„Der Medicus“, „Kolpings Traum“ oder „Bonifatius“ – die historischen Musicals der Spotlight Musicals GmbH aus Fulda begeistern seit Jahren das Publikum. Nun versucht sich Big Dimensions an einer Neuinszenierung von „Die Päpstin“ im Theaterhaus Stuttgart und tritt damit in große Fußstapfen. Kann eine Modernisierung des historischen Stoffs gelingen?   

Die Geschichte der Päpstin Johanna ist wohl weltbekannt. Im 9. Jahrhundert erblickt ein Baby das Licht der Welt, das in den Augen seines Vaters nur einen einzigen Fehler hat. Es ist ein Mädchen. Doch nicht irgendein Mädchen … Johanna ist außerordentlich begabt und lernt schnell lesen und schreiben. Als es ihr gelingt, in einer Klosterschule aufgenommen zu werden, eignet sich die junge Frau allerlei medizinisches Wissen an. Doch schnell muss sie lernen, dass in einer patriarchalischen Welt kein Platz für intelligente Frauen ist. Mit der Entscheidung, sich die Haare abzuschneiden und fortan als Klosterbruder zu leben, eröffnen sich Johanna viele neue Möglichkeiten. In Rom wird sie Leibarzt des Papstes und als dieser stirbt, überraschend selbst zum Papst gekrönt. Nach außen hin Johannes Anglicus, doch im Inneren eine liebende Frau, verhilft Johanna Rom zu neuem Glanze, doch schlussendlich muss sie sich entscheiden. Sowohl ihre Liebe zum Ritter Gerold als auch zahlreiche Intrigen am römischen Hof machen es ihr beinahe unmöglich, ihr Geheimnis zu wahren.

© Alex Wolfanger

Mit „Die Päpstin“ nach dem Weltbestseller von Donna W. Cross etablierte sich die Spotlight Musicals GmbH endgültig in der deutschsprachigen Musicalwelt und das beschauliche Fulda wurde zum Pilgerweg für Musicalfans aus ganz Deutschland. Nach „Bonifatius“ und „Elisabeth – Legende einer Heiligen“ war es „Die Päpstin“, die Begeisterungsstürme auslöste. Mit der gelungenen Uraufführung 2011 im Schlosstheater Fulda ebnete Päpstin Johanna vielen weiteren historischen Musicals den Weg, darunter „Die Schatzinsel“ oder „Friedrich – Mythos und Tragödie“.  Drei Merkmale lassen sich bei allen Fuldaer Eigengewächsen finden.

  1. Die Qualität der Produktionen ist enorm hoch. Musicaldarsteller von Rang und Namen, ein detailreiches Bühnenbild und abwechslungsreiche Tanzszenen machen die Aufführungen zu einem Hör- und Sehgenuss.
  2. Moderne Inszenierungen sucht man in Fulda vergeblich. Historische Stoffe werden so präsentiert, als seien sie der damaligen Zeit entsprungen.
  3. Im Kontrast zu den historischen Komponenten können sowohl Tanznummern als auch Musik eher der „seichten“ Pop-Sparte des Musicalgenres zugeordnet werden.

Wie schlägt sich die Neuinszenierung von „Die Päpstin“? Kann man ein so erfolgreiches Stück überhaupt andersartig auf die Bühne bringen?

Alle guten Dinge sind drei

Musicaldarsteller von Rang und Namen? Ach was, wieso nicht gleiche die ganze Riege des Musical-Olymps Deutschlands engagieren. Die Castliste liest sich wie die Besetzung eines Hollywood-Streifens.

© Big Dimension

Allen voran die Bachelorette Anna Hofbauer, die bereits als argentinische Nationalikone Evita oder als Kaiserin Elisabeth in „Ludwig²“ auf der Bühne stand. Mit historisch angehauchten Stoffen ist sie folglich bestens vertraut. Hier beweist sie, dass die Rolle nicht zwangsläufig die stimmliche Power einer Sabrina Weckerlin erfordert. Ihr lieblicher Gesang ist in der Rolle der demütigen, aber auch leidenschaftlichen Johanna wunderschön anzuhören. Schauspielerisch wohl die bisher beste Rolle Anna Hofbauers, bringt sie sowohl die Verzweiflung als auch die starken Momente ihrer Figur gekonnt zum Ausdruck.

An ihrer Seite leidet und kämpft Jan Ammann, der zuletzt in „Doktor Schiwago“ die historische Sparte bediente. Als Ritter Gerold, Johannas Ziehvater und späterer Geliebter, legt er eine rührende Performance an den Tag. Stimmlich begeistert er wie eh und je und seine Songs klingen, als seien sie für ihn mehr Spaziergang als harte Arbeit.

Johannas Lehrer in Gestalt von Uwe Kröger führt zeitweilig als Erzähler durch die Geschichte. Einst der Tod in „Elisabeth“ und gemeinsam mit Pia Douwes das Traumpaar des Musicals, strahlt er immer noch eine außerordentliche Bühnenpräsenz aus und zeigt stimmlich, was er kann. Vereinzelte Aussetzer seien ihm verziehen.

Als Bösewicht brilliert Christopher Brose. Den schmierigen Emporkömmling Anastasius, der unbedingt zum Papst ernannt werden will, nimmt man ihm vollkommen ab und es macht regelrecht Spaß, ihm dabei zuzuschauen, wie er sein Netz aus Intrigen spinnt.

Die Nebenrollen sind mit Frank Bahrenberg (in Fulda kein Unbekannter) sowie Alexander Kerbst und Stefanie Kock (beide aus „Falco – Das Musical“) ebenfalls passend und stimmlich bestens besetzt.

Mit der wohl bemerkenswertesten Mini-Nebenrolle der Welt als Klosterbruder Rabanus ist kein geringerer als Kevin Tarte betraut, der beim Premierenabend jedoch von Marcus G. Kulp vertreten wurde. Tadellos beweist dieser, dass die Bezeichnung „Zweitbesetzung“ keinesfalls „am zweitbesten“ bedeutet, sondern die große Klasse hart arbeitender Musicaldarsteller in allen Reihen zu finden ist. Hut ab an dieser Stelle.

Ein besonderes Lob gebührt auch den Kinderdarstellern Alva Kist und Nico Brade als junge Johanna und deren Bruder Johannes, die eine wirklich tolle Leistung abliefern. Lateinische Redewendungen vorzutragen, ohne, dass es wie auswendig gelernt klingt, können selbst viele Erwachsene nicht.

Je beeindruckender die Hauptrollen verkörpert wurden, desto weniger zeigt das Ensemble den Standard, den man von Fulda gewöhnt ist. Gesanglich präsentieren sich alle Darsteller bestens, der ein oder andere auswendig gelernte Satz erinnert jedoch eher an ein Laientheater. Auch die Tanzszenen sind eher die einer Amateurtruppe. An einigen Stellen fehlen Ausdruck und körperliche Präsenz, aber es sind vor allem die Choreografien, die diesen Eindruck vermitteln. Man denke an die unpassenden Armbewegungen aus „Zum Ruhme der Familie“.

© Alex Wolfanger

Das „Who is Who“ von Musicaldeutschland

Ein kleiner Wehrmutstropfen, den man aber verschmerzen kann, ist das fehlende Orchester. Die Musik vom Band nimmt ein Stück vom Live-Erlebnis, dafür gestaltet sich die Tonaussteuerung perfekt und alle Darsteller sind glasklar zu verstehen … eine Kunst, die einige größere Produktionsfirmen nicht immer hinbekommen.

Regisseur Benjamin Sahler wagt sich an eine modernere Inszenierung der „Päpstin“, als man es von Fulda gewohnt ist. Das fängt beim Bühnenbild an, schlägt sich im Lichtdesign nieder und zieht sich auch durch die Auslegung der Geschichte.

Die Kostüme sind größtenteils historisch gehalten und entführen in eine andere Zeit, während das Bühnenbild von Minimalismus geprägt ist. Das römische Reich und die Klostermauern bestehen überwiegend aus Gerüsten, Tischen und Holzbänken. Selbst der Papstthron mutiert zu einem Gebilde aus gestapelten Kisten. Wo bei den Darstellern geklotzt wurde, wurde an der Ausstattung gespart. Spartanisch, spärlich, aber auch Stilmittel … gemeinsam mit wechselnden Lichteffekten, weißen Blitzen und Nebelschwaden vermittelt das Bühnenbild eine dramatische Atmosphäre und unterstreicht wechselnde Stimmungen. Vom romantischen Liebesduett im Wald über einen grausamen Überfall durch die Normannen bis hin zum bunten Treiben in Rom – was nicht gezeigt wird, wird angedeutet und fügt sich äußerst stimmig in die Inszenierung mit ein. Einziger Kritikpunkt sind die teilweise etwas lang wirkenden Umbauten zwischen den Szenen.

Nichts Halbes und nichts Ganzes

Die Musik stammt wie ein Großteil der Fuldaer Kompositionen von Dennis Martin und geht schnell ins Ohr. Ob Ritter Gerold „wehrlos“ seine Geliebte anschmachtet, der Vater seine Tochter als „Wechselbalg“ beschimpft oder die Päpstin „Das bin ich“ verkündet, die Lieder sind eingängig und schön anzuhören. „Hinter hohen Klostermauern“ oder „Einsames Gewand“ stechen hervor, aber grundsätzlich gestaltet sich die Musik eher poplastig und wenig vielfältig.

Da das Bühnenbild auf ein Mindestmaß reduziert ist, können die Darsteller nun ohne große Ablenkungen zeigen, was in ihnen steckt. Hierbei lässt die Inszenierung aber vor allem den Dialogen, der Geschichte und der Musik Raum. Und da hakt es. Der über 500 Seiten dicke Wälzer von Donna W. Cross wurde grundsätzlich gut gekürzt. Zwar gestaltet sich der erste Akt als etwas schleppend, aber der zweite nimmt richtig Fahrt auf und alle nennenswerten Stationen im Leben der Päpstin finden Betrachtung. Allerdings sind die Dialoge vorhersehbar, die Erzählstruktur und der Verlauf der einzelnen Szenen nicht immer schlüssig und auf musikalisch komplexe Hörgenüsse wartet man vergebens. Nach Jahren voller Entbehrung treffen sich Johanna und Gerold wieder, doch kein Duett krönt ihre Liebe? Der Vater redet und redet, nur um das Gesagte dann nochmals in einem Lied zu wiederholen? Hier liegt meines Erachtens das Problem nicht an der Inszenierung selbst, sondern an der Vorlage, die zu wenig bietet. Was in Fulda noch mit ausdrucksstarken Tänzen und einem tollen Bühnenbild kompensiert werden kann, gelingt hier leider nicht.

Nichtsdestotrotz kann man die dramaturgischen Unstimmigkeiten verschmerzen. Das vorhandene Bühnenbild wird gut genutzt, die Darsteller agieren auf höchstem Niveau und die (wenn auch eher seichte) Musik bleibt im Ohr. Ob die neue Inszenierung der Vorlage nun gut tut oder nicht, ist Ansichtssache. Es sei nur noch eines gesagt: „Habemus Mamam“.

© Alex Wolfanger

Nach Spielzeiten in der Gebläsehalle Neunkirchen und dem Theaterhaus Stuttgart wird die Produktion im Dezember 2018 in Füssen zu sehen sein. Informationen und Tickets gibt es hier.

Uraufführung: 03.06.2011 (Schlosstheater, Fulda)
Besuchte Vorstellung: 02.03.2018 (Theaterhaus, Stuttgart)
Literarische Vorlage: Donna W. Cross
Buch: Dennis Martin, Christoph Jilo
Musik: Dennis Martin
Produktionsleitung: Stefanie Gröning
Regie: Benjamin Sahler
Musikalische Leitung: Konstantinos Kalogeropoulos
Choreografie: Stefanie Gröning
Bühnenbild: Andreas Arneth
Kostüme: Andrea Kučerová & Andrea Mudrak

Besetzung: Anna Hofbauer (Johanna), Jan Ammann (Gerold), Uwe Kröger (Aeskulapius), Christopher Brose (Anastasius), Alexander Kerbst (Arsenius), Marcus G. Kulp (Rabanus/Fulgentius), Frank Bahrenberg (Vater/Papst), Stefanie Kock (Mutter/Marioza), Benjamin Setz (Lothar), Rouven Wildegger-Bitz (Ratgar), Vanessa Wichetrich (Richhild), Alva Kist (kleine Johanna), Nico Brade (kleiner Johannes), Vera Horn & Stefanie Gröning (Raben)

Beitragsbild: © Big Dimension

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Vanessa Fatho
„Music can name the unnameable and communicate the unknowable.“ - (Leonard Bernstein)

Lieblings-Musical(s): „Tanz der Vampire“, „Les Misérables“, „Singin’ in the Rain“, „Rent“
Lieblings-Komponist:Leonard Bernstein, Andrew Lloyd Webber, Lin-Manuel Miranda und Sylvester Leavy
Lieblings-Texter: Michael Kunze, Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: ... ich in meiner Kindheit unbedingt eine Katze haben wollte und das Musical „Cats“ entdeckte.
An Musicals fasziniert mich: ... die Emotionen, die in mir geweckt werden. Die Musik ruft Gefühle hervor, die mit Worten gar nicht erzeugt werden können. Dabei wird einem nie langweilig, denn das Genre erfindet sich immer wieder neu und ist an Vielfalt kaum zu überbieten.