Titus Hoffmann ist einer der gefragtesten Musical-Kreativen im deutschsprachigen Raum. Er betreute als Resident und Associate Director die deutschsprachige Erstaufführung von Mel Brooks Broadway-Hit „The Producers“ im Wiener Ronacher, schrieb die neuen deutschen Texte der„Irma La Douce“-Produktion mit Katharine Mehrling in der Tribuene Berlin und löste mit seiner umjubelten „Next to Normal“-Inszenierung, die bislang in Fürth, Wien und Dresden aufgeführt wurde, einen regelrechten Hype aus.
Darüber hinaus schrieb er zusammen mit Christian Struppeck das Buch zum neuen Hit-Musical der Vereinigten Bühnen Wien: „I am from Austria“ wartet mit über 20 Songs von Rainhard Fendrich auf und läuft derzeit in einem allabendlich ausverkauften Raimund Theater.

Als Übersetzer entwickelte er unter anderem die deutschen Fassungen von „The Producers“, „Next to Normal“ und GREEN DAYS „American Idiot“, das im Januar 2018 in der Produktion von Off-Musical Frankfurt seine Deutschlandpremiere feiert. Wir sprachen mit ihm über die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von Übersetzungen und die Skepsis vieler GREEN DAY-Fans, die bekannten Welt-Hits erstmals in deutscher Sprache zu hören.

KULTURPOEBEL: Momentan gibt es wieder verstärkt und bei vielen Musicals Diskussionen rund um die Sinnhaftigkeit von Übersetzungen. Viele Fans sind mittlerweile der Ansicht, das deutsche Publikum sei bereit für Musicals in englischer Originalsprache. Wie stehst du hierzu? Sind Übersetzungen überhaupt noch zeitgemäß?

Titus Hoffmann: Hierüber lässt sich natürlich streiten. Es gibt viele, die sagen, sie können eine Netflix-Serie nicht auf Deutsch anschauen, weil sie so schlecht synchronisiert ist und im Vergleich zum Original viel verloren geht. Klar ist auch: Wenn du eine Serie auf Englisch verstehst, kann ich dir nur empfehlen: Schau dir unbedingt das Original an, wobei ich die Kunst der Synchronisation durchaus schätze und es bisweilen auch vorkam, dass mir ein Film auf Deutsch besser gefallen hat als im Original („Amadeus“ von Peter Shaffer z.B.). Viele Menschen können nicht so gut Englisch oder verstehen nicht jedes einzelne Wort und genau für die gibt es dann eine Übersetzung.

KULTURPOEBEL: Muss man bei einem Musical denn unbedingt alles und jedes Wort verstehen?

Grundsätzlich hat man natürlich den Anspruch, dass das Publikum alles verstehen sollte. Bei Shows, die auf bekannte Songs bauen, ist das eine ganz eigene Diskussion. Ich erinnere hier an MAMMA MIA (ABBA) oder WE WILL ROCK YOU (QUEEN), wo viele – ich eingeschlossen – gesagt haben: Das kann doch nie funktionieren. Und am Ende hat die deutsche Fassung dann wunderbar funktioniert, auch weil es sich hier nicht einfach um eine Aneinanderreihung von ABBA- oder QUEEN-Songs wie in einer Tribute-Show handelt, sondern weil sie im Kontext einer Geschichte, die erzählt werden will, mit und durch die Motivationen und Haltungen der einzelnen Charaktere, stehen. Das Interessante ist ja – so empfinde ich es zumindest – dass der emotionale Zugriff des Zuschauers in der Muttersprache ein direkterer ist, als wenn man quasi um die Ecke denken muss.

Und los geht's! Heute war Probenstart in Hamburg und Cast und Creatives kamen zum ersten Mal zusammen. Wir freuen uns,…

Posted by American Idiot Deutschland on Donnerstag, 7. Dezember 2017

 

KULTURPOEBEL: Viele sagen ja, Musicals würden durch Übersetzungen an Aussagekraft verlieren…

Titus Hoffmann: Das stimmt bedingt und das kann ich auch nachvollziehen. Schau dir mal Shakespeare im englischen Original an und wie viele Zwischenebenen und assoziative Anregungen dort im Text sind. Das alles im Deutschen wiederzugeben, ist keine leichte Aufgabe. Die deutschen Shakespeare-Übersetzungen, die ich kenne, geben meiner Meinung nur 1/3 dessen wieder, was im Englischen ausgedrückt wird. Wie viele Menschen aber können sich so intensiv mit einem Stück und der englischen Sprache auseinandersetzen, um das zu verstehen? Du musst das ja teilweise studieren, um jedes Wort interpretieren zu können. Der Fokus einer anderen Sprache ist nun mal häufig auch anders gesetzt, Dinge werden anders ausgedrückt oder die Sprachmelodie und ihr Rhythmus anders geführt. Um einen ähnlich emotionalen oder auch witzigen Moment herzustellen in einer anderen Sprache, kann man nicht alles eins zu eins übersetzen, sondern muss Stellen teilweise neu dichten. In solchen Fällen gehen Dinge verloren, manchmal kommt aber auch Neues dazu. Aber nochmal: Nicht alle Leute sind so sprachgewandt oder haben sich wochenlang mit Stücken oder Bands beschäftigt – Das Musical-Genre ist eine populäre Kunstform, die versucht, ein breites Publikum zu erreichen und da kann ich es nachvollziehen, wenn man Stücke übersetzt.

KULTURPOEBEL: Wie kam es zu der Entscheidung, „American Idiot“ ins Deutsche zu übertragen?

Titus Hoffmann: Bei AMERICAN IDIOT kamen die Lizenzgeber auf mich zu und haben mich gefragt, ob ich es übersetzen könnte, nachdem ich schon NEXT TO NORMAL für Deutschland bearbeitet hatte, Der Wunsch – auch von GREEN DAY – war, dass das Stück in der jeweiligen Landessprache gezeigt werden soll. Um das ganz klar zu sagen: AMERICAN IDIOT – das Musical ist etwas ganz Eigenes und keine GREEN DAY- Tribute-Show, wo alle mitsingen sollen – im Gegenteil: Es will eine Geschichte erzählen.

Pia Douwes, Dirk Johnston und Armin Kahl in Hoffmanns Inszenierung von „Next to Normal“ / © Guenter Meier/Stadttheater Fuerth

KULTURPOEBEL: Wie bist du bei deiner Übersetzungsarbeit zu „American Idiot“ vorgegangen? Bist du nah an den Original-Lyrics geblieben?

Titus Hoffmann: Ich habe in erster Linie versucht, so nah wie möglich am Original zu bleiben. Manchmal ging das natürlich nicht und dann habe ich angefangen, sinngemäß neue Bilder zu schaffen, die den Inhalt übertragen und mit der Musik funktionieren.

KULTURPOEBEL: Inwiefern hältst du eine Übersetzung von AMERICAN IDIOT im speziellen Fall für sinnvoll?

Titus Hoffmann: Es ist ein Stück, bei dem es sehr wenige Dialoge gibt. Die Handlung passiert eigentlich ausschließlich in den Songs. Wenn man sich mit Leuten unterhält, die die Songs beispielsweise aus dem Radio kennen und nicht die großen GREEN DAY-Spezialisten sind, so können die häufig nicht sagen, worum es in den einzelnen Liedern konkret geht. 21 GUNS führe ich immer gern als Beispiel an – Kennen irgendwie alle und viele wissen sicherlich auch, worum es in dem Lied geht, aber mindestens genauso viele wissen überhaupt nicht, worum es in dem Lied geht, obwohl sie die Hooklines mitsingen können. Für ein Theaterpublikum versucht man die Songs inhaltlich zugänglich und verständlich zu machen. Diese bekannten Hits nun auf Deutsch zu hören, wird anfangs sicherlich erstmal ungewöhnlich sein, aber im Optimalfall soll der Zuschauer dann von der Geschichte gepackt und mitgenommen werden.

KULTURPOEBEL: Viele sagen nun aber weiterhin: GREEN DAY darf man einfach nicht übersetzen. Kannst du die Skepsis vieler Green Day- und Musical-Fans der Übersetzung gegenüber nachvollziehen?

Titus Hoffmann: Ich kann die Skepsis total verstehen. Ob man etwas darf oder nicht darf, ist nun eine andere Frage – Ich meine, wir bringen ja niemanden um. Es geht einzig und alleine um den Versuch, etwas zugänglich zu machen und darum, die Handlung und die emotionale Entwicklung unserer Protagonisten zu verdeutlichen. Ich kann mir vorstellen, dass es gerade für GREEN DAY-Spezialisten und Fans spannend sein kann, die Texte auf Deutsch neu zu entdecken!

Weitere Informationen und Tickets zu GREEN DAYS AMERICAN IDIOT in Frankfurt findet ihr hier.

Beitragsbild: © Andrea Peller

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.