Thomas Helmut Heep ist einer der vielversprechendsten Nachwuchs-Regisseure im deutschsprachigen Raum und assistierte unter anderem Ulrich Wiggers und Martin G. Berger.

In Hadamar bei Limburg geboren, studierte Thomas Theaterwissenschaften an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz. Dort trat er dem Ensemble der Musical Inc. bei und war erst Darsteller („Side Show“, „Curtains“), dann Choreografie-Assistent bei „Curtains – Vorhang auf für Mord“ und schließlich Regisseur und Choreograf bei Mel Brooks „Frankenstein Junior“. Ebenfalls in Mainz übernahm er seine erste Hospitanz bei „Spamalot“ am Staatstheater. Es folgten weitere Assistenzen bei „Daddy Cool“ in Luzern, „Frau Luna“ am TIPI im Kanzleramt (Berlin) sowie bei „Jesus Christ Superstar“, „Cabaret“ und der deutschsprachigen Erstaufführung von „Die Brücken am Fluss“ am Theater Trier. Außerdem erarbeitete er als Regisseur gemeinsam mit seinem Medienkollektiv „VierAlle“ einen Theaterabend mit Senioren unter dem Titel „Mit der Zeit“. Im Sommer 2017 fungierte er als Regieassistent bei dem Musical „3 Musketiere“ auf der Freilichtbühne Altusried und übernahm bei der Off-Musical Frankfurt Produktion von „Hedwig and the ANGRY INCH“ seine erste vollverantwirtliche Regiearbeit, ehe er Katja Wolff bei der aktuellen Landgraf-Tournee des Musicals „Hairspray“ assistierte. Derzeit inszeniert Thomas die deutschsprachige Erstaufführung des GREEN DAY Musicals „American Idiot“.

Wir sprachen mit ihm über die Aktualität des GREEN DAY-Stückes und die Vereinbarkeit von Punk-Rock und Musicalbühne.

KULTURPOEBEL: „American Idiot“ erschien als Konzeptalbum im Jahr 2004, 2009 wurde es für die Musicalbühne adaptiert. Was ist es, das „American Idiot“ noch heute aktuell macht?

Thomas Helmut Heep: Für mich geht es in „American Idiot“ essenziell um eine Gruppe von Menschen, die sich mit den gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie sich befinden, nicht wohlfühlen. Das hat mit der Grundüberforderung einer ganzen Generation zu tun, die an Informationen und Möglichkeiten fast erstickt und gleichzeitig aber auch mit einem Krieg leben muss, der zwar nicht vor der Haustür aber dennoch immer und überall im eigenen Bewusstsein tobt. „American Idiot“ ist für mich – musikalisch wie inhaltlich – das Sprachrohr dieser Generation, die sich über die Zeit zwar etwas gewandelt hat aber immer noch mit denselben Problemen kämpft. Probleme, die wenn möglich 2018 sogar noch sichtbarer sind als 2004 oder 2009.

Und los geht's! Heute war Probenstart in Hamburg und Cast und Creatives kamen zum ersten Mal zusammen. Wir freuen uns,…

Posted by American Idiot Deutschland on Donnerstag, 7. Dezember 2017

KULTURPOEBEL: Inwiefern sichtbarer?

Thomas Helmut Heep: „American Idiot“ erzählt zu einem großen Teil von Menschen, die Identität und Orientierung suchen in einer Welt, in der sie sich vor lauter Möglichkeiten nicht zurechtfinden. Vor einigen Jahren wurde für dieses Phänomen der Begriff der „Quarterlife-Crisis“ geprägt. Die umfasst Selbstzweifel und Zukunftsängste, die für einen Großteil junger Menschen überall auf der Welt heute Alltag sind. Und die Geschichte von Johnny, Will und Tunny erzählt ja genau das: Das Hinarbeiten auf abstrakte Ziele, deren Umsetzung dann aber doch nicht so geradlinig klappt, wie sie es sich vorstellen.

KULTURPOEBEL: Was macht „American Idiot“ für dich als Stück so besonders?

Thomas Helmut Heep: Was an „American Idiot“ so grundlegend anders und damit besonders ist, ist die Form, in der sich das Stück präsentiert. Es ist weniger klassisches Musical als viel mehr Punk Rock Opera, und das nicht nur weil es fast ausschließlich von Gesang und Tanz – sprich also der Musik von Green Day – getragen wird. Die Texte sind noch dazu oft sehr poetisch und abstrakt, so dass die Songs weniger eine konkrete Geschichte von festgelegten Charakteren erzählen, sondern viel Freiraum bei der Interpretation lassen. Und das in unserer Arbeit, genau wie beim Zuschauer.

KULTURPOEBEL: Ist das auch die besondere Herausforderung für die Regie?

Thomas Helmut Heep: Das ist sicherlich eine der größten Herausforderungen, einfach weil wir ja trotz dieser Freiheiten eine Handlung zu erzählen haben. Der Zuschauer begleitet die Geschichte dreier Freunde – Johnny, Tunny und Will, von denen es im Konzeptalbum zumindest Tunny und Will so nicht gegeben hat. Unser Ziel ist es, die Geschichte verständlich zu erzählen und dem Zuschauer dennoch Raum für eigene Assoziationen zu lassen, die es nicht zuletzt durch die Übertragung der Songtexte ins Deutsche geben wird.

KULTURPOEBEL: Inwiefern sind für dich die Musik von Green Day und die Erzählung ihrer Geschichte im Theater vereinbar?

Thomas Helmut Heep: Das ist eine Gratwanderung, die uns bei der Arbeit großen Spaß macht. Natürlich waren die Stücke noch vor zehn Jahren nicht mehr als die Songs auf einem Album, bei denen viele Hörer wohl auch erst auf den zweiten oder dritten Blick festgestellt haben, dass sie eine Geschichte erzählen. Durch die Zusammenarbeit von Billie Joe Armstrong und Regisseur Michael Mayer, die aus den Songs eine komplexe Geschichte gestrickt haben und Tom Kitt, der die Musik für die Bühne arrangiert hat, ist etwas entstanden, was auch auf theatraler Ebene funktioniert – auch wenn gleichzeitig immer Konzert-Gefühl mitspielt. Die Frankfurter Batschkapp als Raum eignet sich dafür hervorragend.

Tickets für die Deutschlandpremiere von GREEN DAYS „American Idiot“ findet ihr hier.

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.