Pünktlich zu Halloween lud ein beeindruckendes Line-Up aus Musicalstars zum Mitternachtsball ins Colosseum Theater in Essen. Unzählige Fans folgten dem Ruf, sodass innerhalb weniger Stunden kaum noch Tickets verfügbar waren. Unsere Autorin Vanessa war bei dem wohl größten Musicalereignis des Jahres dabei und lässt den Abend für euch nochmal Revue passieren.

Zu Beginn des Mitternachtsballs hätte man ganz in guter „Tanz der Vampire“-Manier fragen können: „Seid ihr bereit?“ Für solch einen überwältigenden Abend kann man aber wohl nie richtig bereit sein. Sechs Stunden Konzert, 14 der bekanntesten Musicaldarsteller Deutschlands plus Nachwuchschor und gleich vier Vampirgrafen… Es waren wohl alle mehr als gespannt, was ihnen geboten werden würde und am Ende wurden viele Erwartungen übertroffen.

Ich persönlich staunte nicht schlecht, bevor das Konzert überhaupt begann. Die Musical-Community bewies, ein Dresscode kann schon Sinn machen und sprenkelte die ehemalige Industriehalle des Colosseum Theaters in rot und schwarz. Nicht wenige Fans erschienen kostümiert und könnten glatt „Tanz der Vampire“ entsprungen sein.

© Stephan Drewianka

Gespannt saßen irgendwann alle auf ihren Plätzen und der Tanz konnte beginnen. Der – zugebenermaßen einzige – große Schockmoment leitete den ersten von insgesamt vier Akten ein. Alexander Kerbst, Hauptdarsteller von „Falco – Das Musical“ eröffnete mit „Jeanny“ den Abend und trug eine blutverschmierte Frauenleiche in den Saal. Mehr hatte Kerbst tatsächlich leider nicht zu singen, aber vermutlich ein weiteres Talent an sich entdeckt: Charmant, witzig und gekonnt führte er als Moderator durch den Abend und stellte die Musicals vor, aus denen in einzelnen Blöcken jeweils vier bis sechs Lieder gesungen wurden. Egal, ob als Kaiser Franz Joseph, Gaston Leroux oder Dr. Frank N. Furter aus der „Rocky Horror Show“, die Lacher im Saal gingen größtenteils auf sein Konto und seine One-Man-Show wäre sicherlich sofort ausgebucht.

Von denen, die auszogen, das Fürchten zu lernen

Es folgte das Musical „Dracula“, Paraderolle des Thomas Borchert an der Seite von Christina Patten, die auch im Duett mit Andreas Bieber und vor allem in ihrem Solo „Wär‘ ich der Wind“ mit ihrer wunderschönen Stimme beeindruckte.

Ein Musical, das den meisten Zuschauern vorher vermutlich kein Begriff war, erzählt die Geschichte der jungen „Carrie“ (unser Musical des Monats Oktober 2017), die mit einer fanatischen Mutter und fiesen Mitschülern zu kämpfen hat, hervorragend gespielt von Sabrina Weckerlin als Protagonistin und Maya Hakvoort als deren Mutter.

Anschließend musste sich die bezaubernde Mercedesz Csampai, die in Russland bereits die Hauptrolle der Christine in „Das Phantom der Oper“ spielte, gleich zweier Phantome erwehren. Sowohl Mathias Edenborn als auch David Arnsperger wollten sie in die Katakomben der Pariser Oper entführen. Mit seiner „Musik der Nacht“ bewies Arnsperger, dass er einen würdigen Nachfolger der bisherigen Krolocks in „Tanz der Vampire“ abgeben wird.

© Stephan Drewianka

Spätestens zu Beginn von Akt 2 war wohl jedem klar, dies ist kein normales Konzert, sondern eher eine Symbiose aus Konzert und Musical. Die Darsteller sangen ihre Songs nicht nur stur in ein Standmikrofon hinein, sondern interpretierten, interagierten und lebten ihre Rollen. Auch an Kostümen wurde nicht gespart. Die Pumphosen der vier Grafen muteten zwar etwas französisch an und Riff Raff trug seltsamerweise einen Fiffi auf dem Kopf, aber grundsätzlich fühlte man sich als Zuschauer doch so, als würde man tatsächlich in einem kompletten Musical sitzen. Auch die Vielfalt der dargebotenen Werke war breit. Sowohl Klassiker, die fast bei jedem Konzert vertreten sind, als auch eher unbekannte Musicals fanden ihren Platz.

Nicht nur Menschen und übernatürliche Wesen können einen in Angst und Schrecken versetzen, auch Pflanzen namens Audrey sagt man dies nach. So verwandelte sich die Bühne in den kleinen Horrorladen. Das junge Liebespärchen Seymour und Audrey, verkörpert von Dennis Henschel und Michaela Schober, lud zum Träumen nach schöneren Zeiten ein.

© Stephan Drewianka

Auch Dr. Jekyll, oder wohl eher Mr. Hyde, gab sich die Ehre. Dessen Konflikt spiegelt sich in der „Konfrontation“ zwischen Jekyll und seinem alten Ego wider. Normalerweise von nur einem Sänger performt, versuchte Thomas Borchert als Jekyll, sich Hyde, personifiziert durch David Arnsperger, zu widersetzen.

Doch welche Show trägt den Horror schon im Namen und darf natürlich nicht fehlen? Richtig, die „Rocky Horror Show“. Und die brachte den Saal zum Kochen, besser gesagt Andreas Bieber, der in die Rolle des Transvestiten Dr. Frank N. Furter schlüpfte. In Strapse und Perücke hatte der sonst eher ruhig wirkende Künstler sichtlich Spaß und konnte die ersten Standing Ovations an diesem Abend einheimsen.

Von Pflanzen und Transvestiten

An dieser Stelle soll der „Choir of the Undead“ nicht unerwähnt bleiben. Die Nachwuchskünstler der Folkwang Universität in Essen unterstützten die Solisten und beeindruckten vor allem mit eigenständigen Ensemblenummern aus „Carrie“ und „Jekyll & Hyde“. Auch Tanzeinlagen der „Vampire Dancers“ untermalten das Spektakel und erinnerten vor allem an Szenen aus „Tanz der Vampire“.

Im dritten Akt durften natürlich Musicals aus der Feder Kunze & Levay nicht fehlen. An der Seite von Maya Hakvoort gab Mark Seibert in gewohnter Manier den Tod und performte einige Klassiker aus „Elisabeth“. Vor allem „Die Schatten werden länger“ gemeinsam mit Andreas Bieber blieb im Gedächtnis.

Zu guter Letzt erschien Jan Ammann im Wintermantel als Maxim de Winter aus „Rebecca“. Auch er wurde nach seinem schauspielerisch und gesanglich grandios dargebotenen „Kein Lächeln war je so kalt“ mit Standing Ovations belohnt.

© Stephan Drewianka

Nach dieser klitzekleinen (ja doch fast vierstündigen) Einführung luden die vier Fürsten der Finsternis nun zum Mitternachtsball, dem großen Finale. Während Thomas Borchert und Mathias Edenborn gemeinsam „Gott ist tot“ verkündeten, hatte Mercedesz Csampai als Sarah das Vergnügen, gleich von zwei Grafen, Jan Ammann und Mark Seibert, in der totalen Finsternis gebissen zu werden. Als Alfred stand Tobias Bieri, Erstbesetzung aus St. Gallen, auf der Bühne und gab ein wirklich gefühlvolles „Für Sarah“ zum Besten. Doch was wäre „Tanz der Vampire“ ohne „Die unstillbare Gier“? Zum Abschluss des dritten Aktes klagten alle vier Grafen dem Publikum ihr Leid. Und da muss ich ganz persönlich sagen, ich bin sprachlos und kann es kaum in Worte fassen. Egal, ob sie nun Jan, Mark, Thomas oder Mathias heißen, an diesem Abend zeigten sie dem Publikum, dass jeder von ihnen zu Recht diese Rolle auf der Bühne verkörpert. Alle vier interpretieren die Figur des Grafen von Krolock anders und haben ihre Fans. Bei allen gemeinsam kann man nur noch sagen: Danke, ihr wart überwältigend.

Vom Alltag eines Grafen

Nun fragte sich so mancher Zuschauer schon, was denn diese Gier noch toppen könnte? Und ich glaube, es wurden alle überrascht. Da wagten sich Andreas Luketa & Co. doch tatsächlich, „Tanz der Vampire“ weiterzuerzählen. Die frischgebissene Sarah lebt nun als Sternkind im Schloss des Grafen und wähnt sich, wenn man das bei Vampiren so sagen kann, im siebten Himmel. Doch Pustekuchen, der Graf wechselt seine Sternkinder wie andere ihre Unterhosen. Und die Moral von der Geschicht’: „Folge doch dem Krolock nicht.“ Dessen abgelegte Liebhaberin Sabrina Weckerlin weinte ihrer unerfüllten Sehnsucht mit „Dann holt mich mein Herz wieder ein“ nach, im Original gesungen von Céline Dion („It’s All Coming Back to Me Now“). Mit ihrer Darbietung trieb sie sicherlich einigen Zuschauern Tränen in die Augen. Doch die Vampirdamen Maya Hakvoort, Christina Patten und Michaela Schober bauten sie zur Melodie von „Einladung zum Ball“, oder auch „Original Sin“, wieder auf. Mathias Edenborn und Mark Seibert gewährten dem Zuschauer anschließend mit „Die unbezahlbare Schuld“ und „Unsterblich“ Einblicke in das Seelenleben des Vampirgrafen. Zu guter Letzt sang Jan Ammann noch ein „Vaterunser“, doch schnell wurde deutlich, dass er bereits sein nächstes Sternkind verführt und Sarah sich damit abfinden muss.

© Stephan Drewianka

Ob Pop-Songs, altbekannte Melodien aus „Tanz der Vampire“ oder Eigenkompositionen, die Songs des vierten Aktes stammen überwiegend aus der Feder von Jim Steinman und eines haben alle Lieder gemeinsam: Der Text wurde übersetzt oder eben so abgeändert, dass die Geschichte damit erzählt werden kann. Leider gab es jedoch einige Tonprobleme und die Darsteller waren teilweise so schlecht zu verstehen, dass man als Zuschauer, der die Lieder zum ersten Mal in dieser Form hört, etwas verwirrt zurückgelassen wurde. Auch hätte ich mir persönlich gewünscht, beim Finale die altbekannten Melodien mitsingen zu können. Dennoch kann man den letzten Akt als würdigen Abschluss eines großartigen Abends bezeichnen. Es braucht Mut, ein vom Publikum so geliebtes Musical weiterzuerzählen und die dargebotenen Songs waren vielfältig und wirklich schön, von den Leistungen der allesamt grandiosen Darsteller ganz zu schweigen. Kreativ, innovativ und einmalig, diese Darbietung vergisst man so schnell nicht.

Ach was, das ganze Format ist einmalig. Auch, wenn sechs Stunden Konzert vom Zuschauer einiges an Konzentration erfordern, ziehe ich den Hut vor den Solisten, dem Chor, den Tänzern, der Band und natürlich Andreas Luketa und allen Kreativen von Sound of Music Concerts. Alle Beteiligten zeigten an diesem Abend, dass sie ausnahmslos für die Bühne geschaffen sind. Sowohl die fast musical-artige Darbietung der Songs als auch der Ablauf des Konzerts sind einzigartig auf dem deutschen Musicalmarkt. Bis(s) zum nächsten Jahr. Ich bin gespannt, wer dann zum Fürchten einlädt.

Created by: Andreas Luketa
Band-Arrangements: Mario Stork
Orchestrale Arrangements: NGarts
Regie und Choreographie: Yara Hassan
Musikalische Leitung: Bernd Steixner

Mitwirkende: Choir of the Undead, Vampire Dancers, Sound of Music-Band
Solisten: Jan Ammann, David Arnsperger, Andreas Bieber, Tobias Bieri, Thomas Borchert, Anneke Brunnenkreeft, Mercedesz Csampai, Mathias Edenborn, Lina Gerlitz, Maya Hakvoort, Dennis Henschel, Alexander Kerbst, Christina Patten, Michaela Schober, Marvin Schütt, Mark Seibert, Tomas Stitilis, Sabrina Weckerlin

Beitragsbild: © Stephan Drewianka

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Vanessa Fatho

„Music can name the unnameable and communicate the unknowable.“ – (Leonard Bernstein)

Lieblings-Musical(s): „Tanz der Vampire“, „Les Misérables“, „Singin’ in the Rain“, „Rent“
Lieblings-Komponist:Leonard Bernstein, Andrew Lloyd Webber, Lin-Manuel Miranda und Sylvester Leavy
Lieblings-Texter: Michael Kunze, Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: … ich in meiner Kindheit unbedingt eine Katze haben wollte und das Musical „Cats“ entdeckte.
An Musicals fasziniert mich: … die Emotionen, die in mir geweckt werden. Die Musik ruft Gefühle hervor, die mit Worten gar nicht erzeugt werden können. Dabei wird einem nie langweilig, denn das Genre erfindet sich immer wieder neu und ist an Vielfalt kaum zu überbieten.