Die Tour des Disney-Musicals macht nach dem erfolgreichen Start im Berliner „Theater des Westens“ (Stephans Bericht findet ihr hier) nun wie bereits „Tanz der Vampire“ und „Sister Act“ Halt im Deutschen Theater in München. Nach einer langen persönlichen Vorgeschichte durfte ich das Musical endlich live sehen und bin immer noch begeistert, was bei Disney-Musicals eher selten der Fall ist.

Johan Persson ©Disney

Wer mich kennt, weiß, dass ich zwar ein großer Fan von Disney-Filmen bin, mit den Musical-Versionen jedoch äußerst selten etwas anfangen kann. Das einzige Mal, dass ich mich wirklich auf eine Bühnenversion gefreut habe, war „Aladdin“ am Broadway und selbst hier konnte trotz eines grandiosen James Monroe Iglehart in der Rolle des Dschinni der Begeisterungs-Funke, den so viele Fans immer wieder mit Disney-Musicals in Verbindung bringen, bei mir nicht überspringen. Bei „Aladdin“ ist mir damals zum ersten Mal auch aufgefallen, dass Disney-Musicals eine Art „Happy End to go“ liefern. Ich als Zuschauer bin noch total in der Handlung und dann plötzlich „Zack“- Bösewicht tot, Prinzessin erobert. Soll der Deckel gleich drauf, oder wollen sie noch ein wenig applaudieren? Und dann stehe ich da mit einem lauwarmen Happy End zum Mitnehmen, das ich so gar nicht wollte, aber da es ja sowieso irgendwie nur Mittel zum Zweck ist und ums Eck vom Theater im nächsten Abfalleimer landet, ist es auch nicht weiter schlimm. Ich will hier wirklich nicht die Kurzweiligkeit von Disney-Musicals niedermachen, aber für mich persönlich war das Thema „Disney auf der Bühne“ eigentlich schon abgeschlossen, bis plötzlich diese phänomenale Neu-Inszenierung von „Der Glöckner von Notre Dame“ ums Eck kam. Das Musical von Alan Menken und meinem All-Time-Favorite Stephen Schwartz ließ mich in aller Ruhe das Stück inklusive dramatischem Ende genießen, serviert in einer schönen großen Tasse und als Goodie gab es dann auch noch einen Haufen Kekse oben drauf, an denen ich wohl sinnbildlich die nächsten Tage immer noch zu knabbern haben werde.

Nun fristete sowohl der Film als auch die Musik von „Der Glöckner von Notre Dame“ im Gegensatz zu vielen anderen Klassikern aus dem Hause Disney bisher immer ein kleines Schattendasein im Videoregal. Im Nachhinein und im nüchternen Zustand des Erwachsenenseins betrachtet, war mir der Film als Kind einfach zu düster und wenn man den Stoff der Handlung mal genau betrachtet, sind einige Szenen für Disney-Verhältnisse schon sehr harter Stoff. Vor allem jene, in der der gutmütige Quasimodo von den Bewohnern Paris‘ zum Narrenkönig gekrönt, gefesselt und gequält wird, war für mich als Kind ein wenig zu viel. Nun nicht so viel, dass ich gleich einen Kinderpsychologen gebraucht hätte, schließlich haben wir auch alle den Tod Mufasas emotional irgendwie überlebt, aber genug, um die Videokassette im Regal verstauben zu lassen. Erst in den letzten Jahren habe ich eine wahre Vorliebe für diesen Film und insbesondere für die Musik entwickelt und daran ist wohl auch ein gewisser Drew Sarich nicht ganz unschuldig, der in der Uraufführung in Berlin im Jahr 1999 die Rolle des Glöckners Quasimodo übernahm.

Nun fiel mir also Jahre später die CD in die Hände und ich war gefangen von diesem kraftvollen Score, den ich als Kind nie so wirklich zu schätzen wusste. Richtig gepackt hat es mich jedoch, als ich die Aufnahmen zur Neu-Inszenierung hörte, welche im Jahr 2014 im La Jolla Playhouse in San Diego seine Uraufführung fand. Wie bereits die erste Uraufführung in Berlin, hat es auch diese Produktion nicht an den Broadway geschafft und drohte nach einem Transfer ans Papermill Playhouse in Milburn, New Jersey wieder in der Versenkung zu verschwinden, bis Stage Entertainment bekannt gab, dass sie das Stück „nach Hause“ – nach Berlin – holen würden, wo es vor einem halben Jahr Premiere im Theater des Westens feierte. Nachdem es äußerst lange her ist, dass ich einer Großproduktion von Stage Entertainment so entgegengefiebert habe, war ich in den letzten 6 Monaten sehr oft kurz davor, spontan nach Berlin zu fahren, aber das Warten hat sich gelohnt und nun konnte ich endlich den „Glöckner“ bei seinem zweiten Tour-Stop in München bewundern, bevor er dann am 07. Januar 2018 weiter nach Stuttgart zieht.

Mut zur Hässlichkeit

Die Neu-Inszenierung des „Glöckner von Notre Dame“ unterscheidet sich wesentlich zu all seinen Vorgängern, da er mit dem originalen Disney-Film aus dem Jahr 1996 nicht mehr viel gemeinsam hat. Disney-Musicals sind im Grunde immer ziemlich ähnlich zu ihren Filmvorlagen, die dann um ein paar Dialoge und ein paar neue Songs auf ein dreistündiges Live-Erlebnis ausgeweitet werden. Die Musical-Version des Glöckners bricht nun mit dieser Tradition. Natürlich gibt es den ein oder anderen zusätzlichen Song, jedoch hat man die nun zur Verfügung stehende Zeit genutzt, um die Charaktere und ihre Vorgeschichte zu überarbeiten und zu erweitern. Auch optisch geht das Stück mehr in die düstere Mittelalter-Richtung. Auf der Bühne thront ein rustikales Holzgestell, welches mal beeindruckend die Kathedrale von Notre Dame darstellt und mal durch das Herunterfahren verschiedener Glocken auf simpelste Weise in den Glockenturm Quasimodos verwandelt wird. Dank des stimmigen Gesamtkonzepts aus Bühnenbild, Kostümen und Lichtdesign empfand ich dieses Statement zur Schlichtheit viel überzeugender als die immensen Ausstattungen, die man sonst so von Disney gewohnt ist.

Johan Persson © Disney

Noch ein ganz großer Pluspunkt für diese Inszenierung ist der 24-köpfige Chor, der während der ganzen Vorstellung über auf den Bänken der Kathedralen-Kulisse in Mönchskutten platziert ist und das Ensemble bei vielen Songs stimmgewaltig unterstützt. Ich hätte mir fast gewünscht, dass man vielleicht noch ein wenig den Ton im Deutschen Theater hochgedreht hätte. Vor allem bei der Overtüre wurde ich nicht so in den Sitz gedrückt, wie ich es mir erhofft hatte, nichtsdestotrotz will ich den Effekt eines 24-köpfigen Chors nicht schmälern, denn es ist und bleibt ein einmaliges Erlebnis, die Musik von Alan Menken in so einem Ausmaß hören zu dürfen. Auch werde ich mich an Songs wie „Draußen“ oder „Das Feuer der Hölle“ wohl bis in alle Ewigkeiten nicht satt hören können. Die Deutsche Übersetzung stammt immer noch von Michael Kunze und wurde in der neuen Inszenierung leicht angepasst. Vor allem bei „Hilf den Verstoss’nen“ oder „Fern von der Welt“ fallen die textlichen Neuerungen im Vergleich zur Berliner Ur-Produktion äußerst positiv auf.

Johan Persson © Disney

Neben den vielen musikalischen Highlights bietet diese Inszenierung von Regisseur Scott Schwartz zudem äußerst starke Dialog-Szenen, womit Disney bei mir eigentlich selten punkten konnte. Eines meiner persönlichen Highlights war völlig unerwartet „Fern von der Welt“. Diese Szene, in der die hübsche Esmeralda zusammen mit dem geistig zurückgebliebenen Quasimodo über den Dächer von Paris sitzt, trägt so viel zwischenmenschliche Liebe in sich, dass es mir richtig nahe gegangen ist. In diesem Stück werden zudem so viele gesellschaftsrelevante und leider höchstaktuelle Themen angesprochen, insbesondere die Abscheu vor Menschen, die anders sind – sei es nun die heimatlosen Zigeuner oder der missgestaltete Quasimodo. Auch das Ende hat mich wie bereits erwähnt richtig unerwartet getroffen. Ohne zu viel verraten zu wollen, kann ich sagen, dass mich selten eine Schlussszene eines Disney-Musicals so abgeholt hat, wie jene in dieser Inszenierung. Das Ende ist so weit wie nur irgendwie möglich von einem Happy End entfernt und doch hat es die gesamte Cast und insbesondere David Jakobs als Quasimodo geschafft, mich doch irgendwie glücklich nach Hause zu schicken.

Große Fußstapfen

Seit bekannt wurde, dass „Der Glöckner von Notre Dame“ nach Berlin zurückkehrt, hatte ich immer wieder De-ja-Vu-Erlebnisse zu der Zeit, als „Wicked“ vor seiner deutschsprachigen Premiere stand. Zum ersten Mal hatte ich wieder das Gefühl, dass hier wieder etwas mit viel Liebe zum Detail entsteht. Natürlich mag das unter anderem auch daran liegen, dass mich lange kein Produktionsprozess von Stage Entertainment mehr so interessiert hat. Absolut unbestreitbar ist jedoch, dass vor allem die Besetzung absolut gelungen ist. Allen voran glänzt David Jakobs regelrecht in der Rolle des Glöckners Quasimodo. In der neuen Inszenierung tritt er in die großen Fußstapfen von Drew Sarich, was für viele Fans sicher nicht unbedeutend ist. David Jakobs mausert sich nun schon seit ein paar Jahren zu einem meiner neuen Lieblingsdarsteller und daher war ich mir bei ihm schon im Vorfeld sicher, dass die Rolle bei ihm in guten Händen ist. Vor allem seine Soli, beispielsweise „Draussen“ oder „Wie aus Stein“, waren phänomenal gesungen und gespielt und ich bin tief beeindruckt, was das Kreativteam aus der Rolle des Quasimodos gemacht hat. War der Glöckner im Film nur buckelig und entstellt, ist er im Musical auch geistig zurückgeblieben und aufgrund des jahrelangen Glockengeläuts taub. Vor allem körperlich ist es ein wahrer Kraftakt, ständig in gekrümmter Haltung über die Bühne zu hinken. Auch die Tatsache, dass der Glöckner des Öfteren Zeichensprache verwendet, wenn er mit seinen Mitmenschen kommuniziert ist ein grandioser Einfall. Quasimodo ist eine Art liebenswertes Kind und es bricht einem regelrecht das Herz, wenn er immer wieder von der Welt da draußen, der er so gerne angehören möchte, enttäuscht wird.

Auch die Rolle des Claude Frollo wurde komplett überarbeitet bzw. wieder näher an die Romanvorlage von Victor Hugo angepasst. Er ist nun der Erzdiakon von Notre Dame und bekommt zudem eine ganz neue Vorgeschichte, welche der Rolle viel mehr Facetten gibt und auch dessen Beweggründe für seine Handlungen wie der Jagd nach Esmeralda oder seine Beziehung zu seinem Ziehsohn Quasimodo erklärt. Vor allem „Das Feuer der Hölle“ war der Showstopper der Show und brachte Felix Martin als Herr von Notre Dame zu Recht den größten Szenenapplaus des Abends ein.

Sarah Bowden als Esmeralda und Maximilian Mann als Phoebus harmonierten fantastisch zusammen auf der Bühne. Die beiden waren für mich neben Quasimodo die absoluten Sympathieträger. Während Maximilian Mann als Kriegsheimkehrer und neuer Hauptmann von Paris als einer der wenigen eingreifen will, als der Mob Quasimodo quält, lieferte Sarah Bowden mit ihrer liebevollen Art Quasimodo gegenüber ein tänzerisches und gesangliches Highlight nach dem anderen.

Auch das restliche Ensemble ist mit einer immensen Spielfreude bei der Sache und es sitzt einfach jeder Ton und jede Bewegung. Auch hier kann ich einfach meine Parallelen zu „Wicked“ nicht verheimlichen, weil ich einfach das Gefühl hatte, dass keiner der Darsteller im Ensemble untergegangen ist, sondern ich auf jeden Darsteller ein besonderes Augenmerk legen konnte. Außerdem ist das Ensemble nicht allzu groß und doch habe ich keine einziges Mal jemanden auf der Bühne vermisst, so schnell wechseln die einzelnen Castmitglieder von Steinfigur zu Dorfbewohner bis hin zu Zigeuner. Auch die Erzählweise des Musicals verhindert, dass die Darsteller in der groben Masse untergehen. Jedes Mitglied hat eine Art Erzählerfunktion, wobei es auch sehr oft vorkommt, dass die Personen in der dritten Person von sich selbst reden. Es entsteht ein Stück im Stück – ein toller Regieeinfall, ein stimmiges Konzept.

Es ist einfach unfassbar, wie viel Potenzial aus diesem musikalischen Meisterwerk noch geschöpft wurde. „Der Glöckner von Notre Dame“ ist sicherlich kein Musical, das man als leichte Kost bezeichnen sollte, jedoch muss ein Musical für mich genauso sein: Voller Botschaften und Szenen, die ich eben nicht einfach wegwerfe, sobald ich das Theater verlassen habe, sondern die mir so viel zum Grübeln mitgeben, dass ich Tage später immer noch damit beschäftigt bin, das Gesehene aufzuarbeiten. Hier hat Stage Entertainment für mich das Highlight des Jahres geliefert und ich bete inständig, dass es nicht wieder 10 Jahre dauert, bis wieder etwas Ähnliches seinen Weg auf die deutsche Musical-Bühne findet.

„Der Glöckner von Notre Dame“ – München

Uraufführung der Neu-Inszenierung: 28.10.2014 (La Jolla Playhouse, San Diego)
Besuchte Vorstellung: 12.11.2017 (Deutsches Theater, München)
Buch: Peter Parnell
Musik: Alan Menken
Gesangstexte: Stephen Schwartz
Übersetzung: Michael Kunze
Regie: Scott Schwartz
Musikalische Leitung: Bernhard Volk
Choreographie: Chase Brock
Bühnenbild: Alexander Dodge
Kostüme: Alejo Vietti
Lichtdesign: Howell Binkley
Besetzung: David Jakobs (Quasimodo), Felix Martin (Erzdiakon Claude Frollo), Sarah Bowden (Esmeralda), Maximilian Mann (Hauptmann Phoebus de Martin), Jens Janke (Clopin Trouillefou)

Beitragsbild: Johan Persson © Disney

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Nadine Jobst

„What if life were more like theatre? Wouldn’t that be grand?“ – (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart… Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.