Das Theater für Niedersachsen zeigt mit „Ab in den Wald“ einen echten Sondheim-Klassiker und entführt in eine chaotische Märchenwelt mit einer verworrenen, hintersinnigen Geschichte für erwachsene Zuschauer.

Eine Erfolgs-Kombo am Werk

„Into the Woods“ ist neben „Sunday in the Park with George“ und „Passion“ die dritte Zusammenarbeit der Broadway-Veteranen Stephen Sondheim und James Lapine. Musik und Lyrics stammen von Sondheim („Company“), während Lapine („Der Glöckner von Notre Dame“) das Buch verfasste. Premiere feierte das Musical 1987 in New York, damals mit Bernadette Peters als Hexe und bei der Tony-Verleihung 1988 wurde es mit drei Preisen ausgezeichnet. Die deutsche Erstaufführung fand 1990 in Heilbronn statt. 2014 wurde das Musical von Disney und unter der Regie von Rob Marshall („Chicago“) auf die große Leinwand gebracht. Die unterhaltsame Verfilmung punktet mit ihrer Starbesetzung, unter anderem erwecken Meryl Streep, Emily Blunt und James Corden die Märchenfiguren zum Leben. Seitdem wird das Stück wieder gerne auf deutschen Bühnen gespielt, so nun auch in Hildesheim.

Into the Woods (Original Motion Picture Soundtrack)

Price: EUR 9,39

4.9 von 5 Sternen (14 customer reviews)

1 used & new available from EUR 9,39

„Es war einmal …“

Das Musical verbindet einige der bekanntesten Märchen mit der Geschichte um einen Bäcker und seine Frau, die sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich Nachwuchs zu bekommen. In einem kleinen Dorf, das an einen dunklen Wald grenzt, leben diese mit anderen Märchenfiguren wie Aschenputtel, Rotkäppchen und Hans (aus dem englischen Märchen „Hans und die Bohnenranke“) und einer alten, hässlichen Hexe. Jede Figur hat ihre ganz eigenen Wünsche, die im Opener mit einem kräftigen „Ich möcht’ …“ zum Besten gegeben werden. Der Kinderwunsch des Bäckers muss zunächst jedoch unerfüllt bleiben, da die Hexe dessen Familie verflucht hat. Um den Fluch aufzuheben, soll das Bäckerpaar folgende Dinge sammeln: ein rotes Mäntlein, gelbe Haare, einen goldenen Schuh und eine weiße Kuh. Für die Figuren heißt es „Ab in den Wald“, wo sie dann auch alsbald aufeinandertreffen. Dem Bäcker und seiner Frau gelingt es, die benötigten Dinge zu erlangen, indem sie in die anderen Märchen entscheidend eingreifen. So tauschen sie zum Beispiel Hans’ geliebte Kuh Milchweiß gegen ein paar Bohnen ein, ohne zu ahnen, dass es sich dabei um Zauberbohnen handelt, mit denen der Junge später ins Reich der Riesen über den Wolken gelangt. Im unterhaltsamen und temporeichen ersten Akt nehmen die Märchengeschichten dann zunächst ihren gewohnten und erwartbaren Lauf: Aschenputtel heiratet ihren Prinzen, Hans und seine Mutter entfliehen der Armut und das Bäckerpaar schafft es nach einigen Hürden, alle von der Hexe verlangten Dinge zusammenzutragen und bekommt endlich einen kleinen Jungen. Das Happy End scheint perfekt, wäre da nicht noch der zweite Akt, indem sich das zuvor bereits gesäte und angedeutete Chaos nun gänzlich entfaltet.

„Am Ende wird sowieso immer alles gut“

Im Grunde sieht man in „Ab in den Wald“ zwei Stücke: Im ersten Akt wird das klischeehafte Märchen mit parodistischen Elementen abgearbeitet. Der Erzähler beginnt die Geschichte mit einem „Es war einmal“ und, nachdem alle Wünsche in Erfüllung gegangen sind, endet diese scheinbar mit einem harmonischen „Glücklich bis ans Ende“.
Doch die Harmonie hält nicht lange an, denn im zweiten Akt („Es war einmal … später“) folgt dann ein ironisches, vor allem aber konsequentes Weiterdenken der Märchen. Die Märchenfiguren müssen nun die Konsequenzen ihrer vorangegangenen Handlungen tragen und sind gezwungen, die Verantwortung für ihre Taten aus dem ersten Akt zu übernehmen. Nicht jede Figur kommt mit ihrem neuen Leben gut zurecht, es gibt jede Menge Konfliktpotenzial untereinander. Und nur, weil die Wünsche in Erfüllung gingen, heißt das ja nicht, dass man wirklich für immer wunschlos bleibt, man möchte dann einfach etwas anderes – von wegen glücklich und zufrieden. Plötzlich erscheint jedoch eine viel größere Bedrohung: Die Riesin, deren Gatte von Hans folgerichtig getötet wurde, möchte Rache und verwüstet das ganze Märchenland. Die Figuren müssen sich zusammentun, um die „böse“ Riesin zu bekämpfen. Ob Aschenputtels Stiefmutter Recht behält, wenn sie sagt „Am Ende wird sowieso immer alles gut“? Nur so viel sei verraten: nicht jede Figur schafft es lebend bis ans Ende des Stückes.

© Jochen Quast

Das etwas andere Märchen-Musical

Der zweite Akt bietet unvorhersehbare, überraschende Wendungen bis hin zur völligen Eskalation und ist mit seiner düsteren Stimmung das Gegenstück zum ersten Teil. Der plötzliche Tonwechsel mag den ein oder anderen Zuschauer irritieren, macht dieses Musical aber tatsächlich erst interessant und spannend. Sondheim und Lapine verbinden altbekannte Märchenmotive und -elemente, wie die stereotypischen Figuren und die Zeigefinger-Moral (immer wieder teilen die Figuren mit dem Publikum ihre Erkenntnisse, deren Sinn man aber mehr als einmal hinterfragen muss) mit den Themen eigenverantwortliches Handeln, Erwachsenwerden, Elternschaft und moralische Ambivalenz. Der Wald wird hier zum Sehnsuchtsort („Ab in den Wald, damit geschieht, was man in seinen Träumen sieht“), an dem aber auch die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen („Recht und Unrecht kann man im Wald nicht sehen“) und das wahre Gesicht mancher Figur zum Vorschein kommt. Inspiriert wurden sie bei der Konstruktion der Geschichte von den Theorien Bruno Bettelheims („Kinder brauchen Märchen“), der Märchen auf ihre psychoanalytische Funktion und Bedeutung hin interpretiert und untersucht hat. Das Ergebnis ist ein unterhaltendes Musical mit anspruchsvoller Handlung und unverblümter Härte und Ehrlichkeit – für Kinder deshalb eher ungeeignet.

Anspruchsvoll ist auch Sondheims Partitur, die beim ersten Hören noch schwer zugänglich sein kann und sogar etwas eintönig klingen mag, sich bei genauerer Betrachtung aber als komplex und polyphon strukturiert herausstellt und wichtiges Element der Geschichte ist. Und abwechslungsreich ist die Musik auch – immerhin wird ja sogar über Grünzeug „gerappt“. Im ersten Akt geht es noch leicht und beschwingt zu, mit Melodien, die an Wander- und Volkslieder („Ab in den Wald“) erinnern, während sich die düstere Atmosphäre im zweiten Akt auch in der Musik widerspiegelt, wie im unheilvollen „Mitternachtsstunde“. Jede Figur hat ihr eigenes musikalisches Motiv, diese Leitmotive werden im Laufe des Stückes immer wieder aufgegriffen, weitergesponnen, neu entfaltet oder gar verfremdet. In den Lyrics verarbeiten die Figuren ihre Gedanken („Auf den Stufen des Schlosses“) oder reden und streiten miteinander – und es gibt in der Tat einiges zu diskutieren („Du bist Schuld“). Die Übersetzung von Michael Kunze ist, bis auf einige wenige Ausnahmen, sehr gelungen. Sein Stil passt in diesem Fall gut zu den Originaltexten und der Geschichte. Obwohl er mit viel Wortwitz und sprachlichem Geschick an das Werk herangegangen ist, wird es manchmal allerdings auch so kompliziert, dass sich einem der Sinn erst erschließt, wenn man die Texte später nachliest.

© Jochen Quast

Starke Gesamtleistung im Hildesheimer Wald

„Ab in den Wald“ ist eine von fünf Musicalproduktionen, die aktuell auf dem Spielplan des „Theaters für Niedersachsen“ in Hildesheim stehen. Regisseur Craig Simmons, seit kurzem auch Direktor der hauseigenen MusicalCompany, inszeniert das Musical als turbulent-verrücktes, manchmal auch absurd-komisches Märchen-Mashup mit viel Schwung und Liebe zum Detail, lässt dabei die Vorlage aber überwiegend für sich sprechen. Und da diese sich schließlich gar nicht so ernst nimmt, wie es auf den ersten Blick scheint, lockern humorvolle Einlagen und Effekte die sich zuspitzende Handlung erfreulicherweise auf. Das Bühnenbild (Ausstattung: Esther Bätschmann) ist eher schlicht gehalten und auf das Nötigste beschränkt. Während die Häuser durch kleine Kulissen dargestellt werden, wird der Wald, in dem der Großteil des Stückes spielt, lediglich durch grünen Stoff, der von der Decke hängt, gebildet. Mancher wünscht sich vielleicht ein etwas üppigeres Bühnenbild, doch der abstrakte Wald stellt so einen passenden Kontrast zum sicher behüteten Dorf dar. Besonders lobenswert sind die bunten, comichaften Kostüme, die direkt aus einem Märchenfilm stammen könnten. Die schlichte Ausstattung funktioniert problemlos, da die Geschichte und die darstellerischen Leistungen den Abend tragen.

Denn die Darsteller kosten ihre Rollen nämlich vollends aus, so dass es eine Freude ist, dem Spiel auf der Bühne zuzusehen. Jeder einzelne kann zudem gesanglich glänzen, teilweise sogar in mehreren Rollen. Franziska Becker macht als Hexe eine mehr als gute Figur, egal ob zunächst als hässliche Frau oder später als Diva im roten Kleid und wird natürlich schnell zum Publikumsliebling. Becker ist hier nicht einfach die „böse Hexe“, wie man es aus anderen Märchen kennt – sie ist aber auch nicht die „Gute“. Sie ist dagegen aber lange die einzige, die verstanden hat, wie es in der echten Welt zugeht (im Original: „You’re so nice, you’re not good, you’re not bad, you’re just nice. I’m not good, I’m not nice, I’m just right“). Alexander Prosek und Valentina Inzko Fink spielen das liebenswürdige Bäckerpaar, das im schönen Duett „Nur zu zweit“ näher zueinander findet. Als Hans und Rotkäppchen, deren Naivität und kindliche Unschuld im Laufe des Stückes weichen müssen, sind Jürgen Brehm und Sandra Pangl zu sehen. Sie überzeugen auch in den etwas eingängigeren Liedern „Ich weiß jetzt mehr“ und „Riesen über uns“. Elisabeth Köstner singt und spielt mit klarer Stimme das verträumte Aschenputtel, das wohl niemals so richtig zufrieden sein wird. Für viele Lacher und Beifall sorgen Tim Müller und Björn Klein als Prinzen, deren herrliches Duett „Liebesqual’n“, eine Parodie auf das Schicksal von Märchenprinzen, für reichlich Beifall sorgt. Müller ist bereits vorher als anzüglicher Wolf („Hallo, kleine Frau“) zu sehen. Aber auch alle weiteren Darsteller, wie Jens Krause in der Doppelrolle als Erzähler und geheimnisvoller Mann, gehören zu einer insgesamt stark aufspielenden Cast.

Schön anzuhören ist auch das Orchester unter der Leitung von Achim Falkenhausen, das die schwierige Partitur von Sondheim sicher beherrscht. Dem allen zugutekommt ein nach anfänglichen Schwierigkeiten immer besser klingender, gut verständlicher Ton. Und ein guter Ton ist für das Verständnis so eines Stückes schließlich essentiell.

Insgesamt ist „Ab in den Wald“ in Hildesheim eine gelungene und hochwertige Inszenierung eines Märchens für Erwachsene mit begeisternden und spielfreudigen Darstellern. Es ist aber auch ein anspruchsvolles Stück mit Hintersinn, auf das man sich erst einmal einlassen muss. Doch hat man den „Wald“ dann durchblickt, gibt es einiges zu entdecken. Wer nur eine aufgewärmte, scheinheilige Märchenerzählung mit garantiertem Happy End und allzu simpler Gut-Böse-Zeichnung erwartet, wird am Ende jedoch enttäuscht sein. Diese Geschichte ist anders, sie hinterfragt das Genre auf intelligente, subtile Art. Die reale Welt hat mit einem Märchen schließlich wenig gemein. Immerhin hat die Hexe schon längst erkannt, was Sache ist: „Wähl deine Worte klug, Kinder versteh’n gut. Pass auf, was du erzählst, Kinder durchschau’n schon viel.“

Weitere Infos findet ihr hier.

AB IN DEN WALD (INTO THE WOODS)
Broadway-Premiere: 05.11.1987, Martin Beck Theatre
Deutschlandpremiere: 31.03.1990, Heilbronn
Premiere Hildesheim: 20.01.2018
Besuchte Vorstellung: 11.02.2018
Musik & Lyrics: Stephen Sondheim
Buch: James Lapine
Deutsche Übersetzung: Michael Kunze
Musikalische Leitung: Achim Falkenhausen
Regie & Choreographie: Craig Simmons

Besetzung am 11.02.2018: Franziska Becker (Hexe), Alexander Prosek (Bäcker), Valentina Inzko Fink (Frau des Bäckers), Jürgen Brehm (Hans), Agnes Buliga-Contras (Hans‘ Mutter), Sandra Pangl (Rotkäppchen), Elisabeth Köstner (Aschenputtel), Tim Müller (Aschenputtels Prinz/Wolf), Steffi Fischer (Aschenputtels Stiefmutter), Laura Mann (Florinda), Franziska Blaß (Lucinda), Neele Kramer (Großmutter/Aschenputtels Mutter/Riesin), Daniel Chopov (Aschenputtels Vater), Jens Krause (Erzähler/Geheimnisvoller Mann), Kathelijne Wagner (Rapunzel), Björn Klein (Rapunzels Prinz), Jesper Mikkelsen (Kammerdiener), Orchester des TfN

Beitragsbild: © Jochen Quast

TEILEN
Vorheriger ArtikelNews: Chormusical „Martin Luther King“ mit Gino Emnes, Andreas Wolfram und Benjamin Eberling
Nächster ArtikelNews: „Die fabelhafte Welt der Amélie“ in München mit Sandra Leitner
Dennis Traud
"„The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot.“ (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton“, „Dear Evan Hansen“, „Der Kleine Horrorladen“, „HAIR“
Lieblings-Komponist: Leonard Bernstein, Alan Menken, Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unglaublich große Bandbreite an Themen, Formen, Musikstilen. Nichts ist unmöglich und nichts zu ungewöhnlich.