Dieser Abend ist anders. Dieser Abend ist geheimnisvoll, spannend und unverhofft. Die Zuschauer betreten am 29. Januar 2018 das Ebertbad in Oberhausen, ohne genau zu wissen, was sie erwartet. Im Ankündigungstext versprachen Andreas Luketa und sein Team einen Blick hinter die Kulissen seiner Konzertagentur: Gespräche über Entstehung, Entwicklung und Zukunft des Unternehmens, Interviews mit Künstlern, Musikern, Kreativen, den Menschen hinter der Bühne, sowie musikalische Einlagen, die stilgerecht den Abend als Konzert formten – ein Sound of Music Concerts-Konzert, ein „Community-Event“, ein Abend zu Ehren der Sound of Music-Familie.

Doch wer sind die top secret special guests? Was wird es zu hören geben? Und wer sind denn nun diese Gesichter hinter Sound of Music? Fragen, die im Laufe des Abends Antworten finden werden. Doch eines ist schon von vornherein klar: Keiner hat die Karte gekauft, weil ein bestimmter Künstler dabei sein wird. Keiner hat die Karte gekauft, weil es um ein bestimmtes Musical gehen soll. Jeder hat die Karte gekauft, weil er sich der Community verbunden fühlt und das Vertrauen in Sound of Music hat, dass hier am Ende ein einmaliges Konzert auf der Bühne stehen wird.

Das Ebertbad füllt sich. Die Stimmung des anwesenden Publikums ist gespannt. Einige versorgen sich noch schnell mit Getränken, andere sind schon heiß am diskutieren über die Überraschungen, die dieser Abend bereithalten wird. Als das Licht im Saal dunkler wird, fällt unweigerlich der Blick auf die hell beleuchtete Bühne. Nachdem die Band ihre Instrumente startklar gemacht hat, betritt Andreas Bieber die Bühne und eröffnet mit dem Lied „Die Zeit dazwischen“ den Abend.

„Das Leben lebt sich zwischen den Momenten“

© Iris Hamann

Silke Heidenblut, Moderatorin des Abends, strukturiert das Konzert, kündigt Künstler an, leitet Programmpunkte ein und stellt bei den Interviews zu jeder Zeit den richtigen Menschen die richtigen Fragen. Dieser Abend ist anders! Wo am Ende eines Konzerts der Applaus zur Technik geht, werden diesmal am Anfang Markus Danne und Matthias Vierjahn, Ton- und Lichttechniker bei Sound of Music, vorgestellt. Sie erzählen, wie es noch so viele an diesem Abend tun werden, von ihrer Begegnung und Arbeit mit Sound of Music.

Kurze Zeit später betritt Andreas Luketa die Bühne und beginnt zu erzählen: Vor etwa 20 bis 30 Jahren, bevor das digitale Zeitalter einsetzte, war es tatsächlich noch extrem schwer, in Deutschland an Fanartikel rund ums Musical zu kommen. Die deutsche Musical-Landschaft war erst dabei, sich zu entwickeln und Andreas Luketa hatte mit Markus Tüpker die Idee, einen Musical-Versand zu gründen, um auch dem deutschen Publikum ein breit gefächertes Angebot an Musical-CDs, DVDs, Notenbüchern, Fachliteratur und Merchandise zu bieten. Aus einem kleinen Versandhandel im Keller, wo die ersten Kataloge noch mit Schreibmaschine getippt wurden, entstand das erste Musical-Fachgeschäft, das auch heute noch im Westviertel Essens zum Stöbern einlädt. Hinzu kommt der Online-Versandhandel, der auch für nicht-Essener Musical-Begeisterte die erste Anlaufstelle ist – vor allem, wenn es um rare Artikel aus der Musical-Branche geht.

Vom Versandhandel zum Konzertveranstalter

Das erste Konzert von Sound of Music fand 2003 im Capitol Studio Theater in Düsseldorf statt, wo Andreas Bieber und Paul Kribbe unter dem Titel „You Walk With Me“ tief im Musical-Schatzkästchen gruben. Andreas Luketa und Andreas Bieber, der seit der ersten Stunde von Sound of Music Concerts mit an Bord ist, erzählten über die Zeit, als sie sich kennenlernten und wie die Idee der Konzertagentur und des Sound of Music-Labels seine Geburt erfuhr. Andreas Luketa betonte dabei, dass ihm die Individualität der Programme für die Künstler sehr am Herzen liege als auch den Mut, Musical-fremde Inhalte in den Konzerten zu präsentieren. So sang Andreas Bieber das Helene Fischer-Lied „So kann das Leben sein“ und wurde für seine herzerwärmende Interpretation mit viel Applaus belohnt.

© Iris Hamann

Als nächste Künstlerin kam Michaela Schober auf die Bühne, die seit 2009 Teil der Sound of Music-Familie ist. Sie sang “To France” von Mike Oldfield und plauderte im Anschluss ebenfalls aus dem Nähkästchen. Ihr erster Berührungspunkt mit Sound of Music war eine Ausschreibung, in der eine Sängerin für das Soloprogramm eines Künstlers gesucht wurde. Sie stellte sich damals noch die Frage, ob der Künstler entweder zu bekannt oder zu unbekannt sei, um seinen Namen in der Ausschreibung nennen zu können. Später stellte sich heraus, dass es sich um Jan Ammann handelte und das Konzertprogramm, für das Sänger gesucht wurden, mit dem Titel „Lampenfieber“ durch zahlreiche Städte touren sollte. Michaela Schober begeisterte bei ihrem Vorsingen allen voran durch ihre bewegende Interpretation des Liedes „Weit übers Meer“ von Veronika Fischer. Andreas Luketa berichtete, dass er damals Tränen in den Augen hatte und Michaela Schober schaffte es auch bei „Inside Sound of Music“, die emotionale Aufmerksamkeit der Zuschauer mit diesem Lied für sich zu gewinnen.

„Nur ne Prise Zimt auf’m Cappuccinoschaum“

Carsten Wrede, Geschäftsführer des Tresohr Studios, nutzte die Gelegenheit, um sein Projekt – die sogenannten Tresohr Sessions – vorzustellen, bei dem er kürzlich mit Michaela Schober zusammenarbeitete. In seinem Tonstudio in Oberhausen können Künstler live vor einem kleinen Publikum CDs aufnehmen. Das Ganze lebt von einer gemütlichen „Wohnzimmerkonzertatmosphäre“ und bietet den Live-Charakter, den traditionelle Tonstudio-Aufnahmen nicht haben.

Zu einem Konzertveranstalter gehört natürlich auch ein Musikalischer Leiter – dieser heißt bei Sound of Music Mario Stork. An diesem Abend sitzt er am Klavier und ist sonst für die musikalischen Arrangements der Sound of Music-Konzerte verantwortlich. Er präsentiert seine Pianoballade „Lass Musik das Licht sein“, die er 2015 nach den Anschlägen in Paris schrieb, mit dem eindringlichen Refrain: „Gegen jeden Hass und Wahnsinn dieser Welt lass Musik das Licht sein, das den Weg erhellt.“

Zum Abschluss des ersten Teils setzt Dennis Henschel DAS Highlight des Abends. Er zeigt mit „Ein Traum ohne Anfang und Ende“ aus dem Musical „Die Päpstin“ und „Nur sie allein“ aus „Artus – Excalibur“, was seine unverwechselbar leichte und gleichsam kraftvolle Stimme bewirken kann. Mit seiner präsenten Interpretation beherrscht er den Raum und lässt die zirkulierende Energie zwischen ihm und dem Zuschauer bis in die letzte Ecke des Raumes spürbar werden. Es ist ein Moment der besonderen ästhetischen Erfahrung, der gesteigerten Gegenwart und der Intensivierung von Emotionen und Atmosphären.

Von Tango und Coco Jambo

Eröffnet wurde der zweite Teil von Volkan Baydar mit „Eye of the Tiger“ aus „Rocky“ und „Wenn sie diesen Tango hört“ von der Band PUR. Von Andreas Luketa als „Newcomer des Jahres“ 1998 in seinem Musical-Jahrbuch für seine Darstellung im Musical „Pico“ in Hamburg erwähnt, ist Volkan Baydar der „Popsänger“ bei Sound of Music. Neben seiner Ausbildung an der Stage School Hamburg widmete er sich vor allem seiner Band Orange Blue. Als Orange Blue-Fan Andreas Luketa sein Team für das Konzertformat „Hollywood Nights“ zusammenstellte, hatte Volkan Baydar seinen Einstand bei Sound of Music. Weitere gemeinsame Projekte folgten und auch 2018 wird Volkan Baydar wieder Teil der „Meilensteine der Popgeschichte“-Konzerte sein.

© Iris Hamann

Bei „Inside Sound of Music“ bekamen auch die Musiker die Chance, hinter ihren Instrumenten hervorzutreten und über ihre Verbindung zu Sound of Music zu reden. Seit „Lampenfieber“ 2011 ist Bassist Christian Niehues dabei, Cellistin Astrid Nägele und Gitarrist Hannes Kühn stießen 2012 dazu und Keyboarder Sebastian Hartung kam 2015 beim „Milestone Project“ zu Sound of Music. Matthias Plewka am Schlagzeug ist bereits seit „Musical Tenors“-Zeiten Teil des Teams und hat neben seinen Fähigkeiten an den Drums ein weiteres Talent entdeckt: Andreas Luketa holt etwas weiter aus, erzählt von einer verrückten After-Show-Party, die das Sound of Music-Team nach einem Konzert in Hamburg in der Kneipe „Conny’s Bierkiste“ verbrachte, wo sich „verlorene Gestalten der Menschheit“ rumtreiben und wie sich dort Matthias Plewkas Rap-Künste anhand des Hits „Coco Jambo“ von Mr. President aus dem Jahr 1996 zeigten. Es wäre definitiv eine ungenutzte Chance gewesen, dieses Lied nicht im Ebertbad zu performen. Matthias Plewka zog ein Handmikrophon aus seinem Jackett, Eve Rades und Michaela Schober stürmen die Bühne und heizen gemeinsam mit ihm und Band samt Volkan Baydar an den Drums dem Publikum ein.

„Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf …“

© Iris Hamann

Als jüngstes Mitglied der Familie zählt sich Eve Rades seit 2016 dazu. (Unser Interview mit ihr findet ihr hier.) Zu hören ist sie auf der letzten Solo-CD von Jan Ammann „Wunder geschehen“ im Duett „Hinterm Horizont geht’s weiter“ – schließlich stand sie jahrelang im Udo Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ auf der Bühne. Außerdem wird sie Jan Ammann auch auf der zugehörigen Tournee zu seinem Album begleiten. Unter anderem war sie als Natalie in „Next to Normal – Fast Normal“ am Opernhaus Dortmund zu sehen und spielte die Titelrolle in „Evita“ in Darmstadt. (Unsere Reviews zu diesen Produktionen könnt ihr hier und hier nachlesen.) Am Stadttheater Gera und Altenburg stand sie als Lucy Harris in „Jekyll & Hyde“ auf der Bühne und interpretierte beim Konzert das Lied „Ein neues Leben“ aus diesem Musical. Trotz ihrer vorherigen Ausführungen, dass das Singen von Konzerten noch sehr neu für sie wäre und sie bisher nur gewohnt sei, im Schutz der Rolle zu spielen, performte sie „Ein neues Leben“ so eindrucksvoll, dass für die Zuschauer trotz des Konzertrahmens die zu transportierende Geschichte des Liedes eine eindringliche Wirkung erzielte.

Ein weiterer Meilenstein in der Sound of Music-Geschichte bildete das Konzertformat „Merci Chérie“ mit den Liedern von Udo Jürgens. Andreas Luketa versammelte dafür ein Team, das aus Menschen bestand, die Udo Jürgens persönlich kannten. So standen Andreas Bieber, Annika Bruhns, Karim Khawatmi und Sabine Mayer auf der Bühne, die Udo Jürgens bei der Arbeit an dem Musical „Ich war noch niemals in New York“ kennengelernt hatten. Im Ebertbad gab Andreas Bieber zu, dass die „Merci Chérie“-Konzerte seine Lieblingstour waren. Bassist Rolf Dieter Meyer, der als Mitglied der Pepe Lienhard Big Band selbst auch mit Udo Jürgens auf Tour war, erzählte an diesem Abend von seinem ersten Zweifel an dem Format, bis er die Sänger erlebte, die mit dem Material von Udo Jürgens respektvoll umgingen und nicht versuchten, ihn zu imitieren, sondern seine Musik und Texte auf neue Weise zu interpretieren. Im Anschluss präsentierten die Solisten mit „Immer wieder geht die Sonne auf“, „Der gekaufte Drache“ und „Zeig mir den Platz an der Sonne“ ein kleines Best-of der „Merci Chérie“-Tour.

Vom Mitternachtsball und den Musical Tenors

Neben vielen Geschichten zur Entstehung und Entwicklung von Sound of Music bekamen die Zuschauer auch einige Informationen zu den jüngsten und für die Zukunft geplanten Produktionen. Das bisher größte Konzert-Event war der Mitternachtsball 2017 – eine grusicalige Halloween-Nacht in vier Akten. (Unsere Review könnt ihr hier nachlesen.) Andreas Luketa und Regisseurin Yara Hassan erzählten im Ebertbad über das Mammutprojekt, das im vergangenen Herbst zur Aufführung kam. Ihnen war es wichtig, sich in aller Deutlichkeit für die Tonprobleme im vierten Aktes zu entschuldigen. Man wird beim Mitternachtsball 2018 auf eine Live-Band zurückgreifen, anstatt der im Vorjahr benutzen Playbacks, durch die die Sänger mit Einschränkungen hinsichtlich der Dynamik zu kämpfen hatten und wodurch der mangelhafte Ton zustande kam. Trotz der vielen Schwierigkeiten, die es vor und während des ersten Mitternachtsballs zu überwinden gab, war die Leidenschaft für dieses Projekt unübersehbar und dieses Jahr soll der Ball noch schöner werden, versprachen Yara Hassan und Andreas Luketa. Sie kündigten außerdem an, dass es im vierten Akt zwei bis drei neue Lieder und kleinere Besetzungsänderungen geben wird. Der Vorverkauf für den Mitternachtsball 2018 wird im März beginnen.

© Iris Hamann

Ein weiterer Vorverkauf, der in der Zwischenzeit bereits begonnen hat, ist der für die Neuauflage der „Musical Tenors“. Ein Konzertformat, das vor einigen Jahren sehr viele Fans hatte, längere Zeit pausierte, nun erneut aufgegriffen wurde und ab Herbst 2018 wieder durch Deutschland (mit Abstecher nach Wien) tourt. Zur Ankündigung, die Jubel und nicht enden wollenden Applaus nach sich zog, kam Patrick Stanke – einer der Musical Tenöre – auf die Bühne. Dieser berührte an diesem Abend, als er mit „Du warst mein Licht“ das erste selbstgeschriebene Lied von Andreas Luketa performte, der seinerseits zugab, dass er bei Patrick Stankes Interpretation immer Tränen in den Augen hat.

Dieser Abend ist anders!

Ein durchwegs unterhaltsamer und informativer Abend neigte sich dem Ende, als Zugabe sangen die Solisten „Nessaja“, alle Beteiligten holten sich ihren verdienten Applaus ab und Andreas Luketa dankte mit herzlichen Worten dem Publikum, denn die Zuschauer sind ebenso Teil der Sound of Music-Familie. Dieser Abend war anders! Dieser Abend war authentisch, einmalig und besonders. Wenn beispielsweise ein Lied neu begonnen werden muss, weil der Schlagzeuger zu früh gestartet hat, plötzlich jemand auf der Bühne steht, der dort gerade nicht hingehört oder alle aus einem Wasserglas trinken, was sich im Laufe des Abends zum Running Gag entwickelt, dann spürt man die Wärme und Ungezwungenheit des Teams.

Inspirierend war die Leidenschaft aller Beteiligten allen voran Andreas Luketa, der das Herz und die Seele der großen Familie ist. Seit Jahren ist er mit seinem Unternehmen nicht mehr aus Musical-Deutschland wegzudenken. Hinter ihm steht ein Team, das aus seinen zahlreichen Ideen Wirklichkeit werden lässt. Die Erkenntnis des Abends ist die Tatsache, dass das Konzept Sound of Music viele Möglichkeiten bietet. In ihm schlummert ein kreativer Schöpfergeist, der stets geweckt werden kann.

„Inside Sound of Music“ in Oberhausen

Konzert: 29.01.2018 (Ebertbad Oberhausen)
Musikalische Leitung: Mario Stork
Moderation: Silke Heidenblut

Solisten: Volkan Baydar, Andreas Bieber, Dennis Henschel, Eve Rades, Michaela Schober, Patrick Stanke

Band: Astrid Nägele (Cello), Mario Stork (Klavier), Sebastian Hartung (Keyboard), Hannes Kühn (Gitarre), Christian Niehues (Bass), Rolf Dieter Meyer (Bass), Matthias Plewka (Drums)

Beitragsbild: © Iris Hamann

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
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Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.