Zehn Jahre ist es nun schon her, dass das Musical „Mamma Mia!“ seinen Weg von der Bühne auf die große Leinwand geschafft hat. Seitdem ist der Kultfilm mit Starbesetzung nicht mehr von den Open-Air-Kinos wegzudenken und eine ganze Generation hat einen ganz neuen Zugang zu den Hits von Abba gefunden. Also nur ein Grund von vielen, eine Fortsetzung pünktlich zum Jubiläum und zur Mini-Reunion von Abba zu veröffentlichen.

Wenn ich zwischen Musicals und deren Verfilmungen wählen müsste, würde ich mich immer für das Original live on Stage entscheiden. Ich denke, es gibt kaum einen Fan, der hier etwas anderes sagen würde. Und doch bin ich großer Liebhaber von Filmen wie „Rent“, „Les Miserables“ oder der Verfilmung von „Sweeney Todd“ unter der Regie von Tim Burton. Nichtsdestotrotz sind diese Filme fürs Wohnzimmer bestimmt und vermitteln nur einen Bruchteil des Gefühls, welches man erlebt, wenn man in einem Theater sitzt. Die große Ausnahme ist und bleibt hier einfach „Mamma Mia!“. Ein Film, der mich im Kino viel mehr mitgerissen hat als die zugrundeliegende Bühnenversion.

Vielleicht ist hier einer der vielen Gründe, wenn nicht sogar die Grundlage dafür zu finden, warum ich „Mamma Mia! – Der Film“ so viel lieber mag als alle anderen Musical-Verfilmungen. Wenn ein Stück, das ich gerne mag, verfilmt wird, sind die Erwartungen einfach sehr hoch und können offen gestanden selten erfüllt werden. Bei „Mamma Mia!“, wo mich die Musicalversion nie so richtig überzeugt hat, waren die Erwartungen damals im Jahr 2008 schon sehr tief geschraubt. Umso überraschter war ich damals, als dieser Film und vor allem sein Gute-Laune-Feeling mich damals doch ziemlich unvorbereitet trafen. Hier will ich jedoch nicht alles dem Überraschungseffekt zuschreiben, denn für mich ist „Mamma Mia!“ der Gute-Laune-Sommer-Film schlechthin und das hat definitiv viele Gründe. Gründe, die leider bei der Fortsetzung nicht mehr verfolgt worden sind.

Oh Donna …

© Universal Pictures

„Mamma Mia!“ lebt von seiner Protagonistin Donna. Eine starke Frau, die mit Latzhose und Akkuschrauber auf ihrer griechischen Insel steht, in jungen Jahren ein Kind alleine großzog und immer alles unter Kontrolle hat, oder zumindest, soweit sie ihr verrücktes Leben eben unter Kontrolle bringen kann. Es sind einfach diese Momente, wenn Donna mit allen „Dancing Queens“ der Insel, egal welchen Alters, ins Meer springt, wenn sie ihre Tochter mit dem Song „Slipping Through My Fingers“ emotional und intim auf ihre Hochzeit vorbereitet oder wenn sie dem Mann, der ihr vor Jahren das Herz gebrochen hat, mal so richtig die Meinung ins Gesicht singt, die diesen Film zu etwas ganz Besonderem machen. Mit Meryl Streep hat man ihr eine wahre Goldgrube gefunden und ich liebe sie sowohl gesanglich als auch ganz besonders schauspielerisch in der Rolle. Ich denke, dass es kein Spoiler ist, wenn es im Film bereits nach drei Minuten erzählt wird und jeder, der den Trailer gesehen hat, hat es vermutlich schon geahnt: Donna ist im zweiten Teil von „Mamma Mia!“, der fünf Jahre nach dem ersten Teil spielt, bereits seit einem Jahr tot.

© Universal Pictures

Die Voraussetzung dafür, dass diese Fortsetzung also genauso herrlich wird wie der erste Teil, stand zumindest bei mir sehr schlecht. Jedoch war es kein ganz auswegloses Verfangen, hat man doch die fantastische Lily James als junge Donna an der Hand, die nun die Vorgeschichte erzählt. Zum einen spielt die Handlung im Heute und zeigt, wie Sophie ihrer verstorbenen Mutter ein Denkmal setzen will und ein altes Bauernhaus, in dem Donna während ihrer Schwangerschaft gewohnt hat, in ein Hotel umbaut. Die feierliche Eröffnung steht kurz bevor und es gibt, wie nicht anders zu erwarten, den ein oder anderen Konflikt, welcher natürlich trotzdem nicht das fulminante Happy End in Form einer stylischen 70er-Jahre-Party verhindern kann. Zu anderen springt die Handlung auch immer wieder in die Vorgeschichte und erzählt, wie Donna über Paris nach Griechenland kam und auf ihrem Weg die altbekannten Väter von Sophie kennenlernt.

Nun könnte man meinen, dass man als Zuschauer zumindest dank der Rückblenden Meryl Streep ein bisschen weniger vermisst. Jedoch wird in den Szenen im Hier und Jetzt gefühlt ständig um Donna geweint oder es passiert etwas anderes – oft viel zu dramatisch dargestellt – was die große Hoteleröffnung und somit ihr Andenken doch noch verhindern könnte, dass nicht mal der größte Gute-Laune-Song von Abba die Zuschauer zum Schluss noch aus der melancholischen Stimmung herausholen könnte. Da Meryl Streep am Ende des Films doch noch ihren großen Gastauftritt bekommt, bei dem wohl endgültig kaum ein Auge im Kinosaal trocken geblieben ist, verstehe ich auch nicht, warum man sie gleich hat sterben lassen müssen. Hier hätte man definitiv auch eine andere, viel amüsanter Geschichte basteln können. Schließlich erscheint auch der ein oder andere Star aus Teil 1 erst zur zweiten Hälfte auf der Leinwand.

Bereits im ersten Teil war Amanda Seyfried als ein Teil des Mutter-Tochter-Duos Sophie und Donna zu sehen. Durch den Wegfall von Donna liegt das Hauptaugenmerk nun viel mehr auf ihr. Während man jedoch im Originalfilm Teil ihres verrückten Plans war, ihre drei möglichen Väter zur Hochzeit einzuladen, ist man hier leider nur stiller, außenstehender Mitleidender. Da es zum Ende des Films noch eine mehr oder weniger überraschende Wendung im Zusammenhang mit Sophie gibt, hätte ich es auch viel amüsanter gefunden, dieses Geheimnis bereits am Anfang dem Zuschauer zu verraten und dann den ganzen Film über zu versuchen, dieses Geheimnis mehr schlecht als recht zu wahren. Natürlich gibt es diese Art von Comedy-Geschichte schon in viel zu vielen Filmen, aber „Mamma Mia!“ will auch nicht das Rad neu erfinden, sondern soll einfach Spaß machen und hier wäre man vielleicht wieder eher an die Freude des ersten Films herangekommen.

© Universal Pictures

Der Film wirkt letzten Endes wie aufgewärmter Kaffee. Natürlich ist es richtig, richtig guter Kaffee! Und zumindest ein Zuckerl hat die Fortsetzung, welches der erste Teil nicht hatte: Cher. Nachdem ich den Film gesehen habe, werde ich das Gefühl nicht los, dass Cher nur mitspielt, weil Meryl Streep keine Zeit oder keine Lust hatte. Nach dem Motto „Ich kann nicht, aber ich schicke meine gute Freundin Cher vorbei“. Nichtsdestotrotz ist der Auftritt von Donnas Mutter doch passend, schließlich wird sie bereits im ersten Teil das ein oder andere Mal erwähnt. Und natürlich ist Cher nicht umsonst ein Weltstar und die Party beginnt einfach erst richtig, wenn sie endlich aus dem Flieger steigt. Auch hat sie mit „Fernando“ einen der wenigen Songs bekommen, der noch nicht im ersten Teil bereits verwendet wurde und vor allem für die jüngeren Abba-Fans doch eher unbekannt ist.

Frauenpower … eher nicht so

Auch die Rückblenden werden der Donna aus Teil 1 irgendwie nicht gerecht. Lily James ist fantastisch in der Rolle, jedoch ist sie mir nicht so sympathisch wie die Donna aus Teil 1. Zum einen passen die Handlungsstränge nicht so zusammen, wie sie in Teil 1 erklärt worden sind – wobei ich glaube, dass hier die ein oder andere Szene vor allem rund um Harry der Schere zum Opfer gefallen ist – zum Anderen gibt es vor allem in den Beziehungen zwischen Donna und ihren drei „Bekanntschaften“ ein paar Dinge, die mich schon sehr stören. Vielleicht haben mich meine Sympathien für die Rolle ein wenig verblendet und ich habe auch ein wenig über die Tatsache hinwegsehen, dass Donna ein Kind mit drei potentiellen Vätern hat. Im zweiten Teil wird alles viel mehr beleuchtet und plötzlich bin ich gar nicht mehr so cool mit der ganzen Geschichte, was jedoch daran liegt, wie sie erzählt wird.

© Universal Pictures

Die deutsche Cast-CD lief bei meiner Mutter damals kurz nach Veröffentlichung rauf und runter und vor allem den Text von „Honey Honey“ kenne ich daher auswendig. Ich will nicht sagen, dass es mich im Schlaf verfolgt, aber die Liedzeile „War das eine Nacht“ habe ich definitiv zu oft gehört. Jedoch bekam man bei dem Song immer das Gefühl, dass Donna einfach sehr leidenschaftlich in ihrer Jugend war und Sam, Harry und Bill doch einen besonderen Platz in ihrem Herzen haben. Und nachdem die drei Herren alle nach 20 Jahren sofort auf die Insel fahren, nachdem sie einen vermeintlichen Brief von Donna bekommen, dachte ich auch, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Bei Harry und Bill bekommt man nun nach der Fortsetzung eher den Eindruck, dass Donna ein günstiger One-Night-Stand war und sie einfach keinen Nerv mehr hatte, nein zu sagen. Der Einzige, bei dem die Romantik und Leidenschaft aufkommt, wie sie in Teil 1 erzählt worden ist, ist Sam und da wird sich am nächsten Tag für die romantische Nacht entschuldigt, weil „Mädchen“ sowas ja eigentlich nicht tun. Was wurde bitte aus der selbstbewussten Donna? Doch auch die restlichen Damen kommen nicht ganz so gut weg. So muss Bill nur kurz eine kleine Träne vergießen und Rosie, die kurz vorher noch eine glühende Rede darüber gehalten hat, dass sie ihm nicht verzeihen kann, nachdem er offensichtlich fremdgegangen ist, schmeißt sich schluchzend in seine Arme.

Wie ein zehnjähriges Klassentreffen

Auch die restlichen Stars wie Pierce Brosnan (Sam), Colin Firth (Harry) und Stellan Skarsgård (Bill) sowie Donnas Freundinnen Julie Walters (Rosie) und Christine Baranski (Tanya) sind wieder ausnahmslos vertreten und trotz der ganzen Dramen ist es vor allem die ältere Generation, die es doch noch schafft, dem Film in der ein oder anderen Szene seinen verdienten Witz und Leichtigkeit zurückzugeben. Alles in allem wirkt der Film wie ein großes Klassentreffen. Alle sind (noch mal) ein wenig älter geworden, man schwelgt in Erinnerungen an vergangene Erlebnisse, tanzt und singt die gleichen Songs und das Hauptgesprächsthema gebührt natürlich denen, die nicht anwesend sind. Es ist für einen Abend mal ganz nett, aber aufgrund der dramatischen Tatsache, dass die Klassensprecherin nicht mit dabei ist, wäre es vielleicht besser gewesen, alles abzusagen.

Beitragsbild: © Universal Pictures

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.