London im 19. Jahrhundert: Der Sträfling Benjamin Barker kehrt, nachdem er zu Unrecht verbannt wurde, nach London zurück. Seine ehemalige Vermieterin, Mrs. Lovett, berichtet ihm, dass ein schreckliches Schicksal seine Familie ereilt habe und so schwört Benjamin Barker unter dem Decknamen Sweeney Todd Rache. Dabei kommt es gelegen, dass Mrs. Lovett ein schlecht laufendes Fleischpastetengeschäft besitzt und dringend nach einer neuen Füllung für ihre Pasteten sucht …

Die Geschichte um Sweeney Todd, die ihren Ursprung in dem Groschenroman „A String of Pearls“ hatte, war längst im englischsprachigen Raum zu einer urbanen Legende mutiert, als Stephen Sondheim im Jahr 1979 hieraus ein musikalisches Meisterwerk schuf, welches mittlerweile auch immer mehr Stadttheater begeistert und sich dort bewährt hat. So stand etwa diese Inszenierung von „Sweeney Todd“ in Oldenburg bereits in der Saison 16/17 auf dem Spielplan.

Die Wiederaufnahme erfolgte am 21.12.17 und wurde am 28.1.18 zum vorerst letzten Mal in Oldenburg aufgeführt. Von Februar bis Juni ist das Stück in derselben Inszenierung in Heilbronn zu sehen.

© Stephan Walzl

Die Faszination des Stücks

Trotz unüblicher und im wahrsten Sinn des Wortes schwer verdaulicher Handlung schafft es Stephen Sondheim, die Geschichte um Benjamin Barker alias Sweeney Todd in eine herrliche Tragikomödie zu verwandeln, die sich Zeit sowohl für eine eingehende Charakterstudie als auch Humoresken nimmt. In dem Musical mit Buch von Hugh Wheeler werden hierfür Thriller-, Märchen- und Tragödienelemente miteinander vermischt. Sondheim spielt grandios mit musikalischen Motiven, die in erster Linie der Charakterisierung und Entwicklung der grundsätzlich sehr komplexen Figuren dienen. In seiner Musik stecken ebenso viele Indizien zur Entschlüsselung des Plots wie in seinem Text. Das führt allerdings zu entsprechend wenigen Ohrwürmern, wobei die Menge an Ohrwürmern in einem Musical meines Erachtens nur bedingt als Qualitätskriterium dient. Auch die Gesangstexte, für die sich ebenfalls Sondheim verantwortlich zeichnet, sind beeindruckend.

Im Oldenburgischen Staatstheater wird das Stück in der Übersetzung von Wilfried Steiner gezeigt, die zwar verhältnismäßig gut gelungen ist, aber das Niveau von Sondheims genialen englischen Textpassagen nicht erreicht. Eine deutsche Fassung hilft aber jedenfalls beim Verständnis des Inhalts, sofern dieser dem Publikum nicht bereits bekannt ist.

Bühnenbild mit einigen Überraschungen

In Oldenburg führt Michael Moxham Regie, der in seiner Inszenierung vor allem auf den komödiantischen Aspekt setzt. Die Geschichte ist hierfür teilweise aus ihrem historischen Rahmen gehoben: Das viktorianische Zeitalter, ein einst so wichtiger Aspekt für den Regisseur der originalen Broadwayfassung Harold Prince, ist in weiten Teilen zur bloßen Kulisse geworden, die sich noch in den Kostümen zeigt, aber schon bei den Requisiten teilweise aufgehoben wird. So trinkt Sweeney Todd aus einer handelsüblichen Bierflasche und unterschreibt mit einem Kugelschreiber. Der in der Urfassung noch so starke Londonbezug ist aufgehoben – bis auf das Klingeln des Big Bens, was ohnehin bereits im Stück ein anachronistisches Element war, könnte die Geschichte überall spielen.

Das Bühnenbild selbst zeigt die zunächst für „Sweeney Todd“-Inszenierungen in ähnlicher Form durchaus bekannten, zweigeschossigen Räumlichkeiten, die nach Belieben ineinander geschoben werden können. Es hebt sich aber von anderen Inszenierungen durch das besonders liebevoll gestaltete Innenleben der Räume ab.

Die im zweiten Akt notwendige Klappe, durch die Sweeneys Kunden verschwinden, um dann als Leichen in Mrs. Lovetts Pastetenladen zu landen, ist als eine Rutsche konzipiert. Ein einfallsreicher Witz ist es, nur in Ausnahmefällen die leblosen Körper und ansonsten gleich die fertigen Pasteten, zu denen Sweeneys Kunden verarbeitet werden, zu präsentieren. Für wenige Szenen kommt außerdem eine Hebebühne zum Einsatz, weiterhin schwebt Johannas Zimmer in einem eindrucksvollen Moment als goldener Käfig von der Decke herab. Das wirkt technisch beeindruckend, ohne den Showeffekt in den Vordergrund zu stellen, den die dichte Handlung ohnehin nicht nötig hat. Es ist zudem sehr effektiv, um einige Szenen durch die bloße Unterschiedlichkeit des Bühnenbildes als Schlüsselszenen zu markieren.

© Stephan Walzl

Eine eigenständige Inszenierung mit teilweiser Neuinterpretation der Charaktere

Die Schwerpunktsetzung (die völlig nachvollziehbar ist, denn schließlich ist „Sweeney Todd“ von der Handlung schon ein derart vielschichtiges Stück, dass es durchaus eine Fokussierung auf einige wenige Aspekte verträgt) hat Auswirkung auf die Gestaltung der Charaktere:

Insbesondere Richter (Stephen K. Foster) und Büttel (Sandro Monti), welche bereits in der Broadwayfassung nicht die stärksten Charaktere waren, wirken hierdurch etwas flach, da sie nicht viele Auftritte haben und so eher auf diffuse Weise bedrohlich wirken. Der Versuch des Richters, Johanna zu verführen, verkommt ein wenig zur Karikatur. An dieser Stelle wird in der Oldenburger Inszenierung ersichtlich, wie abwegig die Geschichte ist, die den Zuschauer üblicherweise aufgrund der pointiert gezeichneten Charaktere und der (auch in Oldenburg herausragenden) musikalischen Gestaltung selbst in ihren abstrusesten Wendungen noch zu fesseln vermag.

© Stephan Walzl

Ähnlich stark verdeutlicht sich der komödiantische Aspekt in der Charakterisierung des Tobias Ragg (Timo Schabel): Obwohl auch diese Rolle eine Nebenrolle ist, beinhaltete sie in früheren Fassungen immer die gewisse Tragik des unschuldigen Jungen, der schließlich zum Mörder wird. In Oldenburg wird Tobias von vornherein als Trottel charakterisiert, der alles falsch versteht und aus purem Unverständnis heraus agiert. Eine Charakterentwicklung wird allenfalls angedeutet.

An anderen Stellen wirkt die unübliche Charakterisierung allerdings erfrischend:

Die sonst so unschuldige Liebesgeschichte zwischen Johanna (Alexandra Scherrmann) und Anthony (Lukas Strasheim) ist in „Küss mich“ durchaus zu einer körperlichen Annäherung geworden. Ungewohnt ist diese Sichtweise allemal, wendet sie doch genau die Momente, in denen sich märchenhafte Anklänge finden, in ein mehr lebensweltliches Szenario. So werden zudem die sonst etwas flach erscheinenden Charaktere mit mehr Komplexität ausgestattet.

Darstellerisch und gesanglich beeindruckend ist hierbei vor allem Alexandra Scherrmann als Johanna. Lukas Strasheim macht das Beste aus seiner insgesamt eindimensionalen Rolle. In der Szene, in der er in gewohnter Anthony-Manier zur Tür hineinplatzt, nur um sie wieder zu schließen und vorsichtiger einzutreten, zeigt seine Darstellung einen gewissen Witz.

Sweeney Todd (Tomasz Wija) selbst ist in dieser Interpretation nicht der tragische Antiheld, der im Laufe des Stückes immer mehr zerbricht, sondern von Anfang an eine von Rache getriebene Figur, welche nichts mehr zu verlieren hat. Die hier gezeigte Rollenanlage ist eine der wenigen, bei welcher, obwohl die Charakterisierung sowohl einfallsreich als auch gut durchdacht ist, der Funke zum Publikum nicht überspringt.

© Stephan Walzl

Sweeney ist eine Figur, die üblicherweise von ihren Rachegedanken und Gefühlen der Trauer über den Verlust von Frau und Tochter übermannt erscheint und zudem ständig an der Moral seiner Handlungen zweifelt. All diese Seiten der Figur waren im Text zu wiederzufinden, aber nicht auf der Bühne ausgelebt zu sehen. Dies lässt den Betrachter mit dem Eindruck zurück, dass die psychologische Tiefe der Figur nicht gänzlich ausgelotet wurde. Für mich steht bei diesem Musical allerdings deutlich der Gesang im Vordergrund, bei dem Tomasz Wija auf ganzer Linie überzeugt, weswegen diese Unstimmigkeit meinen persönlichen Musicalgenuss nicht geschmälert hat.

Im Unterschied zur Rollenanlage Sweeney Todds ist die von Melanie Lang dargestellte Figur der Mrs. Lovett sehr vielschichtig. Sie ist klug, aber ordinär, skrupellos und gleichzeitig romantisch. Melanie Langs Leistung trägt die Inszenierung von Anfang an und zeigt eine meiner Meinung nach perfekte Darstellung einer Mrs. Lovett.

So bleibt hinsichtlich der Oldenburger Inszenierung der Eindruck einer vor allem musikalisch eindrucksvollen Version von „Sweeney Todd“ (musikalische Leitung: Carlos Vázquez), mit der Michael Moxham eine ganz eigene Interpretation des großartigen Musicalklassikers geschaffen hat, die trotz einiger Schwächen gerade aufgrund ihrer Eigenständigkeit unbedingt sehenswert ist.

Informationen zum Gastspiel in Heilbronn gibt es hier.

Premierendatum der Uraufführung: 1.3.1979
Premiere in Oldenburg: 5.11.2016
Musik und Texte: Stephen Sondheim
Inszenierung in Oldenburg: Michael Moxham
Bühnenbild und Kostüme in Oldenburg: Jason Southgate
Co-Bühnenbild: Bettina John
Licht: Steff Flächsenhaar
Dramaturgie: Valeska Stern
Musikalische Leitung/Studienleitung: Carlos Vázquez
Orchesterdirektor: Andreas Bertz

Besetzung der Hauptrollen: Sweeney Todd (Tomasz Wija); Mrs. Nellie Lovett (Melanie Lang); Anthony Hope (Lukas Strasheim); Richter Turpin (Stephen K. Foster); Johanna ( Alexandra Scherrmann); Büttel Bamford (Sandro Monti); Bettlerin (Friederike Hansmeier); Pirelli/ Mr. Fogg (KS Paul Brady); Tobias Ragg ( Timo Schabel)

Beitragsbild: © Stephan Walzl

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.