Die Russen kommen! Zumindest bekommt man momentan den Eindruck, wenn man sieht wie das Broadway-Musical „Anastasia“ nach und nach Europa bevölkert. Erst im Oktober feierte das Stück über die russischen Zarentochter Europa-Premiere in Madrid und soll nächstes Jahr auch in den Niederlanden zu sehen sein. Am 15. November 2018 fand nun die freudig erwartete Deutschlandpremiere im Stuttgarter Palladium Theater statt.

Wenn ein beliebter Zeichentrickfilm auf die Bühne gebracht wird, denken viele sofort und unweigerlich an Disney. Nur verständlich, schließlich war es bisher ausschließlich die Produktionsfirma rund um Mickey Mouse, die ihre filmischen Meisterwerke auch für die große Bühne umgesetzt hat. Und nicht nur im Musicalbereich bekommt Disney oft Lorbeeren zugestanden, die ihm eigentlich gar nicht gebühren. Und so muss ich immer wieder die Leute in meinem Umkreis korrigieren – und ja, ich finde mich selbst furchtbar, was das angeht – dass „Anastasia“ kein Disney-Film ist, sondern eine Produktion von 20th Century Fox. Dass der Film im Jahr 2016 nun auch noch ganz Disney-typisch seinen Weg auf die Musicalbühne gefunden hat, vereinfacht mir mein Leben nicht wirklich.

Dazu muss ich wohl nun noch viel strenger den neunmalklugen Besserwisser raushängen lassen, weil ich die Musicalversion von „Anastasia“ sehr viel gelungener finde als ihre Kollegen aus dem Hause Disney. Wie bereits beim „Glöckner von Notre Dame“, der einzigen Disney-Produktion der letzten Jahre, die ich wirklich gut finde, ist „Anastasia“ nur an seiner Filmvorlage angelehnt und keine identische Adaption des Zeichentrickfilms aus dem Jahr 1997. Dadurch öffnen sich künstlerisch ganz neue Wege und ermöglichen eine fantastische Umsetzung eines Filmes, den man bereits kennt, aber doch wieder neu kennenlernen darf.

Historisch nicht korrekter, aber realistischer

Die Handlung ist im Großen und Ganzen noch die Gleiche. Das Waisenkind Anja hat keinerlei Erinnerung an ihre Kindheit und wächst alleine im kalten Russland auf. Als sie sich vornimmt, mehr über ihre Herkunft und Familie herauszufinden, trifft sie in Leningrad (das von den zarentreuen Russen immer noch St. Petersburg genannt wird) auf Dimitri und Wlad, die auf der Suche nach einer Anastasia-Doppelgängerin sind. Anastasia war die jüngste Tochter des letzten Zaren Russlands, welcher im Zuge der Oktoberrevolution im Jahr 1918 mitsamt seiner Familie ermordet wurde. Das Gerücht hält sich jedoch hartnäckig in den Straßen der Stadt, dass Anastasia überlebt hat. Vor allem Anastasias Großmutter, die in Paris lebt, will die Hoffnung nicht aufgeben und hat eine reichliche Belohnung ausgesetzt für denjenigen, der ihr ihre Enkeltochter zurückbringt. Da Paris Anjas einziger Hinweis auf ihre Familie ist, lässt sie sich auf den Schwindel ein und begibt sich auf die Reise nach Paris.

© Johan Persson

Der größte Unterschied zum Film ist die Streichung des bösen Zauberers Rasputin und seiner weißen Fledermaus Bartok. Hier ging ein regelrechter Aufschrei durch die Fanreihen des Films. In meinen Augen ist der Wegfall absolut gelungen. Die Geschichte rund um die Oktoberrevolution und die Ermordung der russischen Zarenfamilie liefert definitiv genug Dramatik ohne einen bösen Zauberer, der die Fäden gezogen haben soll. Beim Prolog wird nun nur mit musikalischer Untermalung und ohne viel gesprochenen oder gesungenen Text die dramatische Verhaftung und Ermordung der Romanows dargestellt. Dies hat bei mir mehr Gänsehaut hervorgerufen, als es im „Dunkeln der Nacht“, Rasputins Solo im Film, jemals geschafft hätte. Noch dazu wurde der Song „Im Dunkeln der Nacht“ im Musical in Form des Songs „Mein Land“ („Stay, I Pray You“) wiederverwertet und wird von Menschen gesungen, die ihr Heimatland verlassen müssen. So sehr ich den Song im Film auch mag, was daraus in der Bühnenversion gemacht wurde, ist definitiv eine Steigerung.

Anstatt Rasputin gibt es nun den Charakter Gleb, einen Mitarbeiter der russischen Regierung, dessen Vater einst die Zarenfamilie tötete. Er reist Anja nach Paris nach, um das, was sein Vater einst begonnen hatte, zu beenden. Leider muss ich gestehen, dass ich diese Rolle fast ein wenig überflüssig fand. Da das „Böse“ ja durch die russische Regierung dargestellt wird, welche mit allen Mitteln versucht, jedes noch so kleine Gerücht um eine Rückkehr Anastasias im Keim zu ersticken, hätte man hier vielleicht nicht wirklich einen einzigen Charakter gebraucht, der als Gegenspieler agiert. Vor allem, weil Gleb sich nicht entscheiden kann, ob er nun der Antagonist sein will oder Gefallen an Anja findet, weswegen er ihr letzten Endes auch nichts tut, beziehungsweise seine Absichten im mehr oder minder großen Showdown wie warme Luft verpuffen.

© Johan Persson

Alles in allem ist die Musicalversion viel erwachsener. Es wird sich mit den gleichen Themen befasst wie im Zeichentrickfilm, aber der Film ist sicherlich die kindergerechte Variante, in der es keine bösen Menschen gibt, sondern nur böse Zauberer, die halbtot in der Vorhölle leben, anstatt echte Menschen, die eine reale Gefahr für die Heldin darstellen. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte immer noch nicht historisch korrekt und bleibt ein schönes Märchen in den Zeiten der 1920er Jahre.

Wenn die Ausstattung den Preis wert ist

Wie bereits erwähnt, würde das Lied „Im Dunkeln der Nacht“ zumindest wiederverwertet, aber auch die anderen bekannten Hits des Films kommen auf der Bühne zum Einsatz. Vor allem die Klassiker des Films „Reise durch die Zeit“ und „Es war einmal im Dezember“ (bzw. aufgrund Textänderungen „Im Dezember vor Jahren“) fehlen selbstverständlich nicht auf der Musicalbühne. Für die Bühnenversion musste natürlich nochmal ein paar Songs nachgeliefert werden und somit bescherte uns das Komponisten-Team Stephen Flaherty und Lynn Ahrens wieder neue Songs. Ich dachte ehrlich gesagt, dass vor allem die neuen Lieder nicht der größte Coup sind und eher „nur“ ihren Zweck erfüllen und habe mich im Vorfeld daher mehr auf das altbekannte aus dem Film gefreut. Bis ich bei der Heimfahrt nach der Vorstellung doch feststellte, dass mir eher die neuen Songs wie „Land, das einmal war“ („Land of Yesterday“), „Unter all den Menschen“ („In a Crowd of Thousands“) oder „Im Traum“ („In My Dreams“) im Ohr hängen geblieben sind.

© Johan Persson

Das Herzstück der Bühne ist eine LED-Wand, die einmal die komplette Bühne einnimmt. Hier habe ich im Vorfeld oft die Kritik gelesen, dass man in „Anastasia“ ja „nur“ eine LED-Wand auf der Bühne hat. Und ich muss gestehen, dass mir bei genauer Beobachtung doch aufgefallen ist, dass die restlichen Requisiten auf der Bühne schon sehr mager ausfallen und es mir oft etwas an Liebe zum Detail gefehlt hat. Oft wirkt die Bühne aufgrund der Technik sogar fast steril. Nichtsdestotrotz schafft man durch die LED-Wand fantastische und gestochen scharfe Bilder auf der Bühne. Insbesondere, wenn in „Reise durch die Zeit“ als Finale des ersten Aktes Anjas Ankunft in Paris dargestellt wird. Auch so manch eine Szene im verschneiten Leningrad beziehungsweise St. Petersburg bleibt dem Zuschauer sicherlich länger in Erinnerung.

Zumindest eine „Requisite“ sticht dann doch besonders hervor und zwar die Kostüme von Linda Cho. Während im ersten Akt doch alles noch auf den kalten Winter in Russland getrimmt ist, ist es vor allem der zweite Akt, der dann in Paris spielt, der optisch schon einiges hermacht und die 20er Jahre aufleben lassen. Vor allem das rote Ballkleid Anastasias lässt zumindest die Frauenherzen höher schlagen.

Neue Gesichter braucht das Land

Ebenso wie die Tatsache, dass Stage Entertainment in letzter Zeit wieder mehr abseits von Disney-Musicals seine Shows produziert, empfinde ich auch die neuen Besetzungen wieder spannender und man scheint endlich wieder eine neue Riege an jungen und noch unbekannten Darstellern zu casten, die vielleicht die Stars von morgen werden könnten. Somit ist in Stuttgart als Anastasia Judith Caspari zu sehen. Bereits bei Castbekanntgabe war ich äußerst begeistert von ihr, wenn auch vorerst nur wegen der Tatsache, dass man endlich jemand Neues und Junges für die Rolle der Anja gefunden hat. Nach den ersten Promo-Videos und spätestens, nachdem ich sie auf der Bühne gesehen habe, kann ich nur jedem gratulieren, der ihr diese Rolle gegeben hat. Judith Caspari verkörpert die Rolle der Anja mit viel Herz und schauspielerisch nimmt man ihr die Rolle voll ab. Auch gesanglich hat sie sich in meinen Ohren auch noch mal stark zu ihren ersten Auftritten gesteigert und wir müssen uns mit „unserer“ Anja definitiv nicht vorm internationalen Vergleich verstecken.

So begeistert ich anfangs von der Bekanntgabe der Besetzung der Anja war, umso enttäuschter war ich von Milan van Waardenburg als Dimitri. Irgendwie passte er in meinem Kopf nicht so perfekt in die Rolle, wie ich es gerne gehabt hätte, was vielleicht daran lag, dass seine bisherigen Rollen so weit entfernt sind von Dimitri. Natürlich wurde ich mehr und mehr eines Besseren belehrt. Vor allem die Promo-Videos, die im Vorfeld gedreht wurden, ließen mich doch sehr schnell mit ihm warm werden, sodass ich mich immer mehr darauf gefreut habe, ihn auf der Bühne in dieser Rolle zu sehen. Vor allem die Chemie zwischen ihm und Judith Caspari passt perfekt und sowohl schauspielerisch als auch gesanglich kann man hier nicht meckern. Bleibt also nur noch zu sagen, dass man in Milan van Waardenburg einen sehr wandelbaren Darsteller gefunden hat und ich freue mich zu sehen, wo es in Zukunft noch so für ihn hingeht.

Thorsten Tinney als Wlad vervollständigt das Trio und ist der witzige und warmherzige Ruhepol. Vor allem, wenn er auf seine Lily trifft, die von Jaqueline Braun verkörpert wird, geht einem das Herz auf. Auch Jaqueline Braun verkörpert ihre Rolle einwandfrei und erntet sicherlich die meisten Lacher in „Land, das einmal war“.

Wann genau Mathias Edenborn von Rollen wie Fiyero in „Wicked“ zum immer missverstanden Bösewicht gewechselt ist, weiß ich nicht so genau. Allerdings liegen ihm solche Rollen einfach. Und auch die Rolle des Gleb fällt in dieses Rollenprofil. Zwar empfand ich die Rolle wie bereits erwähnt etwas überflüssig, aber ein Mathias Edenborn ist sicherlich der perfekte Darsteller, um mit seiner Bühnenpräsenz und Stimme diese Rolle zu einem wertvollen Bestandteil des Stückes zu machen.

Weniger gesanglich, aber dadurch umso mehr schauspielerisch begeistert Daniela Ziegler als Zarenmutter. Viel zum Singen gibt es für sie nicht und die Rolle sticht auch eher durch ihr Schauspiel heraus. Somit kamen mir jedes Mal fast die Tränen, wenn sie erst erfährt, dass ihre Familie tot ist und wenn sie nach jahrelanger verbitterter Suche endlich ihre geliebte Enkeltochter findet.

Somit scheint nach vielen Jahren endlich wieder ein Stück ins Stuttgarter Palladium Theater eingezogen zu sein, für das ich mich gerne wieder auf den Weg nach Stuttgart machen würde.

Uraufführung: 13.05.2016 (Hartford Stage, Hartford)
Besuchte Vorstellung: 14.11.2018 (Stage Palladium Theater, Stuttgart)
Musik: Stephen Flaherty
Lyrics: Lynn Ahrens
Buch: Terrence McNally
Regie: Carline Brouwer
Übersetzung: Ruth Deny (Dialoge), Wolfgang Adenberg (Songtexte)
Choreographie: Denise Holland Behtke
Kostüme: Linda Cho
Kostümbild: Reto Tuchschmid
Musikalischer Leiter: Boris Ritter
Besetzung: Judith Caspari (Anja), Daniela Ziegler (Zarenmutter), Milan van Waardenburg (Dimitri), Thorsten Tinney (Wlad), Mathias Edenborn (Gleb), Jaqueline Braun (Lily)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Johan Persson