„Kinky Boots“ in Hamburg schließt am 30. September 2018. Die deutschen Fan-Foren sind geschockt. „Wie kann das sein?“ „Die Show ist doch so toll!“ „Es gab doch noch nie etwas Besseres!“ Von vielen wird das Stück zur beliebtesten Musical-Neuerscheinung gekrönt. Im Folgenden hat sich unser Autor Georg Gedanken darüber gemacht, warum „Kinky Boots“ bei uns zu Lande nicht so ein riesiger Hit geworden ist, wie es in den USA oder Großbritannien der Fall ist. Nachgedacht!

Leere, tobende Zuschauersäle

Zunächst einmal möchte ich die Frage stellen: Was ist schon ein Flop? Die Kritiken sind vom Stück begeistert. Das anwesende Publikum jubelt. Auch in der Vorstellung, die ich besuche. Noch nie habe ich solch eine Euphorie im Zuschauerraum erlebt! Standing Ovations, bevor die letzte Nummer überhaupt zu Ende ist. Diese Freude! Diese Lebenslust! Diese unvergesslichen zweieinhalb Stunden! „Sei du und steh dazu“, diese Botschaft, die hoffentlich in jedem einzelnen Herzen im Publikum einen festen Platz finden wird! Angesichts dieser Tatsachen kann man das Stück, die Darsteller, das Kreativteam doch nicht einfach so als Flop bezeichnen! Liebe Bild, liebe Mopo, lieber random Facebook-User! Das ist doch ein Triumph auf ganzer Linie!

Ein Triumph für das Musical als Unterhaltungstheater, ja. Für das Musical als kommerzielles Theater leider nein. Die Plätze wollen sich einfach nicht verkaufen. Selbst in der Vorstellung, die ich letztes Jahr kurz vor Weihnachten besuche, herrscht auf den hinteren Plätzen gähnende Leere. Und das, obwohl diese Show auch an diesem Abend wieder eine Wach-mach-Pille par excellence war. Auch die vorderen Reihen wiesen Lücken auf. Der Rang wurde gar nicht erst zum Verkauf angeboten. Aber wieso ist das so? Was sind die Gründe dafür, dass ein Stück, welches weltweit seine Zuschauer bewegt und mitreißt, wie ich es selten – insbesondere in Deutschland – erlebt habe, dennoch nach einem knappen Jahr schließen muss? Ich denke, dass mir viele zustimmen, wenn ich sage, dass es sicherlich nicht an der Qualität des Musicals liegt.

© Johan Persson

Das böse Stage-Unternehmen

Vorweggenommen: Viele Faktoren spielen, denke ich, eine Rolle, die sich teilweise auch gegenseitig bedingen und überschneiden, weshalb ich mich im Folgenden vielleicht auch ab und an ein wenig wiederhole. Es ist kompliziert! Deshalb werde ich mich auch nicht nur dazu hinreißen lassen, die „Stage, du bist selber schuld, denn deine regulären Preise sind einfach nur unverschämt“-Keule auszupacken. Denn schließlich scheint Stage ja mittlerweile für viele, zusammen mit der Pharmaindustrie und Donald Trump, zur Achse des Bösen zu gehören. Jetzt mal im Ernst: So einfach ist das nicht. Die Preise sind sicherlich nicht das einzige Thema: Schließlich läuft auch „Aladdin und „Der König der Löwen in der Hansestadt  und das nicht erst seit gestern – zu teilweise noch höheren Preisen. Und schaut man sich die regulären Preise für „Kinky Boots“ für die teuerste Kategorie am Broadway oder West End an (exemplarische Vorstellung: 22.09.2018, Samstagabend) – New York: 249 $/Ticket; London: 125 £/Ticket – dann ist Hamburg mit seinen 169,90 EUR/Ticket nach Währungsumrechnung nicht einmal der teuerste Kandidat. Der Great White Way hat da die Nase vorne. So viel sei mal zu den reinen Zahlenvorwürfen gegenüber der Stage gesagt.

Also, liebe Deutsche, mit eurem privaten Vermögen von fast 6 Billionen EUR (noch so eine Zahl), hört auf zu jammern! Anstatt eurer Geld auf altbackene Sparprodukte zu legen, die man auch gut durch den Bereich unter dem Kopfkissen ersetzen könnte, wäre eine Investition in ein neues Musical mal eine willkommene Abwechslung. Prompt wäre „Kinky Boots“ seinen Flop-Status los!

© Johan Persson

Über Show- & Banana-Business

„Aaaaaaber!“, mag jetzt hier vom pfiffigen Musical-Hobbyisten erwidert werden, „ich würde ja in ein Stage-Musical gehen, aber im Gegensatz zur anderen Ländern haben die keine Angebote! Deswegen flieg ich gleich nach London. Ätsch!“ Die Rede ist von günstigen Cancellation-Tickets, Day-Seats, Standing Room, den taggleichen Verkauf am Leicester- oder Time Square, Lotterien, kurz: vergünstigte Karten, die es im Gegensatz zu Hamburg & Co. in den Musicalmetropolen New York und London gibt, um die entsprechenden Theater dort auch richtig voll zu machen. Also lasst uns doch mal diese „Stage, du bist selber schuld, denn du hast keine guten Angebote“-Keule auf den Tisch knallen. Es stimmt, in den vielzähligen Theatern in New York und London gibt es im Gegensatz zur omnipräsenten Stage in Deutschland gleichzeitig mit den teureren Karten auch diese Angebote. Einerseits möchte man damit auch ein nicht so geldiges Publikum erreichen. Andererseits soll ein potentieller Käufer doch noch zum Erwerb eines Tickets bewogen werden, wenn die entsprechende Show für ihn zunächst nicht als mögliche Abendunterhaltung in Frage kam, sie sich aber dann durch ein paar Minus- und Prozent-Pünktchen doch noch in einen attraktiven Zeitverbleib verwandelt.

Full Disclaimer: Ich bin kein Experte, was Refinanzierung im En-Suite-Spielbetrieb einer Musical-Long-Run-Produktion angeht (ich wäre es gern!). Aber seien wir doch ehrlich: ein Musical überlebt nicht nur durch Discount-Tickets. Genauso wenig, wie ein Supermarkt nicht nur von den aktuellen Angeboten seines regelmäßigen Wochenanzeigers überlebt. Das Geschäft, das Stage betreiben muss, ist kein günstiges – das sollte es auch nicht sein. Es gibt das Darstellerensemble, das Bühnenbild, die Kostüme, die Technik, das Kreativteam, das (fair) bezahlt werden muss. Besonders ein relativ großes Orchester und die zahlreichen fleißigen Mitarbeiter auf, vor und hinter der Bühne, die ein Stück so perfekt ablaufen lassen, sind teuer. „Kinky Boots“ ist wie eine Maschine, wie eine wirtschaftlich ablaufende Fabrik (man möchte fast schon sagen: eine Schuhfabrik). Und damit die Maschinerie gut geölt weiterläuft, ist ein hoher Kostenaufwand erforderlich, der sich entsprechend auf Ticketpreisen niederschlägt. Das ist eben Showgeschäft: der Verkauf eines Luxusartikels.

Klar: Mir wären Tickets, die nur 30 EUR kosten auch lieber (#studentbudget!). Doch mir ist gleichzeitig auch ebenso klar, dass ich mir ein sehr exklusives Hobby ausgesucht habe. Entscheide ich mich zu diesem Hobby, dann sollte ich auch bereit dazu sein, ab und an mal tief in die Tasche zu greifen, so wie es andere Menschen bei Autos, Handys oder seltenen Pokémon-Karten tun. Wenn ich hingegen grundsätzlich nur dazu bereit bin, ins Musical zu gehen, wenn es auch billig(er) ist, dann sollte mir gleichzeitig bewusst sein, dass ein derart vergünstigtes Ticket in diesem Fall echtes Glück und nicht die Norm in meinem Hobby ist. Mir sollte bewusst sein, dass ich mit diesem Sitz nicht dazu beitragen werde, dass das Stück seine vollen Kosten wieder einspielen, anders gesagt: weiterlaufen kann. Kaufen wie ich auch andere Zuschauer nur noch Discount-Tickets, dann ist das – auch in New York und London – auf lange Sicht ein Minusgeschäft für das Unternehmen, das das Musical produziert. Der logische Zusammenhang: Ein Musical, das nur vergünstigte Tickets verkauft, muss abgesetzt werden. Warum sonst schließt „Kinky Boots“ im Januar in London, trotz voller Zuschauersäle?

Ich will damit nicht sagen, dass man als Zuschauer durch sein Beharren auf vergünstigten Tickets komplett dafür verantwortlich ist, dass Stage-Produktionen schlecht laufen und das Unternehmen deswegen womöglich pleite machen könnte. Genauso wenig wäre ich komplett dafür verantwortlich, dass eine Supermarktkette pleite macht, wenn ich mich dazu entscheide, eine Banane nicht zu kaufen, weil die wo anders billiger zu haben ist. Aber ein gewisse Teilverantwortung besteht (Sei sie auch noch so klein wie beim Erwerb einer Musicalkarte oder noch so klitzeklein wie beim Kauf einer Banane!). Als ganz kleiner Bestandteil des Marktes bestimme ich diesen, bestimme, was mir geboten wird und wer mir etwas anbietet. Und somit bestimme ich auch den Musical-Markt.

© Johan Persson

Von der Doppelmoral des Musicalgängers

Es scheint immer mehr der Konsens beim deutschen Publikum (nicht Konsumenten, um mal von der Banane wieder wegzugekommen!) zu sein, dass Tickets im Musical gefälligst günstiger sein sollen. Es hat schon fast etwas Doppelmoralisches: Ich will Qualität, aber billig soll sie sein. So läuft das nicht. So läuft das Musical nicht. So läuft der Musical-Markt nicht. Zumindest nicht lange. Auch nicht am West End oder Broadway. Exemplarisch sei erneut das baldige Aus für „Kinky Boots“ im Adelphi Theatre genannt. Vielleicht ist der deutsche Zuschauer verwöhnt von den Preisen bei den geförderten Staats-, Stadt- und Landestheatern, weshalb ihm die Kosten bei einem Unternehmen wie der Stage so horrend erscheinen. But let’s be real: Keines dieser Theater hat auf seiner Bühne eine Phalanx von perfekt kostümierten, singenden und tanzenden Dragqueens, bei deren Anblick sich das niedliche Gewusel von Opernchören und Staatsballetten kreischend in Wohlgefallen auflösen würde! Möchte man diese unschlagbare Fertigkeit auf der Bühne weiterhin haben, sollte der Anspruch wirklich nicht sein, dass es billig wird.

Genauso zahlt man auch bereitwillig mehr für eine Biobanane (da ist sie wieder!), weil man der Meinung ist, dass sie besser schmeckt, besser für den Körper ist oder fairer gehandelt wird. Qualität hat nun mal ihren Preis und das nicht nur in Deutschland. Es liegt entsprechend an mir als Zuschauer, ob ich dafür bezahlen möchte oder nicht und damit bestimme ich als einer von vielen, wie die Zukunft des Musical-Marktes in Deutschland aussehen wird. Und hier noch ein paar, letzte Sätze zum Thema Doppelmoral. Die Doppelmoral des deutschen Musicalfans wird besonders dann deutlich, wenn man sich einerseits als Musical-Tester in „Kinky Boots“ setzt und für lau einen unvergesslichen Abend genießen darf und an anderer Stelle dann die Absetzung dieser ach so tollen Show beklagt. Ich freue mich für jeden, der die Gelegenheit bekommt, Musical-Tester zu sein – wirklich! Aber der Anspruch kann nicht immer sein, dass ich Qualität wie „Kinky Boots“ für ’nen Appel und ’n Ei bekomme! Und sich dann als großer Verteidiger der armen, bald schließenden Show hinzustellen, wobei man selber keinen finanziellen Finger für den Erhalt des Stücks krumm gemacht hat, das ist meines Erachtens nochmal bezeichnend dafür, wie widersprüchlich einige deutsche Haltungen gegenüber Stage Entertainment, „Kinky Boots“ und überhaupt der Gattung Musical im Ganzen sind! Ein Wort noch dazu: Mitschuld! (Lasset den Hate beginnen! I’m ready!)

Andere Länder – andere Musicalsitten

© Morris Mac Matzen

Offenbar sieht die Zukunft des Musicals auf dem deutschen Markt dunkel aus, wenn eine Show wie „Kinky Boots“, die seit fünf Jahren am Broadway und seit drei am West End erfolgreich die Theatersäle füllt, hier bei uns gerade so ein Jahr durchhält. Da ist bei einflussreichen Social Media-Influencern schon von „Schande über Deutschland!“ die Rede. Deutschland sei angesichts der Thematik des Musicals viel zu intolerant! „Ein echtes Armutszeugnis!“

Macht mal halblang! Dass das Stück nicht so gut läuft, kann wohl kaum als allgemeiner Intoleranz-Indikator für ganz Deutschland geltend gemacht werden! Für mich ist es viel mehr ein Indikator dafür, dass

  1. die Deutschen grundsätzlich nicht so offen für Musicals sind,
  2. insbesondere nicht so offen für neue Musicals sind, deren Songs und Handlung sie nicht kennen,
  3. nicht so offen für neue Musicals sind, deren Songs und Handlung sie nicht kennen UND die so eine Thematik wie „Kinky Boots“ haben und
  4. (was wir weiter oben schon hatten) nicht so offen dafür sind, für neue Musicals, deren Songs und Handlung sie nicht kennen und die so eine Thematik wie „Kinky Boots“ haben, viel Geld auszugeben.

Der Musterzuschauer für „Kinky Boots“: tolerant, offen für (Musical-)Neuheiten, für die er auch bereit oder fähig ist, Geld auszugeben und dabei allgemein nicht zu versnobt für das Musical an sich. In der deutschen Bevölkerung eine Schnittmenge aus solchen potentiellen Interessenten zu finden, ist sehr schwierig. Deren Anzahl ist in einer im Vergleich zu New York und London so kleinen deutschen Stadt wie Hamburg denkbar gering. In den englischsprachigen Metropolen sind wahrscheinlich allein schon die Schwulenviertel groß genug, um bei „Kinky Boots“ für ein Jahr für ausverkaufte Häuser zu sorgen. Ebenso wie Hamburg nicht so groß und vielfältig wie die englischsprachigen Metropolen ist, ist auch nicht das Musical-Publikum in Deutschland so groß und vielfältig wie in den USA und Großbritannien.

Hinzu kommen dort die zahlreichen Theatergänger und landeseigenen Touristen, die im Musical weitaus mehr sehen als nur Disney- und Jukebox-Shows. Man findet diese Leute in diesen riesigen Ballungsräumen und wenn das auch nur jeder Dritte ist, es reicht für „Kinky Boots“. Hamburg ist im direkten Vergleich nur ein Fischerdörfchen und die Touristen, die wegen Musicals extra in die Stadt kommen, setzen eher auf Disney-Vertrautheit, bevor sie etwas Neues wagen. Das Musical ist hierzulande viel mehr Event als regelmäßiger Theaterbesuch, so wie das am West End oder Broadway der Fall ist. Es muss alles perfekt sein, inklusive der lustigen Bootsfahrt zum Theater! Da traut sich der durchschnittliche deutsche Musical-Erlebnistourist nicht, eine Katze (bzw. einen Stiefel) im Sack wie „Kinky Boots“ zu kaufen, denn nicht auszudenken, wenn der Abend nicht unvergesslich und wunderschön wird! Dann hat man das ganze Geld ja umsonst ausgegeben! In London oder New York denkt man sich dahingegen: „Not my cup of tea. All right! Next please!“, denn das nächste Musical ist gleich im Theater um die Ecke. In Deutschland hingegen müsste man erneut planen: Anfahrt, Hotel, Sektchen vor der Show, „Was zieh ich nur an?“…  Und da kann sich das Stage-Marketing noch so ins Zeug legen und mit Begriffen wie „Party“ und „Glitzer“ um sich werfen. Auch ein Fernsehbeitrag oder ein Plakat mehr in der Fußgängerzone bringt eine Jutta im Hamburger Umland nicht dazu, extra in die Innenstadt zu fahren und viel Geld für „Kinky Boots“ auszugeben. Und schon gar nicht wird eine Maria in Bayern dadurch von der Show überzeugt. Im besten Fall erwecken die Stage-schen Werbemühen ein skeptisches „Wos is’n des?“ und dann meistens ein „Ach, i glaub, i geh doch lieba nochamoi in die Löwen! Des war so sche!“

© Johan Persson

Geht mit dem Baby auf Tour!

Und hier zum Abschluss noch einmal die Frage: Was ist überhaupt ein Flop? Wie bereits erwähnt: Ein künstlerischer Flop liegt hier ganz gewiss nicht vor! Und auch kein Flop, was die Publikums- oder Pressereaktionen angeht! Und was den kommerziellen Flop angeht: Das Stück wurde für ein Jahr angesetzt und wird dieses Jahr auch noch zu Ende absolvieren. Ich finde es interessant, wie ein Musical in Deutschland immer gleich zum Reinfall erklärt wird, nur weil es nicht wie z. B. das Phantom am Broadway 30 Jahre lang läuft (30 Jahre zu lang, wenn man mich fragt, aber ich höre damit hier lieber schnell auf, bevor ich von einem wütenden Mob von Phans gelyncht oder einem plötzlich herabstürzenden Kronleuchter erschlagen werde …).

Wie schon beschrieben sind die Urbanisierungs- und daraus resultierenden Zuschauergegebenheiten so unterschiedlich, dass der Anspruch nach einer derart langen Laufzeit gar nicht bestehen sollte. Ich frage mich ohnehin, warum man sich bei der Stage nicht viel mehr auf die hiesige Städtelandschaft einstellt und mehr tourt (soviel ich weiß, handelt es sich bei der Kulisse von „Kinky Boots“ in Hamburg sogar um die Tourversion). Hamburg, Berlin, Oberhausen, Stuttgart, München – kürzere Laufzeiten, aber dafür mehr Menschen in den unterschiedlichen Städten, die dieses unglaubliche, neue Musical zu sehen bekommen! Denn eins kann man Stage seit „Kinky Boots“ nämlich endgültig nicht mehr vorwerfen: dass sie nichts mehr Neues nach Deutschland bringen. Was übrigens die dritte Keule gegen das ach so böse Unternehmen gewesen wäre: „Stage, du bringst nix Neues und brauchst dich daher auch nicht über deine leeren-Häuser wundern.“

Beitragsbild: © Johan Persson