Nach dem sehr langen und heißen Sommer starten die Theater nun endlich in die Saison 2018/2019. Meine erste Produktion führte mich nach Nürnberg zu „Catch Me If You Can“ am dortigen Staatstheater. Während mich das Musical an sich nie vollständig fangen konnte, ist hier jedoch vor allen dank der Hauptdarsteller eine gelungene Adaption des Erfolgsfilms mit Leonhard DiCaprio und Tom Hanks zu sehen.

Wenn Frank W. Abagnale Jr. – der Mann, dessen Lebensgeschichte in „Catch Me If You Can“ erzählt wird – eins gelernt hat, dann, dass man jede Lüge an den Mann bringen kann, solange man sie nur überzeugend genug verkauft. Richtig warm geworden bin ich mit der Musicalversion des Erfolgsfilms von Steven Spielberg nie wirklich. Ich mag den Film sehr gerne, aber es erschließt sich mir einfach nicht, warum man daraus ein Musical machen sollte. Nach Hören des Broadway-Albums und einem Besuch der Dresdner Inszenierung im Jahr 2015 hatte ich mit dem Stück eigentlich schon abgeschlossen. Nun bringt das Staatstheater Nürnberg das Musical erneut auf die Bühne. Mit David Jakobs in der Hauptrolle und Gil Mehmert als Regisseur. Wahrscheinlich hätte ich niemals in Betracht gezogen, mir diese Produktion von „Catch Me If You Can“ anzusehen, wenn man sie mit dieser Besetzung und diesem Kreativteam nicht so außerordentlich charmant an die Frau gebracht hätte.

© Pedro Malinowski

Frank W. Abagnale Jr. reißt mit 16 Jahren nach der Scheidung seiner Eltern von zuhause aus und flieht nach New York. Nachdem er sich bereits in der High School als Vertretungslehrer ausgegeben hat, versucht er den Schwindel nun in der großen Welt. Neben anfänglichen Scheckfälschungen gibt er sich in Laufe der Jahre unter anderen als Flugzeugpilot, Arzt und Anwalt aus – natürlich alles ohne Qualifikation oder Ausbildung. Noch vor seinem 21. Geburtstag hat er somit Gelder in Millionenhöhe ergaunert. Dabei ist ihm immer der FBI-Agent Carl Hanratty dicht auf den Fersen. Die Filmversion von Steven Spielberg kam im Jahr 2002 in die Kinos, gefolgt von der Musicalversion, welche es 2011 zur Broadway-Premiere schaffte. Das Musical war ein knappes halbes Jahr am Broadway zu sehen und bereits zwei Jahre später fand es seinen Weg zur ersten deutschsprachigen Aufführung in den Wiener Kammerspielen. Seitdem ist das Stück immer öfter auf den deutschen Bühnen zu finden.

Bis auf das fulminante Ende ist das Musical fast eins zu eins vom Film adaptiert und erzählt das rasante und zudem äußerst amüsante Katz-und-Maus-Spiel zwischen Abagnale und dem FBI-Agenten Hanratty. Leider kann das Musical nicht mit dem Tempo mithalten, welches den Film so auszeichnet. Hier hätte es vielleicht ganz gut getan, den Stoff nicht nur bezüglich des Schlusses zu ändern und somit zu kürzen, sondern auch die ein oder andere Szene, die die Handlung nicht voranbringt, zu streichen. Während man beim Film fast schon das Gefühl hat, dass man als Zuschauer keine einzige ruhige Minute hat, wird man beim Musical leider viel zu oft durch die ein oder andere Szene ausgebremst.

Die Musik von Marc Shaiman bietet definitiv einige Highlights. Wie bereits bei seinem vorherigen Erfolg „Hairspray“ schafft er es auch hier wieder, musikalisch die typische Fernsehwelt der 60er-Jahre aufleben zu lassen und bedient sich an einer großen Bandbreite von Swing, Jazz und typischen Big-Band-Klängen. Passend dazu sitzt das „Frank Abagnale Junior Orchestra“ auf der Bühne und verwandelt das Theater in ein großes Fernseh-Studio mit Showtreppe, in dem Frank dem Publikum seine Geschichte näher bringt. Dabei springen vor allem Abagnale und Hanratty immer wieder von der Handlung in die Rolle des Erzählers und zurück. Besonders praktisch sind hierbei zwei Tunnel, welche ins Bühnenbild eingebaut sind und einen äußerst schnellen und reibungslosen Transport der Requisiten ermöglichen. Die comicartigen Projektionen von Fufu Frauenwahl setzen die Handlung immer wieder rasant in eine neue Location, ohne zu aufdringlich zu wirken oder den eigentlich TV-Showcharakter zu sehr aus dem Lampenlicht zu drängen.

Charmanter Gangster vs. Beamten-Charme

© Pedro Malinowski

Oft weiß man nicht, wen man in diesem Musical mehr ins Herz schließen soll: Abagnale, der es auf noch so absurde Art und Weise schafft, alle hinters Licht zu führen und dabei nie seine Sympathie-Punkte beim Publikum verspielt oder Hanratty, der mit seiner trockenen Art das genaue Gegenstück zu Abagnale darstellt, jedoch nicht weniger gut beim Publikum ankommt. Hier hat man auf jeden Fall mit David Jakobs und Rob Pelzer einen wahren Volltreffer gelandet. Die beiden harmonieren sehr gut miteinander auf der Bühne, wobei die ein oder andere Szene mit ein wenig mehr Routine vielleicht sogar noch witziger werden könnte, als sie es ohnehin schon war. Aber auch in ihren jeweiligen Soli wissen beide zu überzeugen. So wollte das Publikum nach Jakobs „Goodbye“ gar nicht mehr aufhören zu applaudieren. Highlight war jedoch definitiv „Brich kein Gesetz“, wenn Rob Pelzer mit seinem FBI-Team regelrecht in Freudentänze ausbricht, wenn er von seiner Leidenschaft als Gesetzeshüter erzählt. Norbert Leo Butz hat für die Rolle des FBI-Agenten damals einen Tony-Award eingeheimst und Rob Pelzer sowie das gesamte Ensemble und Kreativteam haben ihm in besagter Szene definitiv alle Ehre gemacht.

Vor allem das wachsende Vater-Sohn-Verhältnis zwischen den beiden Hauptcharakteren macht den besonderen Charme dieses Stückes aus. Bei „Catch Me If You Can“ fragt man sich, vor was Abagnale eigentlich wegläuft: vor Hanratty oder vor sich selbst und dem Erwachsenenwerden. In dem Moment, als Abagnale mehr und mehr erkennt, dass sein Vater eben auch nur ein Mensch ist, der an seine Grenzen stößt, beginnt er wegzulaufen. Und immer, wenn er denkt, dass er seinen Vater nun mit seiner neuesten Errungenschaft helfen, wenn nicht sogar retten kann, wird er wieder mit der harten Realität konfrontiert, die ihn zu seiner nächsten „Identität“ führt. In dem ebenso einsamen Hanratty findet er mehr und mehr die Vaterfigur, die ihm die Regeln aufzeigt, die er von seinem eigenen Vater nie erfahren hat.

Auch die restliche Cast weiß zu überzeugen und wechselt analog zu Abagnale die Rollen von Flugcrew, Krankenhausangestellten und FBI-Agenten im Minutentakt. Im Musical kommen aufgrund der Geschichte so viele Charaktere vor, dass ich beim Schlussapplaus wirklich überrascht war, wie klein das Ensemble in Wirklichkeit ist und das zeugt nicht nur von einer sehr guten Logistik hinter, sondern auch einer grandiosen Spielfreude auf der Bühne.

Girls, Girls, Girls

© Pedro Malinowski

Bereits zu Beginn des Stücks erklärt Abagnale, dass er die ganzen Tricksereien nur wegen seiner Liebe zu Frauen gemacht hat. Eigentlich eine Liebeserklärung an die Damenwelt und doch hat mich vor allem das Frauenbild massiv an dieser Inszenierung gestört. Ich weiß, dass das Musical in den 60er-Jahren spielt. Eine Zeit, in der es nun mal üblich war, dass die Herren die angesehenen Berufe ausgeübt haben und die Damen einfach nur Hausfrau und Mutter oder die Assistentinnen waren. Da es trotz der vielen „Hinzudichtung“ trotzdem ein biografisches Musical ist, kann man hier auch schlecht zeitlich ausbrechen, sondern man ist schlichtweg an die 60er-Jahre und das damalige Weltbild gebunden.

Meine persönliche Schmerzgrenze ist bei solchen Themen wirklich sehr hoch und ich bin niemand, der mit erhobenem Zeigefinger in Musicals sitzt und ununterbrochen auf politische Korrektheit hinweist. Aber selbst ich musste bei der ein oder anderen Szene ein wenig die Nase rümpfen. Dass Frauen die hübschen Krankenschwestern neben den Ärzten waren, muss man den 60er-Jahren zuschreiben. Dass besagte Krankenschwestern auf der Bühne ein Lied darüber singen, dass sie nur das tun, „was ihnen der Arzt verordnet“, ist dem amerikanischen Komponisten-Team zuzuschreiben (die das Stück auch vor weniger als zehn Jahren geschrieben haben, aber okay). Dass die Krankenschwestern in besagter Szene in Bikini mit offenem Kittel über die Bühne tänzeln, ist wohl dem Kreativteam in Nürnberg im Jahr 2018 zuzuschreiben. Mir wurde das Frauenbild an diesem Abend leider viel zu oft auf sehr unnötige Weise ausgeschlachtet, was dadurch wirklich zu meinem größten Kritikpunkt dieser Inszenierung werden muss.

Alles in allem hatte ich trotzdem einen tollen Abend in Nürnberg. „Catch Me If You Can“ wird in diesem Leben einfach nicht mehr mein Lieblingsstück, was nicht bedeutet, dass ich es nicht gut finde, wenn es öfter seinen Weg auf die deutschen Bühnen findet. Schließlich ist das ja das Spannende am Theater. Man kann jedes Stück gut verkaufen, man muss nur eine Person finden, die es glaubt. Und der Stimmung im Saal nach zu urteilen haben das wohl ein paar weitere Menschen am Premierenabend getan.

Uraufführung: 10.04.2011 (Neil Simon Theatre, New York)
Besuchte Vorstellung: 06.10.2018 (Staatstheater Nürnberg)
Musik: Marc Shaiman
Lyrics: Marc Shaiman, Scott Wittman
Buch: Terrence McNally
Choreographie: Melissa King
Regie: Gil Mehmert
Kostüme: Falk Bauer
Bühnenbild: Jens Kilian
Videoprojektionen: Fufu Frauenwahl
Besetzung: David Jakobs (Frank W. Abagnale Jr.), Rob Pelzer (Carl Hanratty), Dirk Weiler (Frank Abagnale Sr.), Alexandra Farkic (Paula Abagnale), Inga Krischke (Brenda Strong), Peter Lesiak (Roger Strong, Agent Dollar), Tanja Schön (Carol Strong), Tim Hüning (Agent Cod)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Pedro Malinowski

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
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Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.