Besetzung: Zodwa Selele (Sheila), Victor Hugo Barreto (Hud), Sascha Krebs (George Berger), Sascha Kleinophorst (Claude Bukowski), Jeannette Friedrich (Dionne), Katja Friedenberg (Jeanie), Nina Ungerer (Crissy), Christian Schöne (Woof)

Beitragsbild:  © Capitol Mannheim

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Vanessa Fatho

„Music can name the unnameable and communicate the unknowable.“ – (Leonard Bernstein)

Lieblings-Musical(s): „Tanz der Vampire“, „Les Misérables“, „Singin’ in the Rain“, „Rent“
Lieblings-Komponist:Leonard Bernstein, Andrew Lloyd Webber, Lin-Manuel Miranda und Sylvester Leavy
Lieblings-Texter: Michael Kunze, Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: … ich in meiner Kindheit unbedingt eine Katze haben wollte und das Musical „Cats“ entdeckte.
An Musicals fasziniert mich: … die Emotionen, die in mir geweckt werden. Die Musik ruft Gefühle hervor, die mit Worten gar nicht erzeugt werden können. Dabei wird einem nie langweilig, denn das Genre erfindet sich immer wieder neu und ist an Vielfalt kaum zu überbieten.