Am 25. August wäre eine Größe des Musicals 100 Jahre alt geworden: Leonard Bernstein. Der visionäre und vielseitige Komponist und Dirigent ist bis heute vor allem für seine „West Side Story“ berühmt, ein zeitloses Meisterwerk und ein Welterfolg, der allerdings zu Lebzeiten wie ein Schatten über seinem Schaffen lag.

Zur Feier seines 100. Geburtstags haben wir zehn seiner schönsten Songs zusammengestellt. Dies soll aber kein Best-of und kein Ranking, sondern vielmehr eine kleine Playlist sein, die Einblick in das Werk einer Legende gibt, das eben nicht nur aus der „West Side Story“ besteht.

10 Songs zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein:

„Overture“ aus „Candide“

Was für ein Einstieg! Die Ouvertüre im Stil einer europäischen Operette offenbart das musikalische Material des Musicals und lässt die wichtigsten Motive der Partitur erklingen. Hier dirigiert von Bernstein himself:


„I Feel Like I’m Not Out of Bed Yet“ & „New York, New York“ aus „On the Town“

Die Songs bilden eine hervorragende Einleitung in das Musical: Die Klage eines Hafenarbeiters über den frühen Arbeitsbeginn gibt die Atmosphäre vor, das anschließende „New York, New York“ führt in die Handlung ein. Eine Hymne auf die Stadt, die niemals schläft!

(bis 5:48)


„Lonely Town“ aus „On the Town“

Das melancholische, aber dennoch hoffnungsvolle „Lonely Town“ thematisiert das Gefühl der Einsamkeit in einer Großstadt unter vielen. Durch den verzögerten Ablauf der gleichen Motive bildet es dabei den Kontrast zum optimistischen „New York, New York“.


„Something’s Coming“ und „Maria“ aus „West Side Story“

Der naive Glaube Tonys, dass das noch unbekannte Glück an jeder Ecke warten könnte, wird hier durch die Musik fast greifbar gemacht. Die Spannung liegt förmlich in der Luft …

Dann passiert es: Tony trifft auf Maria. Als sie sich trennen, geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Aus dem Klang ihres Namens entsteht eine Melodie und diese Melodie wird zu einem wunderschönen Liebeslied. Die in „Something’s Coming“ aufgebaute Spannung entlädt sich nun in einem der bekanntesten Musical-Songs überhaupt.


„Ohio“ aus „Wonderful Town“

Die beiden Schwestern haben Heimweh. Während des Songs erinnern sie sich jedoch an die guten Gründe ihres Fortgehens und die Musik bricht mit der Melodie des eingängigen Refrains und spiegelt die Ambivalenz der Schwestern wieder.


„America“ aus „West Side Story“

Natürlich darf die große Tanznummer nicht fehlen. Anita singt von den Träumen und Verheißungen, die sie im neuen Land erwarten, wird dann aber von Bernardo (im Stück von Rosalia) in die Realität zurückgeholt. Auch die lateinamerikanische Musik, die die „Sharks“ im gesamten Stück charakterisiert, zeigt, dass sie ihre puerto-ricanischen Wurzeln nicht einfach ablegen kann.


„Glitter and Be Gay“ aus „Candide“

„Glitter and Be Gay“ ist eine Parodie auf eine Koloraturarie, deren Komik vor allem durch die übertriebene Darbietung der Darstellerin entsteht, die über das harte Leben der Adelsgesellschaft philosophiert. Gesangstechnisch gilt der Song als einer der schwierigsten des Musical-Genres.


„Take Care of This House“ aus „1600 Pennsylvania Avenue“

Der bekannteste Song eines vergessenen Musicals. Das Weiße Haus steht in diesem Song metaphorisch für die ganzen USA – er ist eine Mahnung an jeden Präsidenten und Politiker, für das Wohlergehen seines Landes zu sorgen.


„Somewhere“ aus „West Side Story“

Eine Melodie aus dem Himmel für den Traum von einer besseren Welt. Was gibt es da noch groß zu sagen?

Alles Gute, Lenny!


Über Leonard Bernstein (25.08.1918–14.10.1990):

Bernstein vertrat die Meinung, dass Musicals nicht nur unterhalten, sondern immer auch eine Botschaft vermitteln sollten, um als ernstes Genre anerkannt zu werden. Auf der Suche nach einer „Amerikanischen Oper“ komponierte er neben Opern, sinfonischer Musik und vielen weiteren (Bühnen-)Werken noch vier weitere Musicals, die allerdings nicht an die Popularität der modernen „Romeo und Julia“-Erzählung herankamen. Sie zeichnen sich jedoch genauso durch eine vielschichtige Partitur, die Vermischung klassischer mit zeitgenössischer Musik und eine hervorragend ausgearbeitete musikalische Dramaturgie aus – nicht verwunderlich, da Bernstein ein Kompositions-Studium in Harvard absolvierte. Bernsteins erstes Musical, welches er bereits mit 25 Jahren komponierte, war „On the Town“ (1943). Es spielt, wie insgesamt drei seiner fünf Musicals, in New York und folgt drei Matrosen auf ihrem Landurlaub durch die Stadt. Sein zweites Musical „Wonderful Town (1953) spielt ebenfalls in seiner Lieblingsstadt: Zwei Schwestern kommen nach New York mit der Hoffnung, dort als Künstler Karriere zu machen.

Das wohl ambitionierteste Musical ist „Candide“ nach einem Voltaire-Roman. Die ursprüngliche Operetten-Version von 1956 floppte jedoch, eine überarbeitete Fassung, die nun deutlicher als Musical konzipiert war, hatte 1974 mehr Erfolg. In keinem anderen Werk von Bernstein verschwimmen die Genre-Grenzen so sehr wie hier, Bernstein selbst definierte „Candide“ als „Comic Operetta“. Sein letztes Musical, „1600 Pennsylvania Avenue“ (1976), wurde einer der legendärsten Broadway-Flops aller Zeiten: die Original-Produktion brachte es nur auf sieben (!) Aufführungen. Die Handlung begleitet – grob zusammengefasst – die Bewohner und Angestellten des Weißen Hauses durch das 19. Jahrhundert. Auch wenn ihm eine erfolgreiche Überarbeitung des Stoffes nicht mehr vergönnt war – das gesamte Schaffen ist spannend und einzigartig und es ist lohnenswert, sich damit ausführlicher zu beschäftigen.