Diese Spielzeit ist auf dem Spielplan des Theater Dortmund das Musical „Hairspray“ zu finden. Die Produktion überzeugt mit einem tollen Cast und wunderbaren Tanzdarbietungen. Ein Abend, der das Publikum sowohl zum Nachdenken bewegt als auch dazu, Tränen zu lachen.

Der Blick durch den Zuschauerraum überraschte mich. Ich hatte nicht erwartet, dass der Altersdurchschnitt in einer Musicalaufführung an einem Stadttheater doch so hoch sein würde. Umso gespannter war ich, wie das Musical ankommen würde.

Leider begann die Show mit einem kleinen technischen Defekt. Beim Song „Good Morning Baltimore“ war Marja Hennicke (Tracy Turnblad) erst beim ersten Refrain zu hören. Auch danach hatte ich immer wieder den Eindruck, dass die Mikrofone nicht richtig aufeinander abgestimmt waren, wodurch leider häufig der deutsche Text nicht richtig zu verstehen war. Trotz aller technischer Schwierigkeiten wurde ich nach kurzer Zeit in die Welt von „Hairspray“ hineingezogen.

© Bjoern Hickmann / Stage Picture

„Willkommen in den Sixties“

„Hairspray“ erzählt die Geschichte der Teenagerin Tracy Turnblad in Baltimore im Jahr 1962, welche den Traum verfolgt, als Tänzerin in der „Corny Collins Show“ auftreten zu dürfen. Tatsächlich schafft sie es, die Schule zu schwänzen und zu einem Vortanzen zu gehen. Dort wird Tracy allerdings rausgeworfen, da sie nicht dem damaligen Schönheitsideal entspricht und sowieso viel zu hoch toupierte Haare hat. Doch nicht nur das, in der Show gibt es auch einen jungen Mann, der ihr sehr gut gefällt: Link, Frauenschwarm und Freund von Amber von Tussel, der Tochter der Show-Produzentin Velma von Tussel. Velma versucht mit allen Mitteln, ihre Tochter ins Rampenlicht zu stellen und ist sich keinen Mitteln zu schade, die Konkurrenz auszuschalten. Sie möchte außerdem sicher gehen, dass an ihrer Show nur weiße Jugendliche mitwirken.

Das passt aber Tracy Turnbald gar nicht und so versucht sie nicht nur, gegen die Diskriminierung ihrer selbst, sondern auch gegen die Diskriminierung der Schwarzen vorzugehen. Unterstützt wird sie dabei von ihren Eltern, ihrer besten Freundin Penny Pingelton, ihrem neu gewonnenen Freund Seaweed, seiner Mutter und Schwester und letztendlich doch noch von Link, der sich gegen seine Karriere und für die gute Sache entscheidet. Zum Schluss heißt es dann Ende gut, alles gut und „Niemand stoppt den Beat“!

„Du bist zeitlos für mich“

© Bjoern Hickmann / Stage Picture

Mit der Produktion am Dortmunder Theater schafft Regisseurin und Choreografin Melissa King eine homogene Inszenierung vor der glaubhaften Kulisse der USA in den 1960er-Jahren. Im Stück gibt es 24 Nummern, welche King mit Bravour choreografiert hat. Und auch, wenn man als Zuschauer während der ganzen Vorstellung genug zu staunen hat, so ist das Musical doch viel mehr als nur ein netter Abend voller Unterhaltung. Neben dem Tanz und den Melodien mit Ohrwurmpotential geht es doch vor allem um das Libretto, das alles andere ist als nur simple Unterhaltung.

Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei „Hairspray“ um eine gute Komödie, die einen vom Schmunzeln bis zum Tränenlachen bringt. Doch sieht man sich das Stück ein bisschen genauer an und hört auf den Text, so ist sehr schnell klar, dass die Autoren  Mark O’Donnell und Thomas Meehan es geschafft haben, auf eine lustige und humorvolle Art und Weise den Zuschauer mit sozialen und politischen Themen zu konfrontieren. Sei es nun der Feminismus, welcher durch die Figur Tracy Turnblad verkörpert wird, LGBT-Rechte, welche die Figur Edna, Tracys Mutter, widerspiegelt oder natürlich auch Rassismus. Durch die doch sehr werktreue Inszenierung wird dem Zuschauer bewusst, dass sich seit den 1960er Jahren an der Brisanz dieser Themen bis heute nichts, oder nur wenig, verändert hat. Sehr deutlich wird es vor allem dann, als das Ensemble mit einem riesigen Banner, auf welchem „Integration now“ geschrieben steht, über die Bühne läuft. Und so verlässt der Zuschauer das Dortmunder Theater zwar gut gelaunt und voller Ohrwürmer, aber doch auch mit Stoff für Gespräche und zum Nachdenken.

„Breit, blond und blendend“

Mit dem Cast hat Melissa King einen Volltreffer gelandet. Marja Hennicke spielt ganz bezaubernd die junge Tracy Turnbald, die sich voller Mut und Begeisterung für das einsetzt, was ihr wichtig ist, sei es nun für ihre eigene Gerechtigkeit oder die ihrer Freunde. Maja Hennicke versprüht auf der Bühne die unterschiedlichsten Emotionen, die Tracy während ihrer Entwicklung durchlebt und steckt damit das ganze Publikum an.

Jörn-Felix Alt gibt einen wirklich überzeugen Link ab. Zunächst geht es ihm nur um seine Karriere im Fernsehen, doch dann, als er als er Tracy kennenlernt und zu seinen Gefühlen für sie stehen kann, entwickelt er sich zu einem ganz neuen Link und dem perfekten Schwiegersohn. Jörn-Felix Alt überzeugt durch sein darstellerisches Können und durch sein Talent, Link durch seine Bewegungen einen ganz eigenen Stempel zu verleihen.

Als Tracys liebevollen Eltern stehen Ks. Hannes Brock und Fritz Steinbacher Seite an Seite auf der Bühne und werden schnell zu den eigentlich Publikumslieblingen. Ihre Darstellung der liebevollen Eltern und des sich liebenden Ehepaars ist Balsam für die Seele. Die beiden Darsteller zeigen, welche Gefühle man als Eltern zu bewältigen hat, wenn die Kinder langsam erwachsen werden und auch, wie wichtig Aufmerksamkeit, Respekt und Akzeptanz in Beziehungen sind.

© Bjoern Hickmann / Stage Picture

Die Antagonistinnen des Stückes sind Amber von Tussel, gespielt von Marie-Anjes Lumpp, und ihre Mutter Velma von Tussel, gespielt von Sarah Schütz. Auch wenn die beiden Figuren die Gegenspieler von Tracy sind und nicht unbedingt die Sympathie des Publikums auf sich ziehen, so tragen die beiden Darstellerinnen durch ihr dramatisch-komisches Schauspiel dazu bei, dass man sich als Zuschauer sowohl köstlich über ihre Engstirnigkeit amüsiert, als auch ein bisschen Mitleid mit ihnen verspürt.

Als beste Freundin und im wahrsten Sinne „Partnerin in crime“ steht Tracy ihre beste Freundin Penny Pingelton, dargestellt von Annakathrin Naderer, zur Seite. Penny ist etwas schüchterner als Tracy und traut sich – unter der Fuchtel ihrer Mutter (Johanna Schoppa) stehend – nicht immer, ihre Meinung zu äußern. Erst, als sie Seaweed (Michael B. Sattler) kennenlernt und die beiden sich ineinander verlieben, gewinnt sie den Mut, mehr für ihre Überzeugungen einzustehen. Penny hat wohl von all den Figuren die größte Figurenentwicklung – von der schüchternen Schülerin hin zu der selbstbewussten jungen Frau, die sich nicht dafür schämt, in einen afroamerikanischen jungen Mann verliebt zu sein. Michael B. Sattler steht Annakathrin Naderer dabei in keinster Weise nach. Für Seaweed spielt die Hautfarbe keine Rolle und sein natürlicher Umgang damit verändert Pennys Leben. Beide Darsteller schaffen es von der ersten Sekunde an, die Sympathie des Publikums auf sich zu ziehen.

Als Gegenspielerin zu Velma von Tussel verkörpert Deborah Woodson Seaweeds Mutter Motormouth Maybelle. Als einzige afroamerikansiche erwachsene Figur im Musical ist sie diejenige, die Tracy über die Rassentrennung zwischen schwarz und weiß aufklärt. Deborah Woodson brilliert in ihrem Song „So sieht das aus“ mit ihrer Soul-Stimme und sorgt für Jubel und für Tränen bei den Zuschauern.

Auch das Ensemble zeigt eine charakterstarke Leistung und begeistert vor allem in den Gruppenchoreografien. Ohne das Ensemble und ohne die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster wäre diese Produktion nicht das, was sie geworden ist: Energiegeladen und eine fantastische Gute-Laune-Inszenierung! Und zurecht wurden alle zum Schluss mit jubelnden Applaus und stehenden Ovationen belohnt!

Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.

Weltpremiere: 15. August 2002 (Neil Simon Theatre, New York)
Premiere der deutschsprachigen Fassung: 15. April 2008 (Theater St. Gallen)
Buch: Mark O’Deonnell und Thomas Meehan
Musik: Marc Shaiman
Deutsches Libretto: Jörn Ingwersen und Heiko Wohlgemuth
Musikalische Leitung: Philipp Armbruster
Regie/Choreographie: Melissa King
Bühnenbild: Knut Hetzer
Kostüm: Judith Peter
Licht: Florian Franzen
Dramaturgie: Wiebke Hetmanek

Besetzung: Marja Hennicke (Tracy Turnblad), Ks. Hannes Brock (Edna Turnblad), Fritz Steinbacher (Wilbur Turnblad), Deborah Woodson (Motormouth Maybelle), Michael B. Sattler (Seaweed), Dapheny Oosterwolde (Inez), Morgan Moody (Corny Collins), Jörn-Felix Alt (Link Larkin), Sarah Schütz (Velma von Tussle), Marie-Anjes Lumpp (Amber von Tussle), Annakathrin Naderer (Penny Pingelton), Johanna Schoppa (Prudy Pingelton), Andreas Christ (Mr. Pinky/Mr. Spitzer u.a.), Taryn Anne Nelson (Pearl, Dynamite), Denise Lucia Aquino (Peaches, Dynamite), Anneka Dacres (Cindy Watkins, Dynamite), Danilo Brunetti (Motormouth Dancers), Lorenzo Kolf (Motormouth Dancers), Giovanni Eduard Menig (Motormouth Dancers), Karina Kettenis (Das Komitee), Myriam Küppers (Das Komitee), Andre Kuhmann (Das Komitee), Romina Markmann (Das Komitee), Anton Schweizer (Das Komitee), Jendrik Sigwart (Das Komitee), Simon Staiger (Das Komitee), Sara Taimouri (Das Komitee)

Beitragsbild: © Bjoern Hickmann / Stage Picture

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Brigitte Schumacher
„A film, a piece of theatre, a piece of music, or a book can make a difference. It can change the world.“ – (Alan Rickman)

Lieblings-Musical(s): „Elisabeth“, „Grease“, „Hamilton“, „Miss Saigon“, „Phantom der Oper“, „Rent“ und „West Side Story“
Lieblings-Komponist:Leonard Bernstein, Andrew Lloyd Webber, Lin-Manuel Miranda und Sylvester Leavy
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda und Jonathan Larson
Musical-Fan seit: Ich in meinem Kinder-und Jugendchor mit ca. 10 Jahren Medleys von „Grease“ und den Andrew Lloyd Webber Musicals gesungen habe.
An Musicals fasziniert mich: Neben der Verbindung unterschiedlicher Arten der darstellenden Künste in einem Genre, finde ich die Entwicklung des Musicals von seinen Ursprüngen bis heute spannend. Anders als im klassischen Musiktheater, kann hier passend zum Plot eines Werkes zeitgenössische Musik verwendet werden. Dadurch können ganz bestimme Emotionen, Assoziationen und Verknüpfungen zwischen einem Stück und seinem Publikum hergestellt werden.