Ein Musical bietet viele tolle Momente. Es gibt die spektakuläre Eröffnungsnummer oder das große Finale. Doch ganz besonders ist auch das Ende des ersten Akts, das einen euphorisiert, schockiert oder eine schöne Melodie summend in die Pause schickt. Und wir wollen heute unser Ranking der zehn besten (oder zumindest so gut wie zehn besten) Musical-Akt 1-Finales aufstellen.

Doch bevor es losgeht: Wie sieht so ein Akt-Finale eigentlich aus? Sicherlich gibt es da viele unterschiedliche Möglichkeiten. Doch gewisse Tendenzen sind vorhanden. So ist das Akt 1-Ende oftmals etwa ein überwältigendes, vom ganzen Ensemble vorgetragenes Chorstück. Genauso häufig sehen wir kurz vor der Pause die Hauptfigur, wie sie in einer Solonummer ihre Selbstverwirklichung besingt. Es gibt aber auch Finales, die diesen mitreißenden Schemata überhaupt nicht entsprechen. Sie alle verbindet allerdings die Eigenschaft, dass sie kurz vor, während oder nach einem Wendepunkt in der Handlung folgen.

©Paul Kolnik

Der Song „So Much Better“ aus „Legally Blonde“ hat es leider nicht in die folgende Top 10-Liste geschafft, ist aber ein gutes Beispiel für eine derartige Positionierung eines Akt 1-Finales. Bis zum Zeitpunkt des Songs wollte Protagonistin Elle nur eins, nämlich ihren verflossenen Warner zurück. Für ihn hat sich die quirlige Blondine sogar im selben Jura-Studiengang in Harvard eingeschrieben: „I have turned my whole world upside down / Trying not to let you go.” Doch trotz ihrer Ambition scheint das Unterfangen hoffnungslos. Das Objekt ihrer Begierde ist bereits mit der taffen Vivienne verlobt: „Watching you walk away / Is like a fatal blow.“

Dann plötzlich („Whoa!“): Die ersten traurigen Takte der Nummer werden im Nu unterbrochen, als Elle auf dem Aushang erkennt, dass sie wider aller Erwartungen eine Praktikantenstelle in Professor Callahans Kanzlei ergattert hat: „Yes, that’s my name in black and white / Maybe I’m doing something right.“  Im Verlauf der nun poprockigen Nummer versichert Elle sich, Warner und dem Publikum, dass es ein wichtigeres Ziel gibt, als Warner für sich zu gewinnen: „I’ve gone on to better things / Better jobs or bigger rings“. Für Elle war das Jura-Studium bisher nur ein Mittel zum Zweck (nämlich Warner) gewesen. Doch nun wird es zu einem neuen Lebensinhalt ihrer Figur. Ebenso wie die Hauptfigur eine neue Facette ihrer Persönlichkeit entdeckt, bemerken auch wir Zuschauer sie nun bei ihr. Wir fragen uns, wie es mit ihr weitergeht und wie sich dadurch die Handlung in eine neue Richtung entwickelt.

Doch, nein, nein, nein! Im Theater gibt es diese nette, kleine Konvention, uns erst einmal auf die Folter spannend in eine Pause zu schicken. Und zwar mit eben jener Erwartung, wie es mit Elle, Elphaba, Jean Valjean und all den anderen Musicalfiguren weitergehen wird. Es ist diese Verschmelzung von innerer Handlungserwartung und einer von außen aufgezwungenen Pausensetzung, die wohl den besonderen Reiz eines Musical-Akt-Finalstückes ausmacht.

Die folgende Best of-Liste berücksichtigt in ihrem Ranking die Stücke, die ihr Akt 1-Ende an einer ganz besonderen Position in der Handlung platzieren. Zusätzlich werden auch das Hit-Potential des entsprechenden Songs oder der allgemeingültige Kult-Faktor des Finales betrachtet. Und vielleicht ist auch das ein oder andere Werk dabei, was völlig mit den typischen Musical-Konventionen eines Akt 1-Schlusses bricht. Natürlich ist dieses Ranking ziemlich subjektiv. Doch ich hoffe, dass ich mit den erwählten Stücken möglichst viele Geschmäcker treffe.


10. The Drowsy Chaperone

Starten wir doch die Liste gleich mal mit diesem eher kleineren, aber dafür umso feineren Stück. Zugegeben, das Ende des vermeintlichen Akt 1 von „Drowsy“ ist ziemlich banal: Bräutigam Robert ist bei Braut Janet in Ungnade gefallen, weil er offenbar kurz vor der Hochzeit mit einer anderen Frau herumgeknutscht hat. Das Starlet dankt es ihm mit einer Ohrfeige und stürmt gekränkt von der Bühne, während der Chor des Ensembles dramatisch singt: „Wedding bells won’t ring / Wedding bells won’t chime / They will never celebrate their happy wedding time!“ Wie gesagt: nicht gerade subtil.

Doch hier kommt die Besonderheit von „The Drowsy Chaperone“ ins Spiel: Es ist ein Musical im Musical. Wir haben es mit einem Erzähler (dem Mann im Sessel) zu tun, der uns sein Lieblingsmusical – eben das der „beschwipsten Anstandsdame“ – in seinem verlotterten Appartement vorspielt und dabei bissig und witzig kommentiert. Die Figuren der albernen 20er-Jahre-Handlung erwachen in seinem Wohnzimmer zum Leben und so liegt es auch an ihm, was er uns zeigen möchte und was nicht. Und der Herr denkt gar nicht erst daran, uns in unsere vertraute Pause zu entlassen. Wir müssen bleiben und das Stück bis zum Ende weiter anschauen. Ein genialer, komödiantischer Kniff der Autoren, die mit unseren Erwartungen von einer typischen Musical-Struktur spielen.


9. Into the Woods

Stephen Sondheim spaltet die Musical-Fans. Die einen finden ihn in seiner Komplexität genial, die anderen unerträglich. Es stimmt: Auch „Ever After“, das den ersten Akt seines alternativen Märchenkonglomerats beendet, ist nicht gerade der größte Ohrwurm. Doch wenn man Sondheim eins anrechnen möchte, dann ist dies die Erweiterung und Revolutionierung der Musical-Form. Und dies tut er auch in „Into the Woods“. Hier nimmt die Pause nämlich eine wichtige Funktion ein, nämlich die einer Zäsur zwischen der eher konventionellen Märchenerzählung im ersten Akt und der überraschenden Fortsetzung der Geschichte im zweiten Akt.

Die Handlung in „Into the Woods“ ist nach der ersten Hälfte eigentlich abgeschlossen, die Figuren haben alle ihr Ziel erreicht: Cinderella hat ihren Prinzen, die Hexe ist wieder schön, der Bäcker und seine Frau haben ihr lang ersehntes Kind bekommen. Doch wenn uns Sondheims Musical eines sagen möchte, dann, dass das Leben eben nicht wie ein Märchen ist und die Erfüllung von Wünschen nicht garantiert, dass man danach komplett wunschlos glücklich bis an sein Lebensende weiterlebt. Bevor der Vorhang vom ersten Akt fällt, wünscht Cinderella dementsprechend immer noch („I Wish“) und lebt eben nicht „happily ever after“. Und der Erzähler darf deshalb auch noch einmal zu Wort kommen: „To be continued!“ Und zwar im zweiten Akt.


8. La Cage Aux Folles

Jerry Herman könnte man als König des Showtunes bezeichnen. In den 60er Jahren beherrschte er mit Klassikern wie „Hello, Dolly!“ und „Mame“ den Broadway. Schon in diesen hatte er unter Beweis gestellt, dass er versteht, wie man den ersten Akt eines Musicals ohrwurmig enden lässt. Doch im Gegensatz zu den Feel-Good-Ensemblenummern der Vorgänger-Werke schlägt das Finale von „La Cage“s erstem Akt ganz andere Töne an.

Albin wird von seinem Lebenspartner George eröffnet, dass er nicht bei der Verlobungsfeier seines jahrelangen Ziehsohnes Jean-Michel dabei sein darf. Stattdessen soll die leibliche Mutter dem Treffen mit der erzkonservativen Familie der Verlobten beiwohnen und Albins Existenz verleugnet werden. Tief getroffen tritt der Travestie-Künstler im Kostüm seines Alter-Egos „Zaza“ auf und verkündet vor George und der Welt „I Am What I Am“ – der Hitsong, der wohl seitdem von jedem lautstark mitgesungen wird, der sich ab und an in seiner Eigenart nicht verstanden fühlt. Im Stück reißt sich Zaza am Ende des Songs die Perücke vom Kopf, schleudert sie wütend dem beschämten George entgegen und der zum Vorschein gekommene Albin läuft durch den Zuschauerraum in die Welt hinaus. Das Ende eines Aktes, das wohl in Pathos, gesellschaftspolitischer Aussage und, ja, auch Eingängigkeit seinesgleichen sucht.


7. Hamilton

Nicht mal am größten Musical-Traditionalisten geht das „Hamilton“-Lauffeuer vorbei, das immer mehr auch in Deutschland zündet. Sicherlich kann man sich bei all den genius.com-Beiträgen, YouTube-Song-Covern und anderen Social Media-Ergüssen fragen, ob das Musical den Hype macht oder der Hype das Musical. Doch letztendlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Komponist Lin-Manuel Miranda durchaus aus einer traditionellen Musicalschule kommt und diese Einflüsse kongenial mit seinem modernen Hip-Hop-Können vereint. Beispiel gefällig: „Non-Stop“.

In dieser rasanten Ensemblenummer kurz vor der Pause wird nicht nur gerappt, was das Zeug hält. In die eigentlich einfache Harmoniestruktur verwebt Miranda zudem nahezu jedes (sprech-)gesungene Leitmotiv, das bis zu diesem Zeitpunkt im Stück vorgestellt wurde. Alle Hauptcharaktere des Musicals dürfen dementsprechend mitmischen und ihre Meinung zum unerklärlichen Antriebswillen der Titelfigur kundtun. Egal, ob „Wait For It“ (Aaron Burrs Motiv), „Satisfied“ (Angelica Schuyler), „That Would Be Enough“, „Helpless“ (Eliza Hamilton), Material aus “The Schuyler Sisters”, „History Has Its Eyes On You“ (George Washington) oder das omnipräsente „My Shot“ (Alexander Hamiltons eigenes Motiv) – meisterhaft findet man Anklänge an nahezu jeden zuvor gehörten Song. Den „Hamilton“-Hatern sei also letztendlich gesagt: ich bin selbst nicht der größte Hip-Hop-Fan, doch Miranda macht hier ganz große Musical-Kunst, sicherlich auch im Geiste unseres nächsten Platzierten.


6. Les Misèrables

Der Megamusical-Klassiker mag zwar weniger progressiv daherkommen als sein rappender Verwandter, doch er ist schlicht und ergreifend Kult. Wenn man  „Les Miz“ auch ab und an – und das vielleicht nicht ganz unbegründet – pathetische Rührseligkeit vorwirft, hat das Musical bei Komponisten wie Miranda sicherlich Anteil daran, dass diese überhaupt erst die Form kennen und lieben gelernt haben. (Wer dies nicht glaubt, sollte sich unbedingt Mirandas Car-Pool-Karaoke mit James Corden ansehen!) Und wenn man bei Boublils und Schönbergs Revolutions-Musical an eins denkt, dann sind das große Ensemblenummern. Hier ist „One Day More“ eine davon.

In der Cliffhanger-Hymne vor der Pause dürfen alle im ersten Akt vorgestellten Figuren final auftreten und den Zuschauer fragend über den weiteren Verlauf der Handlung in die Pause entlassen. Und dies ist nicht nur dank choraler Harmonien ein absoluter Gänsehaut-Moment, der wohl niemanden kalt lässt. Handwerklich geschickt werden hier außerdem Leitmotive des Stücks musikalisch und textlich verarbeitet, egal ob diese bereits erklungen sind (z.B. Marius’ und Cosettes Aufgreifen von Fantines „I Dreamed A Dream“-Motiv), noch erklingen werden (Éponines Anklang an ihre späteres großes Solo im zweiten Akt: „One More Day I’m On My Own“) oder sogar beides der Fall ist (das Motiv der Thénardiers). Man versteht dann auch, wo Komponisten wie Lin-Manuel Miranda die Inspiration für ihre eigenen Akt 1-Finales her haben. „One Day More“ ist der Inbegriff des großen Musical-Akt 1-Endes. Und das zurecht.


5. Fiddler on the Roof

Der erste Akt des jüdischsten aller Musicals bricht so ziemlich mit jeder Konvention, die man normalerweise bei der Gattung gewohnt ist. Dies mag insofern überraschen, da das Stück eigentlich mit einer Eröffnungsnummer beginnt, die ironischerweise „Tradition“ heißt und eben jene Gepflogenheiten im ukrainischen Dorf Anatevka ausladend vorstellt. Und so sieht es auch kurz vor der Pause ganz danach aus, als würde man gewohnt beschwingt in diese entlassen werden. Tevye, der Milchmann, hat Motel, dem Schneider, erlaubt, seine älteste Tochter Tzeitel zur Frau zu nehmen. Die jüdische Gemeinschaft des Dorfes feiert ausgelassen die Hochzeit, die gerade mit dem eindrucksvollen „Bottle Dance“ ihren Höhepunkt erreicht.

Eigentlich der perfekte Moment, um den ersten Teil des Stückes abzuschließen. Doch plötzlich stürmen russische Männer die Bühne, Tische werden umgeworfen, Geschirr zertrümmert, die Hochzeitsgäste fliehen in alle Richtungen. Und der Zuschauer kann am Ende nur mitansehen, wie Tevye und seine Familie beginnen, die Schäden der Verwüstung zu beseitigen. Deprimierender kann der erste Akt eines Musicals gar nicht enden. In einem Stück Unterhaltungstheater ein Pogrom auf die Bühne zu bringen ist ein absoluter Stilbruch. Doch gerade, weil es sich traut, solche Themen darzustellen und den Vorhang in einem Musical in absoluter Stille zugehen zu lassen, hat es „Fiddler“ verdient, in dieser Liste zu sein.


4. West Side Story

Ähnlich ernüchternd endet auch die erste Hälfte des Werkes, das von vielen Seiten wohl als Aushängeschild der Gattung betrachtet wird. Ich habe lange vor- und zurücküberlegt, ob ich „Fiddler“ oder die „West Side Story“ weiter oben in der Rangliste sehen möchte. Doch letztendlich habe ich mich doch für Bernsteins Meisterwerk entschieden. Vielleicht, weil sie auf den ersten Blick mehr der typischen Vorstellung eines Musicals entspricht, immerhin wird auf gleichem Niveau eindrucksvoll gespielt, gesungen und getanzt.

Eine gattungstypisch große Chornummer ist in der Mitte des Stücks auch vorhanden und sollte den ersten Akt eigentlich auch beenden. In der Reprise von „Tonight“ treten nämlich alle Figuren der US-amerikanischen Neuauflage von „Romeo und Julia“ nach und nach noch einmal auf: Tony und Maria besingen ihre entflammte Liebe, die Jets und die Sharks bereiten sich auf die Konfrontation vor, die endgültig über die Vorherrschaft einer der beiden Gruppen in den New Yorker Straßen bestimmen soll. Und Anita kann es kaum erwarten, dass ihr geliebter Bandenführer Bernardo  „tired“, aber dafür „hot“ vom Kampf zurückkehrt. Die Nummer endet auf einer berauschenden letzten Akkord (Maria ist dabei mit ihrem hohen C an der Spitze).

Doch Autor Arthur Laurents lässt sein Buch damit nicht den ersten Akt abschließen. Nein, der Zuschauer muss der Messerstecherei zwischen Shark Bernardo und Jet Riff beiwohnen und deren Leichen unter der Autobahnbrücke, unterlegt von einem letzten Xylophon-Triller aus Leonard Bernsteins Partitur, sind das Letzte, was er zu hören und zu sehen bekommt, bevor er in die Pause gehen darf. „The Rumble“ ist wohl einer der Gründe, weshalb das Musical nach seiner Uraufführung nicht sofort ein Hit wurde. Zu untypisch war es für das Publikum, zu weit seiner Zeit voraus in Musik, Storytelling und Choreographie (Jerome Robbins). Dementsprechend hatte auch das heitere Musical „The Music Man“ in dieser Spielzeit bei den Tony-Awards die Nase vorne. Doch letztendlich entwickelte sich „West Side Story“ zu dem Meilenstein der Form, den wir heute kennen. Und ein Meilenstein ist auch sein Akt 1-Ende.


3. Gypsy

In unserer Rezension zur Klagenfurter Inszenierung (siehe hier) dieses im deutschsprachigen Raum leider nur sehr selten gespielten Meisterwerks sprachen wir von der „Mutter aller Musicals“ – und das zurecht. Immerhin wird „Gypsy“ zumindest im US-amerikanischen Raum als bestes Book-Musical aller Zeiten bezeichnet und erzählt von Bühnenmutter Rose, die ihre beiden Töchter unter allen Umständen zu Stars machen möchte. Einer der Gründe, warum das Werk einen so hohen Stellenwert genießt, mag wohl auch an seiner für das Genre untypisch düsteren Handlung liegen. Eigentlich wurde es für Musical Comedy-Diva Ethel Merman geschrieben, die sich mit dem Stück aber auch als dramatische Schauspielerin etablieren wollte.

Dementsprechend findet man bei all den witzigen Szenen, die von Autor Arthur Laurents in das Libretto geschrieben wurden, auch viele Momente, bei denen einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Und einer davon ist das Akt 1-Finale. Tochter June hat die Darstellertruppe ihrer Mutter verlassen, weil sie nicht mehr ein Teil davon sein möchte. Es sieht ganz danach aus, als würde Mama Rose sich geschlagen geben und sich mit Partner Herbie und der älteren Tochter Louise zur Ruhe setzen. Das wäre nicht einmal schlimm, denn die Truppe ist nicht wirklich gut und Louise untalentiert. Doch falsch gedacht: Rose’ ambitionierter Fokus stürzt sich rigoros auf ihr zweites Töchterchen. Das folgende „Everything’s Coming Up Roses“ wird zur Hymne einer nach Ruhm besessen und somit verblendeten Frau.

© Johan Persson

„Gypsy“ ist mein absolutes Lieblingsmusical. Dementsprechend ist seine hohe Positionierung in dieser Liste vielleicht nicht ganz überraschend. Doch egal, wo ich es bisher gesehen habe – ob die beiden Male in London mit der grandiosen Imelda Staunton in der Hauptrolle oder in der Aufführung in Klagenfurt mit Musicalstar Susan Rigvava-Dumas: Der Moment, wenn Rose spricht „And I’m gonna make you know!“ und sich der verschüchterten Louise zuwendet, sorgte im Publikum jedes Mal für Reaktionen, die von Kopfschütteln über Lacher bis hin zu ungläubigen Ausrufen reichten. Dieses Akt 1-Finale bewegt den Zuschauer, weil es einen totalen Wendepunkt in der Handlung darstellt und ihn zudem mit einem absoluten, musikalischen Highlight in die Pause entlässt.

Interessant finde ich auch, dass der von Jule Styne komponierte Song außerhalb des Stücks durchaus optimistisch wirkt und nur so vor American Dream-Glückseligkeit strotzt. Sieht man ihn jedoch im Kontext des Musicals, dann ist er weitaus bitterer, als es den Anschein hat: „Everything’s coming up roses for me and for you!“ Rose singt zuerst von sich, dann von ihrer Tochter, wenn sie mit ihren letzten Triolen nicht nur die Musik, sondern auch die Geschehnisse wieder unter ihre Kontrolle bringt. Es zeigt den Eigennutzen, der dieser Frau innewohnt und wirft somit einen Schatten auf diesen Moment von triumphaler Selbstbehauptung. „Gypsy“ verbindet einen mitreißenden Song mit dramatischer Handlung. Es verbindet Unterhaltung mit Anspruch. Deswegen wird man nach diesem Akt 1-Finale wohl immer euphorisiert aber eben auch schockiert in die Pause gehen.


2. Dreamgirls

So wie sich Rose nicht unterbringen lassen möchte, will es auch nicht die Protagonistin des in den 80er Jahren entstandenen Musicals „Dreamgirls“. Effie ist eine von drei Sängerinnen der erfolgreichen, afroamerikanischen Girlgroup „The Dreams“. Die vollschlanke Lady lässt sich grundsätzlich nicht sehr viel bieten, weshalb sie auch stets lauthals und bestimmt ihre Meinung mitteilt. Bisher hat es dennoch zwischen ihr, Lorell und Deena funktioniert, immerhin kennen sich die drei schon seit ihrer frühen Jugend, sie sind praktisch wie Schwestern.

Doch das Drama beginnt, als Effie trotz aller Stimmgewalt die Stellung der Lead-Sängerin an die stimmlich zwar schwächere, aber dafür optisch besser vermarktbare Deena abtreten muss. Die Initiative von Bandmanager Curtis nimmt Effie zähneknirschend hin, wohl auch, weil sie den Mann über alles liebt und mit ihm liiert ist, seitdem dieser die Führung der Gruppe übernommen hat. Doch ihr Geliebter scheint nicht nur professionell, sondern zu allem Überfluss auch privat ein immer größeres Interesse an der schönen Deena zu entwickeln. Die Folge: es kracht gewaltig hinter den Kulissen. Effies Unzufriedenheit spiegelt sich in ihrer immer geringer ausfallenden Professionalität und Disziplin wieder, was Curtis dazu bewegt, sie eiskalt mit der zahmeren Michelle zu ersetzen.

© Brinkhoff / Mögenburg

Was folgt, ist eines der grandiosesten Akt 1-Finales aller Zeiten. Der Moment, in dem Effie von ihrem Rausschmiss erfährt, entfesselt das soulige „It’s All Over“, einem sprechgesungen Dialog zwischen allen Beteiligten der Band, der wohl musikalisch mit keinem anderen Stück in der Geschichte des Musicals vergleichbar ist. Die Charaktere schmeißen sich hier sämtliche Vorwürfe an den Kopf, die sich in der letzten Zeit in ihnen aufgestaut haben (Deena: „ Now you listen to me, Miss Blame-It-On-The-World / See I put up with you for much too long.“) Die Musik wechselt ständig zwischen gesungenen und gesprochenen Passagen (Curtis: „Don’t worry baby, I’ll buy you out.“ Effie: „There’s no money dirty enough to buy me out, you remember that, Curtis.”). Es wird gezickt und gerifft, was das Zeug hält.

Letztendlich stellt man sich gemeinsam gegen Effie („You were a trouble“), doch diese will sich damit nicht abfinden. Als sämtliche andere Akteure außer Curtis die Bühne verlassen, beginnt Effie ihm gegenüber den Song zu singen, der wohl Komponist Henry Kriegers größten Hit darstellt: „And I Am Telling You I’m Not Going“. Dieser ist ihre emotionale Liebesbekundung an den geliebten Menschen und ihre gleichzeitige Anklage an dessen Vorhaben, sich trennen zu wollen. Als Curtis ihr Flehen ignorierend ebenfalls die Bühne verlässt, setzt Effie in ihrer Einsamkeit zu ihrer letzten Kaskade des singenden Wehklagens an. Sie wendet sich dem Publikum zu, was den Wirkungsraum des Songs erweitert. Er steigert sich vom privatem Liebesunglück zu einem umfassenderen Rundumschlag, adressiert an alle, die sie abgeschrieben haben könnten: „And you and you and you, you’re gonna love me!“ You bezieht sich nicht mehr nur noch auf Curtis oder die anderen Mitglieder der Gruppe, sondern auf jede einzelne Person im Zuschauerraum.

Und das wohl Grausamste daran: als uns die geschlagene Effie ihr letztes Me entgegenschmettert, lässt man ihr nicht einmal diesen Moment. Die Dreams treten in ihrer neuen Zusammensetzung auf und übertönen Effies Schrei nach Liebe mit dem glückseligen „Love Love Me, Baby“, während sie im Bühnenhintergrund verschwindet. Der Chor kommentiert bezeichnend: „Showbiz’s, Just A Showbiz“. Effie wird Opfer des Showgeschäfts und in ihrer Rolle als Leading Lady ihrer letzten Note vor der Pause beraubt. Sie verliert damit einen Moment, der in den meisten Musicals eigentlich selbstverständlich ist.

Das Akt 1-Ende von „Dreamgirls“ hätte darüber hinaus noch viel untypischer für ein Musical werden können, denn die Macher wollten Effie am Ende des ersten Akts sterben lassen. Die ursprüngliche Hauptfigur des Stücks wäre in der zweiten Hälfte also gar nicht mehr zurückgekehrt. Eine junge Jennifer Holliday lies dies mit ihrer Rolle allerdings nicht machen, weshalb Effie im zweiten Akt weitersingen durfte. Mit dieser gewaltigen Prise naiver Divenhaftigkeit – und dementsprechend mit mehr Glück als Verstand – schaffte sie es nicht nur das Kreativteam zu überzeugen, sondern auch in der Spielzeit den Tony Award als „Beste Hauptdarstellerin“ zu gewinnen. Und wer Zweifel an ihrem Können hat, sollte sich die Aufnahme ihrer Darbietung von „And I Am Telling You“ an jenem Abend mal zu Gemüte führen. Einfach nur unglaublich! Es verwundert gewaltig, dass es das Publikum nach der Nummer noch so zahm in den Sitzen hält. (und der Putz darüber hinaus an der Decke verweilt).  Dreamgirls ist der verdiente Platz 2 in diesem Ranking!

© Paramount

Bevor ich den Gewinner bekannt gebe, hier noch einige Trostpreise (sorry, es gibt einfach viel zu viele gute Akt 1-Enden in der Geschichte des Musicals, als dass ich diese rigide auf die zehn Besten runterkürzen könnte):

A Little Night Music
Wer glaubt, dass Stephen Sondheim nur komplexes Gedudel und keine Ohrwürmer schreiben kann, der sollte sich mal die fulminante Ensemble-Nummer „A Weekend in the Country“ zu Gemüte führen. In dieser beschließen die aristokratischen Akteure des Stückes alle ihr Wochenende auf demselben Landsitz zu verbringen, wodurch die Handlung erst so richtig an Fahrt aufnimmt.

Miss Saigon
„I Would Give My Life For You“ ist die berührende Ballade einer starken Mutter, die ihr Kind unter allen Umständen beschützen wird. „Miss Saigon“ ist ja an sich ein sehr pompöses Stück. Umso überraschender finde ich, wie einfach Kims Solonummer geraten ist. Man sieht nur sie, mit dem Kind auf dem Schoß, wie sie den Song zum Besten gibt. Die düstere Instrumentalpassage, die daraufhin folgt, tut ihr übriges, um den Zuschauer elektrisiert in die Pause zu entlassen.

Funny Girl
Genau wie bei „Gypsy“ stammt die Musik zu diesem Klassiker aus der Feder von Jule Styne. Und ebenso wie Rose’ Nummer vor der Pause schreit Fanny Brices „Don’t Rain On My Parade“ geradezu: „Ich mach mein eigenes Ding und ihr könnte mich alle mal!“ Noch dazu ist „Don’t Rain On My Parade“ ein echter Welt-Hit geworden. Daran hatte wohl auch eine gewisse Barbra Streisand Anteil.

Ragtime
Vielleicht ist die Chornummer „Till We Reach That Day“ nicht ganz so kultig wie „One Day More“ aus „Les Misèrables“, aber dafür umso aufwühlender. Schließlich ist es der brutale Mord an einer Afroamerikanerin, der zu diesem Gospelgesang auf der Bühne führt. Bei aller Trauer darf der Zuschauer dabei auch mit der Hoffnung nach mehr Menschlichkeit in der Welt in die Pause gehen.

Rebecca
Das Akt 1-Finale von „Rebecca“ ist zwar an sich nur eine Reprise des Titelsongs, allerdings eine, die den Zuschauer mit einem großartigen Ohrwurm in die Pause schickt und dabei außerdem nochmal einiges an Spannung aufbaut. Zudem ist der Schlusston eine wahnsinnige Herausforderung für jede Darstellerin. Wird sie ihm gerecht, so kann auch schon mal die eine oder andere Standing Ovation folgen, was zu Pausenbeginn doch eine Rarität darstellt.

Mozart!
Und noch eine Kunze-Levay-Stück, das mit einem fulminanten Akt-1-Finale auftrumpft. „Wie wird man seinen Schatten los?“ ist einer der düstersten und spannungsreichsten Songs, die das erfolgreiche Musical-Duo je geschrieben hat und der absolute Hit des Stücks. Spätestens, wenn zum finalen Refrain alle Akteure auftreten und Mozart bedrohlich umgeben, wird die Seelenqual des jungen Komponisten in aller Deutlichkeit greif- und nachvollziehbar. Intensiv, verstörend und beeindruckend zugleich!


Doch genug auf die Folter gespannt: hier also das grandioseste Akt 1-Finale aller Zeiten:

1. Wicked

Ja, ich gebe es zu: Platz 1 dieser Liste ist nicht gerade eine kontroverse Wahl. Doch so populistisch diese Meinung auch sein mag: „Defying Gravity“ ist Musical-Kult. Und hierbei zeigt sich nicht nur der Bühnenzauber inklusive Elphabas kleiner Flugshow als verantwortlich. Auch handlungstechnisch macht die Power-Ballade der angehenden „Wicked Witch of the West“ einiges her.

Wir lernen Protagonistin Elphaba als begabte Studentin der Shiz University in Oz kennen. Ihr größter Wunsch ist es, nicht mehr aufgrund ihrer ungewöhnlich grünen Hautfarbe als abnormal angesehen zu werden. Die Befreiung von diesem Handicap sieht sie somit als großes Ziel, um auch insgesamt endlich unbekümmert und befreit zu sein. Wie passend, dass aufgrund ihres seltenen magischen Talents eine Audienz beim großen Zauberer von Oz in Aussicht steht, auf dessen magische Fähigkeiten sie wiederum hofft, um ihr bei ihrem Problem zu helfen. Elphaba würde ihre große Unsicherheit natürlich nie zugeben. Immerhin singt sie zu Beginn des Stücks: „Of course, that’s not important to me!“ Sie gibt sich tough. Den Zauberer an sich kennenzulernen, sei ihr viel wichtiger. Seine Fähigkeiten – nur ein netter Nebeneffekt.

Egal, ob nun der Zauberer selbst oder sein Zauber, Elphaba scheint am Ende des ersten Aktes ihr Ziel so gut wie erreicht zu haben, als sie mit ihrer ungleichen Freundin Galinda in der Smaragdstadt ankommt. Doch nicht nur stellt sich der große Oz als gar nicht so magisch heraus, er führt zudem ein nicht gerade freiheitlich denkendes politisches Regime. „Elphi“ kann davor nicht die Augen verschließen. Ihr Bedürfnis, nicht mehr grün und damit so wie alle zu sein, schwindet. („Something Has Changed Within Me“) Der Zauberer, sein Oz und seine Regeln verlieren ihre Bedeutung als Lösung. Sie werden zu Gegnern.

„Defying Gravity“ wird somit zu der Nummer, in der Elphaba feststellt, dass sie nicht auf die Anerkennung der Masse angewiesen ist und sich in erster Linie auf sich alleine verlassen sollte. In diesem Zusammenhang verliert auch die grüne Hautfarbe ihre Bedeutung als Handicap. Für Elphaba ist es jetzt stattdessen wichtiger, für sich, ihre Einzigartigkeit und ihre Freiheit zu kämpfen. („And if I’m flying solo /At least I’m flying free“). Es gibt keine Grenzen mehr, wie die Angst vor Ablehnung aufgrund ihres abweichenden Aussehens. Somit ist in „Defying Gravity“ ein Wendepunkt geschafft, in dem die Protagonistin ein neues Ziel entdeckt, das erstrebenswert ist.

© Joan Marcus

Dieses Freiheitsstreben Elphabas lässt die Musik schon von Anfang des Stücks an erahnen. Denn nicht nur erklingt im Akt 1-Finale die uns so bekannte Pop-Melodie, die über die Grenzen des Stückes heraus Bekanntheit erlangt hat. Stephen Schwartz’ Musik greift unter anderem auch das „Unlimited“-Thema auf, das zuvor schon in der Overtüre und in Elphabas „The Wizard And I“ erklungen ist und auch am Ende des Stückes im Duett „For Good“ wieder erscheinen wird. (Die ersten vier Töne des Themas sind dabei übrigens eine rhythmische Abwandlung der ersten vier Töne von „Somewhere Over The Rainbow“ und schlagen damit die Brücke zum Kultfilm „Der Zauberer von Oz“.)

Das „Unlimited“-Thema ist als musikalisches Motiv im Stück omnipräsent und spiegelt Elphis Freiheit wider, ganz egal, ob sie diese als die Befreiung von ihrer Hautfarbe definiert oder im späteren Verlauf des Stücks als die Verwirklichung ihrer Selbst, ganz egal, ob sie dazugehört oder nicht. Als Selbstverwirklichungs-Solo tritt Elphabas „Defying Gravity“ somit in die Fußstapfen von Nummern wie Mama Rose’ „Everything’s Coming Up Roses“, Fanny Brices „Don’t Rain On My Parade“ oder Zazas „I Am What I Am“ und setzt damit einen typischen Trend fort, wie der erste Akt in der Entwicklung einer Musical-Figur oft beendet wird. Das Wiederaufgreifen eines bereits zuvor erklungenen Leitmotivs, das die Unbändigkeit der Figur ausdrücken soll, findet sich dabei interessanterweise auch in den beiden ersteren der drei Vergleichsstücke.

Wir haben es also an sich schon mit sehr eindringlichen Material zu tun, was uns hier serviert wird. Es würde vielleicht sogar schon reichen, dass Elphaba ihr Solo schmettert, sich aus dem Fenster schwingt und der Vorhang zur Pause fällt. Doch natürlich haben wir es mit einem Musical zu tun, weshalb man dem Publikum noch mehr bieten möchte. Der Flug der grünen Hexe, hoch über dem Zuschauer und den anderen Akteuren auf der Bühne, unterstreicht nur nochmal das, was Text, Musik und Story uns ohnehin schon zu verstehen gegeben haben. Elphaba steht über allen. Sie ist frei. Sie ist „unlimited“. Ihre Fähigkeit zu fliegen ist die Verkörperung dessen, was auch innerlich mit ihrer Figur geschehen ist.

Und am Ende ist da schließlich noch dieser legendäre Riff, den Elphaba singt, als sie den höchsten Punkt ihres Fluges erreicht hat. Der Riff, den Urbesetzung Idina Menzel kreierte, der seitdem schon von so vielen Darstellerinnen (teilweise besser) gesungen wurde und den wohl auch schon fast jeder „Wicked“-Fan (mit oder ohne Alkohol-Einfluss) selbst einmal angestimmt hat. Ein Ruf von absoluter Freiheit der Figur und die Kirsche auf der Sahne dieses besten Musical-Akt 1-Finales. Ahahahaah!

© Matt Crockett

Beitragsbild: © Johan Persson