Auch 2017 war KULTURPOEBEL.de wieder in Japan unterwegs, um die atemberaubende Takarazuka Revue auszuchecken. An beiden Showtagen war es stürmisch und regnerisch, doch genauso abenteuerlich ging es auf den Bühnen zu!

Schon im Vorfeld wurde „All For One ~d’Artagnan and the Sun King~“ sehr von den Fans gehypt, nicht nur, weil die Kostüme mit reichlich Jeansstoff interpretiert wurden. Und das völlig zurecht – es beeindruckten Bühnenausstattung und Kostüme, aber auch das Musikalische. So wurden nicht nur aus dem Nichts zwei Rapsongs präsentiert, sondern auch ein zuckersüßes Lied über Perücken, gesungen von  („Blond – brünett – Erdbeeeeere!“). Wie? Perücken?

Fangen wir von vorne an – die drei Musketiere beschützen den Sonnenkönig Louis XIV (Manaki Reika) und eines Tages wird beschlossen, dass Anführer d’Artagnan (Tamaki Ryou) den König das Fechten beibringen soll. Denn dieser tanzt viel zu gerne Ballett. Bei einem „Showkampf“ nimmt die leidenschaftliche Seite des Musketiers Überhand – er besiegt Louis und wird daraufhin verbannt. Daraufhin hängt er traurig in einer Taverne ab, bis das totale Chaos ausbricht und er ein hübsches, mysteriöses Mädchen kennenlernt …

Die Moon Troupe überzeugt auf ganzer Linie

Zur vorhin erwähnten Leidenschaft sei gesagt: es wird extrem viel geknutscht. Auch die anderen Musketiere wissen zu überzeugen mit ihren jeweils unterschiedlichen Charakterzügen (Miya Rurika alias Aramis ist zum Beispiel äußerst promiskuitiv). Besonders hervorzuheben sind die perfekte Soundqualität, nicht nur die der Effekte, sondern auch des Orchesters. Dennoch versucht jeder, nach der Show zügig nach Hause zu kommen – der Taifun „Ling“ ist in der Stadt.

Wir reisen weiter in die Kansairegion. Natürlich lassen wir uns dem Besuch im Takarazuka nicht durch erneut an diesem Tag auftretenden Regen verderben! Bahnverspätungen an diesem Tag führen dazu, dass während der Show immer wieder Nachzügler stark gebückt in den Saal gelassen werden. Sonst wäre eigentlich kein Platz leer geblieben – allerdings ist „The Cinema Rhapsody“ im Vergleich zum restlos ausverkauften „All for One“ im Vorverkauf durchaus noch verfügbar.

„The Cinema Rhapsody“, alternativ auch „Berlin, My Love“ genannt, ist ein Musical, das uns so wenige Tage nach der Bundestagswahl noch weniger kalt lässt, als sonst. Hier wird die wahre Geschichte der Produktionsfirma UFA kurz vor dem zweiten Weltkrieg mit fiktionalen Charakteren angereichert nacherzählt. Regieassistent Theo Wegmann (Kurenai Yuzuru), Fan des futuristischen Films „Metropolis“, zu dessen Screening am Anfang auch gegangen wird, bekommt die große Möglichkeit, einen Film zu drehen, und verliebt sich dabei auch noch in die unsichere Schauspielerin Jill Klein (Kisaki Airi). „The Cinema Rhapsody“ bedient sich dabei in der Inszenierung verschiedener Ebenen, um zum Beispiel Telefongespräche oder die Erinnerung Theos an die Entdeckung seiner Leidenschaft für Film zu verdeutlichen. Filmrollen hängen von der Decke und generell ist der Bühnenhintergrund ungewöhnlich düster, passend aber zur aufkeimenden Stimmung im Jahre 1933. Passend zum Thema des Stücks werden Filme eingespielt, unter anderem auch eine Szene des Films, den Theo mit Jill dreht.

Orts- und Zeitwechsel

Ein besonderes Highlight ist Rei Makoto, wie sie als Erich Kästner für dessen Lieselotte das Stück „Ich liebe dich“ schmettert. Doch die Freude der Filmschaffenden wird schnell getrübt, als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, inklusive Bücherverbrennungen – und dem durch Lena Riefenstahl (Otoha Minori) ausgeplauderten Geheimnis, dass Jill jüdisch ist … Die Möglichkeiten, wie diese Geschichte enden könnte, sind ja unglücklicherweise begrenzt – die Umsetzung des Schlusses ist jedoch, was Theater lebendig macht. Durch diesen Zauber vergisst man, dass eigentlich Drehbühnen und Bühnenelemente genutzt werden, um dies alles möglich zu machen, und ist völlig in der Geschichte.

Es folgt, wie auch schon letztes Jahr, als wir die Star Troupe sahen, nach der etwa halbstündigen Pause eine Revueshow, die ein ganz eigenes Thema hat und somit komplett anders aufgebaut ist als die üblichen sechs Lieder, die zum Beispiel „Elisabeth“ und „All for One“ nach dem Stück aufbereiten. Das Thema von „Boquet de Takarazuka“ ist zweiteilig: Blumen (so verliebt sich ein junger Mann bei einem Spaziergang in eine Blume und ausdruckstanzt mit ihr in einem Meer aus Blüten und Schmetterlingen) und Frankreich (bei so vielen Barets und dem Einsatz der Nationalfarben fragt man sich, wo eigentlich die Baguettes bleiben). Einen Bruch macht eine leidenschaftliche Paso-Doble-Szene, die eine Dreiecksgeschichte erzählt. Generell steht hier das Slapstickige im Vordergrund, angeheizt durch Parisklischees. Die Songs reichen von „Boogie Paris“ bis hin zu einer Interpretation von „Champs-Élysées“. Es ist gewöhnungsbedürftig, „Boquet de Takarzuka“ nach „The Cinema Rhapsody“ zu sehen, doch wie immer beim Takarazuka ist man so geflasht von den Tanz- und Gesangskünsten, dass man das Theater nur völlig glücklich verlassen kann.

„The Cinema Rhapsody“ läuft noch bis 6. November in Hyougo und von 24. November bis 24. Dezember in Tokio.

Uraufführung: 29.09.2017 (Takarazuka Grand Theater, Hyougo)
Besuchte Vorstellung: 02.10.2017 (Takarazuka Grand Theater, Hyougo)
Buch & Regie: Ryo Harada
Musikalische Leitung („Boquet de Takarazuka“): Sakai Sumio
Besetzung: Kurenai Yuzuru („Theo Wegmann“), Kisaki Airi („Jill Klein“), Rei Makoto („Erich Kästner“)

Tickets und Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Simone Bauer

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Simone Bauer

„She wanted Mary Poppins and I took her to King Lear“ – (The Wombats)

Lieblings-Musical(s): „Hairspray“, „Grease“, „Elisabeth“ (in der Takarazuka-Revue-Variante)
Lieblings-Komponist: Benny Andersson und Björn Ulvaeus
Lieblings-Texter: Nao Takagi (für ihre Rede in „Last Dracul Jokyoku“)
Musical-Fan seit: „Cats“ (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Wenn unzählige begabte TänzerInnen völlig synchron in atemberaubenden Kostümen eine beeindruckende Choreographie tanzen – da schlägt mein Joachim-Llambi-Herz höher!

  • Regina

    (Einzelne) Leere Plätze sind nicht unüblich, ebensowenig verspätete
    Zuschauer, die erst nach 30 oder 40 min in den Saal kommen – dies
    passiert häufig, auch ohne Taifunankündigung ^^

    Habe ebenfalls beide Stücke Ende September/Anfang Oktober gesehen (und auch das letzte Sailor Moon Musical), habe aber andere Eindrücke mitgenommen:

    All for One:
    Eine
    gelunge Story (nein, wird nicht verraten – würde zuviel vorweg
    nehmen!). Wurde im Vorfeld viel über die Besetzung vom weiblichen Top
    Star Manaki Reika als Sonnenkönig gemunkelt, so ergibt es storytechnisch
    Sinn, aber nicht nur das! Manaki überzeugt auch mit ihrer großartigen
    Leistung und sehr viel schauspielerischem und komödiantischem Talent –
    ebenso wie ihr männliches Pendant Tamaki Ryou. Sicherlich kam Manaki
    hier auch ihre frühere Zeit als Otokoyaku zugute. Natürlich liefert der
    restliche Cast ebenfalls eine tolle Leistung.
    Miya Rurika bringt als
    Aramis fast jedes Frauenherz zum Schmelzen und es ist eine wahre Freude
    ihr dabei zuzusehen. Für mich war sie auf der Bühne oft mehr im
    Vordergrund als Tamaki. Dies lag aber auch an der tollen und
    erwähnenswerten Leistung von Saou Kurama, die immer wieder (vergeblich)
    darum bemüht war, das Herz des Sonnenkönigs zu erobern. Trotz des
    Spaßes, schwingt bei ihrem Schauspiel auch Wehmut mit, denn Saou Kurama
    verlässt die Takarazuka Revue Anfang Februar 2018. So gönnt man ihr ihre
    Rolle im Stück aber noch mehr und hat doppelt Spaß ihr dabei zuzusehen!
    Geküsst wurde meiner Meinung nach nicht mehr als sonst in einem Takarazuka-Stück 😉

    Berlin, my Love/The Cinema Rhapsody
    Das
    Stück bedient sich einerseits an wahren sowie fiktiven Personen,
    andererseits natürlich auch an geschichtlichen Ereignissen, wenn auch
    nicht ganz korrekt (die immer größer werdende Macht der
    Nationalsozialisten über die Jahre wird z. B. in nur wenigen Minuten
    schauspielerisch demonstriert).
    Trotz der tollen Leistung und
    Darbietung der Star Troupe, konnte mich das Stück nicht für sich
    begeistern. Es gab einzelne schöne Szenen aber insgesamt waren es mir zu
    viele Nazi-Szenen und das Ende fand ich etwas abrupt (hatte mit einer
    dramatischen Verfolgungsszene gerechnet). Kurenai Yuzuru und Kisaki Airi
    spielen ihre Rollen glaubhaft und man schaut ihrer sich entwickelnden
    Beziehung gerne zu. Man fiebert mit Makoto Rei als Erich Kästner mit,
    wenn er seiner angebeteten Luiselotte einen Heiratsantrag macht (Im
    wahren Leben hatten sich beide zuvor in einer Redaktion kennengelernt,
    bevor sie beide für die Ufa arbeiteten. Sie waren zwar fast 40 Jahre
    zusammen, aber geheiratet haben sie nie und Luiselotte ist auch nicht
    die Mutter von Kästners Sohn. Er hatte während der gemeinsamen Zeit
    ebenfalls eine Beziehung mit Friedl Siebert, die auch die Mutter seines
    Sohnes wurde. Trotz allem liegen Luiselotte und Kästner gemeinsam in
    München begraben.).
    Ruumi Nagina hat mich mit ihrer starken und
    stimmgewaltigen Leistung umgehauen. Hatte sie für mich in den letzten
    Jahren doch vor allem stimmlich geschwächelt, so ist sie nun mehr denn
    je wieder da. Schön fand ich es auch Azusa Ichijo als Bösewicht auf der
    Bühne zu sehen (warum, dazu gleich mehr).
    Natürlich passt die Revue
    „Bouquet de Takarazuka“ thematisch überhaupt nicht zum vorherigen Stück.
    Hier hat mir im oberen Artikel die Information gefehlt, dass es sich
    dabei um eine Hommage an die gleichnamige Revue handelt, die bereits zum
    90. Geburtstag der Takarazuka Revue aufgeführt wurde. Hier war mein
    besonderes Highlight die gemeinsame Tanzeinlage von Mitsuki Tenju &
    Azusa Ichijo. Beide mag ich sehr gerne und sie sind seit vielen Jahren
    ein starkes und solides Team in der Star Troupe. Umso schöner war die
    gemeinsame Einlage der beiden in der Revue, da Azusa Ende diesen Jahres
    die Takarazuka Revue verlassen wird. Dementsprechend wurde die
    gemeinsame Tanzeinlage sowie Azusas Erscheinen am Ende der Vorstellung
    mit einem gebührenden und schallenden Applaus seitens der Zuschauer
    gewürdigt.

    Mein persönliches Fazit: Berlin wird nicht meine Liebe
    werden (*g*), dafür hat mir aber im April die Aufführung „The Scarlet
    Pimpernel“ von der Star Troupe umso mehr gefallen!