Das Musical „Heathers“ landetet im Ranking unseres Autors Niklas auf Platz eins der „10 coolsten High-School-Musicals (die nicht „High School Musical“ sind)“. Das Musical, basierend auf dem Film von Daniel Waters, stammt von Laurence O’Keefe und Kevin Murphy und hatte 2014 seine Off-Broadway Premiere.
Am 18. Oktober 2017 wurde „Heathers“ (in englischer Sprache) im Experimentiertheater des Instituts für Theater- und Medienwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen zum ersten Mal auf einer deutschen Bühne gezeigt. Grund genug, das Off-Broadway-Schmuckstück und die spannende Inszenierung der Studentin Maria Floiger näher zu untersuchen. Unser Musical des Monats November!

Beim Öffnen der Eingangstür zu den „Philosophen-Türmen“ der Universität in Erlangen schlägt dem Besucher direkt der Duft von laufenden Kopierern, abgestandem Kaffee und rauchenden Köpfen entgegen. Plakate zieren die grauen Wände, die Flyer auf den Tischen weisen auf bereits vergangene Veranstaltungen hin und die zahlreichen Sticker sowie Schmierereien auf den Toiletten sind Zeugnisse von Studenten-Generationen, die hier ein und aus gingen. Und bereits bevor man den eigentlichen Theatersaal, das sogenannte Experimentiertheater, betritt, weiß man, dass man sich am richtigen Ort für das Musical „Heathers“ befindet.

© Hans von Draminski

Die High School-Überraschungstorte mit dem alles entscheidenden Sahnehäubchen

„Heathers“ erzählt die Geschichte von Veronica Sawyer, die mit ihrer Fähigkeit, jede Handschrift fälschen zu können, ihrem letzten Jahr an der Westerburgh High entgegen sieht. Sie beginnt eine Freundschaft zu den Heathers – drei Mädchen, die alle den Vornamen Heather tragen. Die Heathers, die als vorherrschende und einflussreichste Clique der Schule gelten und den ganzen Tag damit beschäftigt sind, den Unterricht zu schwänzen, andere Schüler zu mobben und populär zu sein, merken schnell, wie sie Veronicas Fähigkeiten nutzen können.
Veronica ist zwischen ihren alten Freunden und den Heathers hin- und hergerissen. Doch als sich zu wiederholtem Male bestätigt, welch niveaulose Biester die drei Mädchen sind, möchte auch Veronica ihre elitäre Stellung als Verbündete der Heathers aufgeben, um dem angriffslustigen Treiben auf dem Schulhof Einhalt zu gebieten. Gelegen kommt ihr da die Freundschaft zu dem neuen Schüler J.D., der mit seinen grotesken Ideen tatsächlich zum Ableben einiger Mitschüler beiträgt.

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Was anfangs als typische High-School-Comedy beginnt, in der Krieg auf dem Schulhof herrscht, die beliebten Schüler die Außenseiter mobben und sich Cheerleader in Football-Spieler verlieben, bekommt durch seinen schwarzen Humor eine ganz neue Richtung. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Mobbing und das Thema, seinen Platz in der Welt zu finden. Suizid, Mord und Homophobie sind Themen, mit denen sich Schüler, Lehrer und Eltern nun beschäftigen müssen. Trotzdem verliert das Stück dadurch niemals seinen Witz und spannt somit einen Bogen zwischen der Verhandlung von ernsten Themen und augenzwinkerndem Erzählen.

Vom Kult-Film zur Off-Broadway-Produktion

„Heathers“ basiert auf dem gleichnamigen Film von Drehbuchautor Daniel Waters und Regisseur Michael Lehmann, der 1989 mit Winona Ryder in der Hauptrolle in die Kinos kam. 2009 wurde die Nachricht verbreitet, dass der Stoff als Musical adaptiert würde. Zum Kreativteam gehörte der Regisseur Andy Fickman, der bereits bei der Musical-Version von „Reefer Madness“ (dt. „Kifferwahn“) Regie führte. Für Buch, Musik und Lyrics waren Komponist Laurence O’Keefe, der unter anderem auch die Musik für das Musical „Legally Blonde“ (dt. „Natürlich Blond“) schrieb sowie Autor Kevin Murphy, der ebenfalls an der Produktion von „Reefer Madness“ beteiligt war, verantwortlich.

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Nach den ersten konzertanten Aufführung in New York City 2010 fand die Uraufführung des Musical daraufhin am 21. September 2013 im Hudson Backstage Theatre in Los Angeles statt. Nach diesem Try-Out in Los Angeles feierte „Heathers“ am 31. März 2014 seine Off-Broadway Premiere im New World Stages Komplex. Während seiner Laufzeit in New York, die bis August 2014 ging, entstand ein Cast-Album zur Original Off-Broadway-Produktion. In den folgenden Jahren wurde „Heathers“ in mehreren Städten in Australien sowie als Workshop in London gezeigt.

Wenn „Heathers“ auf eine junge Laien-Gruppe trifft

Maria Floiger, Initiatorin und Studentin der Theater- und Medienwissenschaft an der Universität Erlangen, inszenierte „Heathers“ im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit. In dieser thematisiert sie den Begriff des Laien und nimmt Stellung zu einer These des Theaterwissenschaftlers Jens Roselt.

„Jens Roselt sagt, dass der Laie dem Publikum so gut gefiele, weil sein Talent so ungeformt sei. Allerdings habe ich da eine andere Erfahrungen gemacht. Wo beginnt dieser Begriff und wo hört er auf? Was ist der Laie im Musical? Das sind Fragen, mit denen ich mich in meiner Bachelor-Arbeit beschäftige.“ – Maria Floiger

Für die Produktion versammelte sie eine Cast, der die Musical-Welt nicht ganz unbekannt ist. Mit allen Beteiligten hat Maria Floiger bereits in verschiedenen Amateur-Musical-Gruppen in der Metropolregion Nürnberg zusammengearbeitet. Für ihr Vorhaben hat sie einen Verein gegründet und „Heathers“ ist die erste Produktion dieser neugegründeten Gruppe. Floiger beweist ihr Gespür für die richtige Personalauswahl, denn jede Rolle ist perfekt besetzt. Die Darsteller – obwohl Laien – singen, tanzen und spielen auf vergleichsweise hohem Niveau und hauchen dadurch ihren Charakteren Authentizität ein.

Gespielt wurde die Produktion im Experimentiertheater des Instituts für Theater- und Medienwissenschaft. Dieses Theater wird für Projekte von Studierenden sowie für praktische Seminare des Instituts genutzt. Mit umfangreicher Licht- und Tontechnik bietet es die nötige Infrastruktur für so eine Aufführung. Wie anfangs erwähnt, machte die Location den besonderen Charme der Inszenierung in Erlangen aus. Obwohl natürlich eine High School etwas anderes ist als eine Universität, ist es doch diese Lern-Atmosphäre, die den Zuschauer sogleich umgibt.

© Hans von Draminski

Auch die Amateurgruppe lässt direkt ein Gefühl von den guten alten Schulaufführungen entstehen, doch anders als bei diesen Aufführungen passt „Heathers“ perfekt ins Bild. Denn es geht ja schließlich um junge Menschen, die mit alltäglichen oder eben auch nicht alltäglichen Problemen umgehen müssen und überwiegend von jungen Talenten dargestellt werden. Wenige Requisiten reichen aus, die mit Liebe zum Detail ihre Funktion vollends erfüllen und die Illusion entstehen lassen. Hinzu kommt natürlich das großartige Ensemble, das den Zuschauer in die authentische Szenerie, egal ob Schulhof oder Hausparty, versetzt.

Mitreißende Inszenierung und abwechslungsreiche Klänge

© Hans von Draminski

Die Regie von Maria Floiger tut ihr Übriges und nimmt den Zuschauer auf eine durchweg interessante Reise mit. Gespannt hängt der Zuschauer an den Lippen der Darsteller, durchlebt mit ihnen alle Gefühlslagen. Speziell in dieser Reise liegen die Stärken von Floigers Inszenierung. Zu Beginn fühlt man sich sicher, die typische High-School-Geschichte und das Prinzip unschuldiges Mädchen trifft auf geheimnisvollen Jungen ist ja auch hinreichend bekannt. Auf die Normalität folgen groteske Mordszenen und spätestens nach der dritten Leiche ist sich der Zuschauer vollends bewusst, dass es hier neben dem ganzen Witz auch ernst zur Sache geht. Speziell die Szenen, die auf den Höhepunkt zusteuern, bekommen ihre Eindringlichkeit, weil plötzlich Figuren die Bühne betreten, die dort realistisch gesehen gar nicht hingehören. Schwarz gekleidete Tänzer geben zusätzliche dramatische Impulse, wenn eine Schülerin über ihren geplanten Suizid philosophiert. Umso mitreißender ist der Höhepunkt, in dem sich die gebündelte Energie entlädt und ein versöhnliches wie auch heiteres Ende herbeigeführt wird. Floiger schafft es, diesen Bogen zwischen Ernsthaftigkeit und Humor zu spannen, ohne dass eines der beiden absurd neben dem anderen stehen würde.

© Hans von Draminski

Die Band – bestehend aus Keyboard, Saxophon, Trompete, Gitarre, Bass und Schlagzeug, unter der Leitung von Moritz Fischer – spielt sowohl rockig als auch gefühlvoll auf. Die Musik von „Heathers“ ist facettenreich, deckt balladenhaftes Solo, rührseliges Duett, sowie schmissige Rocknummern und fetzige Choreinlagen gleichermaßen ab. Vordergründig kann man „Heathers“ als Rock-Musical bezeichnen, schlummert doch unter jedem Songs das Verlangen, einen großartigen Rockmoment zu gestalten. Ob dieser durch dramatische Klänge oder offensichtliche Rock-Sounds zum Tragen kommt, ist egal, da der gesamte Score in stimmiger Art und Weise die Handlung unterstützt und für außergewöhnliche Unterhaltung sorgt.

„Heathers“ ist ein Musical, das den Spagat zwischen Comedy und Dramatik schafft, diese beiden Elemente geschickt miteinander verwebt und mit großartigen musikalischen Einlagen auf allen Ebenen punkten kann. Außerdem hat die Aufführung in Erlangen bewiesen, dass auch Laiengruppen durchaus ernstzunehmende Inszenierungen schaffen, die von Spielfreude und künstlerischen Ambitionen nur so strotzen.
Und allen voran dieses einmalige Musical nach Deutschland gebracht haben. Dies zeigt die Begeisterung von Amateuren an dieser Musiktheaterform und den aufflammenden Hilfeschrei der Freunde des Musical-Genres nach vielfältigen Angeboten und spektakulären Stoffen.

„Heathers“ – Das Musical in Erlangen

Uraufführung: 21.09.2013, Hudson Backstage Theatre (Los Angeles)
Off-Broadway Premiere: 31.03.2014, New World Stages (New York City)
Besuchte Vorstellung: 18.10.2017
Buch, Musik, Lyrics: Laurence O’Keefe und Kevin Murphy
Regie: Maria Floiger
Musikalische Leitung: Moritz Fischer
Regieassistenz: Alina Baader
Maske/Kostüme: Angela Böhland, Viena Schall
Dramaturgie: Carolin Wangemann

Besetzung: Sabrina Rammler (Veronica Sawyer), Philip Engelmann (J.D.), Andrea Bär (Heather Chandler), Nathalie Meyer (Heather Duke), Carina Krämer (Heather Mc Namara), Jasmin Ernst (Martha Dunnstock), Maximilian Rühl (Kurt Kelly/Officer Milner), Alexander Krüger (Ram Sweeney/Officer McCord), Nadja Marquardt (Mrs. Flemming), Nicole Dillinger (Mrs. Sawyer), Simon Scharf (Principal Gowan/Ram’s Dad/Mr. Sawyer), Tobias Engelmann (Kurt’s Dad), Marius Müller (Big Bud Dean)
Ensemble: Christine Unger, Anna Auer, Gabriela Rufino, Kate Lucas, Alexander Drummer

Beitragsbild: © Hans von Draminski

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Agnes Wiener

„The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot.“ – (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre – ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.