Was im letzten Jahr mit „La La Land“ (unseren Artikel über „La La Land“ findet ihr hier) anfing, setzt sich nun mit dem Musicalfilm „The Greatest Showman“ von Regisseur Michael Gracey, der am 4. Januar 2018 in den deutschen Kinos startet, fort. Nachdem die Musicalfilm-Branche einige Jahre geschlafen hat, scheint sie nun aus dem Dornröschenschlaf erwacht zu sein und präsentiert uns nun schon das zweite Jahr in Folge den Musicalfilm des Jahres. Garant für den Erfolg ist bestimmt Hugh Jackman, der mal wieder seine vielen Talente zeigen kann. Neben ihm stehen weitere Stars wie Michelle Williams, Zac Efron, Rebecca Ferguson und Zendaya vor der Kamera. Vielversprechende Newcomer, Tänzer und Sänger komplettieren die Cast und sorgen für einmalige Gesang- und Tanzmomente. Das Drehbuch stammt von Jenny Bicks und Bill Condon. Letzterer konnte bereits mit seiner Arbeit an den Verfilmungen von „Chicago“ und „Dreamgirls“ sowie mit seiner Real-Verfilmung von „Die Schöne und das Biest“ (unsere Kurz-Kritik findet ihr hier) Erfahrung im Musicalfilm sammeln. Die elf Lieder stammen von Benj Pasek und Justin Paul, die letztes Jahr den Oscar für den Besten Filmsong „City of Stars“ in „La La Land“ bekamen und nicht zuletzt mit ihrem erfolgreichen Musical „Dear Evan Hansen“ am Broadway für Furore gesorgt haben.

Angesicht der Credits des Films erwartet man einen durchwegs perfekten Musicalfilm, der es mit einer Einschlagsgewalt wie „La La Land“ aufnehmen kann. Jedoch sind die Kritiken in den USA, wo er bereits seit dem 20. Dezember 2017 in den Kinos läuft, sehr gespalten. Auch in Deutschland lässt sich bis jetzt keine einheitliche Meinung erkennen. Ein großer Kritikpunkt ist die spärliche und nicht alle Aspekte enthaltende Biografie vom P. T. Barnum, dem Zirkuspionier, dem titelgebenden Helden des Films, dem „Greatest Showman“.

© 2017 Twentieth Century Fox

„Ladies and gents, this is the moment you’ve waited for!“

Kurz gesagt geht es um den im 19. Jahrhundert lebenden P. T. Barnum, der als Sohn eines Schneiders schon immer eine rege Fantasie und die Vision vom sogenannten „Showbusiness“ hatte. Er lernt in jungen Jahren seine spätere Frau Charity kennen, hat mit ihr zwei Kinder, lebt in New York und kauft ein Kuriositätenkabinett. Dieses beinhaltet zu Anfang nur leblose Ausstellungsstücke – wird nachher allerdings durch Barnums Idee eine Show zu entwickeln, die die Vielfalt der Menschen zeigt und von Tänzer, Sänger, Artisten und vor allem Menschen mit außergewöhnlichen Merkmalen getragen. Er lernt den Theatermacher Philip Carlyle kennen, arbeitet fortan mit ihm zusammen und ist immer wieder der Kritik von Publikum und Journalisten ausgesetzt, die seine Show abwerten. Vieles ist über P. T. Barnums Leben vor allem durch seine selbstverfasste Biografie bekannt.

Definitiv eine Persönlichkeit, die man auch kritisch sehen kann, um Diskursen der Zeit zu folgen, die besagen, dass Barnum menschenverachtend handelte und das Unglück anderer zu seinem eigenen Glück machte. Keine Frage, der Film romantisiert die historische Person. Doch welcher Held ist schon ohne Fehler? Und welche Geschichte kann noch abseits einer biografischen Darstellung auf Grundlage einer Persönlichkeit erzählt werden? Die Frage ist nämlich, ob der Film überhaupt ein Biopic sein möchte? Denn eigentlich ist die Show der Star des Films und lädt jeden ein, sich verzaubern zu lassen, so wie es sich für einen richtigen Musicalfilm gehört.

© 2017 Twentieth Century Fox

The Greatest Showman is the plot

Es liegt vor allem an der neuen Herangehensweise an den klassischen Musicalfilm. „The Greatest Showman“ bricht Erzählstrukturen des Musicalfilms auf und fügt sie neu zusammen. Bereits am Anfang hält sich der Film nicht damit auf, etwas zu erzählen, was sowieso passieren wird. Wo im klassischen Musicalfilm noch der Leitsatz gilt „the couple is the plot“ und sich der ganze Film nur damit beschäftigt ein Liebespaar, das mit gesellschaftlichen Diskrepanzen zu kämpfen hat, zusammenzuführen, ist in „The Greatest Showman“ die Entwicklung des Hauptprotagonisten der Plot. Das Liebespaar wird in der ersten Viertelstunde bereits mit gewaltigen Bildern und großartiger Musik vereint. Das Lied „A Million Dreams“ erzählt auf poetische Weise, wie sich der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Hauptprotagonist P. T. Barnum und die gut situierte Charity schon im Jugendalter finden und für einander bestimmt sind. Wo der klassische Musicalfilm endet, also wenn das Liebespaar endlich zueinander findet, beginnt „The Greatest Showman“ erst richtig. Die Vorgeschichte wird alleine in „A Million Dreams“ wiedergegeben. In dieser Sequenz darf natürlich auch der für den Musicalfilm typische „rooftop dance“ nicht fehlen. Der „rooftop dance“ hat eine besondere Bedeutung im Musicalfilm. Ist er doch ein gemeinsames Duett und „Pas de deux“ in Gesang und Tanz zwischen dem Liebespaar. In „The Greatest Showman“ passiert die Exposition der Figuren ganz nebenbei. Es benötigt keine langen Dialogszenen zur Einführung der Charaktere. Sie singen und tanzen vor gewaltigen Kulissen und man hat das Gefühl diese Figuren bereits lange zu kennen. Regisseur Michael Gracey setzt diesen gemeinsamen Tanz an den Anfang des Films, gibt den Figuren dadurch sehr schnell Tiefe und schafft bereits hier ein Highlight des ganzen Films.

© 2017 Twentieth Century Fox

„A million dreams are keeping me awake.“

Der Film hat keinen Anspruch auf historische Korrektheit hinsichtlich der wahren Persönlichkeit des P. T. Barnum. Er bietet keine Biografie oder kritische Auseinandersetzung mit der historischen Person. Er ist viel eher inspiriert von der Motivation dieses Menschen, der Armut zu entfliehen und seine Träume zu verfolgen. Ein Motiv, das gerade heute viel Aktualität hat und mit dem sich jeder Mensch identifizieren kann. Im Musicalfilm geht es häufig um Träume – der Zuschauer soll animiert werden, diese Träume auch für sich zu verwirklichen oder wenigstens für die Dauer des Films in Träumen anderer Menschen zu stöbern. Der Amerikanische Traum besagt auch, dass du egal woher du kommst, egal wer du bist, etwas aus dir machen kannst. Dies gilt auch für Menschen, die nicht der Norm entsprechen und von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Barnum hat ihr Handicap zu ihrem größten Vorteil gemacht. Das Erkennungsmerkmal des Musicalfilms ist die Dualität, die im Laufe des Films aufgelöst wird. In „The Greatest Showman“ gibt es nicht nur eine Dualität, die sich durch den Film zieht. Es gibt mehrere Gegenteile, die ausgehandelt werden. Ist eine Diskrepanz überwunden, steht die nächste schon vor der Tür. Ein sehr moderner filmischer Zugang – sind die Sehgewohnheiten der Zuschauer heutzutage doch bereits an serielles als auch episodisches Erzählen, wie es beispielsweise in Serien der Fall ist, gewohnt. Durch diesen thematischen Umfang des gesamten Films und die jeweilige Kompaktheit der einzelnen Handlungsstränge hat der Film niemals längere Durststrecken und wird zu keiner Minute langweilig.

© 2017 Twentieth Century Fox

„Everyone’s got an act.“

Für den nötigen Drive im Film sorgt ferner noch die eingängige Musik, die die Übersetzung in die moderne Welt widerspiegelt. Zu hören gibt es Popmusik, die sich durch ein unglaubliches Durchsetzungsvermögen auszeichnet.
Vor allem „This is me“ hat auf textlicher wie auch musikalischer Ebene Nachdruck. Hinzu spielt auch die bemerkenswerte Performance von Keala Settle, die die bärtige Frau Lettie Lutz spielt. Die amerikanische Sängerin und Schauspielerin spielte unter anderem bereits in „Les Misérables“, „Hairspray“, „South Pacific“ und „Waitress“. Mit ihrer Stimme und ihrem Spiel schafft sie es, dieses Lied zum absoluten Highlight und der Hymne des Filmes werden zu lassen.

Auch die restlichen Lieder sind nicht minder spannend. Es gibt die großen Ensemblenummern „The Greatest Show“, „Come Alive“ und „From Now On“ neben dem bereits erwähnten „A Million Dreams“ ist „Rewrite the Stars“ ein weiteres Liebesduett. Die beiden Solonummern „Never Enough“ und „Tightrope“ sind eindrucksvolle Popballaden und mit „The Other Side“ wurde ein fetziges Duett für zwei Männer geschrieben.
Benj Pasek und Justin Paul haben es geschafft, eine Musik für diesen Film zu entwicklen, die man so schnell nicht vergisst und die unter die Haut geht. Ein Hit jagt den anderen – selten kommt es vor, dass die Musik so einheitlich geschlossen, aber zugleich derart abwechslungsreich ist und wirklich jedes Lied Ohrwurmcharakter hat.
Von den Choreografien ganz zu schweigen: Farben, Explosion, Bewegung und Leben sind vier Nomen, die diesen Musicalfilm choreografischen nicht mal im Ansatz vollends beschreiben können. Ensembletänze feiern gleichermaßen ihre Einheitlichkeit als auch ihre Individualität. Die „Pas de deux“ zwischen den Liebespaaren könnte nicht aussagekräftiger sein und über allem schwebt der artistische Einschlag, denn wir befinden uns ja schließlich auch in einem Zirkus.

Wer ist der „Greatest Showman“?

Hugh Jackman! Schon seine Rolle das Jean Valjean in der Verfilmung von „Les Misérables“ zeigte sein Talent für den Musicalfilm. Er war die absolut richtige Wahl für den Protagonisten P.T. Barnum. Eine andere Besetzung wäre kaum denkbar gewesen. Jackman bringt die Begeisterung, die seine Rolle an den Zuschauer transportieren muss, rüber. Er hat Ausstrahlung, Körperlichkeit und Präsenz auf der Leinwand. Selbst wenn er in diesem Film seine Stimme nicht voll zur Geltung gebracht hat, macht er das durch sein Schauspiel und vor allem seine tänzerischen Fähigkeiten wieder wett.
Zac Efron, der in seiner Karriere schon einiges an Musical-Erfahrung sammeln konnte, gibt eine gesanglich und tänzerisch stabile Performance und kann seine Rolle authentisch verkaufen. Gleiches gilt für Michelle Williams, die allerdings mit Abstand die schwächste Sängerin der Cast ist. Rebecca Ferguson singt erst gar nicht selbst, sondern lässt für ihre Gesangparts die „The Voice“-Teilnehmerin Loren Allred zum Zuge kommen. Schauspielerisch ist Ferguson immer eine sichere Nummer und nimmt auf der Leinwand als schwedische Opernsängerin die geforderte Präsenz ein.
Zendaya zeigt als Artistin Anne Wheeler, dass sie neben ihrem schauspielerischen und gesanglichen Handwerkszeug auch in großen Höhen mit Trapez, Ring und Seil umgehen kann.
Das restliche Ensemble singt, spielt und tanzt was das Zeug hält, möchte die Hauptrollen einmal unterstützen ein anderes Mal herausfordern, spielt erst im Vordergrund, um dann in der nächsten Szene wieder in der Masse zu verschwinden. Viel erfährt man nicht über die Menschen, die Barnum in seinem Kuriositätenkabinett beschäftigt, doch das tut dem Film keinen Abbruch. Es räumt der Haupthandlung mehr Screentime ein und konzentriert sich dadurch eher auf das große Ganze anstatt sich in kleinen Details zu verlieren.

© 2017 Twentieth Century Fox

„Like an anthem in my heart.“

Der Film berührt, wirkt aber nie zu kitschig. Große Gefühle werden genauso vermittelt wie die Faszination der Zuschauer für die Show von P. T. Barnum. Die Filmsprache tut ihr übriges, um diese beiden Komponenten des Filmes gleichwertig zu transportieren – eindrucksvolle Bilder, mal voller Leben, mal voller Ruhe. Die Dualität, das Hauptmerkmal des Musicalfilms, passiert auf so vielen verschiedenen Ebenen. Der Film ist anders wie viele seiner Vorgänger. Natürlich hält er dem Vergleich mit Bühnenmusicals und den Themen, die heutzutage dort bearbeitet werden, nicht stand. Aber in seinem Genre als Musicalfilm bietet er eine erfrischende Abwechslung.
Wo wir auch wieder bei der inhaltlichen Botschaft des Films wären. P. T. Barnum formuliert das so: „No one ever made a difference by being like everyone else.“ Die Botschaft vermittelt sich von der ersten Minute an und der sprichwörtliche Funke, der eigentlich durch seinen Live-Charakter der Kunstform Theater vorenthalten ist, springt sogar im Kinosaal über. Häufig muss man dem Impuls widerstehen mitzusingen oder gar mitzutanzen. Am Ende des Films sitzt man im Kinosaal und möchte applaudieren.

Veröffentlichung in Deutschland: 04.01.2018
Länge: 105 Minuten
FSK: 6
Regie: Michael Gracey
Buch: Jenny Bicks, Bill Condon
Musik: Benj Pasek & Justin Paul (Songs), John Debney & Joseph Trapanese (Score)
Kamera: Seamus McGarvey
Schnitt: Tom Cross, Robert Duffy, Joe Hutshing, Michael McCusker, Jon Poll, Spencer Susser
Darsteller: Hugh Jackman (P. T. Barnum), Zac Efron (Phillip Carlyle), Michelle Williams (Charity Barnum), Rebecca Ferguson (Jenny Lind), Zendaya (Anne Wheeler), Keala Settle (Lettie Lutz), Paul Sparks (James Gordon Bennett), Yahya Abdul-Mateen (W. D. Wheeler), Natasha Liu Bordizzo (Deng Yan), Fredric Lehne (Mr. Hallett), u.v.m

Beitragsbild: © 2017 Twentieth Century Fox

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Agnes Wiener
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Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.