Wir befinden uns im Jahre 2018 nach Christus. Ganz Deutschland ist von Disney und Jukebox-Musicals besetzt … Ganz Deutschland? Nein! Ein unbeugsames Kreativteam in Fulda hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und somit bescherte uns die Spotlight Musicals GmbH in den letzten Jahren fantastische Eigenproduktion, die nicht nur in Fulda bleiben, sondern immer wieder als Gastspiele in anderen Teilen Deutschlands zu sehen sind. Somit gastiert seit 09. November 2018 das Musical „Der Medicus“ im Deutschen Theater in München.

Während die eingefleischten Musicalfans immer noch erwartungsvoll nach Wien blicken und auf das nächste „Elisabeth“ von Michael Kunze und Silvester Levay hoffen, haben sich die „Historien-Musicals“ der Produktionsfirma Spotlight Musicals GmbH in meinen Augen mehr als bewährt. Bereits 2004 kam der Überraschungserfolg „Bonifatius“ in Fulda auf die Bühne, gefolgt von weiteren vielversprechenden neuen Musicals. Nach dem überaus großen Erfolg von „Die Päpstin – Das Musical“ hat sich Spotlight im Jahr 2016 wieder an ein Musical mit einer historischen Buchvorlage gewagt und zeigte „Der Medicus – Das Musical“ nach dem Bestseller von Noah Gordon.

Der Engländer Rob Cole verliert bereits in jungen Jahren sowohl seinen Vater als auch seine Mutter und wird aufgrund seiner Gabe, den nahenden Tod von Menschen zu spüren, von einem fahrenden Bader aufgenommen, der ihn in die Lehre der mittelalterlichen Heilmethoden nimmt. Als die Last, Menschen nicht helfen zu können, obwohl er weiß, dass sie sterben werden, immer größer wird, erzählt ihm sein Meister von einer Ärzteschule in Persien und dem sogenannten „Arzt der Ärzte“ Ibn Sina, der dort Medizin lehrt. In der Hoffnung, endlich seine Gabe sinnvoll nutzen zu können, macht er sich auf die lange Reise nach Persien. Unterwegs trifft er nicht nur die Schottin Mary Cullen, in die er sich verliebt, sondern erfährt von jüdischen Händlern, dass er als Christ nicht an der Madrassa, der Ärtzeschule von Ibn Sina, aufgenommen werden wird. Nachdem er sich von Mary verabschiedet hat, die mit ihrem Vater weiter nach Griechenland zieht, gibt er sich fortan als Jude Jesse Ben Benjamin aus und es gelingt ihm nach Eintreffen in der persischen Stadt Isfahan, an der Madrassa aufgenommen zu werden. Schnell schließt er Freundschaft mit seinen Mitstudenten Karim und Mirdin und findet in Ibn Sina einen väterlichen Mentor. Nachdem in Isfahan die Pest ausbricht und Rob immer dringender den Wunsch hegt, die Ursache für etwaige Erkrankungen zu finden, überschlagen sich die Ereignisse.

Weniger ist manchmal mehr

Es ist in meinen Augen sehr gut gelungen, die nicht gerade kurze Handlung des Romans in ein Bühnenmusical zu verwandeln. Man orientiert sich eher an der Buchvorlage als an der Verfilmung aus dem Jahr 2013 und deckt die groben Eckpfeiler der Handlung sehr gut ab. Der größte Schwachpunkt war für mich, dass man sich nicht so wirklich entscheiden konnte, ob man nun ein düsteres Mittelalter-Drama oder eine Komödie auf die Bühne bringen möchte. Ich finde es absolut in Ordnung, wenn es in einer dramatischen Geschichte auch mal den ein oder anderen Lacher gibt und die Stimmung etwas aufgelockert wird. Genau hier steckt auch ein wenig die Kunst eines guten Dramamusicals. Jedoch waren mir die Witze des Öfteren zu flach, während die dramatischen Szenen oft zu überspitzt dargestellt worden sind. Der Spagat wurde daher fast unüberwindbar weit. Vor allem den zweiten Akt empfand ich hier deutlich besser, da das Augenmerk viel mehr auf der dramatischen Entwicklung lag und oft keine Zeit blieb, zu sehr ins Alberne abzudriften.

© Spotlight Musicals

Diese Unschlüssigkeit wurde vor allem in den Ensemblenummern deutlich. Gleich zu Beginn folgt auf die viel zu düstere Nummer „Die Zeiten sind hart“ das Gute-Laune-Liedchen „Für Leib und Seele“ und bei beiden Lieder hatte ich aufgrund der Choreographien eher das Gefühl, in einer neue Produktion von Monty Python’s „Spamalot“ zu sitzen. Es ist wirklich eine Freude, dem talentierten Ensemble in München zuzusehen, aber die Tänze haben für mich leider überhaupt nichts mit ernstzunehmenden und vor allem modernen Musiktheater zu tun. Im Laufe des Stücks besserte sich dies jedoch und führte letztendlich zum – für mich – Highlight des Abends. In der Szene „Das letzte Spiel“ wird ein Schachspiel dargestellt, wobei die Tänzer als Figuren agieren und hier stimmt einfach alles: Die Szene ist durchdacht, dramatisch und die Choreographien modern.

Musikalisch hört man ganz klar die Schrift von Dennis Martin heraus, der bereits die Scores von allen anderen Spotlight-Produktionen der letzten Jahre komponiert hat. Hier sind definitiv wieder ein paar eingängige Melodien dabei, wobei vor allem die Figur des Rob Cole die meisten Showstopper auf den Leib geschrieben bekommen hat. Vielleicht auch zu viele. Normalerweise sind es ja die großen Nummern des Hauptcharakters, die letzten Endes im Kopf hängen bleiben. An diesem Abend blieb leider kein Song so richtig im Ohr, obwohl es genug Potenzial im Musical gibt. Man ist fast schon übersättigt und hat das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben. Das Musical ist zudem mit über drei Stunden nicht gerade kurz, weswegen es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, ein paar Mal den Rotstift anzusetzen und nicht jede noch so kleine Entscheidung der Charaktere als große Musicalnummer zu verewigen.

Das Bühnenbild von Christoph Weyers und die Kostüme von Ulli Kremer wechselten eindrucksvoll vom kalten, bodenständigen England zur bunten Wüstenwelt Persiens. Sehr gelungen empfand ich die Videoprojektionen, womit man es sogar schaffte, einen ganzen Sandsturm auf der Bühne umzusetzen. Auch äußerst hervorzuheben sind die Kölner Symphoniker, die in München im Orchestergraben sitzen. Da bei Spotlight für gewöhnlich die Musik vom Band kommt und auch bei anderen Musicals in Deutschland immer das Orchester in der Kritik steht, ist es schön, dass man sich hier scheinbar besonders Gedanken gemacht hat.

Bekannte Gesichter

Wenn man Darsteller wie Panini-Bilder sammeln würde, wäre die Spotlight Musicals GmbH sicherlich das coolste Kind der Grundschule. In den letzten Jahren ist keine Produktion vergangen, in der nicht mindestens ein neuer Musicalstar in eine Rolle der Historien-Musicals geschlüpft ist.

© Susanne Brill

Dramatische Musical-Charaktere, die eindrucksvoll und stimmgewaltig ihr Leid klagen. Klingt nach der typischen Rolle für Patrick Stanke, der in München in der Hauptrolle des Rob Cole zu sehen ist. Hier muss man wahrscheinlich gar nicht mehr betonen, dass man mit ihm einfach nichts falsch machen kann, schließlich ist diese Art von Rolle ihm fast schon auf dem Leib geschneidert. Als Walk-In-Cover übernimmt zudem Friedrich Rau ein paar Vorstellungen, der in der Uraufführung die Rolle kreiert hat. Als Mary Cullen steht Barbara Obermeier in München auf der Bühne. Auch sie hat sich inzwischen in zahlreichen Produktionen etabliert und singt und schauspielert die Rolle der Mary sehr sympathisch.

Reinhard Brussmann übernimmt die Rolle des Ibn Sina. Er gehört inzwischen zum alten Eisen der deutschen Musicalszene und ich liebe seine kraftvolle und warme Stimme, die wie geschaffen ist für den herzlichen und weisen Mentor. Als die Freunde und Kommilitonen Robs stehen Christian Schöne als Karim und Kristian Lucas als Mirdin auf der Bühne des Deutschen Theaters. Während Mirdin als herzlicher und verständnisvoller Freund auftritt, ist die Rolle des Karims die vielschichtigste im Musical. Anfangs noch der partyliebende und großzügige Freund, wandelt er sich schließlich zum eigentlichen Gegenspieler Robs. Jedoch erklärt er selbst, dass im Leben nicht immer alles schwarz und weiß ist, und da er vieles nur tut, um Rob vor Schlimmeren zu bewahren, kann und darf man ihn irgendwie nicht als reinen Bösewichten abstempeln.

Alles in allem sind die Musicals von der Spotlight Musicals GmbH eine Bereicherung für den deutschsprachigen Musicalraum und der Erfolg der letzten Jahre gibt ihnen da Recht. Vor allem die Themen sind jedes Mal wieder sehr gut gewählt und man schafft es somit wieder mehr, das Publikum ins Theater zu holen, welches man eher selten bei Musicals antrifft. Für 2020 steht bereits „Robin Hood“ in Zusammenarbeit mit Chris de Burgh in den Startlöchern.

Uraufführung: 17.06.2016 (Schlosstheater Fulda)
Besuchte Vorstellung: 09.11.2018 (Deutsches Theater München)
Musik: Dennis Martin, Marian Lux
Lyrics: Dennis Martin, Christoph Jilo, Wolfgang Adenberg
Buch-Vorlage: Noah Gordon
Choreographie: Kim Duddy
Regie: Christoph Jilo, Holger Hauer (Uraufführung)
Kostüme: Ulli Kremer
Bühnenbild: Christoph Weyers
Besetzung: Patrick Stanke (Rob Cole), Barbara Obermeier (Mary Cullen), Reinhard Brussmann (Ibn Sina), Christian Schöne (Karim Schah), Kristian Lucas (Mirdin), Sebastian Lohse (Bader Kandrassä), Colin Badura (Rob Jung/Samuel), Josephine Härle (Anne Mary), Tita Engelschalk (Claire)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Spotlights Musicals

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.