Vier Stühle und ein Klavier – mehr braucht man nicht für ein gutes Musical. Statt opulenter Tanzszenen, einem großen Orchester oder aufwendigem Bühnenbild bekommt der Zuschauer in Wuppertal vier Darsteller und einen Pianisten auf einer kleinen, beschaulichen Bühne zu sehen – und erlebt einen wunderbar unterhaltsamen Abend, der zudem noch einen Blick hinter die Fassade der schillernden Musical-Szene gewährt.

Ein Musical über ein Musical über ein Musical …

„[titel der show]“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass Musicals alles, außer gewöhnlich sind. Die Idee, ein Musical zu schreiben über zwei Typen, die ein Musical schreiben über zwei Typen, die ein Musical schreiben, klingt erstmal verrückt – funktioniert aber tatsächlich hervorragend. Das Musical wurde von Jeff Bowen (Musik und Lyrics) und Hunter Bell (Buch) geschrieben und feierte am 22. September 2004 seine Premiere im Rahmen des New York Musical Theatre Festivals, der Off-Broadway folgte zwei Jahre später. 2008 schaffte es die Produktion (Spoiler-Alarm!) tatsächlich für einige Monate an den Broadway und konnte neben mehreren Preisen auch eine Tony-Nominierung (Bestes Buch) einheimsen. Die Handlung des Musicals ist dabei größtenteils seine eigene Entstehungsgeschichte, von der ersten Idee bis zur langerwarteten Broadway-Premiere.

[Title of Show]

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Jeff und Hunter, zwei „Nobodies in New York“, die auf ihren großen Durchbruch warten, wollen am renommierten New York Musical Theatre Festival teilnehmen. Sie haben allerdings nur noch drei Wochen, um einen Beitrag einzureichen. Einig sind sie sich zunächst nur, dass sie unbedingt etwas eigenes, ein echtes „Original Musical“ schreiben wollen. Ein Stück, das auf einem bereits vorhandenen Stoff, Buch oder Film basiert, kommt nicht in Frage. So entsteht die Idee, einfach den gesamten Entwicklungsprozess des eigenen Musicals auf die Bühne zu bringen, der Titel selbst findet sich dann beim Blick auf das Anmeldeformular für das Festival. Unterstützt werden sie von Heidi und Susan, beide bisher eher weniger erfolgreiche Schauspielerinnen, die ihnen mit motivierenden Ratschlägen zur Seite stehen und die „superwichtigen“ Nebenrollen übernehmen. Langsam wächst das Musical heran und die Protagonisten haben mit Problemen zu kämpfen, die wohl jeder Künstler kennt, wie Schreibblockaden oder Selbstzweifel. Diskussionen über die richtigen Töne oder wer die besseren Gags hat, gehören ebenfalls dazu wie über gestrichene Songs oder vermeintliche Alleingänge einzelner Personen zu streiten. Die wichtigste Frage bleibt jedoch, ob man sich als Künstler selbst treu bleiben oder dem Geschmack der Masse nachgeben soll. Der Weg zum Erfolg ist schließlich beschwerlich, während die finanzielle Unsicherheit und die Gefahr zu scheitern allgegenwärtig sind. Doch das Festival wird tatsächlich ein Erfolg und es stellt sich heraus, dass einflussreiche Vertreter der Branche im Publikum sitzen. Der Broadway scheint auf einmal zum Greifen nah.

Eine Liebeserklärung an das Genre

Spielerisch leicht jongliert „[titel der show]“ mit den verschiedenen Ebenen, die die Handlung eröffnet und schreckt auch nicht davor zurück, das Publikum an einigen Stellen einzubeziehen. Erfreulicherweise nimmt sich das Musical nie zu ernst und thematisiert sogar mögliche Kritikpunkte auf amüsante Art. Inhaltlich ist es eine Liebeserklärung an das amerikanische Musical-Genre und feiert die Macher hinter den Kulissen, die Menschen, die nicht selten jahrelang an ihren Stücken arbeiten, ohne zu wissen, ob diese überhaupt jemals zur Aufführung kommen werden. In einer Branche, in der es leider zu oft um nackte Zahlen und Gewinnoptimierung geht, ermutigt es dazu, neue Dinge zu wagen und eigene Wege zu gehen. Für den Zuschauer offenbart es ungewohnte Einblicke hinter die Fassade der sonst so glanzvollen Broadway-Welt, da es den Fokus auf die Menschen legt, die sonst weniger im Rampenlicht stehen.

© Andreas Winkelsträter

Das Stück ist voll von Anspielungen und Verweisen auf die (amerikanische) Musical- und Theaterwelt, die auch in der Übersetzung von Robin Kulisch sehr gut funktionieren. So wird die Show für jeden, der sich in der „Szene“ auskennt, zu einem wahren Vergnügen. Etwas irritierend kann das vielleicht manchmal für den „normalen” Zuschauer werden, der nicht jeden Witz versteht und nicht jeden Namen kennt. Das ist aber auch äußerst schwierig, erst Recht für ein deutsches Publikum. Ein kleines Glossar im Programmheft erklärt die wichtigsten Begriffe. Doch natürlich können auch „Laien“ der Handlung selbst problemlos folgen und einen unterhaltsamen und äußerst amüsanten Abend erleben. „[titel der show]“ ist kurzweilig, wartet mit erfrischendem Humor auf und nimmt mitunter kein Blatt vor den Mund. Und die Moral, immer sein eigenes Ding zu machen und nie den Glauben an sich selbst zu verlieren, spricht jedermann an, egal ob im künstlerischen Bereich tätig oder nicht.

Ein kleines bisschen Broadway in Wuppertal

Ein gutes halbes Jahr nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Berlin zeigt nun das TrioTheater in Wuppertal dieses selbstreferenzielle Musical im kleinen, aber stimmungsvollen TalTonTheater und holt somit den Broadway direkt in die „Weltstadt mit Schwebebahn“. Unter der Regie von Benjamin Breutel wird das Musical passenderweise zum Kammerspiel mit intimer Atmosphäre – so ist der Zuschauer auch auf räumlicher Ebene „nah“ an der Entstehung des Stücks dran. Wenn man den beiden New Yorker Künstlern Jeff und Hunter dann bei ihrer Arbeit so über die Schulter schaut, fühlt man sich beinah selbst als Teil des Teams.

Dass auf der Bühne keine ausgebildeten Darsteller stehen, sondern junge, talentierte Amateure, denen man die Freude am Spiel ansieht, macht das Stück noch authentischer. Robin Schmale als Hunter und Denny Pflanz als Jeff geben ein sympathisches Duo, das vom eigenen Broadway-Musical träumt, ab. Ihr Spiel profitiert von der sehr guten, stimmigen Chemie zwischen den beiden. Zusammen mit Svenja Dee als Susan und Sophia Müller-Bienek als Heidi spielen, singen und tanzen sie sich mit viel Einsatz und Leidenschaft durch die Show, da verzeiht man einen schiefen Ton gerne mal. Die Darsteller ergänzen sich gut und überzeugen vor allem als Kollektiv. Den musikalischen Teil des Abends meistert Ruben Michalik als Pianist Larry, das „Ein-Mann-Orchester“, ganz allein. Ab und an „darf“ er sogar in das Bühnen-Geschehen eingreifen, was immer wieder zu witzigen Situationen führt. Minimal gehalten (im positiven Sinne) ist auch das Bühnenbild, welches lediglich aus vier Stühlen besteht, passend in den Farben der Kostüme der Darsteller und dem am Rande platzierten Klavier, was für dieses Stück mehr als ausreichend ist.

Denn mehr braucht man wahrhaftig nicht für ein gutes Musical –  wie jeder Zuschauer der ausverkauften Premiere an diesem rundum gelungenen Abend selber erleben kann. „[titel der show]“ muss man vielleicht selbst gesehen haben, um es zu verstehen. Und egal ob Insider oder Musical-Neuling – so „nah“ kommt man dem „Great White Way“ in Deutschland selten. Wenn man im Anschluss dann das Theater verlässt, erwartet man eigentlich, direkt am Broadway zu stehen. Nur um festzustellen, dass man den Abend doch nicht in New York verbracht hat, sondern irgendwo in Wuppertal.

Wegen des großen Erfolges gibt es Zusatzvorstellungen am 23. und 24. März. Weitere Infos und Tickets hier.

Broadway-Premiere: 17.07.2008 (Lyceum Theatre)
Deutschlandpremiere: 23.04.2017 (Admiralspalast Berlin)
Premiere Wuppertal: 03.11.2017 (Talton Theater)
Besuchte Vorstellung: 03.11.2017
Musik & Lyrics: Jeff Bowen
Buch: Hunter Bell
Deutsche Übersetzung: Robin Kulisch
Regie: Benjamin Breutel
Musikalische Leitung: Denny Pflanz
Choreographie: Robin Schmale, Benjamin Breutel

Besetzung: Robin Schmale (Hunter), Denny Pflanz (Jeff), Svenja Dee (Susan), Sophia Müller-Bienek (Heidi), Ruben Michalik (Larry, der Pianist), mit Stimmen von Janine Cigale und Lars Dickel

Beitragsbild: © Andreas Winkelsträter

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Dennis Traud
"„The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot.“ (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton“, „Dear Evan Hansen“, „Der Kleine Horrorladen“, „HAIR“
Lieblings-Komponist: Alan Menken, Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unglaublich große Bandbreite an Themen, Formen, Musikstilen. Nichts ist unmöglich oder zu ungewöhnlich.