Mehr als 15 Jahre nach der Uraufführung inszeniert Cornelius Baltus (u. a. bekannt als Regisseur der Wiener „Tanz der Vampire“-Fassung) das Queen-Musical in Budapest neu. Diese einfallsreiche Fassung bietet einige interessante Kontraste zur bekannten Version. 

Jukebox-Musicals sind umstritten. Sie scheinen bei Musicalkennern im Verdacht zu stehen, eine dünne Geschichte um bekannte Lieder zu spinnen, um diese mal mehr, mal weniger erfolgreich weiter vermarkten zu können. Ich verstehe diese Kritik, denn ein Jukebox-Musical bietet üblicherweise nicht die Möglichkeit (und hat wahrscheinlich oftmals auch nicht den Anspruch) für die ZuschauerInnen, sich dem Stück oder den Charakteren durch die musikalische Gestaltung emotional zu nähern, da die Lieder vorher bereits bestanden und ihrer selbst wegen erfolgreich waren. Story und Charaktere müssen sich ihnen also fast notwendigerweise unterordnen.

„We Will Rock You“ war für mich immer eine der wenigen Ausnahmen zur Regel. Die meisten Jukebox-Stücken versetzen die ZuschauerInnen in irgendein bekanntes, lebensweltliches und in meinen Augen langweiliges Setting (Hotel, Kreuzfahrtschiff, Tanzwettbewerb etc.), welches lediglich zur Unterbringung der wichtigsten Lieder dient. Im Gegensatz dazu wagte „We Will Rock You“ es wenigstens, eine absurde Dystopie auf die Bühne zu bringen, die zwar auch durchaus vorhersehbar war und alle Stereotype des Genres genüsslich auskostete, von der man aber nie wusste, inwiefern sie sich selbst ernstnahm. Zusätzlich schaffte sie es dann auch noch irgendwie, über Benennung der Figuren und eine Plotwendung im zweiten Akt die ein oder andere Queen-Anspielung einzuarbeiten, für deren Verständnis das Publikum mehr Lieder als nur die Greatest Hits kennen musste. Dazu hatte Ben Elton ein Script geschrieben, das durchaus pointiert war und Humor auf verschiedenen Niveaus bot.

Nun ist es leider so, dass eine Handlung, die die Erde in Zukunft von „Boy- und Girlbands“ bevölkert sieht und vor einer Gleichmacherei durch das wahnsinnig böse Internet warnt, im Jahre 2018 einfach noch viel platter, unwahrscheinlicher und vor allem konservativer wirkt, als es zum Zeitpunkt der Uraufführung der Fall war. Ben Elton bemühte sich die letzten Jahre zwar redlich,  seine Story aktuell zu halten, indem er kleinere Witze über Facebook oder Twitter einbaute und auch sonst die ein oder andere Kleinigkeit veränderte, unterm Strich ist das Stück dennoch nicht besonders gut gealtert.

© Sárközy Marianna

Zurück in die Zukunft

Die Inszenierung in Budapest zeigt nun von der Handlung her gewissermaßen ein Best-of der unterschiedlichen Scriptversionen, mit – wie bei „We Will Rock You“ allgemeinhin üblich – ein paar auf den Aufführungsort zugeschnittenen, regionalen Gags. Für diejenigen, die der ungarischen Sprache nicht mächtig sind, findet sich eine englische Übersetzung übrigens auf den beiden Videoleinwänden links und rechts des Bühnenrandes. Der Geschichte um den Außenseiter Galileo Figaro, der sich in einer unwirklichen GaGa-Welt von schlechter Musik umgeben sieht und sich auf die Suche nach verloren geglaubten Musikinstrumenten begibt, lässt sich aber wahrscheinlich auch in ihren Grundzügen ohne Übersetzung folgen.

Wohl um den Plot zu straffen, sind einige Szenen und Charaktere gestrichen oder zusammengefasst worden, eine Entwicklung, die sich in den letzten Produktionen des Musicals schon andeutete. Cornelius Baltus bestätigte zudem in einem Interview mit „Viva la Musical“, dass es ihm bei seiner Inszenierung weniger um die Handlung und mehr um Musik und Optik ging (zum Interview geht’s hier). Das ist eine für mich nachvollziehbare Entscheidung, obwohl ich, wie zuvor erwähnt, viele der originalen Dialoge persönlich sehr witzig fand und diese und einige weitere Details in der Budapester Inszenierung vermisse. Andererseits gibt es durch das Zusammenfassen mehrerer Versionen auch ein Wiedersehen mit einigen Szenen – etwa der (um ein paar Neuerungen ergänzten) Timeline zu Beginn – die bereits zuvor gestrichen worden waren.

Die Queen-Songs, welche in manchen Produktionen des Musicals je nach Bekanntheitsgrad des jeweiligen Liedes auch mal gegen ein berühmteres ausgetauscht werden können, bleiben diejenigen aus der Londoner Version, sie sind allerdings alle übersetzt. Kenner des Stückes werden aber bemerken, dass gerade im zweiten Akt die Songreihenfolge geändert wurde. Das ist sinnvoll, um größere Umbauphasen zu vermeiden und den Plot ein wenig zu straffen. So gelingt eine durchweg temporeiche Inszenierung, die aber gerade im Finale leider etwas gehetzt wirkt.

© Sárközy Marianna

Hierzu trägt meines Erachtens allerdings auch bei, dass die Charakterisierung des Galileo (Szemenyei János) eine andere ist als in der Londoner Originalversion: Während Galileo früher eine Charakterentwicklung vom schüchternen, verunsicherten und stotternden Außenseiter hin zu einem Rockstar durchleben muss und daher nochmal kurz vor dem Ziel aus Sorge vor einem möglichen Scheitern zusammenbrechen darf, wird er in dieser Version von Anfang an als Rebell gezeigt. Seine Charakteranlage braucht daher keine solche Szene des Zweifelns, die dann konsequenterweise gestrichen wurde. Das allerdings bedeutet, dass das Ende ein bisschen zu glatt und spannungsarm abläuft. Trotz vereinfachter Charakterisierung holt Szemenyei János aber schauspielerisch noch das Beste aus seiner Rolle heraus und meistert auch die schwierig zu singenden Queen-Songs mit Leichtigkeit.

Ebenso beeindruckend ist Stephanie Schlesser als schlagfertige Scaramouche. Gesanglich beeindruckend harmoniert sie sehr gut mit Szemenyei János und schafft es, die ironisch-kommentierenden Sprüche der Figur so anzubringen, dass ihre Interpretation der Scaramouche witzig, aber niemals zickig wirkt. Die Antagonisten des Stücks werden gespielt von Sári Éva und Egyházi Géza. Sári Éva kreiert eine ganz eigene Version der Killer Queen und spielt und singt die Rolle mit einer unglaublichen Ausdrucksstärke, die sehr positiv in Erinnerung bleibt.  Egyházi Géza ist ihr stimmlich ebenbürtig, hat aber weniger Lieder, um dies unter Beweis zu stellen.  Auch schauspielerisch bleibt er eher im Hintergrund, was aber daran liegt, dass seine Rolle zumindest in dieser Fassung vornehmlich dazu dient, den Plot voranzutreiben.

Ein optisches Update für das Queen-Musical

Wirklich neu sind in dieser Inszenierung Kostüme, Bühnenbild und Choreographie. Eine Veränderung dieser Bereiche tut dem Musical grundsätzlich gut, da frühere Fassungen gerade hier meiner Meinung nach noch stark an eine Zukunftsvision der frühen 2000er erinnerten, was zum Teil ein wenig albern wirkte. Für Kostüme und Bühnenbild verantwortlich zeichnet sich Kentaur, der durch das Kostümdesign der laufenden „Tanz der Vampire“-Produktion im Wiener Ronacher sicher bekannt ist. Er meistert seine Aufgabe mit unglaublicher Kreativität und kreiert für jede Figur ein äußerst futuristisches Kostüm, das stellenweise noch Anklänge an das Kostüm der Originalproduktion enthält, zum Teil aber auch kaum etwas mit diesen Kostümen gemeinsam hat. Besonders gut gefällt mir, dass die GaGa-Welt auch farblich von der Lebensrealität der Bohemians abgesetzt und damit kontrastiert wird.

© Sárközy Marianna

Was ich allerdings als sehr kritikwürdig empfinde, ist, dass Galileo wieder, wie in der Londoner Aufführung, ein Tattoo in Form eines Kreuzes trägt, das in Typologie und Farbgebung doch sehr an das eines Eisernen Kreuzes erinnert. Obwohl mir bewusst ist, dass dieses Symbol teilweise auch von der Musikszene verwendet wird, finde ich es sehr fragwürdig, ein derart vorbelastetes Symbol, das keinerlei Notwendigkeit für die Handlung besitzt, in einer Neuinszenierung wieder einzuführen, nachdem es aus allen mir bekannten Produktionen zuvor gestrichen worden war. Die neue Akzentuierung der Charakterisierung Galileos, die meiner Meinung nach einige Männlichkeitsstereotype betont, verstärkt mein Unbehagen hinsichtlich dieser Kostümentscheidung.

Das Bühnenbild gestaltet Kentaur aufwendig und mit Liebe zum Detail. Interessant ist, dass auch hier wieder Rückgriffe auf frühere Versionen des Stückes zu finden sind: So ist das Setting des Bohemian-Verstecks, das neuerdings „Hard Rock Café“  heißt, wie auch schon in der Londoner Fassung eine U-Bahn-Station, die aber weder wie in London als „Tottenham Court Road“  noch wie eine in der Nähe des Aufführungsortes liegende Station bezeichnet ist, sondern schlicht als  „Hard Rock Café“. Positiv fällt bei der Bühnenbildgestaltung der vor allem gegenüber früheren Fassungen eher verhaltene Einsatz von Videoprojektionen (Videodesign: Bajkov Valentin) auf. Wo sie dennoch Verwendung finden, sind sie meist für die Handlung relevant und gliedern sich stimmig in das Bühnenbild ein.

Sehr erfrischend sind auch Choreographie (Túri Lajos Péter) und Regie (Cornelius Baltus), die die Möglichkeit nutzen, vor allem in den ersten Akt viel mehr Schwung zu bringen und sowohl musikalisch eher eintönige Lieder wie „Radio Ga Ga“ mit Spannung füllen als auch die Chance ergreifen, in früheren Versionen bereits beeindruckende Szenen mindestens ebenso eindrucksvoll zu gestalten. Der grundsätzlich satte Ton macht „We Will Rock You“ in Budapest nicht nur zu einem optischen, sondern auch zu einem musikalischen Erlebnis. Hinsichtlich der Soundqualität (Sounddesign: Szabó Viktor, Fabien Grollier) und Stimmung des Publikums zahlt es sich aus, dass für den Aufführungsort kein herkömmliches Theater, sondern eine Sporthalle gewählt wurde.

So bleibt die Budapester Fassung von „We Will Rock You“ als eine gewagte Inszenierung in Erinnerung, die meiner Meinung nach Ansatzpunkte zur Diskussion bietet und die durchaus das Potential hat, sowohl bei Musicalfans als auch bei anderen Besuchern zu polarisieren.

Weitere Termine gibt es im November 2018. Informationen und Tickets gibt es hier.

Premierendatum der Uraufführung: 14.5.2002 (Dominion Theatre, London)
Premiere in Budapest: 24.11.2017
Musik: Queen
Buch: Ben Elton
Produzentin: Simon Edit
Regie in Budapest: Cornelius Baltus
Dramaturgie in Budapest: Farkas Niki
Übersetzung in Budapest: Miklós Tibor, Várkonyi Zoltán
Kostüme und Bühnenbild: Kentaur
Choreographie in Budapest: Túri Lajos Péter
Lichtdesign in Budapest: Madarász Gábor Madi
Videodesign in Budapest: Bajkov Valentin
Sounddesign: Szabó Viktor, Fabien Grollier
Künstlerische Leitung in Budapest: Póka Balász

Besetzung der Hauptrollen: Galileo Figaro (Szemenyei János), Scaramouche (Stephanie Schlesser), Killer Queen (Sári Éva), Khashoggi (Egyházi Géza), Britney (Siklósi Balázs), Ozzy (Veres Mónika), Buddy (Végh Péter), Lehrerin (Pethő Dorottya)

Band: Fülöp Dániel Erik, Almann Gergely, Csák Péter, Derzsi Zsolt, Kaboldy András, Kovács Barnabás, Takács Donát, Schvéger Zoltán, Madai Zsolt, Tóth Péter Hlaszny Ádám, Tóth Péter, Halász Illés

Beitragsbild: © Sárközy Marianna

TEILEN
Vorheriger ArtikelNews: UK-Tour von „Miss Saigon“ in Zürich und Köln
Nächster ArtikelNews: „Evita“ in Mannheim mit Roberta Valentini und Sascha Krebs
Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.