Bekannt durch den gleichnamigen Film mit Omar Sharif und Julie Christie inszeniert die Musikalische Komödie in Leipzig das Musical „Doktor Schiwago“. Die deutsche Erstaufführung begeistert mit grandiosen Darstellern und einer dramatisch-rührenden Liebesgeschichte.

Filmklassiker und Historienepos, die Verfilmung von „Doktor Schiwago“ aus dem Jahre 1965 wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet und gilt bis heute als Meilenstein der Filmgeschichte. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Boris Pasternak erzählt der Film den Lebensweg des russischen Doktors Jurij Schiwago, der hin- und hergerissen zwischen zwei Frauen versucht, seiner Berufung als Arzt nachzugehen und nebenbei noch Gedichte zu schreiben. Ähnlich zu „Vom Winde verweht“ ist die Liebesgeschichte auch hier in einen historischen Kontext eingebettet, der vom ersten Weltkrieg über die Oktoberrevolution bis hin zum russischen Bürgerkrieg reicht und den Zuschauer mit seiner Fülle an historischen Gegebenheiten und Eindrücken nahezu erschlägt.

© Kirsten Nijhof

Der fast vierstündige Film stellt die kreativen Köpfe dieser Welt vor die beinahe unlösbare Aufgabe, die komplette Lebensgeschichte Schiwagos von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter in ein Bühnenwerk zu gießen. Das 2006 entstandene und 2011 in seiner heutigen Fassung uraufgeführte Musical „Doctor Zhivago“ kann selbst als Epos bezeichnet werden und ist sicherlich keine leichte Kost. Mit einer Spieldauer von über drei Stunden ist das Stück lang, aber nie langwierig. Kleine Abweichungen vom Film zeichnen sich im Laufe der Handlung ab, bleiben aber immer schlüssig.

Die Songtexte stammen von Michael Korie und Amy Powers, während für die Musik Grammy-Gewinnerin Lucy Simon verantwortlich ist, die ebenfalls das Musical „The Secret Garden“ komponierte. („Doctor Zhivago“ und „The Secret Garden“ sind beide in unserem Geheimtipp-Ranking der schönsten Musical-Scores vertreten.) Nachdem „Doctor Zhivago“ in Australien erste Erfolge verbuchen konnte, zog die russische Kompanie 2015 weiter nach New York. Der Broadway-Ausflug endete im Desaster, nach nur einem Monat wurde die Produktion eingestellt. Im noch jungen Jahr 2018 verwandelt sich nun Leipzig in das schneebedeckte Zarenreich. Die dort ansässige Musikalische Komödie wagt mit der deutschen Erstaufführung von „Doktor Schiwago“ einen Sprung ins kalte Wasser, oder besser gesagt, in den kalten Schnee. Und der gelingt.

Dazu tragen in großem Maße Lucy Simons Kompositionen bei, die neben Kampfmärschen und russisch angehauchten Volkstänzen vor allem dramatisch-traurige Momente zu bieten haben. Zahlreiche Balladen geben sowohl Jurij Schiwago als auch seinen beiden Angebeteten Raum, ihre Gefühle auszudrücken. Und das hat das Musical dem Film definitiv voraus. Alle Gefühlsebenen werden bedient und ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt. Jede denkbare Konstellation der Hauptcharaktere findet sich irgendwann in einem Duett wieder. Ob „Sieh zum Mond“ oder „Jetzt“, Romantik ist garantiert. Die Motivationen und Emotionen der Hauptcharaktere finden in zahlreichen Soli ihren Ausdruck. Auch die deutschen Übersetzungen von Sabine Ruflair gehen leicht ins Ohr und sind äußerst gelungen. Die eindrücklichste Melodie des Abends bleibt jedoch „Lara’s Theme“ aus der Filmversion.

© Kirsten Nijhof

Zwischen Leidenschaft und Revolution

Cusch Jung beweist mit seiner Inszenierung an der MuKo, dass er das richtige Händchen für dramatische Liebesgeschichten hat. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem Innenleben Schiwagos, ohne dabei den historischen Bezug zu verlieren. Es wird geschossen, geblutet und gestorben. Die wehenden Fahnen der Bolschewisten erinnern an den Kampf der Revolutionäre in „Les Miserables“, nur, dass die Bösen nun auf der anderen Seite stehen. Wobei, wirklich böse ist hier niemand. Obwohl die politischen Fronten wenig kritisch betrachtet werden, die Handlungen beider Seiten sind nachvollziehbar. Die zahlreichen Liebesduette bewegen sich am Rande des Kitschs, den Cusch Jung gekonnt umgeht. Eine flüchtige Berührung hier, ein Tänzchen da, die Liebe zwischen Jurij und Lara entwickelt sich im Laufe des Musicals von einer zarten Bande hin zu stürmischer Leidenschaft und kompletter Aufopferung. Normalerweise würde man sich mit einem Mann, der zweigleisig fährt und sich dabei selbst bemitleidet, nicht unbedingt identifizieren oder ihn gar als Sympathieträger sehen. Doch die MuKo beweist mit der Auswahl ihrer Darsteller, es geht auch anders.

Allen voran Jan Ammann als Doktor Jurij Schiwago, der einen zerrissenen und verzweifelten Protagonisten abgibt und der ganzen Dramatik mit seiner schönen Baritonstimme eine besondere Schwere verleiht. Auch schauspielerisch schafft er das, was Omar Sharif nicht geschafft hat: Dem Zuschauer begreiflich zu machen, wieso Jurij sich aus der Politik heraushält. Er lebt für seine Dichtung und seine Familie und all das gerät ins Wanken, als er Lara kennenlernt. Ohne das Ende zu verraten, so mitgenommen hat man Jan Ammann lange nicht gesehen.

Auch die Performance der beiden Damen an seiner Seite ist nicht minder lobenswert. Hanna Mall, die erst 2016 ihren Abschluss an der Folkwang Universität der Künste machte, verkörpert Tonia, die Kindheitsfreundin und spätere Ehefrau Schiwagos. Das tut sie mit einer unglaublichen Grazie, aber vor allem auch Ruhe und Demut, die einen begreifen lässt, wie sehr Schiwago seine Frau braucht. Ihre glockenklare Stimme tut ihr übriges.

Auf der anderen Seite ist da Lisa Habermann, die auf der Bühne gekonnt in die Rolle der leidenschaftlichen und manchmal auch naiven Lara schlüpft. Ebenso wie Hanna Mall überzeugt sie mit ihrer schönen Stimme, die einen ganz eigenen, unverwechselbaren Klang hat. Gemeinsam im Duett mit Jan Ammann läuft sie zur Hochform auf. Selten habe ich ein leidenschaftlicheres Bühnenpaar erlebt.

Was bleibt in dieser ménage à trois? Meines Erachtens sind es die beiden Hauptdarstellerinnen, die den Zuschauer verstehen lassen, in welchem Dilemma sich Jan Ammann alias Doktor Schiwago befindet. Die beiden Frauen, die so verschieden, aber sich irgendwo doch auch ähnlich sind – der anderen kaum in die Augen blicken können, aber ihr Gegenüber am Ende doch verstehen – erweichen spätestens bei ihrem gemeinsamen Duett „Und doch wundert es mich nicht“ jedes Herz.

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Das neue „Les Misérables“

Die außerordentliche Vielschichtigkeit und Menschlichkeit, mit der die Charaktere gezeichnet sind, setzt sich in Form von Pascha Antipov, Laras Ehemann, fort. Der anfangs begeisterte, aber menschlich unerfahrene Revolutionär mutiert zum skrupellosen Anführer der roten Armee. Dieser Wandel vom jungen Träumer hin zum manchmal mehr, manchmal weniger eiskalten Killer wird glaubhaft von Björn Christian Kuhn dargestellt, der seiner Figur eine äußert differenziert gezeichnete Persönlichkeit verpasst.

Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Ob Patrick Rohbeck, der dem durchtriebenen Antagonisten Komarovskij Leben einhaucht, oder Sabine Töpfer und Michael Raschle als Jurijs Adoptiveltern, alle Darsteller überzeugen in ihren Rollen. Premiere feierte auch Stephen Budd als junger Soldat Janko, der eigentlich dem Tanzensemble angehört und mit „Doktor Schiwago“ einen Ausflug in andere Gefilde wagt. Die drei Kinderdarsteller, die im Laufe des Abends immer wieder in verschiedenen Rollen agieren, machen ihre Sache ebenfalls super.

Besondere Anerkennung gilt dem großen Ensemble der Oper Leipzig, das Ballett und Oper vereint, ohne, dass die Darsteller dem einzelnen Genre zuzuordnen sind. Als homogene Massen rufen sie zum Krieg auf, tanzen im Frühling oder feiern rauschende Feste. Die stimmgewaltigen Sänger verleihen der ganzen Thematik mit ihren Stimmen die nötige Schwere und Dramatik.

Voll des Lobes geht es weiter. Kostüme und Bühnenbild gestalten sich umfangreich, detailgetreu und historisch authentisch. Sowohl Holzhütten im Wald als auch das Stadthaus der Familie Schiwago werden mit einzelnen Bühnenelementen angedeutet, während der Anführer der Revolution von einem kühlen Gerüst herunter seine Befehle gibt. Die gesamte Bühne wird voll ausgenutzt. Die Proxemik macht die Handlung lebendig und als Zuschauer entdeckt man immer wieder neue Komponenten. Im einen Moment streunt eine gehetzte Lara durchs Publikum, im nächsten versteckt sich Jurij Schiwago verzweifelt am Bühnenrand.

© Kirsten Nijhof

Was bei so manchen Produktionen unter den Tisch fällt, ist die Lichtgestaltung. Doch nicht in der Musikalischen Komödie. Mit Taschenlampen kämpfen sich die Bolschewisten durch den Schnee und die nicht wenigen angedeuteten Kampfszenen werden durch diffuses Licht zum Leben erweckt.

Nicht zuletzt spielt das über 20 Mann starke Orchester unter der Leitung von Christoph-Johannes Eichhorn souverän und auch der Ton ist perfekt ausgesteuert, bei einer Premiere keine Selbstverständlichkeit.

Abschließend bleibt nur eines zu sagen: „Doktor Schiwago“ ist meiner Meinung nach die Musicalentdeckung des, zugegeben noch jungen, Jahres. Die Vorlage bietet dankbaren, aber auch nicht einfachen Stoff, den die MuKo in Leipzig gekonnt inszeniert. Die Rahmenbedingungen stimmen, die Darsteller laufen zur Hochform auf und egal, ob man mit der Thematik vertraut ist oder nicht, diese Liebesgeschichte berührt jedermann. Am Ende bleibt nur noch eines zu sagen: „Zum Heulen schön.“

„Doktor Schiwago“ – Leipzig

Uraufführung: 11.02.2011 (Lyric Theatre, Sydney)
Deutschlandpremiere/besuchte Vorstellung: 27.01.2018 (Musikalische Komödie, Leipzig)
Buch: Michael Weller
Deutsches Buch: Jürgen Hartmann
Musik: Lucy Simon
Texte: Michael Korie & Amy Powers
Deutsche Texte: Sabine Ruflair
Musikalische Leitung: Christoph-Johannes Eichhorn
Inszenierung: Cusch Jung
Choreografie: Mirko Mahr
Bühnenbild/Kostüm: Karin Fritz
Choreinstudierung: Mathias Drechsler
Dramaturgie: Elisabeth Kühne

Besetzung: Jan Ammann (Jurij Schiwago), Lisa Habermann (Lara Guichard), Hanna Mall (Tonia Gromeko), Björn Christian Kuhn (Pascha Antipov), Patrick Rohbeck (Viktor Komarovskij), Sabine Töpfer (Olga/Anna Gromeko), Michael Raschle (Alexander Gromeko), Milko Milev (Markel/Gints), Stephen Budd (Janko)

Beitragsbild: © Kirsten Nijhof

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Vanessa Fatho
„Music can name the unnameable and communicate the unknowable.“ - (Leonard Bernstein)

Lieblings-Musical(s): „Tanz der Vampire“, „Les Misérables“, „Singin’ in the Rain“, „Rent“
Lieblings-Komponist:Leonard Bernstein, Andrew Lloyd Webber, Lin-Manuel Miranda und Sylvester Leavy
Lieblings-Texter: Michael Kunze, Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: ... ich in meiner Kindheit unbedingt eine Katze haben wollte und das Musical „Cats“ entdeckte.
An Musicals fasziniert mich: ... die Emotionen, die in mir geweckt werden. Die Musik ruft Gefühle hervor, die mit Worten gar nicht erzeugt werden können. Dabei wird einem nie langweilig, denn das Genre erfindet sich immer wieder neu und ist an Vielfalt kaum zu überbieten.