Jason Robert Browns Score zu „The Bridges of Madison County“ gilt unter Musical-Liebhabern – völlig zu Recht – als eine der schönsten Theaterpartituren der letzten Jahre. Die packende Inszenierung von Heartmade Productions, die letztes Jahr in Chemnitz Premiere feierte, tourt diesen Herbst in Koproduktion mit dem EURO-STUDIO Landgraf durch Deutschland. „Die Brücken am Fluss“ – unser Musical des Monats November 2018!

Das Musical basiert auf dem gleichnamigen Roman von Robert James Waller aus dem Jahr 1992, der drei Jahre nach seiner Veröffentlichung mit Meryl Streep und Clint Eastwood verfilmt wurde. Nach einer Tryout-Produktion in Williamstown 2013 kam die Musical-Adaption aus der Feder von Jason Robert Brown (Musik und Gesangstexte) und Marsha Norman (Buch) ein Jahr später an den Broadway. Wie schon Browns erstem Broadway-Musical „Parade“ (unser Musical des Monats im Juli 2017) war auch „The Bridges of Madison County“ nur eine kurze Laufzeit beschert und nach 137 Vorstellungen fiel der letzte Vorhang. Obwohl es zu dem Zeitpunkt der Preisverleihung nicht mehr lief, wurde das Stück im Juni 2014 mit zwei Tony Awards (für den besten Score und die beste Orchestrierung) ausgezeichnet.

© Jörg Singer

Vor dir und danach

Das Musical spielt 1965 auf einer Farm in Winterset, Iowa. Francesca, die 18 Jahre zuvor ihre Heimat Neapel für eine Zukunft in Amerika hinter sich gelassen hat, lebt hier mit ihrem Mann Bud und ihren beiden jugendlichen Kindern Michael und Carolyn und führt ein unerfülltes Leben als Hausfrau. Während Bud und die Kinder einen dreitägigen Ausfug nach Indianapolis machen, lernt sie den Landschaftsfotografen Robert kennen, den es nach Iowa verschlagen hat, da er im Auftrag von National Geographic die berühmten Brücken von Madison County fotografieren will. Die beiden kommen sich langsam näher und stürzen sich, überwältigt von ihren Gefühlen, in eine Affäre. Bevor Francescas Familie zurückkehrt, muss sie sich entscheiden, ob sie bereit ist, für eine Zukunft mit Robert ihr altes Leben hinter sich zu lassen.

2016, ein Jahr vor der deutschsprachigen Erstaufführung, landete „Die Brücken am Fluss“ bei unserem Geheimtipp-Ranking der schönsten Musical-Scores auf dem dritten Platz. Damals schrieb ich über das Stück und seine Partitur:

„The Bridges of Madison County“ wird wirklich ernstzunehmend mit viel Feingefühl erzählt, was vor allem der Verdienst von Jason Robert Browns unbeschreiblich gutem Score ist. Ich bin kein großer Experte, was Musiktheorie betrifft. ABER DIESES CELLO. Überhaupt, wie hier die verschiedenen Instrumente und Melodien und Stimmen (Kelli O’Hara und Steven Pasquale!) zusammenwirken, dieser ungewöhnliche Mix aus Country und klassisch geprägter europäischer Musik – ohne spirituell klingen zu wollen, aber dabei entsteht etwas, das irgendwie größer ist als wir alle.

Großartige Besetzung

Die deutschsprachige Erstaufführung von „Die Brücken am Fluss“ fand im März 2017 in Trier statt (wir berichteten). Einen Monat später kam das Musical in einer Inszenierung von Christian Alexander Müller – der zudem das Bühnenbild entwarf und selbst als Robert auf der Bühne stand – in Chemnitz zur Aufführung. Diese Inszenierung ist nun seit Oktober in leicht abgeänderter Form unterwegs durch Deutschland, mit Halt unter anderem in Duisburg und Fürth. Wie schon in Chemnitz sind auch auf der Tour wieder Christian Alexander Müller als Robert, Maike Switzer als Francesca, Udo Eickelmann als Bud und Steffen Friedrich als Charlie dabei. Die Tourbesetzung wird von den neuen Darstellern Lukas Weinberger (Michael), Nina Bülles (Carolyn), Laura Schneiderhan (Marian, Countrysängerin, Chiara) und Anja Gutgesell (Marge) ergänzt.

Im Gegensatz zur Chemnitzer Fassung steht bei der Tour neben diesen Figuren kein zusätzliches Ensemble auf der Bühne, was sich überhaupt nicht negativ auswirkt, da der Fokus auf die wesentlichen Figuren der Geschichte guttut und die Handlung sich als Kammerspiel optimal entfalten kann. Müllers Inszenierung ist rund und clever durchdacht, kommt auch mit wenigen Mitteln bestens aus, gewährt flüssige Szenenwechsel und malt schöne Bilder – etwa, wenn das Ensemble während „Es wird nichts passieren“ die nächtliche Bühne in warmes Kerzenlicht taucht.

© Jörg Singer

Wie schon in Chemnitz, erweisen sich Maike Switzer und Christian Alexander Müller auch auf der Tour wieder als Idealbesetzung von Francesca und Robert. Ihre Stimmen sind atemberaubend und harmonieren wunderbar miteinander. Kelli O’Hara und Steven Pasquale haben die Messlatte auf der Broadway-Aufnahme unfassbar hoch gelegt, aber Switzer und Müller stehen den beiden gesanglich in nichts nach. Auch schauspielerisch können sie auf ganzer Linie überzeugen. Dass der Abend zu einem derart emotionalen Erlebnis wird, ist zu großen Teilen den beiden Hauptdarstellern zu verdanken.

Auch Udo Eickelmann, Lukas Weinberger, Nina Bülles und Anja Gutgesell liefern eine professionelle Leistung ab und überzeugen mit schönem Gesang. Die besondere Entdeckung der Tour ist definitiv Laura Schneiderhan, die hier gleich mehrere Nebenrollen vereint und dabei einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Zu Beginn des zweiten Aktes heizt sie als Countrysängerin auf der „State Road 21“ ordentlich ein und macht in der ersten Hälfte des Abends als Roberts Ex-Frau Marian „’Ne and’re Welt“ zu einem der Höhepunkte des Abends. Eine bewundernswerte Leistung, mit einem Lied, das so angenehm unaufdringlich ist und auf leise Töne setzt, ein so großes Ausrufezeichen zu setzen! Die Darsteller werden von einem fantastischen Orchester unter der Leitung von Heiko Lippmann unterstützt, das den Score auf kraftvolle Weise zum Leben erweckt.

Nur ein Funke

© Jörg Singer

Die deutsche Fassung von Wolfgang Adenberg gehört zu den besten Übersetzungsarbeiten der letzten Jahre. Den deutschen Texten gelingt es, gleichzeitig poetisch zu klingen und kitschige Floskeln zu vermeiden. Sie liegen vollkommen organisch auf der Musik und gehen eine so perfekte Symbiose mit den Melodien ein, dass man meinen könnte, das Stück sei genauso geschrieben worden. Der Score von Jason Robert Brown hat im Original schon eine unbeschreibliche Kraft, aber dass er sich auf dieser Tour so wunderbar entfalten kann, ist auch dem gewaltigen Dichtungstalent von Wolfgang Adenberg und der überragenden gesanglichen Leistung von Christian Alexander Müller und Maike Switzer zu verdanken. Sie alle machen diese Version zur definitiven Inkarnation des Stückes. Wie schön es wäre, wenn diese künstlerische Meisterleistung auf einem Cast-Album für die Nachwelt festgehalten würde.

Die Tournee-Produktion von „Die Brücken am Fluss“ besticht durch eine hervorragende Besetzung, eine stringente Inszenierung und ein fantastisches Orchester. Man merkt in jeder Sekunde, mit wie viel Leidenschaft das gesamte Team für dieses Projekt brennt und sieht, dass hier alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten voll ausgeschöpft wurden. Eine klare Empfehlung für alle, die in den Genuss eines Musical-Scores kommen wollen, der sich von dem Einheitsbrei der letzten Jahre abhebt und wirklich etwas bewegt. Wer sich diese großartige Tourproduktion ansehen möchte, hat dazu noch an folgenden Terminen und Standorten die Möglichkeit:

  • 03. bis 04.11.2018 – Stadttheater, Amberg
  • 06.11.2018 – Theater an der Riß, Biberach
  • 08.11.2018 – Congress Park, Hanau
  • 11.11.2018 – Bürgerhaus, Unterschleißheim
  • 14.11.2018 – Heinrich-Gauf-Saal, Zweibrücken
  • 17.11.2018 – Parktheater, Iserlohn
  • 21. bis 24.11.2018 – Stadttheater, Fürth

Weitere Infos zur Tour erhaltet ihr auf der Facebook-Seite von Heartmade Produktions oder der Website von EURO-STUDIO Landgraf.

© Jörg Singer

„Die Brücken am Fluss“ – Tournee

Besuchte Vorstellung: 31.10.2018 (Kulturhalle Rödermark)
Uraufführung: 01.08.2013 (Williamstown Theatre Festival)
Broadway-Premiere: 20.02.2014 (Gerald Schoenfeld Theatre)
Deutschsprachige Erstaufführung: 18.03.2017 (Theater Trier)
Musik & Lyrics: Jason Robert Brown
Buch: Marsha Norman
Übersetzung: Wolfgang Adenberg
Inszenierung und Bühnenbild: Christian Alexander Müller
Musikalische Leitung: Heiko Lippmann
Kostüme: Stefan Stanisic
Besetzung: Maike Switzer (Francesca Johnson), Christian Alexander Müller (Robert Kincaid), Udo Eickelmann (Bud Johnson), Lukas Weinberger (Michael), Nina Bülles (Carolyn), Laura Schneiderhan (Marian, Countrysängerin, Chiara), Anja Gutgesell (Marge) und Steffen Friedrich (Charlie)

Folge Niklas auf seinem Musical-Blog theaterdistrikt.net.

Beitragsbild: © Jörg Singer

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Niklas Wagner
“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” - Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: ... dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!