Das Gärtnerplatztheater in München ist nach einer Renovierungszeit von 5 Jahren endlich wieder an seinem (Gärtner)Platz und eröffnet die Musical-Spielzeit mit der lang ersehnten deutschsprachigen Erstaufführung von „Priscilla – Königin der Wüste“.

Das Musical, welches auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1994 basiert, erzählt die Geschichte von drei Drag-Queens, die ihrem Bus „Priscilla“ einmal quer durch das australische Outback zu einem Job fahren. Alle drei haben jeweils ihr eigenes emotionales Gepäck an Board. Tick, der die Reise in die Wege geleitet hat, ist eigentlich verheiratet und will endlich seinen 8-jährigen Sohn kennen lernen, wobei er große Angst hat, von ihm abgelehnt zu werden, weil er Nacht für Nacht in Frauenkleidern auftritt. Die ältere transsexuelle Bernadette hat vor kurzem erst ihren Lebensgefährten Trumpet verloren und fährt eigentlich mit, um sich abzulenken, jedoch wird von Anfang an klar, dass sie auf der Suche nach der großen Liebe ist. Der Letzte im Bunde ist Adam, der die Chance nutzen will, einmal als Drag-Queen auf dem Ayers Rock zu stehen, was von ihrem eigentlichen Zielort nicht mehr weit entfernt liegt. Somit treten die drei einen rasanten und vor allem knallbunten Roadtrip an.

© Marie-Laure Briane

Ich bin ein großer Fan von „La Cage aux Folles“ und „Kinky Boots“ und meine Hauptsorge bei „Prisicilla“ war, dass ich im Vorfeld nicht wusste was diese Show mir noch erzählen könnte, was ich nicht schon bei ähnlichen Shows erfahren habe. Vor allem, weil „Priscilla“ keine selbstgeschriebene Musik mitbringt, sondern „nur“ die bekannten Disko-Hits der 70er und 80er Jahre wiederverwertet. Es hat auch wirklich fast die ganze Show gedauert bis ich den eigentlichen Charakter der Show entdeckt habe, welcher sich wirklich von Musicals mit ähnlicher Thematik abhebt. „Priscilla“ will keine Lehre erteilen und dem Publikum zeigen, dass wir im Herzen alle gleich sind und uns gegenseitig akzeptieren sollen wie wir sind. „Priscilla“ und vor allem das Publikum hat das schon lange akzeptiert und feiert viel mehr Menschen und ihre Besonderheit, die einen von der Masse hervorhebt.

Auch in den Charakteren rund um die drei Leading-Ladies spiegelt sich diese Botschaft wieder. Es wird niemand in der Show bekehrt wie es oft in ähnlichen Shows der Fall ist. Man ist entweder gegen sie oder akzeptiert Tick, Bernadette und Adam wie sie sind, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken. Natürlich kann man die Welt nicht so einfach in Schwarz und Weiß betrachten, aber es tut auch mal ganz gut, die „Bösen“ die Bösen sein zu lassen und allen anderen eine regenbogenbunte Party zu spendieren bei der auch mal alle Klischees ausgepackt werden dürfen.

It’s raining men, glitter and rainbows

© Marie-Laure Briane

Vor allem das Bühnenbild von Jens Kilian und die Kostüme von Alfred Meyerhofer bescheren dem Publikum eine wahre Ausstattungsorgie auf der Bühne. Ganz klarer Star des Abends ist der Bus Priscilla mit dem die Ladies durch das australische Outback fahren und welcher dementsprechend aufgepimpt wurde. Nicht nur thront ein XXL-Glitzer-High-Heel auf dem Bus, auch im Inneren entspricht er ganz dem Klischee. Der Bus ist an der Beifahrerseite geöffnet und gewährt somit einen Einblick in das Wohnzimmer mit rosaroter Couch und Kylie-Minogue-Pappaufsteller.

© Marie-Laure Briane

Auch die vielen Kleinigkeiten, wie ein Kronleuchter im Fahrerbereich machen wohl mehr als Lust mit diesem Bus einen Roadtrip zu starten. Auch sonst glänzt die Show mit vielen grandiosen Einfällen, welche beim Publikum oft mit Begeisterungstürmen aufgenommen worden sind. Ich habe es selten erlebt, dass ein deutsches Publikum bereits bei der ersten Szene in Szenenapplaus verfällt, aber ich habe es auch selten gesehen, dass man wirklich Männer hat regnen lassen. Dadurch, dass es keine Previews gab und die Premiere auch wirklich die erste Vorstellung war, hakte es noch an der ein oder anderen Stelle. Vor allem tontechnisch gab es manchmal Probleme – die Darsteller waren teilweise schlecht verständlich, jedoch sind das alles Mängel, die sich normalerweise nach den ersten Vorstellungen beheben lassen sollten.

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Bekannte Gesichter auf der neuen Bühne

Erwin Windegger als Bernadette überstrahlte mit seiner Leistung eine ohnehin schon überdurchschnittlich starke Cast. Ich musste mich ständig daran erinnern, dass er ein Mann ist und nicht Norma Desmond persönlich. Er hat die gutherzige, alternde Diva Bernadette, welche für alle ein wenig die Mutterrolle übernimmt mit solch einer Überzeugung gespielt, dass ich seine schauspielerische Leistung noch vor allen anderen Darstellern ansprechen muss.

Dauergast im Gärtnerplatztheater Armin Kahl ist auch wieder in dieser Musical-Produktion dabei. Nach„Gefährliche Liebschaften“ und „Jesus Christ Superstar“ war es ungewohnt, ihn nun mal in einer ganz anderen Rolle zu sehen. Im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen ist er als Tick nur abends auf der Bühne in Frauenkleidern unterwegs und tagsüber in lässigen Männerklamotten. Oft empfand ich den Übergang von normaler Mann zu schillernder Draq-Queen etwas holprig. Jedoch erscheinen die anderen beiden Charaktere im Bus so extrem, dass ein „Normalo“ es hier einfach ein wenig schwer hat. Ansonsten ist er als Darsteller einfach eine sichere Bank und gehört zu Recht in die Riege der absoluten Top-Darsteller in Deutschland.

Terry Alfaro als Adam ist im Gegensatz zu der eleganten Bernadette und dem bodenständigen Tick immer ein wenig zu laut, zu schrill und liefert eines der vielen Highlights der Show, wenn er auf dem fahrenden Bus im Glitzer-High-Heel „Sempre Libera“ aus La Traviata synchronisiert. So unterschiedlich die Drei auch sind, ergänzen sie sich doch auch irgendwie und liefern ein liebenswertes Gespann, das man gerne auf seiner Reise begleitet.

© Marie-Laure Briane

Dass die Drei Hauptdarsteller singen können, steht an sich außer Frage, aber trotzdem geht das meiste gesangliche Lob an die drei Diven, welche in schillernden Kostümen von Schmetterling bis Lady-Gaga-Verschnitt, die meisten Gesangspart übernehmen. Als kleine Hommage an die Tatsache, dass die meisten Drag-Queens nur zum Voll-Playback ihre Lippen synchron zur Musik bewegen – eine Tatsache, die im Stück auch öfter ein Streitthema zwischen Adam und Bernadette ist – hat Stephan Elliot die Musicalfassung von „Priscillla“ um die drei Diven erweitert. In München stehen Dorina Garuci, Jessica Kessler und Amber Schoop auf der Bühne und ergänzen das Trio mit ihrer stimmgewaltigen Performance.

© Marie-Laure Briane

Auch das restliche Ensemble trägt seinen Teil dazu bei, um aus dieser Inszenierung eine besondere Party der Superlative zu machen, bei der das Publikum auch mal auf die Bühne geholt wird, um die ohnehin schon gute Stimmung in eine große 80er-Jahre Party zu verwandeln.

Die magische Zahl Drei

Das Motiv der Zahl Drei – drei Drag Queens, drei Diven – Musiknummern, die in unterschiedlichen Dreier-Kombinationen präsentiert werden, ziehen sich wie ein roter Faden durch die kunterbunte Geschichte. Dieses Motiv kommt immer dann zum Schwanken, wenn eine vierte Partei hinzukommt, beispielsweise wenn Bernadette ihren Seelenverwandten findet oder Tick auf seinen Sohn trifft. Plötzlich finden sich die drei Freunde aus ihrer Welt herausgerissen, müssen mit neuen Eindrücken und Situationen umgehen und ihre emotionale Entwicklung offenbaren.

© Marie-Laure Briane

Leider bleibt bis zum Ende des Musical offen, wessen Geschichte im Vordergrund stehen soll. Die persönliche Reise von Bernadette und Adam ist zu umfangreich dargestellt, als dass sie nur Sidekicks sind, können aber mit der Entwicklung von Tick, dem Initiator der ganzen Reise, nicht mithalten. Seine Beweggründe werden vor allem im ersten Akt sehr häufig angeteasert, kommen im zweiten Akt zum Höhepunkt, lassen die anderen beiden allerdings im Schatten stehen und verbauen dadurch das Konzept der Drei. Vielleicht hätte man eine klarere Linie hinsichtlich des Motivs der Drei und der Charakterentwicklung fahren können.

Trotzdem ist „Priscilla – Königin der Wüste“ ein kurzweiliges und unterhaltsames Musical, das neben kultiger Musik, schmissigen Dialogen sowie atmosphärischer Ausstattung auch inhaltlich einiges zu erzählen weiß und so manch anderes Musical seiner Art in den Schatten stellt. Wer sich mal wieder nach einem abwechslungsreichen Theaterabend sehnt, dem sei der Besuch wärmstens empfohlen.

Weitere Informationen und Tickets findet ihr hier.

„Priscilla – Königin der Wüste“ in München

Uraufführung: 07.10.2007 (Lyric Theatre, Star City Casion, Sydney)
Deutsche Erstaufführung: 14.12.2017 (Gärtnerplatztheater, München)
Besuchte Vorstellung: 14.12.2017 (Gärtnerplatztheater, München)
Buch: Stephan Elliot und Allan Scott
Musikalische Arrangements: Stephen „Spud“ Murphy
Orchestrierung: Stephen „Spud“ Murphy und Charlie Hull
Übersetzung und Dramaturgie: Michael Alexander Rinz
Regie: Gil Mehmert
Musikalische Leitung: Jeff Frohner
Choreographie: Melissa King
Bühnenbild: Jens Kilian
Kostüme: Alfred Meyerhofer
Lichtdesign: Michael Heidinger

Besetzung: Armin Kahl (Tick), Erwin Windegger (Bernadette), Terry Alfaro (Adam), Dorina Garuci, Jessica Kessler, Amber Schoop (Die Diven), Frank Berg (Bob), Tanja Schön (Marion), Jasper Baumann (Benji), Marides Lazo (Cynthia), Angelika Sedlmeier (Shirley), Eric Rentmeister (Miss Verständnis), Jurriaan Bles (Miss Fernanda Falsetta), Karim Ben Mansur (Jimmy)
Ensemble: John Baldoz, Jurriaan Bles, Alex Frei, Dorina Garuci, Luke Giacomin, Jessica Kessler, Marides Lazo, Karim Ben Mansur, Rachel Marshall, Andreas Nützl, Eric Rentmeister, Adriano Sanzò, Tanja Schön, Amber Schoop, Susanne Seimel, Samantha Turton

Beitragsbild: © Marie-Laure Briane