Während sich der Zuschauer mit der Frage beschäftigt, ob im Programmheft bei dem Namen „The Knights of Broadway“ ein Fehler unterlaufen ist und über die verschiedenen Sinnzusammenhänge der möglichen Titel – Lights, Knights oder etwa doch Nights – philosophiert und schmunzelnd mit seinem, im Programmheft enthaltenden Päckchen voll goldenen Glitzerstaub, auf den roten Samtstühlen des Staatstheaters Nürnberg Platz nimmt, spitzt bereits die lila-beleuchtete Showtreppe zwischen den Fransen des silbernen Glitzervorhangs hindurch. Zu atmosphärischen Klängen der Band fangen die Spiegelkugeln, die über der Bühne schweben, das Licht im Theatersaal ein. Plötzlich wird es dunkel und was nun von der Bühne aus zu den Zuschauern scheint, sind die Lichter des Broadways.

Am 29. Dezember 2017 feierte die Musical-Revue „The Lights of Broadway“ im Staatstheater Nürnberg Premiere. Musical-Revue – ein spektakulärer Name an sich, haben die Revuen Ende des 19. Jahrhunderts doch selbst einen großen Teil zur Entwicklung des Musicals beigetragen. Damals war die Revue das Stück. In Nürnberg macht man aus mehreren Stücken eine Revue. So schließt sich der Kreis – Solisten, Ensemble und Band nehmen den Zuschauer mit auf eine Zeitreise in die Goldenen Ära des Musicals.

© Jutta Missbach

Glitzer, Glamour, Goldrausch

Das Programm ist durchwegs abwechslungsreich – Stücke aus Musicals wie „Kiss me, Kate“, „Funny Girl“, Caroussel“, „Follies“, „Can-Can“, „Gypsy“, „The Man of La Mancha“, „Cabaret“ und „Chicago“. Umwerfende Divenauftritte treffen auf kultige Ensembletänze – das klassische Liebesduett neben dem „I want“-Song – Swing neben Stepptanz – Bühnenprofi neben Musical-Schüler.
Am Premierenabend ist auch das Publikum altersmäßig bunt gemischt und der Zeitpunkt ein derartige Revue auf die Bühne zu bringen, könnte nicht besser gewählt sein. Denn schließlich hat der Zuschauer die weihnachtlichen Lichter noch im Gedächtnis und die der Feuerwerkskörper an Silvester noch vor sich. Keine Periode des Jahres bietet mehr Offenheit für Glitzer und Glamour. Von der Ausstattung über die Kostüme, bis zum Programmheft überall funkelt und glitzert es ordentlich, wie es sich für die goldene Ära gebührt. Der Broadway ist an diesem Abend so nahe wie noch nie, auch die rote Treppe fehlt nicht. „The Lights of Broadway“ ist mit voller Absicht klischeehaft, um der Ära zu huldigen. Die Kostüme sind bunt, pompös, glänzend, die Requisiten unverkennbar treffend.

© Jutta Missbach

Leidenschaftliche Sänger, Tänzer und Musiker

Die vier Solisten Sophie Berner, Frederike Haas, Gaines Hall und Christian Alexander Müller tragen die Revue – sie sind großartige Broadway-Diven, verzweifelte Liebhaber oder steppende Frohnaturen. Unterstützt werden sie gesanglich und tänzerisch von Schülern der Bayerischen Theaterakademie in München, die, wie die vier Solisten, niemals fehl am Platz wirken und direkt der Goldenen Ära entsprungen sein könnten.
Die Darsteller bieten für den Musical-Liebhaber beste Unterhaltung von Anfang bis Ende. Eine Nummer jagt die nächste, ein Musical-Evergreen folgt auf den anderen, ob Stepptanz-, Gesang- oder Ensemblenummer kein Aspekt der goldenen Musical-Ära wird ausgelassen. Die Show ist für alle Generationen interessant, für die Älteren bietet es den Wiedererkennungseffekt für die jüngeren Musical-Interessierten gibt es einen aufschlussreichen Einblick in die damalige Musical-Landschaft. Die Band unter der Leitung von Kai Tietje holt den Klang vergangener Zeiten aus der verstaubten Mottenkiste und erneuert ihn mit einer gehörigen Portion Glitzer. Statt im Orchestergraben spielen sie auf der Bühne und werden auch visuell Teil der Vorstellung.

© Jutta Missbach

Wenn der „kleine Bruder“ von Fred Astaire steppt…

Obwohl alle Darsteller eine tolle Leistung bieten, ist der unangefochtene Star der Show Gaines Hall. Der Zuschauer hat den Eindruck den kleinen Bruder von Fred Astaire vor sich zu haben, denn kein anderer verkörpert die goldene Ära des Broadways so authentisch wie er. Schließlich hat er schon in seiner Kindheit auf diese Musik gesteppt und steht seinem Vorbild in nichts nach. Seine Leidenschaft für das klassische Musical zeigt sich unter anderem in seinem Lebenslauf, finden sich dort doch zahlreiche Klassiker: „My Fair Lady“, „Kuss der Spinnenfrau“, „Crazy for You“, „Kiss me, Kate“ und „Singin in the Rain“, wo er zuletzt 2015 in der Rolle des Don Lockwood am Staatstheater Nürnberg zu sehen war. Zudem entwickelte er das Konzept, inszenierte und choreografierte die „Lights of Broadway“-Revue. Seine Steppnummern sind die Highlights des Abends, seine Moderationen voller Witz und Charme. Ein besonderer Moment ist der Gershwin-Klassiker „I got rhythm“ aus „Girl Crazy“, wenn Gaines Hall mit drei Studenten zusammen steppt und dies mit den Worten kommentiert: „Wir machen das, damit unsere Kostüme zur Geltung kommen.“

© Jutta Missbach

Diese Revue ist nicht nur ein unterhaltsamer Abend, sondern lässt auch die Musicals, die in den letzten Jahren im Staatstheater Nürnberg auf der Bühne waren noch einmal aufleben, denn Intendant Peter Theiler wechselt in der nächsten Spielzeit nach zehn Jahren am Staatstheater Nürnberg an die Semperoper Dresden. Die Revue ist aber in keinem Fall ein „Best-Of“ oder eine Abschiedsveranstaltung. Sie ist ein Abend zu Ehren der Goldenen Ära des Musicals und für den eingefleischten Musical-Fan ist der Besuch der Vorstellung ein Muss.

In der laufenden Spielzeit gibt es noch einige Vorstellungstermine.
Weitere Informationen und Tickets findet ihr hier.

„The Lights of Broadway“ in Nürnberg

Premiere: 29.12.2017 (Staatstheater Nürnberg)
Besuchte Vorstellung: 29.12.2017 (Staatstheater Nürnberg)
Musikalische Leitung: Kai Tietje
Konzeption, Inszenierung und Choreografie: Gaines Hall
Mitarbeit Regie: Annika Nitsche
Bühne: Marie Pons
Kostüme: Lena Scheerer
Licht: Karl Weidemann
Sound: Boris Brinkmann
Arrangements: Kai Tietje, Frank Engel
Dramaturgie: Kai Weßler

Solisten: Sophie Berner, Frederike Haas, Gaines Hall, Christian Alexander Müller
Ensemble: Sophie Mefan, Miriam Neumaier, Tamara Pascual, Patrizia Unger, Tobias Rupprecht, Johannes Osenberg, Tobias Stemmer, Daniel Wagner
The Knights of Broadway: Günter Voit, Christian Reinhard, Peter Braun, Florian Wehse, Christian Ehringer, Sebastian Strempel, Jürgen Neudert, Denis Cuni, Andreas Blüml, Philipp Webendörfer, Norbert Meyer-Venus, Christoph Huber, Esteban Domínguez-Gonzalvo, Francesco Greco, Kai Tietje

Beitragsbild: © Jutta Missbach

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.