Ganze neun Jahre nach seiner Broadway-Premiere findet das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Erstlingswerk von Lin-Manuel Miranda seinen Weg in deutsche Profi-Theater. Ausgerechnet im beschaulichen Hagen wagt man sich an die erste deutschsprachige Inszenierung von „In the Heights“ unter vollständig professionellen Voraussetzungen. Das Ergebnis ist eine gute Premiere, die zwar einige Tücken aufweist, dennoch aber auf eine vielversprechende Spielzeit hoffen lässt: Die Inszenierung garantiert einen unterhaltsamen Theater-Abend, auch wenn sie das Potenzial der Vorlage nicht ganz ausschöpfen kann.

„In the Heights“ –  Der Wegbereiter für „Hamilton“

Lin-Manuel Miranda ist derzeit einer der gefragtesten Künstler der englischsprachigen Unterhaltungsbranche und sein preisgekröntes Meisterstück „Hamilton“, das ihm auch den Pulitzer-Preis eingebracht hat, gilt als das bedeutendste Musical der letzten Jahre. Doch war es eben bereits „In the Heights“, mit dem Miranda erstmals in Erscheinung trat. Dieses Stück mischte die New Yorker Bühnen ordentlich auf, denn es war das erste Musical, das am altehrwürdigen Broadway auf Hip Hop-Klänge setzte. An ein Rap-Musical über einen gewissen amerikanischen Gründervater war da tatsächlich noch gar nicht zu denken. Die Idee zum Stück kam dem damals noch jungen Studenten Miranda, der als Sohn puerto-ricanischer Eltern selbst in den Washington Heights aufwuchs, bereits im Jahr 1999. Während der mehrjährigen Entwicklungsphase bis zur Broadway-Premiere im März 2008 steuerte dann Quiara Alegría Hudes das Buch bei. „In the Heights“ konnte vier Tony Awards gewinnen, darunter in den begehrten Kategorien „Bestes Musical“ und „Beste Originalmusik“.

Ein Viertel im Wandel

Das Musical spielt ganz im Norden des New Yorker Stadtteils Manhattan, im Viertel Washington Heights, das durch seine überwiegend lateinamerikanische Bevölkerung geprägt ist. Es ist der 3. Juli, als der heißeste Tag des Jahres anbricht.

Der sympathische Bodega-Besitzer Usnavi lebt dort mit seinem Cousin Sonny und „seiner“ Abuela Claudia, die im wahrsten Sinne „gute Seele“ des Viertels. Schon lange treibt ihn die Sehnsucht umher, bald in sein Herkunftsland, die Dominikanische Republik, zurückzukehren. Zunächst hat er allerdings mit alltäglichen Problemen wie defekten Kühlschränken zu kämpfen. Sein Herz gehört Vanessa, die unbedingt raus aus dem „Barrio“ und am liebsten direkt nach Downtown möchte. Allein eine Wohnung zu bekommen, scheint unmöglich. Um über die Runden zu kommen, arbeitet Vanessa im Friseursalon von Daniela, für den es jedoch in die umgekehrte Richtung gehen wird: Aufgrund zu hoher Mietpreise in den Heights bleibt als einziger Ausweg nur ein Umzug in die Bronx.

In heller Aufregung befinden sich auch Kevin und Camila Rosario, die als Einwanderer aus Puerto-Rico ein eigenes Taxi-Unternehmen aufgebaut haben, denn ihre Tochter Nina kommt nach längerer Abwesenheit und einem vermeintlichen Studium in Stanford unerwartet heim. Nina, auf deren Schultern nicht nur die Hoffnungen ihrer Eltern, sondern des ganzen Viertels lasten, hat jedoch keine guten Nachrichten im Gepäck.

Und dann ist da auch noch der ehrgeizige Benny, der ambitionierte Karrierepläne hat, aber als Afro-Amerikaner noch immer um die Anerkennung seines Chefs Kevin Rosario kämpfen muss – eine aufflammende Liebe zwischen Benny und Nina, scheint da wenig hilfreich zu sein.

Lebensfreude und Aufbruchsstimmung

So erleben wir ein Viertel, das sich im Wandel befindet – und auch unter seinen Bewohner herrscht Aufbruchsstimmung. Jeder erlebt die Veränderung auf seine eigene Art und Weise, allein die Lebensfreude will sich keiner nehmen lassen, allen Herausforderungen (wie die häufigen Stromausfälle), die zum Leben in den Heights dazu gehören, zum Trotz.

Als sich dann auch noch herausstellt, dass ausgerechnet Usnavis Kiosk einen Lottoschein mit der stolzen Gewinnsumme von 96.000 Dollar verkauft hat, wird die Gemeinschaft in den Heights, wo Erfolg und Scheitern niemals weit entfernt liegen, erneut auf die Probe gestellt.

„In the Heights“ ist ein hervorragendes Beispiel für ein modernes, zeitgemäßes Musical. Die behandelten Themen sind vielseitig, generationenübergreifend und haben heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Die Charaktere, mit unterschiedlichen Träumen und Zielen, hoffen in klassischer „Streben nach Glück“-Manier auf eine bessere Zukunft, doch der soziale Aufstieg gestaltet sich als schwieriges Unterfangen, wenn man aus den Heights kommt. Das Viertel selbst wird durch die fortschreitende Gentrifizierung unmittelbar bedroht, große Veränderungen kündigen sich an. Gleichzeitig thematisiert das Musical die Bedeutung der Familie – und auch die Romantik kommt nicht zu kurz. Über alledem schwebt die Frage nach der eigenen Identität und den eigenen Wurzeln, die sich vor allem für die jüngere Generation der Zuwandererfamilien stellt, deren Eltern einst in das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ immigrierten. Dass das Stück ausgerechnet um den Nationalfeiertag des Einwanderungslandes schlechthin spielt, tut für die Geschichte über die Suche nach der „Heimat“ ihr Übriges. Darüber hinaus begleitet die fast schon philosophische Frage, was „Heimat“ überhaupt bedeutet, wohl jeden Menschen in seinem Leben. Nur so viel sei verraten: Zumindest Usnavi erkennt nach zwei turbulenten und emotionalen Akten schließlich, dass seine „Heimat“ nicht hunderte Kilometer entfernt liegt, sondern immer da war: Sein „Zu Haus“ ist in den Washington Heights.

Musikalische Reise ins „Barrio“

Vielseitig wie die Geschichte ist auch die Musik des Musicals. Pulsierende Latin-Rhythmen und ruhige Bachata-Klänge treffen auf modernen Hip-Hop und R’n’B, klassische Musical-Balladen auf mitreißende Salsa-Musik und Freestyle-Rap. Als Zuschauer wähnt man sich schnell selbst im „Barrio“ und möchte einfach mittanzen. Die Musik klingt dabei stets abwechslungsreich, neu und auch mal unerwartet. Mirandas Stärke, mithilfe seiner Kompositionen eine Geschichte weiterzuführen und die Emotionen der Charaktere musikalisch zu vertonen, kommt vollends zur Geltung. Musik und Lyrics spielen hier auf ganz hohem Niveau zusammen. (Wer die Vielschichtigkeit der Kompositionen und Gesangsparts in ihrer ganzen Pracht genießen möchte, dem sei die Original-CD wärmstens empfohlen.)

In The Heights (Original Cast Recording)

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3.6 von 5 Sternen (5 customer reviews)

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Die Hagener Heights von New York

Im westfälischen Hagen, am äußersten Rand des Ruhrgebiets, hat man scheinbar Gefallen an New Yorker „Problembezirken“ gefunden. Nachdem man sich in einer sehr erfolgreichen Spielzeit bereits ausgiebig mit der fiktiven „Avenue Q“ auseinandergesetzt hat, sind nun die Washington Heights an der Reihe. Damit auch kein Zuschauer vergisst, wo genau das Stück spielt, hat man sich für den Titel „In den Heights von New York“ entschieden, was zugegebenermaßen etwas sperrig klingt, aber verständlich ist. Mit dem Ziel, vor allem auch junge Leute für modernes Theater anzusprechen und zu begeistern, arbeitet man nun nach dem derben Puppen-Musical erneut mit Regisseur Sascha Wienhausen und der Hochschule Osnabrück zusammen. Zwar kommt die aktuelle Inszenierung nicht an die Klasse der vorherigen heran, genauso viel Spaß macht sie aber allemal.

Die größte Herausforderung ist zunächst einmal die Übersetzung, was nicht nur an den im Original perfekt auf den Beat getexteten Versen liegt, sondern auch an der Mehrsprachigkeit des Stückes. So wird aus Englisch und Spanisch ein Mix aus Deutsch, Spanisch und Anglizismen. Laura Friedrich Tejero konnte das Stück gelungen für die deutsche Bühne übersetzen, die Dialoge klingen flüssig und natürlich, die Songtexte erfüllen ihren Zweck ohne negative Überraschungen. Natürlich wirkt der eingedeutschte „Slang“ an manchen Stellen etwas gewöhnungsbedürftig, meistens bietet die Übersetzung aber charmante Lösungen. Lediglich die Rap-Parts von Miranda lassen sich nicht annähernd in Original-Qualität ins Deutsche übertragen, was schon allein an der Musikalität und am Klang der deutschen Sprache liegt. Das ist auch nicht weiter schlimm, so lange die Authentizität im Rahmen des Stückes gewahrt wird und man nicht um jeden Preis versucht, Reim um Reim zu erzwingen. Manchmal wirken die gerappten Strophen von Usnavi und Co. dann aber doch sehr aufgesetzt und haben nicht immer den optimalen Flow. Hier ist vermutlich noch Luft nach oben, was aber nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass die Übersetzung insgesamt rund und verständlich klingt.

Starke Musik, gute Unterhaltung

Das Highlight an der Hagener Inszenierung ist die Musik. Unter der Leitung von Steffen Müller-Gabriel kann das erfreulich groß besetzte philharmonische Orchester des kleinen Theaters die energiegeladene Partitur voll ausspielen. Die Musik ist an den richtigen Stellen kraftvoll und laut, weiß sich aber auch immer wieder zurückzunehmen, wenn es auf der Bühne ruhiger wird. Einziger Wermutstropfen: Manchmal bleibt während der Premiere die Verständlichkeit der jungen Sänger und Rapper auf der Strecke. Die Tonmischung wird diesbezüglich aber mit den nächsten Vorstellungen sicher noch besser werden.

Regisseur Sascha Wienhausen entscheidet sich, die Handlung ins Jahr 2017 zu legen, mit einigen zeitgenössischen Anspielungen, wobei manche „Gags“ allerdings Geschmackssache bleiben. Überraschend groß ist das Ensemble, was bei einer vollen Bühne aber mehrfach den Blick auf wichtige Handlungen erschwert. Insgesamt scheint der Fokus nicht immer auf dem Plot zu liegen. Bei einigen Songs verliert man sich zu schnell in Schauwerten und die Entscheidung, häufig noch Tänzer auftreten zu lassen, lenkt unfreiwillig von der eigentlichen Intention ab (z. B. werden die Auftritte des Piragüero zu uninspirierten Lückenfüllern). Das ist zwar alles unterhaltsam und garantiert gute Stimmung beim Publikum, kann aber der ernsten Thematik des Stückes nicht vollständig gerecht werden. Weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen. Leider hat man auch das Gefühl, das nicht bei allen der sich entwickelnden Konflikte und Beziehungen das Potenzial der dramatischen Vorlagen voll ausgenutzt werden konnte. Nicht alle Charaktere werden so gezeichnet, dass man ihre Motivationen stets glaubhaft nachvollziehen kann. So manche Handlung wirkt auch einfach steif, denn nicht immer passt das schauspielerische Timing, selbst in wichtigen Schlüsselszenen.

Ein weiterer Nebeneffekt des großen Ensembles ist, dass die Choreographie (Sean Stephens) oftmals sehr einfach gehalten ist. Sie hat ihre Stärken immer dann, wenn es dynamisch und leidenschaftlich zugeht und die Darstellerinnen und Darsteller Salsa oder Hip-Hop tanzend über die Bühne fegen können. Das Bühnenbild (Ulrike Reinhard) wird von der angedeuteten Skyline mit der Washington Bridge dominiert, die im Hintergrund nach Belieben stimmungsvoll beleuchtet werden kann (Licht: Hans-Joachim Köster). Ansonsten sieht man schlichte Fassaden, Usnavis Bodega und das Büro der Rosarios. Wer die Heights kennt, wartet vielleicht vergebens auf die typischen Nationalflaggen der heimatverbundenen Latinos, die die sonst so grauen Fenster und Wände des Viertels schmücken. Die Kostüme (ebenfalls Ulrike Reinhard) sind modern, bunt und fast immer passend. Nur bei dem sonst so schüchternen Usnavi, der sich doch deutlich stilbewusster kleidet, als man hätte erwarten dürfen, ist man wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen.

Fotograf: Klaus Lefebvre

Talent und Erfahrung auf einer Bühne

Den wiederum spielt Felix Freund mit viel Engagement, nur wirkt er bei der Premiere manchmal auch zu verkrampft, etwas mehr Lockerheit würde dem ansonsten sympathischen Protagonisten noch gut tun. Der erfahrene David B. Whitley ist gesanglich ohne jeden Zweifel erhaben, als Benny aber vielleicht zu alt besetzt. In den Rap-Parts hat der gebürtige US-Amerikaner hörbar Probleme, in der Spur zu bleiben und ist teilweise nur schwer zu verstehen. Man darf aber davon ausgehen, dass sich das alles mit der Zeit noch einspielen wird. Auf der Hagener Bühne schaffen es vor allem die talentierten Darstellerinnen, zu glänzen. Kara Kemeny (Nina) und Celena Pieper (Vanessa) hinterlassen beide einen starken Eindruck und liefern sowohl stimmlich als auch durch ihr Spiel eine ansprechende Performance ab. Gleiches gilt für Annina Hempel, die als Daniela stets die Lacher des Publikums sicher hat. Aber auch die weitere Cast, die größtenteils aus jungen Musicalstudenten und Absolventen der Hochschule Osnabrück besteht, ist gut aufgelegt. Alle haben sichtlich Spaß und verbreiten schnell gute Laune im Zuschauersaal, auch wenn die Anspannung bei den Nachwuchsdarstellern noch spürbar ist. Problemlos überzeugen können auch die erfahrenen Sänger aus dem Theaterensemble, die die „älteren“ Rollen übernehmen. Jonathan Agar gibt das Familienoberhaupt der Rosarios mit Hang zu unpopulären Entscheidungen, Carolina Walker seine Frau. Als Publikumsliebling entpuppt sich mal wieder die hochdekorierte Marylin Bennet, diesmal in der Rolle der resoluten Abuela Claudia. Schön zu sehen, wie also auch auf der Bühne zwei Generationen aufeinandertreffen.

Fotograf: Klaus Lefebvre

Am Ende eines unterhaltsamen Abends mit wunderbarer Musik und tollen Sängern honorierte das Publikum die Leistung der Akteure standesgemäß mit stehenden Ovationen. Auch wenn das Theater zur Premiere bereits gut gefüllt war, wünscht man dem Theater Hagen und den zahlreichen Darstellern noch viele Zuschauer, denn die hat dieses Musical verdient. „In den Heights von New York“ ist inhaltlich wie musikalisch ein besonderer Vertreter seines Genres, der Jung und Alt zugleich ansprechen kann. Die Inszenierung in Hagen ist vielleicht nicht perfekt, aber sie macht Lust auf mehr Musiktheater dieser Art. Und danken möchte man den Verantwortlichen ohnehin schon für den Mut, dieses für die deutsche Musicallandschaft ungewöhnliche Stück auf die Bühne zu bringen.

Also… ab ins Barrio!

Weitere Informationen und Tickets findet ihr hier.

„IN DEN HEIGHTS VON NEW YORK“ in Hagen

Broadway-Premiere: 09.03.2008 (Richard Rodgers Theatre)
Premiere Hagen: 16.09.2017 (Theater Hagen, Großes Haus)
Besuchte Vorstellung: 16.09.2017
Idee/Musik/Lyrics: Lin-Manuel Miranda
Buch: Quiara Alegría Hudes
Deutsche Übersetzung: Laura Friedrich Tejero
Musikalische Leitung: Steffen Müller-Gabriel
Regie: Sascha Wienhausen
Choreographie: Sean Stephens

Besetzung am 16.09.2017: Felix Freund (Usnavi), Kara Kemeny (Nina Rosario), Jonathan Agar (Kevin Rosario), Carolina Walker (Camila Rosario), David B. Whitley (Benny), Celena Pieper (Vanessa), Aniello Saggiomo (Sonny), Marylin Bennet (Abuela Claudia), Annina Hempel (Daniela), Marlene Jubelius (Carla), Lennart Christian (Graffiti Pete), Johan de Bruin (Piragüero), Sandro Brosi (Jose), Diana Guss (Arlin), Tobias Georg Biermann (Lewis), Torben Rose (Jeremy), dazu Chor des Theater Hagen, Ballet Hagen, philharmonisches Orchester Hagen und Gäste.

Beitragsbild: Fotograf: Klaus Lefebvre

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Dennis Traud

„„The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot.“ (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton“, „Dear Evan Hansen“, „Der Kleine Horrorladen“, „HAIR“
Lieblings-Komponist: Alan Menken, Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unglaublich große Bandbreite an Themen, Formen, Musikstilen. Nichts ist unmöglich oder zu ungewöhnlich.