Das Theater Bonn nahm im April 2018 für nur wenige Vorstellungen das Musical „Evita“ wieder auf den Spielplan und zeigte das vielleicht beste Webber-Musical in einer exzellenten Inszenierung mit herausragenden Darstellern.

Ein Klassiker des modernen Musiktheaters

Es gibt wahrscheinlich nur wenige Songs oder Melodien aus Musicals, die über die Genre-Grenzen hinweg so eine große Bekanntheit erlangt haben wie „Don’t Cry for Me Argentina“ aus dem Musical „Evita“, das seit einigen Jahren wieder vermehrt auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum zu finden ist. Genauso ist der Name Andrew Lloyd Webber wohl selbst bekennenden Musical-Muffeln ein Begriff. Und auch, wenn man von seinen Werken halten mag, was man will – sie garantieren den Theatern noch immer ein volles Haus. „Evita“ ist jedoch eines der wenigen Webber-Stücke, die sowohl auf musikalischer als auch inhaltlicher Ebene ansprechend sind, was nicht nur daran liegt, dass weder Katzen noch Züge die Protagonisten sind. Dieses Musical ist vor allem deshalb interessant und spannend, da es vom Zuschauer die kritische Betrachtung einer historischen Figur verlangt. Es ist keine Glorifizierung, keine Verherrlichung einer schillernden, aber auch sehr umstrittenen und polarisierenden Persönlichkeit. Wenn man sich dessen als Zuschauer bewusst ist, hat das Musical mehr zu bieten als nur die weltbekannte, schwer pathetische Power-Hymne.

Wie so viele andere war auch Tim Rice Anfang der 70er-Jahre sofort fasziniert, als er vom Leben der Eva Perón hörte und ihm kam die Idee, ihre Lebensgeschichte zusammen mit Andrew Lloyd Webber auf die Bühne zu bringen. Es sollte die erste Zusammenarbeit der beiden nach Jesus Christ Superstar (1970) werden. Die Premiere von „Evita“ erfolgte 1978 in London unter der Regie von Harold Prince und mit Elaine Paige in der Hauptrolle, nachdem bereits zwei Jahre zuvor mit großem Erfolg ein Album mit den Songs veröffentlicht wurde, welches in vielen Ländern hohe Chartplatzierungen erreichen konnte. Die Broadway-Premiere war 1979 mit Patty LuPone als Evita. Die Produktion wurde bei der Tony-Verleihung 1980 elfmal nominiert und ganze siebenmal ausgezeichnet. Die deutschsprachige Erstaufführung war 1981 in der Übersetzung von Michael Kunze in Wien. Im Jahr 1996 erschien eine Verfilmung des Musicals in der Regie von Alan Parker und mit Madonna in der Titelrolle. Das eigens dafür neugeschriebene „You Must Love Me“ wurde sogar mit dem Oscar für den besten Song ausgezeichnet.

Evita

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4.1 von 5 Sternen (5 customer reviews)

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Ein Duo in Bestform

„Evita“ ist wohl eines der besten, wenn nicht sogar das beste Musical mit Beteiligung des britischen Komponisten. Sowohl Webber als auch Librettist Tim Rice sind zu Höchstform aufgelaufen. Die Partitur von Webber ist so vielseitig und abwechslungsreich wie danach wohl kein Werk des Komponisten mehr. Die Partitur greift gleich mehrere Stile auf, sie ist mal ganz klassisch angehaucht, mal von lateinamerikanischen Rhythmen geprägt, mal rockig, mal einfach typisch Musical. Zudem verarbeitet Webber ausgiebig Leitmotive, eingängige Melodien und repetitive Strukturen in seiner Partitur, was eine gewisse Kontinuität innerhalb des Werkes schafft. Dabei ist der weltbekannte Song „Don’t Cry for Me Argentina“ bei weitem nicht der stärkste Song. Am eindrücklichsten ist die Musik, wenn sie südamerikanisches Flair verbreitet, wie in „Buenos Aires“ und „And the Money Kept Rolling in“ oder wenn sich die zugespitzte Handlung im ersten Akt im kraftvollen „A New Argentina“ entlädt. Die Musik zu „Evita“ zählt mindestens zu den besten seiner Kompositionen. Die Lyrics von Tim Rice sind intelligent, oftmals sarkastisch und bringen, in Einklang mit der Musik, die Handlung entscheidend voran. Das gilt zu weiten Teilen auch für die Übersetzung von Kunze, die sehr gut anzuhören ist und sich nur manchmal in den eigenen Reimketten verliert und zu offensichtlich erklärend wird.

Vom Leben und Sterben einer Legende

© Thilo Beu

Das Musical verfolgt die Stationen im Leben von Eva Perón und beginnt mit der Verkündung ihres frühen Todes 1952, vorgetragen im historischen Wortlaut. Die darauffolgende Beerdigung stellte ein riesiges, bis dahin nie dagewesenes Ereignis dar, denn über zwei Millionen Menschen nahmen an ihrem Trauerzug teil. Dieser ganze „Zirkus“ wird von Ché mit einer gehörigen Portion Sarkasmus kommentiert und grundsätzlich in Frage gestellt. Ché, ein Verteter des gemeinen Volkes und eine Figur im Stile seines berühmtesten Namensvetters, ist von da an die Bezugsperson für das Publikum, die durch die Geschichte führt. Seine provokante These „Sie hat gar nichts getan“ muss dabei für die Anhänger Evitas wie Blasphemie daherkommen – der Zuschauer kann sich diesbezüglich in den nächsten zwei Stunden selbst ein Bild machen. Es gibt einen Zeitsprung ins Jahr 1934, zum Anfang ihrer „Karriere“: Man sieht die fünfzehnjährige Eva Duarte, schon damals von unbändigem Ehrgeiz getrieben, die zunächst den Sänger Agustín Magaldi kennenlernt und mit ihm in die Hauptstadt Buenos Aires geht. Sie wird als Radiomoderatorin und Schauspielerin berühmt, ihren gesellschaftlichen Aufstieg hat sie aber auch ihren zahlreichen Beziehungen zu verdanken, die sie zu ihrem Vorteil zu nutzen weiß. So schläft sie sich ganz ungeniert hoch, bis sie auf Juan Perón trifft, einen aufstrebenden Militärgeneral. Beide verstehen, dass sie vom jeweils anderen profitieren können und heiraten folglich. Sie hat dann auch einen entscheidenden Anteil am späteren Wahlerfolg Peróns. Evita, die vom Volk geliebt und von den Eliten gehasst wird, scheint auf ihrem Weg nach ganz oben unaufhaltsam voranzuschreiten. Doch je höher man steigt, desto tiefer kann man auch fallen …

© Thilo Beu

Eva Duarte de Perón, die Santa Evita, wird in Argentinien selbst heute noch wie eine Heilige verehrt, was für Außenstehende unverständlich sein mag. Sie verstand es früh, sich konsequent und erfolgreich als Stimme des Volkes und Fürsprecherin der „descamisados“, der Armen und Arbeiterschicht Argentiniens, darzustellen und sich öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Auch ihre Beziehung zu Juan Perón, dem Begründer der populistischen Peronismus-Bewegung, passt gut in dieses Bild. Ihre Geschichte und ihr beispielloser Aufstieg vom Mädchen vom Lande zur First Lady fasziniert jedenfalls noch heute. Ebenfalls entscheidend für die Mythenbildung und den Kult um ihre Person ist ihr früher Tod im Alter von nur 33 Jahren nach schwerer Krankheit, da Idole bekanntlich nicht alt werden dürfen. Neben der Prämisse, das unbändiger Ehrgeiz zur völligen Selbstzerstörung führt, ist die Intention des Stückes, dass Extremismus umso gefährlicher ist, je attraktiver und faszinierender seine Protagonisten sind. Obwohl die Uraufführung in London sich dieses Jahr bereits zum 40. Mal jährt, ist das Musical noch immer zeitgemäß. Vor allem die politische Thematik um Populismus und Extremismus verleiht dem Stück seine Aktualität.

Nicht nur eine „Evita“ von vielen

„Evita“ in Bonn, das ist mehr als nur eine weitere von vielen „Evitas“, denn die Stadt hat einen ganz besonderen Bezug zu Eva Perón. Als ihr Leichnam nach ihrem Tod und dem Sturz Peróns auf einer Odyssee durch halb Europa geschleppt wurde, soll er auch in der damaligen argentinischen Botschaft in der Stadt aufbewahrt worden sein – eine durchaus schaurige Vorstellung. Nun ist sie also, unter der Regie von Gil Mehmert, zurückgekehrt. Der erfahrene Regisseur inszeniert Evita in Bonn mit einer hervorragenden Personen-Regie und auf den Punkt genau. Er schafft fließende Übergänge und erzählt die Geschichte in durchgängig sehr hohem Tempo. Zeit zum Durchatmen gibt es für Darsteller und Zuschauer kaum, große Nummern (Choreographie: Kati Farkas) wechseln sich schlagartig mit kleineren Liedern ab. Mit vielen gelungenen Regie-Einfällen und einem bemerkenswert präzisen Staging wird das Musical zu keinem Zeitpunkt langatmig, denn auf der Bühne lässt sich immer etwas Spannendes entdecken. Das Bühnenbild (Ausstattung: Beatrice von Bomhard, Licht: Thomas Roscher) dominiert ein mehrstufiges Podest in der Mitte. Weitere Bühnenelemente werden bei Bedarf aufgefahren oder bewegt. Die Kulissen und Requisiten beschränken sich eher auf das nötigste, denn der Fokus liegt auf dem Spiel und den Figuren. In Bonn schafft man es so, eine ganze Reihe einprägsamer Bilder zu konstruieren. Nur ganz am Schluss darf dann geklotzt werden, wenn das berühmte ikonische Portrait der Santa Evita in überdimensionaler Größe den Raum der Bühne einnimmt. Aber jede Evita-Inszenierung lebt vor allem von ihren zwei Hauptdarstellern – in Bonn hat man da das große Los gezogen.

Darstellerische Glanzleistung

Denn die beiden begeistern mit pointiertem Spiel und gesanglicher Glanzleistung und meistern die anspruchsvollen Rollen. Eines von vielen Highlights ist dann auch der Walzer der beiden, in dem sie sich das einzige mal im Stück wirklich gegenüberstehen.

© Thilo Beu

Bettina Mönch ist in der Titelpartie zu sehen, in einer der schwersten Frauenrollen des Genres, die ihr aber wirklich sehr gut liegt. Von Anfang bis Ende überzeugt sie als Evita, man spürt ihren starken Willen, aber auch ihr besonderes Charisma in jeder Szene. Genauso hervorragend singt sie, die Höhen bereiten ihr keine Probleme und nur selten gehen die schwer zu intonierenden Stellen auf Kosten der Textverständlichkeit. Mönch spielt absolut glaubhaft die Entwicklung der Figur vom jungen Mädchen, das in „Buenos Aires“ die argentinische Hauptstadt erobern will, bis zur kränklichen, ausgelaugten First Lady, die im bewegenden „Verlass mich nie“ („You Must Love Me“) ihren Mann um seine Unterstützung und Liebe bittet. Während sie in „Wach auf, Argentinien“ im ersten Akt noch Peron die Show stiehlt und ihn mit einer riesigen Landesflagge übertrumpft, schafft sie es am Ende des zweiten Aktes nicht mehr, diese hochzuhalten, sie wird von dieser „Last“ beinahe erschlagen und geht leidend zu Boden. Was für eine eindrucksvolle Szene!

David Jakobs ist als Ché natürlich der Publikumsliebling des Abends. Energiegeladen und mit einer enorm starken Bühnenpräsenz geht er in der Rolle des ironischen Kommentators voll auf. Mal ist er der Revoluzzer, der von der Polizei gewaltsam von der Bühne getragen wird, mal der aufmunternde Kumpel, der für die verflogenen Liebschaften Evas eine Flasche Bier bereithält. Er singt dabei stets klar und scheinbar mühelos, egal ob im ruhigeren „Jung, schön und geliebt“ oder im packenden „Spendengelder fließen“. Er schafft es, einen ebenbürtigen Gegenpart zur starken Persönlichkeit von Evita darzustellen. Dabei umgibt Jakobs auf der Bühne stets eine besondere Aura, wie man sie unter deutschen Darstellern nur selten erlebt.

Mark Weigel gibt einen Juan Perón, der zwischen machthungrigem Politiker und besorgtem Ehemann schwankt. Gesanglich und spielerisch ist er sehr gut, doch wirkt er beinah zu sympathisch für einen populistisch-nationalistischen Präsidenten, der durch Zensur die Meinungsfreiheit unterdrückte und die Opposition und andere politische Gegner. Zwar werden diese Themen im Musical benannt, doch wirkt er, ständig im Schatten seiner Frau stehend, beinahe harmlos. In der herrlichen Szene, in der dieser das weiße Kleid seiner Frau anprobiert, wird deutlich, wem er seinen Aufstieg maßgeblich zu verdanken hat.

Johannes Mertes kann als Sänger Magaldi und erster Liebhaber Evas gleich zu Beginn des Stückes glänzen („On This Night of a Thousand Stars“) und Eva Löser als Mistress überzeugt in der Rolle des von der Liebe enttäuschten Mädchens („Du nimmst den Koffer wieder in die Hand“). Das große spielfreudige Ensemble aus Darstellern und Chor wird bereichert durch den Kinder- und Jugendchor des Theaters, der mit dem schönen „Santa Evita“ seinen großen Auftritt hat.

Einziger Wermutstropfen an einer sonst ausgezeichneten „Evita“: Die Musik kann sich leider nicht ganz entfalten, denn dafür ist die 9-köpfige Band dann doch zu klein, auch wenn die Musiker unter der Leitung von Jürgen Grimm das Beste aus der Situation machen. Trotz einer überwiegend guten Tonmischung dringt manchmal der künstliche Sound der Synthesizer durch. Musikalisch springt der Funke, obwohl die Band sogar auf der Bühne positioniert ist, deshalb im Theater nicht immer über. Das schmälert etwas den Hörgenuss, aber nicht die Leistung der Darsteller.

Webbers „Evita“ in Bonn ist hervorragend inszeniert, beeindruckend gespielt und eine großartige Show. Absolut sehenswert!

Infos zum Theater Bonn findet ihr hier.

„EVITA“

Uraufführung: 21.06.1978, Prince Edward Theatre, London
DEA: 20.01.1981, Theater an der Wien, Wien
Premiere Bonn: 04.09.2016
Besuchte Vorstellung: 15.04.2018
Musik: Andrew Lloyd Webber
Libretto: Tim Rice
Deutsche Übersetzung: Michael Kunze
Regie: Gil Mehmert
Musikalische Leitung: Jürgen Grimm
Szen. Leitung der Wiederaufnahme: Sandra Wissmann

Besetzung am 15.04.2018: Bettina Mönch (Evita), David Jakobs (Ché), Mark Weigel (Juan Perón), Johannes Mertes (Magaldi), Eva Löser (Mistress), (Brigitte Jung (Mutter), Runar Arason (Präsident, Offizier), Enrico Döring, Josef Michael Linnek, Johannes Marx, Christian Specht (Offiziere, Arbeiter), Niklas Linder, Maximilian Brase (Leibwächter), Ivan Keim, Shaw Coleman, Hayato Yamaguchi, Roberto Junior, Doreen Naß, Sarah Wilken, Judith Szoboszlay (Ensemble), Chor des Theater Bonn, Kinder- und Jugendchor des Theater Bonn.

Beitragbild: © Thilo Beu