Schon seit Langem wurde keine Musicalproduktion mehr so sehnsüchtig erwartet wie die Europa-Premiere der Musicalrevolution aus der Feder von Lin-Manuel Miranda. Seit Anfang Dezember läuft das Musical über Alexander Hamilton nun im frisch renovierten Victoria Palace Theatre in London und hält alle Versprechungen, welche der Hype rund um dieses Stück bereits lange im Vorfeld aufgebaut hat.

„Wait for it“ ist wohl das Motto für jeden, der sich nicht von der Bezeichnung „Rap-Musical“ hat abhalten lassen und es gewagt hat, sich in das Album des gefeierten Broadway-Hits reinzuhören. Während ich im wahren Leben eher der „Go for it“-Typ bin, waren für mich die letzten Jahre des Wartens (ja, es sind Jahre geworden) eine wahre Tortur. Vor allem, da die Karten für meine erste „Hamilton“-Vorstellung in London zwar dank des neu eingeführten „Paperless Ticket System“ nicht zuhause rumlagen, aber das Datum schon über ein Jahr im Voraus feststand. Die Angst, dass aus dem Warten inzwischen eine Obsession geworden ist, die es dem Stück unmöglich macht, live meine Erwartungen zu erfüllen, war zwar groß, aber absolut unbegründet. Mehr noch: Ich bin eigentlich vorsichtig mit der Aussage, dass ein Musical das beste ist, welches ich je gesehen habe, aber bei „Hamilton“ fällt es mir wahrlich schwer, mich diesbezüglich zurückzuhalten.

© Matthew Murphy

„Hamilton“ befasst sich mit dem Leben des relativ unbekannten Gründervaters der USA Alexander Hamilton, welcher es aufgrund seines unermüdlichen Ehrgeizes vom armen Waisenkind von den Karibischen Inseln nach New York schaffte und sich als rechte Hand von Georg Washington bis zum ersten Finanzminister der USA hocharbeitete. Neben seinem politischen und privaten Aufstieg befasst sich das Musical auch mit den dramatischen Rückschlägen Hamiltons, welche unter anderem auch zum legendären Duell mit Aaron Burr und seinem frühen Tod führten. Das Musical steht zudem sinnbildlich für alles, was die USA verkörpert und zeigt am Leben von Alexander Hamilton das klassische Beispiel des Amerikanischen Traums, laut dem es auch der Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann, wenn er nur hart genug dafür arbeitet. Diese Thematik gepaart mit der Musik des 21. Jahrhunderts hat dafür gesorgt, dass „Hamilton“ in ganz Amerika eingeschlagen ist wie eine Bombe.

Wait for it

© Matthew Murphy

Wer das Album kennt, kennt auch die gesamte Handlung des komplett durchkomponierten Stückes. Bis auf ein bis zwei Szenen enthält „Hamilton“ – auf musikalischer Seite – keine großen Überraschungen bereit, welche man nicht bereits durch das Hören des Albums gekannt hätte. Und doch saß ich selten so gebannt in einem Musical. Ein Großteil der Anerkennung gebührt hierbei definitiv Lin-Manuel Miranda, der nicht nur die Idee zum Musical hatte, sondern auch die Musik und Lyrics im Alleingang verfasste. Während der musikalische Fokus auf den Rap und Hip-Hop-Parts des Musicals liegt, finden sich auch viele weitere Stilrichtungen wie Pop oder Jazz in dem komplexen Score wieder. „Hamilton“ zeigt eindrucksvoll, dass man Musical nicht auf eine einzige Musikrichtung festlegen sollte, sondern dass diese Kunstform sich aus allen Stilrichtungen problemlos bedienen kann. Eine Gesamtaufnahme eines Musicals kann natürlich trotzdem nicht mit dem Live-Feeling im Theater selbst mithalten und „Hamilton“ ist es definitiv wert, live gesehen zu werden. Die einzelnen Elemente wie Choreographie, Lichtdesign und Bühnenbild fassen wie kleine Zahnrädchen ineinander und bescheren dem Zuschauer ein perfekt getimtes Spektakel, bei dem es nie langweilig wird, obwohl man den Ausgang des Stückes aufgrund der Eröffnungsszene „Alexander Hamilton“ bereits im Vorfeld kennt. Während sich die einzelnen Komponenten der Show perfekt unterstützen, ist es vor allem der Stilbruch, der es mir besonders angetan hat. Die klassischen Kostüme und zum Teil auch historischen Texte gepaart mit Rap-Battles und modernen Hip-Hop-Moves bescheren jedem Musicalfan einerseits das klassische Kostümdrama, andererseits revolutioniert „Hamilton“ das Genre endlich in eine zeitgemäße Richtung, wie es schon lange – zumindest bei Großproduktionen – überfällig gewesen ist.

Finally in the room where it happens

Lange hielten sich die Gerüchte oder auch Hoffnungen hartnäckig, dass Lin-Manuel Miranda auch in der Londoner Premierenbesetzung in die Titelrolle des Alexander Hamilton schlüpfen würde. Letzten wurde der junge, noch relativ unbekannte Schauspieler Jamael Westman, welcher erst kürzlich seinen Abschluss an der Royal Academy of Dramatic Art (RADA) machte, gecastet. Sein Hamilton ist der junge Chaot, der vielleicht wirklich manchmal erst nachdenken sollte, bevor er redet und trotzdem oder genau deswegen schließt man ihn ziemlich schnell ins Herz. Während man aufgrund des jahrelangen Hörens des Broadway-Albums inzwischen die Rolle des Hamilton unweigerlich mit Lin-Manuel Miranda in Verbindung bringt, hat die Stimme von Jamael Westman keinen großen Wiedererkennungswert und bleibt nach dem ersten Hören nicht besonders im Gedächtnis. Vor allem durch seine Größe und schauspielerischen Fähigkeiten schafft er es dann jedoch ziemlich schnell, aus dem Schatten Mirandas zu treten. Alternierend steht noch Ash Hunter in der Titelrolle des Alexander Hamilton auf der Bühne.

© Matthew Murphy

Während mir bei der Rolle des Hamilton stimmlich immer Lin-Manuel Miranda im Kopf herumspukte, war bei der Rolle des Aaron Burr genau das Gegenteil der Fall. Hier ist im Original Leslie Odom Jr. zu hören, welchen ich bisher als absolut perfekt in der Rolle empfand. In London steht Giles Terera als Hamiltons Gegenspieler auf der Bühne. Seine Stimme ist unfassbar markant und ich würde sie in Verbindung mit seinem leichten, nicht weiter störenden Lispeln wahrscheinlich immer wiedererkennen. Im ersten Moment war ich offen gestanden etwas überrascht, weil seine Interpretation eben sehr weit von der mir bekannten abgewichen ist. Nachdem ich mich jedoch an seine Stimme gewöhnt hatte, war ich regelrecht besessen von Tereras Performance. Aaron Burr steht fast nonstop auf der Bühne und hat neben seinen gerappten Parts als Erzähler mit „Wait For It“ und „Room Where It Happens“ auch zwei der stärksten Soli abbekommen. Auch schauspielerisch ist seine Performance eine Wucht und es wird dem Zuschauer schnell klar, dass Burr eben nur der „villain“ in Hamiltons Geschichte ist und nicht als allgemeiner Bösewicht angesehen werden kann.

Während das Hauptaugenmerk zwar auf den beiden männlichen Kontrahenten Hamilton und Burr liegt, sollte man in „Hamilton“ auf keinen Fall die Damen außen vor lassen. Die Schuyler Sisters werden in London von Rachelle Ann Go als Hamiltons Frau Eliza, Rachel John als Angelica und Christine Allado als Peggy (sowie im zweiten Akt als Maria Reynolds) gemimt. Bereits in ihrem ersten Song „Schuyler Sisters“ wird klar, dass Miranda der Frauenwelt mehr geben wollte als nur die unterstützende Nebenrolle im Leben starker männlicher Politiker. Während Angelica Schuyler bereits von Anfang an als starke emanzipierte Frau auftritt, die Hamilton immer beratend zur Seite steht, ist die Rolle der Eliza anfangs eher als brave Ehefrau angelegt, die trotzdem stets mit ihren weisen Worten Potenzial zu mehr hat. Spätestens beim emotionalen Finale gibt Miranda ihr die Bühne, die diese bedeutende Frau verdient hätte.

Besonders begeistert war ich von der Idee der Doppelrollen und dass viele Darsteller im zweiten Akt einen anderen Charakter übernehmen, welcher jedoch trotzdem eine ähnliche Beziehung zu Hamilton hatte. Jason Pennycooke übernimmt die Rolle des „America’s favorite fighting Frenchman“ Lafayette, der im ersten Akt zusammen mit Hamilton im Unabhängigkeitskrieg kämpft und anschließend zurück nach Frankreich geht. Im zweiten Akt gibt er den Thomas Jefferson, der wiederum als ehemaliger Botschafter aus Frankreich heimkehrt und weniger mit als gegen Hamilton in politischen Auseinandersetzungen kämpft. Egal ob als Lafayette oder als Jeffferson, Pennycooke hat das Publikum auf seiner Seite und erntet den größten Szenenapplaus beim inzwischen zum Kult avancierten „Immigrants, we get the job done“-Satz. An Jeffersons Seite ist stets James Madison zu finden, welcher von Tarinn Callender verkörpert wird. Auch er entwickelt sich zu einem von Hamiltons politischen Gegenspielern, der im ersten Akt noch zu seinem Freundeskreis zählte: Hercules Mulligan. Den emotionalsten Doppelpart übernimmt Cleve September als Hamiltons bester Freund John Laurens im ersten und als Hamiltons ältester Sohn Philipp im zweiten Akt. Beide Rollen müssen frühzeitig das Zeitliche segnen und sorgen für äußerst emotionale Momente in Hamiltons Leben.

© Matthew Murphy

Der einzige männliche Charakter neben Hamilton und Burr, der auch im zweiten Akt noch seine Rolle behalten darf, ist Obioma Ugoala als George Washington. Im ersten Akt gibt er den starken und aggressiven Kriegsgeneral, der Amerika zur Unabhängigkeit führt und wandelt sich im zweiten Akt zum liebevollen Vater der Nation, der mit seinem „One Last Time“ eine rührende und kraftvolle Abdankungsrede hinlegt. Zum Schluss muss noch der König erwähnt werden. Michael Jibson übernimmt die Rolle des King Georg III. Er singt lediglich drei Songs, die bis auf den geänderten Text eigentlich immer die gleiche Melodie haben und man könnte meinen, er hätte daher nur einen kleinen Part in der Show. Weit gefehlt. Diese Rolle ist genau der Grund, warum man „Hamilton“ unbedingt live sehen sollte. Seine Songs klingen auf der CD absolut fantastisch. Live auf der Bühne ist es einfach nur Kult, wie er „seinem“ Publikum die Welt erklärt. Auch das restliche Ensemble trifft mit seiner Performance eine Punktlandung. Besonders finde ich an „Hamilton“, dass jeder Darsteller auf der Bühne noch seinen individuellen Style behält, wodurch jede Performance gleich ganz anders im Gedächtnis bleibt.

Ich kann also mit ruhigem Gewissen sagen, dass die Cast in London der Original Broadway Cast in absolut nichts nachsteht. Manche Darsteller haben mir stimmlich sogar besser gefallen als auf der CD. Das Warten hat sich also mehr als ausgezahlt und ich muss dringend aufpassen, dass ich nun nicht ununterbrochen nach London fliege – vor allem, da man im frisch renovierten Victoria Palace Theatre auf den günstigeren Plätzen nur an Beinfreiheit einbüßt, aber nicht an Sicht und „Hamilton“ somit eine relativ günstiges Vergnügen ist. Insbesondere, wenn man jahrelang die dreistelligen Ticketpreise in New York vor Augen hatte. Also bitte kein „Wait for it“ mehr und auch kein „Stay away from it“, weil ihr Rap nicht mögt, sondern einfach „Go for it“!

Mehr Informationen und Tickets gibt es hier.

„Hamilton“ würde in Deutschland nicht funktionieren? Da ist unser Chefredakteur Stephan anderer Meinung. Seinen Kommentar findet ihr hier.

Welturaufführung: 20.01.2015 (The Public Theater, New York )
Besuchte Vorstellung: 26.01.2018 (Victoria Palace Theatre, London)
Buch, Music & Lyrics: Lin-Manuel Miranda
Orchestrierung: Alex Lacamoire
Regie: Thomas Kail
Choreographie: Stephanie Klemons
Bühnenbild: David Korins
Kostüme: Paul Tazewell
Lichtdesign: Howell Binkley
Besetzung: Jamael Westman (Alexander Hamilton), Rachelle Ann Go (Eliza Hamilton), Giles Terera (Aaron Burr), Rachel John (Angelica Schuyler), Obioma Ugoala (George Washington), Jason Pennycooke (Marquis de Lafayette/Thomas Jefferson), Tarinn Callender (Hercules Mulligan/James Madison), Cleve September (John Laurens/Philip Hamilton), Christine Allado (Peggy Schuyler/Maria Reynolds), Michael Jibson (King George)

Beitragsbild: © Matthew Murphy

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.