„Company“ – A Musical Comedy von Stephen Sondheim (Musik und Liedtexte) und George Furth (Buch) aus dem Jahr 1970 ist ein Ensemble-Stück über zwischenmenschliche Beziehungen und die Frage, was ist der Sinn des Lebens mit Mitte 30 als Single in der Großstadt. Im Mittelpunkt steht der ewig ledige Bobby, der seinen 35. Geburtstag mit seinen Freunden feiert, die alle mehr oder weniger glücklich verheiratet sind bzw. kurz davor stehen. Bobby erlebt deren Beziehungen und wünscht sich auch eine feste Bindung. Das Stück gewann insgesamt sieben Tony Awards und hatte zwei Revivals in New York.

© Brinkhoff / Mögenburg

Nun machte sich Produzentin und Regisseurin Marianne Elliott („War Horse“) an einer Erneuerung des Werkes, die am 17. Oktober 2018 im Londoner Gielgud Theatre Premiere feierte. Der Hauptcharakter wurde weiblich und heißt nun Bobbie, was die drei Freundinnen April, Martha und Katy zu den Freunden Andy, PJ und Theo werden ließ. Dazu gibt es mit Jamie (vorher Amy) und Paul ein gleichgeschlechtliches Paar. Sondheim hat die Änderungen genehmigt und die Texte teilweise umgeschrieben.

Bobbie hat Geburtstag, sie wird 35. Mit zwei großen Gas-Luftballons, welche die Zahlen 3 und 5 zeigen, kommt sie in ihre New Yorker Wohnung und hört Sprachnachrichten ihrer Freunde auf dem Smartphone ab. Der Tag nervt sie, sie möchte nicht feiern. Ihre Freunde haben allerdings eine Überraschungsparty organisiert, bei der sich Bobbie an zahlreiche Treffen mit den einzelnen Paaren erinnert. Sie nimmt die Zuschauer mit zu diesen Treffen. Eine lustige, bewegende und auch turbulente Reise zu ihren Erlebnissen mit verschiedenen Beziehungen im Stadtleben beginnt.

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Trister Alltag

Deutlich wird im Bühnenbild und in den Kostümen, dass der Beziehungsalltag der Freunde in Bobbies Augen farblos oder grau ist. Jede Wohnung ist in blassen Farben wie weiß oder hellgrau gehalten. Im Gegensatz dazu hebt sich Bobbie in ihrem knallroten Kleid erkennbar ab. Sie und das Kleid ziehen sich wie ein roter Faden durch die eher triste und graue Stadtwelt von Elliots Inszenierung.

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Etwas Farbenspiel kommt in das Bühnenbild durch einzelne LED-beleuchtete und verschiebbare Kästen in unterschiedlicher Größen, die mittels Möbeln als Räume vorne auf der ansonsten dunklen Bühne genutzt werden und über Türen miteinander verbunden sind. Auf einer Ebene darüber ist sichtbar das 14-köpfige Orchester platziert. Ein sehr gelungener Clou ist das Spiel mit Größen. So ist Bobbies Zimmer einmal ganz klein, so dass sie wie bei „Alice im Wunderland“ kaum hinein passt und die Ballons einmal riesengroß.

Was für eine Besetzung!

Aus dem gesanglich und schauspielerisch schlichtweg hervorragenden Ensemble stechen neben der sehr präsenten Rosalie Craig als Bobbie vor allem Jonathan Bailey als herrlich nervöser Bräutigam Jamie im weißen Anzug mit rosa Schuhen, Richard Fleeshman als sympathisch tumber Steward und Broadway-Veteranin Patti LuPone als Bobbies mütterliche und stets mit ihr trinkende Freundin Joanne heraus.

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Bailey hat eine grandiose Nummer beim extrem schnellen Song „Getting Married Today“, den er trotzdem verständlich intoniert und dabei angstvoll und hektisch durch die Küche läuft und sich hinter dem Kühlschrank versteckt. Dazu erscheint das Ensemble aus sämtlichen Öffnungen der Möbel und Elektrogeräte. Herrlich! Fleeshman gelingt eindrucksvoll die Darstellung des etwas dümmlichen Schönlings, der auch mal halb nackt auf der Bühne steht. Robbie stellt sich im zweiten Teil ein Zusammenleben mit ihm inklusive Schwangerschaft vor, was ihr jedoch viel zu trist ist. LuPone präsentiert in ihren beiden Solos-Songs mit Star-Status. Trotz ihrer geringen Körpergröße gehört ihr die Bühne, sobald sie diese betritt. Nicht von ungefähr hat sie bereits zwei Tony Awards gewonnen. Craig steht nicht nur rollenbedingt im Mittelpunkt. Sie kann es sich auch erlauben, sich bei den ersten Songs zurückzunehmen und stellt damit Bobbies Unsicherheit anschaulich dar. Zum Ende bei „Being Alive“ beltet sich dann richtig los. Wow!

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Für wahrhaftige Gänsehautstimmung sorgen George Blagden, Richard Fleeshmanund Matthew Seadon-Young als Bobbies drei Liebhaber mit ihrem Song „You Could Drive a Person Crazy“ durch ihre sehr gut harmonisierenden Stimmen und die  wunderschönen zeitversetzten Choreografien von Liam Steel.

Musikalisch werden Sondheims fabelhafte Songs durch das Orchester unter der Leitung von Joel Fram auf den Klangteppich gebettet, den sie verdient haben. In Kombination mit den Stimmen der Darsteller entsteht ein wahrer Hochgenuss.

Beachtenswerte Neuinterpretation

Die einzelnen Szenen versprühen eine angenehme Prise Humor, worauf die Zuschauer mit Lachen und Szenenapplaus reagieren. Durch den Wechsel der Geschlechter kommt ein „Sex and the City“-Feeling auf. Dem Stück bekommen diese wie eine Frischzellenkur wirkenden Änderungen sehr gut.

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Bobbie gelangt am Ende nach einem intensiven Gespräch mit ihrer guten Freundin Joanne, die ihr dabei die Augen zu sich selbst in diesem grauen und sinnlosen Stadtleben öffnet, zur Erkenntnis, dass sie selbst lebendig ist und ihr eigenes Leben leben kann.

Das Musical setzte sich damals als erstes mit Beziehungen und Problemen von Mitdreißigern auseinander. Dies ist in Zeiten von immer mehr werdenden Single-Haushalten fast 50 Jahre nach seiner Uraufführung aktueller denn je. Mit dieser zeitgemäßen Londoner Umsetzung treffen die Verantwortlichen voll ins Schwarze.

Die Spielzeit wurde bereits um drei Monate bis Ende März 2019 verlängert und erfreulicherweise eine CD-Einspielung angekündigt. Gezeigt wird hier West End Theatre at its best – derzeit ein absolutes Highlight in London.

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Uraufführung: 26.04.1970 (Neil Simon Theatre New York)
Premiere neue Fassung in London: 17.10.2018 (Gielgud Theatre London)
Besuchte Vorstellung: 10.11.2018
Musik und Liedtexte: Stephen Sondheim
BuchGeorge Furth
Regie: Marianne Elliott
Choreographie: Leam Steel
Bühne und Kostüme: Bunny Christie
Licht-Design: Neil Austin
Sound-Design: Ian Dickinson
Besetzung: Rosalie Craig (Bobbie), Patti LuPone (Joanne), Mel Giedroyk (Sarah), Jonathan Bailey (Jamie), Goerge Bladgen (PJ), Ashley Campbell (Peter), Richard Fleeshman (Andy), Alex Gaumond (Paul), Richard Henders (David), Ben Lewis (Larry), Daisy Maywood (Susan), Jennifer Saayeng (Jenny), Matthew Seadon-Young (Theo), Gavin Spokes (Harry)

Tickets und weitere Infos erhaltet ihr hier.

Beitragsbild © Brinkhoff / Mögenburg