Pünktlich zur Öffnung der Ehe für alle feierte das Musical „La Cage aux Folles“ oder auch „Ein Käfig voller Narren“ im Oktober Premiere im Staatstheater Mainz. Die Geschichte um die Beziehung zwischen dem Nachtclubbesitzer Georges und dem Transvestiten Albin macht Spaß, lädt aber auch zum Nachdenken ein. Wer nun die wirklichen Narren sind und wie das Staatstheater die aktuelle Thematik verarbeitet, lest ihr hier.

„Ein Käfig volle Narren“, 1973 als Theaterstück von Jean Poiret geschrieben, eroberte 1978 die Kinoleinwand und wurde schließlich 1983 erfolgreich als Musical adaptiert. Die 1980er-Jahre waren eine Zeit voller Panik vor der Krankheit AIDS, die damals hauptsächlich Homosexuellen zugeordnet wurde. Das von Harvey Fierstein, Autor von „Newsies“ und „Kinky Boots“, und Jerry Herman geschaffene Musical sah sich dem enormen Risiko ausgesetzt, zwei schwule Männer als Hauptcharaktere einzuführen. Es entwickelte sich jedoch zu einem der erfolgreichsten Broadway-Musicals und ebnete den Weg für zum Beispiel „Priscilla – Queen of the Desert“ und „Hedwig and the Angry Inch“. (Eine Übersicht weiterer LGBTQ-Stücke, die im Erbe von „La Cage“ stehen, findet ihr hier.) Deutschlandpremiere feierten die Drag Queens im Jahre 1985 im Theater des Westens in Berlin.

© Andreas Etter

Der berüchtigte Käfig voller Narren ist ein französischer Nachtclub, dessen Besitzer Georges mit dem Hauptdarsteller der Show, Albin, liiert ist. Dieser ist ein Travestiekünstler und verwandelt sich allabendlich in Zaza, schillernder Star unter den Drag Queens. Die harmonische Beziehung der beiden gerät ins Wanken, als Georges leiblicher Sohn Jean-Michel verkündet, Anne heiraten zu wollen. Die ist jedoch Tochter des erzkonservativen Politikers Dindon, der nichts mehr hasst, als Homosexuelle und Männer in Frauenkleidung. Zu allem Übel kommen die Dindons nun zu Besuch und Jean-Michel verbannt seinen Ziehvater Albin ins Hotel, um den Besuchern eine traditionelle Familie vorzugaukeln. Doch Albin taucht unerwartet in der Rolle von Jean-Michels Mutter auf und spielt seine Rolle derart überzeugend, dass die Dindons im Ungewissen bleiben. Am Ende fliegt der Schwindel dennoch auf und der junge Bräutigam erkennt, was wirklich wichtig ist – die eigene Familie.

Show, Spaß und eine Prise Ernsthaftigkeit

Die Musik aus der Feder von Jerry Herman, bekannt für „Hello, Dolly!“, hat viel von Varieté, Revue und Kabarett. Vor allem der Showstopper „Ich bin, was ich bin“ ist genreübergreifend bekannt und wurde auch von Künstlern außerhalb der Musicalszene interpretiert. Er findet nicht nur als Shownummer der Drag Queens Verwendung, sondern vor allem als Bekenntnis Albins, der damit ringt, akzeptiert zu werden und einfach er selbst sein zu können. Aber auch Chanson-ähnliche romantische Liebeslieder wie „Sieh mal dorthin“ und „Song am Strand“ berühren.

Vom Mainzer Staatstheater ist man oftmals aufwändige Bühnenbilder gewohnt und auch bei „La Cage aux Folles“ wird der Zuschauer nicht enttäuscht. Die beiden Hauptcharaktere wohnen in einer Villa, die zweigeteilt ist. Auf der oberen Ebene befindet sich der Pool und über den Fahrstuhl ist eine Art Foyer zu erreichen. Eingerichtet mit Designermöbeln, einem Gemälde, das einen nackten Jüngling zeigt, und Statuen, die an anzüglichere Objekte erinnern, wird das Bild eines modernen und nicht klischeebehafteten homosexuellen Paares gezeichnet.

© Andreas Etter

Die Tanznummern im Nachtclub stellen ein Highlight der Mainzer Inszenierung dar, denn der Club besteht aus einer Drehbühne, die einen halboffenen Vogelkäfig symbolisiert, den Käfig voller Narren. Die Drag Queens schillern in allen Farben des Regenbogens und tanzen, als gäbe es kein Morgen mehr. Ausnahmslos alle wirken authentisch und könnten einem realen Nachtclub entsprungen sein. Gerne hätte ich noch mehr ihrer Tanzeinlagen gesehen.

Dennoch enthält „Ein Käfig voller Narren“ auch sehr viele Dialoge. Regisseur Christopher Tölle legt insbesondere Wert auf die Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren. Die Nebenfiguren bleiben allenfalls Karikaturen ihrer selbst, zeigen somit aber auch die Lächerlichkeit ihres Daseins. Die vermeintlich traditionell-perfekte Politikerfamilie ist gar nicht so perfekt. Die Tochter rebelliert und die Ehefrau zaubert hinter dem Rücken ihres Mannes einen Flachmann aus der Tasche. Hier wird einmal mehr deutlich, die intakte Familie ist definitiv eine andere.

Opernsänger auf Abwegen

Das Mainzer Theater setzt bei der Auswahl seiner Darsteller auf hauseigene Opernsänger, die die Hauptrollen in „La Cage aux Folles“ bekleiden dürfen. Und die singen natürlich anders, als es man es von Musicaldarstellern gewohnt ist.

Georges, dargestellt vom Bass Stephan Bootz, und sein Spielsohn Johannes Mayer verkörpern ihre Rollen zufriedenstellend, während es Alin Deleanu gelingt, einen unglaublich liebenswerten Albin zu verkörpern, der auch als Frau brilliert.

© Andreas Etter

Umso weniger die Hauptcharaktere Klischees erfüllen, umso mehr tut es Albins Butler Jacob. Wunderbar gespielt von Fausto Israel, kann er wohl besser in High Heels laufen als so manche Frau und sorgt für die komödiantischen Elemente des Musicals.

Die Nebenfiguren bleiben etwas blass, aber auch an ihrem Spiel ist nichts auszusetzen. Vor allem die Drag Queens beeindrucken und es macht einfach Freude, ihnen zuzuschauen.

Einzig die Rolle der Restaurantbesitzerin Jacqueline wirkt etwas fehl am Platz. Diese entlarvt ungewollt Albins Tarnung, aber hilft später, Annes Vater zu überstimmen. Die Auflösung des Konflikts scheint etwas an den Haaren herbeigezogen, als wolle man schnell zum Ende kommen.

„La Cage aux Folles“ ist definitiv eine Komödie, doch auch die Ernsthaftigkeit der Geschichte kommt nicht zu kurz. Travestie ist Verkleidung, Performance und Übertreibung, aber auch ein Transvestit kann ein Vater sein. Nach 30 Jahren hat das Musical nichts an seiner Aktualität verloren. Ob nun Trump Transsexuelle aus der Armee verbannen will oder sich die Deutschen gerade die Ehe für alle erkämpft haben, jeder Mensch, egal, als was er sich identifiziert oder wen er liebt, sollte das Recht haben, akzeptiert zu werden und so zu leben, wie er möchte.

Die Mainzer Inszenierung ist vor allem eins, bunt, witzig und unterhaltsam. Mehr als ein Witz über Donald Trump ist nicht drin und der Fokus liegt definitiv nicht auf einem Erziehungsauftrag an die Gesellschaft. Die Charaktere sind jedoch so liebenswert gezeichnet und die Konflikte so gut herausgearbeitet, dass eigentlich jedem klar sein sollte: Dieses Musical predigt Respekt und Toleranz, ohne den Zuschauern diesen Aspekt immer wieder krampfhaft vor die Nase halten zu müssen.

„La Cage aux Folles“ in Mainz

Uraufführung: 21.08.1983 (Palace Theatre, New York)
Deutschlandpremiere: 23.10.1985 (Theater des Westens, Berlin)
Besuchte Vorstellung: 29.10.2017 (Staatstheater Mainz)
Buch: Harvey Fierstein
Musik/Texte: Jerry Herman
Musikalische Leitung: Paul-Johannes Kirschner
Regie und Choreografie: Christopher Tölle
Bühnenbild: Lena Brexendorff
Kostüme: Heike Seidler
Dramaturgie: Elena Garcia Fernandez

Besetzung: Stephan Bootz (Georges), Alin Deleanu (Albin/Zaza), Fausto Israel (Jacob), Johannes Mayer (Jean-Michel), Alexandra Samouilidou (Anne Dindon), Armin Dillenberger (Edouard Dindon), Ellen Kärcher (Marie Dindon), Dorin Rahardja/besuchte Vorstellung: Maren Schwier (Jacqueline), Ivica Novakovic (Chantal), Patrick Stauf (Hanna), John Baldoz (Phädra), Ben Tyas (Carmen), Andrea Viggiano (Odette), Kai Braithwaite (Loulou), Léonard Schindler (Dermah), László Nagy (Cloclo)

Beitragsbild: © Andreas Etter

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Vanessa Fatho

„Music can name the unnameable and communicate the unknowable.“ – (Leonard Bernstein)

Lieblings-Musical(s): „Tanz der Vampire“, „Les Misérables“, „Singin’ in the Rain“, „Rent“
Lieblings-Komponist:Leonard Bernstein, Andrew Lloyd Webber, Lin-Manuel Miranda und Sylvester Leavy
Lieblings-Texter: Michael Kunze, Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: … ich in meiner Kindheit unbedingt eine Katze haben wollte und das Musical „Cats“ entdeckte.
An Musicals fasziniert mich: … die Emotionen, die in mir geweckt werden. Die Musik ruft Gefühle hervor, die mit Worten gar nicht erzeugt werden können. Dabei wird einem nie langweilig, denn das Genre erfindet sich immer wieder neu und ist an Vielfalt kaum zu überbieten.