Am 26.10.2017 fand die Premiere der neuen Tour-Produktion von „Dirty Dancing“ vor einem leidenschaftlichen Publikum in Köln statt. Für die Zuschauer stellt sich vor allem die Frage, ob es dem Kreativteam und den Produzenten gelungen ist, die Liebesgeschichte von Johnny und Baby von der Filmleinwand auf die Bühne zu transformieren und dabei den Charakter des Films zu erhalten.

© Jens Hauer

Der Autorin Eleanor Bergstein ist bei dem Vorhaben, den Filmklassiker auf die Bühne zu bringen, neuerdings vor allem eines wichtig: Sie möchte nicht den Film 1:1 auf die Bühne übertragen. Vielmehr soll mit dieser Neu-Inszenierung, die bereits 2014 in Berlin ihre deutsche Erstaufführung und nun in Köln ihre Wiederaufnahme feierte, dafür gesorgt werden, dass ein neues Publikum angesprochen wird und auch die klassischen Kinogänger ihren Weg ins Theater finden.

Die Stimmung im Publikum war freudig gespannt und man konnte deutlich spüren, dass sich alle auf die bevorstehende Aufführung freuten. Schon im Foyer wurde man mit passender Musik aus den 1950er/1960er Jahren auf den Theaterabend eingestimmt. Und dann begann die Show: „Es war im Sommer ’63. Alle nannten mich Baby und irgendwie hat mir das gefallen.“ Mit einer wundervollen Licht- und Bildprojektion wurden verschiedene Bilder auf eine durchsichtige Leinwand geworfen. Dahinter waren Tänzer und die Lead-Sängerin Tertia Botha zu sehen, die den Song „This Magic Moment“ zum Besten gab. Danach hob sich die Leinwand und die Ferienanlage der Kellermans kam zum Vorschein. Das Bühnenbild ist zwar relativ simpel gehalten – das Haupthaus des Ferienanwesens, die Angestelltenunterkunft und der Bungalow der Hausmanns sind die dominierenden Elemente – lässt sich aber durch Drehkonstruktionen schnell an die verschiedenen Szenen anpassen.

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„Ich habe eine Melone getragen“

Sobald ein bekannter Stoff in ein anderes Medium adaptiert wird, sei es nun vom beliebten „Harry Potter“-Roman zum Film oder vom Kultfilm zum Musical, hat das Publikum gewisse Erwartungen an eine Produktion. Bestimmte Szenen oder auch Zitate sind aus dem Film bekannt und dürfen natürlich nicht fehlen. Die zwei berühmtesten Sätze des Filmklassikers sind wohl „Ich habe eine Melone getragen“ und „Mein Baby gehört zu mir, ist das klar?“. Das Publikum reagierte beide Male freudig johlend darauf. Erwartungen erfüllt!

Der Fokus auf dieser Inszenierung liegt eindeutig und wie nicht anders zu erwarten auf dem Tanz. Gillian Bruce lässt in seinen Choreographien viele Elemente und Schrittfolgen aus dem Film einfließen. Die Einspielung des Original-Soundtracks und eben diese Chorographien lassen einen vergessen, dass man sich im Theater oder im Jahr 2017 befindet.

© Jens Hauer

Um eben nicht nur ein bloßes Duplikat des Films zu erzeugen, hat Bergstein mehrere Szenen hinzugefügt, die die Beziehung von Johnny und Baby noch vertiefen. Anna-Louise Weihrauch verkörpert sehr authentisch die Figur der Francis „Baby“ Hausmann. Ihre Artikulation und Sprachmelodie erinnern sehr an die deutsche Synchronstimme des Filmklassikers. Auch die Entwicklung der Figur von dem schüchternen, leicht naiven Mädchen zu der selbstsicheren jungen Frau gelingt Weihrauch mühelos.

Máté Gyenei gibt ebenfalls eine überzeugende Darbietung des Johnny Castle. Durch seine langjährige Erfahrung in lateinamerikanischen und klassischen Gesellschaftstanz wirken seine Bewegungen mühelos und er gibt auf der Bühne einen sicheren Tanzpartner. Perfekt also für die Rolle des Johnny, der als Charakter anfangs zwar etwas arrogant wirkt, man aber als Zuschauer schnell feststellt, dass hinter der harten Schale auch ein weicher Kern steckt. Diese vielseitigen Charakterzüge der Rolle spielt Gyenei glaubhaft und ihm gelingt es so, die Sympathie der Zuschauer schnell auf seine Seite zu ziehen.

Marie-Luisa Kaster ist Penny Johnson. Von der ersten Tanzszene mit Gyenei beeindruckte sie mich sehr durch ihr tänzerisches Können und es gelang mir nicht, die Augen von ihr abzuwenden. Doch auch darstellerisch begeisterte Kaster. Jedes Mal, wenn ich „Dirty Dancing“ als Film gesehen habe, war mir die Rolle der Penny anfangs unsympathisch und erst im Laufe der Handlung erlebte ich als Zuschauer den „Aha“-Moment, dass diese Figur ganz anders ist, als man zunächst den Eindruck hat. Diese innerliche Überraschung erzeugte Kaster bei mir auch während der Vorstellung. Brava!

© Jens Hauer

Als Neil Kellerman verkörpert Benjamin A. Merkl eine der unsympathischsten Figuren des Musicals. Dies aber sehr überzeugend. Neil Kellerman, der Neffe des Besitzers der Pension „Kellerman’s“, Max Kellerman (gespielt von Fritz Hille), versucht mit allen Mitteln Eindruck auf Baby zu machen. Seine eingeschränkte Sicht auf die Welt und die Politik verhindert allerdings den Erfolg bei der jungen weltoffenen Frau. Die Figur ist gleichzeitig unsympathisch als auch komisch, was Merkl auf der Bühne gekonnt darstellt.

Als Gegenpart zu Neil Kellerman steht für mich die Figur des Billy Kostecki (gespielt von Konstantin Zander), der sich schon gleich bei der Ankunft der Housemans mit Baby anfreundet und ihr letztendlich seinen Cousin Johnny vorstellt. Zander ist nicht nur überzeugend in seiner Rolle als der liebenswerte junge Mann, der das Mädchen, das ihm gefällt, an seinen Cousin verliert, sondern glänzt auch als Lead-Sänger. Seine warme Stimme harmoniert wunderbar mit der kraftvollen Stimme der Lead-Sängerin Tertia Botha. Gemeinsam geben die beiden Darsteller der Show das sängerische Fundament und führen mit der Darbietung der Klassiker des Films durch den Abend.

Auch das restliche Ensemble konnte sowohl tänzerisch als auch darstellerisch überzeugen. Gemeinsam brachten sie den Flair des Films auf die Bühne und sorgten für eine mitreißende Performance.

Belohnt wurde das gesamte Ensemble und das Kreativteam mit tosendem Applaus und stehenden Ovationen und wurde später auf der Premierenfeier mit Konfetti-Regen gefeiert.

Ein schöner Abschluss für einen unterhaltsamen Abend und ein guter Beginn für die Deutschland-Tour!

Mehr Informationen und Tickets findet ihr hier.

Dirty Dancing – Das Original live on Tour

Weltpremiere: 18. November 2004 (Theatre Royal, Sydney)
Deutschlandpremiere: 26. März 2006 (Neue Flora, Hamburg)

Besuchte Vorstellung: 26. Oktober 2017 (Musical Dome, Köln)
Buch: Eleanor Bergstein
Musikalische Leitung: Heribert Feckler

Regie: Alex Balga

Choreographie: Gilian Bruce
Bühnenbild: Roberto Comotti
Kostüm: Jennifer Irwin

Besetzung: Anna-Louise Weihrauch (Frances „Baby“ Houseman), Máté Gyenei (Johnny Castle), Marie-Luisa Kaster (Penny Johnson), Tertia Botha (Elizabeth/Lead Sängerin), Martin Sommerlatte (Dr. Jake Houseman), Tanja Kleine (Marjorie Houseman), Natalya Bogdanis (Lisa Houseman), Konstantin Zander (Billy Kostecki), Fritz Hille (Max Kellerman), Benjamin A. Merkl (Neil Kellerman), Dennis LeGree (Tito Suarez), Harrie Poels (Mr. Schumacher), Lauren Mayer (Vivian Pressman), Luciano Mercoli (Robbie), Wolfgang Schwinger (Moe Pressman), Pieter de Groot (Jordan)

Beitragsbild: © Jens Hauer

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Brigitte Schumacher

„A film, a piece of theatre, a piece of music, or a book can make a difference. It can change the world.“ – (Alan Rickman)

Lieblings-Musical(s): „Elisabeth“, „Grease“, „Hamilton“, „Miss Saigon“, „Phantom der Oper“, „Rent“ und „West Side Story“
Lieblings-Komponist:Leonard Bernstein, Andrew Lloyd Webber, Lin-Manuel Miranda und Sylvester Leavy
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda und Jonathan Larson
Musical-Fan seit: Ich in meinem Kinder-und Jugendchor mit ca. 10 Jahren Medleys von „Grease“ und den Andrew Lloyd Webber Musicals gesungen habe.
An Musicals fasziniert mich: Neben der Verbindung unterschiedlicher Arten der darstellenden Künste in einem Genre, finde ich die Entwicklung des Musicals von seinen Ursprüngen bis heute spannend. Anders als im klassischen Musiktheater, kann hier passend zum Plot eines Werkes zeitgenössische Musik verwendet werden. Dadurch können ganz bestimme Emotionen, Assoziationen und Verknüpfungen zwischen einem Stück und seinem Publikum hergestellt werden.