Meinen ersten „Ghost“-Besuch erlebte ich im Sommer 2011 kurz nach der Premiere der ersten Produktion in London. Ich war gespannt auf die Umsetzung der Filmvorlage auf der Bühne. Durch das fast ausschließlich aus Projektionen bestehende Bühnenbild, den viel zu jungen Sam und die Oda-Mae-Zweitbesetzung war das Ergebnis für mich ernüchternd. Ich konnte dem Stück wenig abgewinnen. Bei meinem zweiten Besuch 2015 auf der wesentlich kleineren Bühne des English Theatre in Frankfurt hat es mir durch die klassische Inszenierung – bis auf Kleinigkeiten – deutlich besser gefallen; ein Fan des Stückes wurde ich aber auch damit nicht. Umso erstaunter war ich, wie mich die Berliner Produktion im Frühjahr 2018 begeistert hat. Hierzu hat sicherlich die deutsche Übersetzung beigetragen, die mir einfach ein besseres Sprachgefühl gibt. Die Darsteller waren dazu sehr überzeugend, vor allem Alexander Klaws hat mich als Sam voll und ganz gefesselt.

© Stage Entertainment

Daher wollte ich dem Stück in Hamburg eine weitere Chance geben. Das Ergebnis liegt irgendwo in der Mitte zwischen meinen bisherigen Eindrücken. Die Darsteller brauchten eine ganz Zeit, um in ihre Rollen zu finden. Dementsprechend machte der ohnehin dichtere zweite Teil auch einen wesentlich besseren Eindruck.

Matthias Davids Inszenierung feierte in Koproduktion mit der Stage Entertainment am 18.03.2017 seine deutschsprachige Erstaufführung am Landestheater Linz. Die Stage zeigte diese von Dezember 2017 bis Oktober 2018 im Berliner Theater des Westens und nun in Hamburg. Diese Zusammenarbeit zeigt einmal mehr das Renommee des Linzer Hauses, das über ein eigenes Musical-Ensemble verfügt.

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Davids in Hamburg von Christoph Drewitz eingerichtetes Konzept konzentriert sich auf die Liebes- bzw. spätere Trauergeschichte vor dem Hintergrund der hektischen Großstadt und der anonymen Finanzwelt. Passend dazu ist das von beweglichen Betonbalken dominierte Bühnenbild von Hans Kudlich kühl. Einfahrende farblich abhebende Teile wie Sofa, Kühlschrank und Schreibtische lassen in Kombination mit Michael Grundners wirkungsvolles Licht-Design schnell verschiedene Spielorte sowie unterschiedliche Stimmungen entstehen. Ein Highlight ist die dreiteilige, sehr bewegliche U-Bahn, in der Sam vom U-Bahn-Geist malträtiert wird. Es kommt moderne Alltagskleidung zum Einsatz, vor allem farblich gesetzte Anzüge in der Bank. Lediglich Oda Mae setzt in ihren farbenfrohen und schrillen Roben Gegensätze.

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Viele Wiederholungstäter

Riccardo Greco, der den Sam bereits in Linz interpretierte und für die Spielzeit in Hamburg von dort „entliehen“ wurde, punktet durch seinen eindringlichen Blick sowie seine Hartnäckigkeit, Molly zu beschützen und ihr endlich zu sagen, dass er sie liebt. Seine Stimme ist sehr sicher und klar, vor allem in den Höhen. Dazu lockert er die eher düstere Geschichte durch seine Sprüche immer wieder auf. Er schafft es, alle Gefühle von Sam mit Leichtigkeit auszuloten. Sein präsentes Wesen macht ihn ungeheuer sympathisch. Ihr Rollendebüt als Molly gibt Roberta Valentini. Durch ihre weiche und gefühlvolle Darstellung spürt man die Trauer und Verzweiflung ihres Charakters über den Tod des Partners deutlich. Stimmlich dreht sie mehr und mehr auf und erreicht ein beachtlich hohes Niveau.

Mit ihrer Erfahrung als Spiritistin aus Berlin kostet Amber Schoop als Oda Mae meisterlich jede ihrer Pointen dieser dankbaren Rolle aus und singt dazu mit mächtiger Soul-Röhre. Ihre Nummern „Kannst du vertrauen?“ und „Nur weg von hier“ machen einfach Freude. Als sie Mitte des ersten Aktes erscheint, haben sich die anderen Akteure glücklicherweise eingespielt. John Vooijs als Carl versucht, die Zweifel an seinen skrupellosen Taten herauszustellen. Seine Rolle ist jedoch die am schwächsten ausgearbeitete der vier Hauptpartien. Trotz seines Charmes und seiner angenehm tiefen Stimme bleibt er stets ein bisschen abseits.

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Rob Pelzer gibt wie bereits in Linz den Krankenhaus-Geist, der Sam in der Zwischenwelt einführt, mit klangvoller Stimme. Der junge Marius Bingel stellt die Aggression des U-Bahn-Geistes anschaulich dar und zeigt Sam, wie er Sachen bewegt. Das Ensemble agiert bei Le Prouds zackigen Choreografien zu „Mehr“ und „Nur weg von hier“ sehr kraftvoll und harmonisch.

Musikalisch bewegen sich Dave Stewart („Eurythmics“) und Glen Ballard zwischen Pop, Rock, Gospel und Hip Hop. Vor allem die Balladen sind eingängig, im Ohr bleibt allerdings der bereits im Film verwendete Song „Unchained Melody“, der als Grundmotiv dient. Die neun Band-Mitglieder spielen flott auf, sind allerdings sehr laut und immer wieder dröhnend abgemischt.

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Film-Adaptionen haben keine Erfolgsgarantie

Übersinnliche Geschichten kommen gut an, vor allem verbunden mit Herz-Schmerz und einer Prise Humor. Ob man die „Ghost“-Story glaubwürdig findet und ihr etwas abgewinnen kann oder nicht, die Umsetzung ist hochwertig und bietet gute Unterhaltung. Der Rang war an Donnertagabend geschlossen und auch im Parkett gab es die eine oder andere Lücke. Sofortige Standing Ovations zeigen, dass die Zuschauer die Leistungen der Akteure anerkennen. Seit mehreren Jahren werden immer wieder Filme zu Musicals verarbeitet, z.B. „Dirty Dancing“, „Legally Blonde“ und „Sister Act“. „Ghost“ passt damit in den Trend der Zeit. Durch die unterschiedlichen Eigenschaften der beiden Genres birgt die Umsetzung Schwierigkeiten. Zahlreiche Bühnenversionen waren wenig erfolgreich; auch bei „Ghost“ blieben die Laufzeiten in London und New York hinter den Erwartungen zurück.

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„Ghost“ wird im Hamburger Operettenhaus nach dem schnellen Aus von „Kinky Boots“ für 11 Wochen bis 13.01.2019 als Lückenfüller gezeigt. Ab März 2019 folgt dann die deutschsprachige Erstaufführung von „Tina“, das die Karriere von Tina Turner anhand ihrer Songs nachzeichnet. Den Beteiligten und Produzenten sind erfolgreiche Spielzeiten von Herzen zu wünschen.

Uraufführung: 28.03.2011 (Manchester Opera House)
Premiere in Hamburg: 28.10.2018 (Operettenhaus)
Besuchte Vorstellung: 08.11.2018
Musik: Dave Stewart, Glen Ballard
LiedtexteDave Stewart, Glen Ballard, Bruce Joel Rubin
BuchBruce Joel Rubin
Regie: Matthias Davids, Christoph Drewitz
Choreographie: Lee Proud
Bühne und Video-Design: Hans Kudlich
Kostüme: Leo Kulas
Licht-Design: Michael Grundner
Sound-Design: Andreas Hammerlich
Besetzung: Riccardo Greco / Nikolas Heiber (Sam Wheat), Roberta Valentini (Molly Jensen), Marion Campbell / Amber Schoop (Oda May Brown), John Vooijs / Nikolas Heiber (Carl Brunner), Rob Pelzer (Krankenhaus-Geist), Marius Bingel (U-Bahn-Geist), Mischa Kiek (Willie Lopez), Enny de Alba (Clara), Tamara Wörner (Louise)

Tickets und weitere Infos erhaltet ihr hier.

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