Unter dem Titel „Superstars des Musical – Hollywood Dreams“ waren diesen Herbst Alexander Klaws, Pia Douwes, Andreas Bieber, Mark Seibert und Sabrina Weckerlin in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tournee.

In der von Semmel Concerts und Sound of Music produzierten Konzertreihe präsentierte die Gruppe weltbekannte Filmhits, die sich von der ikonischen MGM-Fanfare aus den Anfangszeiten des Kinos über die Kult-Soundtracks der 80er bis ins 21. Jahrhundert erstreckten. (Aber vor allem über die Kult-Soundtracks der 80er.)

© Conny Wenk, Simone Leonhartsberger, Karim-Khawatmi, Felicitas Matern, Janine Kuehn

Zelluloid-Träume in Starbesetzung

Musical-Konzerte stehen beim deutschen Publikum nach wie vor hoch im Kurs. Jedes Jahr pilgern die Fans aufs Neue zur Pfingstgala nach Tecklenburg oder feiern die Sommernacht des Musicals in Dinslaken. Hin und wieder schickt die Stage „Best of Musical“ durch die Lande und auch sonst kann man sich sicherlich nicht über einen Mangel an Compilation-Shows und Greatest-Hits-Tourneen beschweren. Confession time: Obwohl ich häufig ins Theater gehe, war ich noch nie in meinem Leben auf einem dieser Konzerte. Irgendwas an dem Konzept der „Hollywood Dreams“ fand ich aber so reizvoll, dass ich mich Anfang Oktober in der Frankfurter Alten Oper auf die musikalische Zeitreise durch die Filmgeschichte begab.

Zum einen bin ich ein großer Cineast und verliere mich gerne mal stundenlang in Film-Trivia, obwohl ich nur eben kurz in der IMDb nachschauen wollte, wie nochmal der eine Schauspieler hieß. Wenn ich nicht gerade im Theater sitze, bin ich sehr wahrscheinlich in einem Filmwissenschaftsseminar in der Goethe-Uni anzutreffen. Zum anderen steht Sound of Music Concerts für höchstprofessionelle Veranstaltungen und man weiß einfach, dass man einen qualitativ hochwertigen Abend geboten bekommt. Darüber hinaus hat man nicht häufig die Gelegenheit, eine so profilierte Darstellerriege gemeinsam auf einer Bühne zu sehen.

© Robert Freiberger

Die Veranstaltung wirbt mit den „Superstars des Musical“ – und wenn man bei irgendjemandem in der deutschsprachigen Musicalszene von Superstars sprechen kann, dann sind es sicher diese fünf Künstler. Nicht nur sind Alexander Klaws, Pia Douwes, Andreas Bieber, Mark Seibert und Sabrina Weckerlin allesamt brillante Vokalisten und holen aus der Musik das Maximum heraus, auch wissen sie ein Live-Publikum bestens zu unterhalten.

Die verschiedenen Liederblöcke wurden von charmanten und angenehm ungezwungenen Zwischenmoderationen der Künstler verbunden. Neben einigen Outfit-Wechseln im Laufe des Abends (Styling & Make-up: Lars Hertrampf & Elke Quirmbach) sorgte auch das stimmungsvolle Lichtdesign von Matthias Vierjahn dafür, dass das Konzert auf einem höchst professionellen Niveau über die Bühne ging. Dazu trug außerdem die fünfköpfige Band unter der musikalischen Leitung von Mario Stork bei.

Sicherlich hängt dies auch mit dem Umstand zusammen, jeden Abend in einer anderen Location zu spielen, aber leider stieß der in ruhigen Nummern und Balladen eigentlich sehr schöne Sound in Gruppennummern an seine Grenzen, weshalb bei mir oft nur noch ein unausgeglichener Klangbrei ankam. Nicht nur aus diesem Grund werden die Alte Oper und ich in diesem Leben wahrscheinlich keine Freunde mehr. Dabei schlägt mein Herz eigentlich jedes Mal höher, wenn ich über den Vorplatz an der wunderschönen Fassade vorbeischlendere oder einen Blick in das abwechslungsreiche Programm werfe. Aber jedes Mal, wenn ich im Saal sitze, weiß ich wieder, warum ich so einen großen Bogen um Veranstaltungen in der Spielstätte mache.

Frankfurt, heut Abend gehts rund! #hollywooddreamstour #alteoperfrankfurt

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Der Zuschauerraum dehnt sich extrem weit nach hinten aus, was für klassische Konzerte vielleicht funktionieren mag. Bei Veranstaltungen dieser Art fühle ich mich in dem Saal allerdings sehr unwohl. Die Presseplätze waren an dem Abend sehr weit hinten platziert, mit der vorderen Ranghälfte, dem Balkon, der Bühnenempore und dem Parkett zwischen mir und der Bühne. Bei solchen Dimensionen hat man das Gefühl, irgendwo in Bockenheim zu sitzen und nicht mehr im Opernviertel. Ich fühlte mich dadurch leider ziemlich distanziert von dem Bühnengeschehen und der Funke konnte nur schwer überspringen. Das Parkett schien gut gefüllt zu sein und das Publikum dort war super drauf, aber leider war ich so weit oben umgeben von leeren Stuhlreihen und es wollte keine richtige Stimmung aufkommen.

So wurde mein Gesamteindruck leider getrübt, wofür alle Beteiligten auf und hinter der Bühne sowie die sehr freundlichen Mitarbeiter der Alten Oper selbstverständlich nichts können. Wäre die Akustik nicht so problematisch gewesen, hätte ich zumindest die Musik gut genießen können. Für ein Konzert war es in Ordnung, aber eine szenische Musical-Inszenierung werde ich mir in der Alten Oper in Zukunft nicht mehr anschauen – hier habe ich vor acht Jahren schon einmal mit „Elisabeth“ (in dem flachen Parkett vor der sehr hohen Bühne) schlechte Erfahrungen gemacht.

© Robert Freiberger

„Wir können die 80er einfach nicht hinter uns lassen!“

Aber genug von der Spielstätte und zurück zum eigentlichen Programm des Abends: Das war in die Blöcke „The 60s & 70s“, „Disney & Co“, „The 80s“ und „The 90s & the 2000s“ unterteilt und ging mit Pause und Zugabe etwa 2:40 Stunden. (Eine vollständige Setlist findet ihr am Ende des Beitrags.) So kam das Publikum für den Eintrittspreis voll auf seine Kosten. Vor allem die 1980er-Jahre haben es den Künstlern und dem Kreativteam angetan: Der 80er-Block erstreckte sich über die Pause bis weit in die zweite Hälfte und Pia Douwes sagte irgendwann zwischendurch scherzend zum Publikum: „Sie merken es schon, meine Damen und Herren, wir können die 80er einfach nicht hinter uns lassen!“

Natürlich hat so eine Setlist immer etwas sehr Subjektives. Ob man an dem Abend Klassiker wie „Over the Rainbow“ vermisst hat, kontemporäre Hits des 21. Jahrhunderts, die eine gewisse Viralität erreicht haben – wie etwa der Bond-Song „Skyfall“, „The Hanging Tree“ aus „Mockingjay“ oder kürzlich die Songs aus „La La Land“ – oder irgendetwas dazwischen, zu dem man eine ganz persönliche Bindung hat: Wahrscheinlich hätte jeder Zuschauer hier eine vollkommen unterschiedliche, individuelle Auswahl an Filmliedern zusammengestellt.

Aber Fakt ist: Man kommt genau das geboten, was einem versprochen wird, nämlich richtig große Filmhits. Denn Hits sind die gesungenen Songs allemal. Selbst, wenn man die dazugehörigen Filme noch nicht gesehen hat, hat man die Lieder alle schon mal im Radio gehört. Nun ist die Sache mit Hits: Manchmal haben sie einen derartigen Bekanntheitsgrad und werden so oft gespielt, dass sie überhaupt nicht mehr ernst genommen werden (sofern sie das je wurden). Manche von ihnen sind mittlerweile einfach große Lachnummern und führen die Listen der nervigsten Songs aller Zeiten an. Und wann hat man diese Lieder schon zuletzt gehört? Ich meine, so richtig hingehört? Ganz ohne einen Hauch von Ironie?

„And I Will Always Love You“ begegnet mir mittlerweile eigentlich nur noch als Meme (BÄM! „And aaaa-yehaaaaaa …“). Wenn aber eine Sängerin wie Pia Douwes vor einem steht und das Lied gefühlvoll interpretiert (hier zunächst in der Country-Version von Dolly Parton, mit dem unverzichtbaren Houston-Twist zum Finale), ist es doch plötzlich so, als würde man das Lied zum ersten Mal hören. Läuft „Eye of the Tiger“ irgendwo im Radio, wechsle ich den Sender. Performt aber jemand wie Alexander Klaws das Lied live und animiert den ganzen Saal mitzugehen, macht das einfach eine wahnsinnige Stimmung.

„It’s amazing how you can speak right to my heart“ singe ich höchstens ironisch zu meiner besten Freundin, wenn wir uns groteske romantische Blicke zuwerfen. Alexander Klaws sei Dank wurde ich an dem Abend aber wieder daran erinnert, dass „When You Say Nothing At All“ bei all dem Kitsch eigentlich doch irgendwie ein schönes Lied ist. „Frozen“ finde ich mitterweile genauso penetrant und überpräsent wie die Minions, vor Olaf und Elsa gibt es nirgendwo ein Entkommen und ich kann die Figuren mittlerweile kaum noch sehen. Stimmt jemand „The snow glows white on the mountain tonight …“ an, geht mir das ziemlich auf die Nerven. Aber schmettert jemand live vor den eigenen Augen so kraftvoll „Let It Go“ wie Sabrina Weckerlin an diesem Abend, entfaltet das plötzlich eine extrem starke Energie.

© Robert Freiberger

Was ich damit sagen will: Solche Hits live von einer Gruppe extrem talentierter Sänger gesungen zu hören, ist vollkommen anders, als sie nebenbei im Radio laufen zu haben und so entdeckt man einige der totgespielten Hits wieder vollkommen neu für sich. Zu den zahlreichen Höhepunkten, die sich hier gar nicht alle aufzählen lassen, gehörten „Farbenspiel des Winds“ von Pia Douwes (umso besonderer, da sie das Lied vor 22 Jahren bereits in der niederländischen Synchronfassung von „Pocahontas“ interpretierte), „What a Feeling“ von Sabrina Weckerlin, „Who Wants to Live Forever“ als Duett zwischen Alexander Klaws und Sabrina Weckerlin oder gleich als Eröffnungsnummer „Don’t You (Forget About Me)“ aus dem „Breakfast Club“, einem meiner Lieblingsklassiker.

Insgesamt lud der Abend dazu ein, in Erinnerung an schöne Filmabende zu schwelgen und erinnerte zudem daran, welche Klassiker man eigentlich schon seit Jahren auf seiner „to watch“-Liste stehen hat. Sound of Music Concerts ist hier ein sehr aufregendes Konzertformat gelungen und ich bin gespannt, unter welchem Slogan die Superstars des Musicals 2019 zurückkehren werden! Ich hatte jedenfalls (trotz meiner Probleme mit der Alten Oper als Spielstätte) einen sehr unterhaltsamen Abend und ertappte mich dabei, beim Schreiben dieser Review im Hintergrund Hits wie „I Will Always Love You“ oder „The Time of My Life“ zu hören  zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vollkommen unironisch.

Akt 1

SONG FILM INTERPRETEN
„Fanfare“ MGM Studios Band
„Don’t You (Forget About Me)“ Breakfast Club Cast
THE 60s & 70s
„Mrs. Robinson“ Die Reifeprüfung Alexander Klaws & Mark Seibert
„Bright Eyes“ Watership Down Andreas Bieber (mit Pia Douwes)
Medley Grease Cast
DISNEY & CO
„Das Farbenspiel des Winds“ Pocahontas Pia Douwes
„Under the Sea“ Arielle, die Meerjungfrau Andreas Bieber (mit Sabrina Weckerlin)
„Let It Go“ Die Eiskönigin Sabrina Weckerlin
„Beauty and the Beast“ Die Schöne und das Biest Andreas Bieber & Pia Douwes
THE 80s
„What a Feeling“ Flashdance Sabrina Weckerlin (mit Pia Douwes)
„Against All Odds“ Against All Odds Alexander Klaws
„Never Ending Story“ Die unendliche Geschichte Andreas Bieber & Sabrina Weckerlin
„Up Where We Belong“ Ein Offizier und Gentleman Mark Seibert & Pia Douwes
Medley Saturday Night Fever Cast

Akt 2

SONG FILM INTERPRETEN
THE 80s (continued)
„Eye of the Tiger“ Rocky III Alexander Klaws
„The Wind Beneath My Wings“ Freundinnen Pia Douwes
„Wouldn’t It Be Good“ Gotcha! Andreas Bieber (mit Mark Seibert)
„Into the Groove“ Desperately Seeking Susan Sabrina Weckerlin & Pia Douwes
„Footloose“ Footloose Mark Seibert
„Who Wants to Live Forever“ Highlander Alexander Klaws & Pia Douwes
„The Time of My Life“ Dirty Dancing Mark Seibert & Pia Douwes
THE 90s & THE 2000s
„When You Say Nothing At All“ Notting Hill Alexander Klaws (mit Sabrina Weckerlin)
„Must Have Been Love“ Pretty Woman Sabrina Weckerlin (mit Andreas Bieber)
„(Everything I Do) I Do It For You“ Robin Hood Mark Seibert (mit Andreas Bieber)
„I Will Always Love You“ Bodyguard Pia Douwes
FINALE
„Sie sieht mich nicht“ Asterix und Obelix gegen Caesar Andreas Bieber
„My Heart Will Go On“ Titanic Cast
ENCORE
„Fame“ Fame Cast
„You Light Up My Life“ You Light Up My Life Cast


Beitragsbild:
© Robert Freiberger

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Niklas Wagner

“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” – Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: … dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!