Von Anna und Dennis

Sie fliegt wieder! Nach rekordverdächtigen 54 Jahren kehrt das zaubernde Kindermädchen Mary Poppins tatsächlich wieder auf die große Leinwand zurück. Das Filmmusical besticht durch starke Darsteller und eine tolle Optik, orientiert sich aber vor allem storytechnisch zu sehr an Altbewährtem und verpasst es so, sich vom Vorgänger zu lösen und seinen eigenen Zauber zu entfalten.

Disneys Ankündigung eines Mary Poppins-Sequels sorgte 2016 für viele Fragen: Kann das überhaupt funktionieren? Eine Fortsetzung, die über ein halbes Jahrhundert später erscheint, verbunden mit der Neubesetzung einer Figur, die zu den berühmtesten und ikonischsten der Filmgeschichte zählt? Ja, es kann. Regisseur Rob Marshall („Chicago“) ist mit „Mary Poppins Returns“ ein weihnachtlich-kitschiger Familienfilm gelungen, der sich als Sequel mit hohem Unterhaltungswert gut in den Mary Poppins-Kosmos einfügt und ein Gefühl der Nostalgie verbreitet, als wäre er nur kurze Zeit nach seinem Vorgänger entstanden. Dabei schafft es der Film auf fast schon beeindruckende Weise, sowohl eine Fortsetzung als auch ein Remake des Originals zu sein und weder die Disney-Tradition noch die Buchvorlagen von P. L. Travers zu vernachlässigen.

Ein Remake-Sequel mit Nostalgie-Feeling

Dies funktioniert, weil nahezu dieselbe Geschichte noch einmal erzählt wird. Allerdings spielt diese nun während der Weltwirtschaftskrise der 1930er in London, also der Zeit, in der eigentlich die Bücher spielen (und auch das Broadway-Musical). Jane und Michael Banks, die Kinder aus Teil eins, sind erwachsen geworden und wurden längst vom Ernst des Lebens eingeholt. Michael lebt nun mit seinen eigenen Kindern im Haus der Familie in der Cherry Tree Lane, die noch genauso aussieht wie im ersten Film. Zwar sind seine Kinder um einiges besser erzogen als die Geschwister im Vorgänger, dennoch benötigen sie bald die Hilfe des zaubernden Kindermädchens, denn die Banks-Familie ist in finanziellen Nöten und droht, das geliebte Haus zu verlieren. Wenn Mary Poppins dann zurückkehrt, wird schnell klar, dass es ihnen jedoch noch an etwas ganz anderem fehlt …

© Jay Maidment/Disney Enterprises, Inc.

Über den Verlauf des Filmes hinweg werden die aus dem vorigen Film bekannten Zutaten verwendet, bis hin zur Übernahme zentraler Plot Points und Figuren, sodass sich im Prinzip eine Neuverfilmung des Originals mit angepasster Handlung ergibt: So wird aus dem Schornsteinfeger Bert der Lampenanzünder Jack, den vor Lachen an der Decke schwebenden Onkel Albert ersetzt die Cousine Topsy und gegen Ende gibt es eine große Tanznummer der Leeries, die musikalisch wie choreographisch an „Step in Time“ erinnert. Auch eine Zeichentricksequenz, die sich auf einer Royal-Doulton-Schüssel abspielt, findet sich im neuen Film und bildet ein würdiges Pendant zur Parkszene im Original. Diese Sequenz mit Hommage-Charakter ist wohl der beste Abschnitt des Films, der ansonsten sehr auf Wiedererkennungswert und Nostalgieeffekt setzt. An wenigen Stellen versucht sich die Fortsetzung modern zu geben, was in einem kurzen rapähnlichen Part von Jack in „A Cover Is Not the Book“ auch noch auf charmante Art gelingt. Das Einbeziehen von BMX-Bikern in die Choreographie von „Trip a Little Light Fantastic“ wirkt dagegen völlig fehl am Platz.

Star-Besetzung und alte Bekannte

Während „Mary Poppins“ aus dem Jahr 1964 noch hauptsächlich an die Kleinen und Heranwachsenden gerichtet war, scheint die Fortsetzung durch seine Broadway-Starbesetzung nun einerseits ein Musical-affines Publikum anzusprechen. Viele Musicalnerds (uns eingeschlossen) werden wahrscheinlich vor allem durch Lin-Manuel Miranda ins Kino gelockt, der den Lampenanzünder Jack darstellt.

© Jay Maidment/Disney Enterprises, Inc.

Miranda begeistert vor allem in den Songs und Tanznummern, in denen er seine Entertainer-Qualitäten unter Beweis stellt. Mit seinem unverwechselbaren Charisma, verträumten Blick und gewohnt großer Spielfreude ist er tatsächlich eine Bereicherung als „Leerie“, der sich seine kindliche Fantasie bewahren konnte und nicht nur im metaphorischen Sinne immer wieder Licht ins Dunkel bringt. Ein Glücksfall für Disneys Marketingabteilung ist sein Casting allemal.

Andererseits spricht der Film aber auch die Zuschauerschaft an, die mit dem Vorgänger groß geworden und nun selber erwachsen geworden ist. Für diese stellen Jane und Michael Banks die Identifikationsfiguren dar, die von Emily Mortimer und Ben Wishaw überzeugend gespielt werden. Vor allem Wishaws emotionale Darbietung des fürsorglichen Familienvaters berührt in einer ganz besonders herzzerreißenden Szene. Die drei Kinderschauspieler Pixie Dawson, Nathanael Saleh und Joel Dawson machen allesamt einen glaubwürdigen Job, auch wenn man sich an einigen Stellen etwas mehr Begeisterung für Marys Zaubertricks gewünscht hätte. Positiv in Erinnerung bleibt aber auch die weitere Besetzung, die insgesamt mit großen Namen aufwarten kann. Colin Firth mimt als Bankchef den Antagonisten der Handlung, hat aber sicherlich schon schwierigere Rollen gespielt und Meryl Streep hat einen schauspielerisch und gesanglich großartigen Auftritt als schrille Cousine Topsy. Besonders zu Herzen gehen die kurzen Auftritte der Ikonen Angela Lansbury als Ballonverkäuferin und Dick van Dyke als Mr. Dawes Jr., der Sohn des Bankeigentümers, welchen er neben Bert im Original gespielt hat. Es ist beeindruckend, wie beide trotz ihres mittlerweile fortgeschrittenen Alters mit Leichtigkeit eine wunderbare Performance auf die Leinwand zaubern.

„Practically perfect in every way“

© Jay Maidment/Disney Enterprises, Inc.

Doch allen voran Emily Blunt ist es, die den Film tatsächlich sehenswert macht. Sie steht vor der schier unlösbaren Herausforderung, sich in der Titelrolle behaupten zu müssen, denn lange Zeit schien es undenkbar, dass es neben Julie Andrews noch eine andere Mary Poppins geben könnte. Diese Rolle meistert sie aber grandios, gerade weil sie eine ganz andere Interpretation der Mary Poppins liefert als Julie Andrews. Blunts Poppins ist störrisch und anmutig zugleich, und hinter ihrem teils autoritären Auftreten verbirgt sich doch jede Menge emotionale Wärme und Herzlichkeit. Ihre Gesangs- und Tanzperformance ist schlichtweg großartig, aber dass Blunt eine wunderschöne Singstimme hat, wissen wir ja schon seit „Into the Woods“, für den sie bereits mit Rob Marshall zusammengearbeitet hat, der sie auch hier wieder klasse in Szene setzt. Gleich ihr erster Auftritt, direkt aus dem Himmel über London kommend, ist hervorragend inszeniert. Emily Blunt ist zweifelsohne eines der größten Multitalente Hollywoods und spätestens 2018 in der ersten Riege der Filmschauspielerinnen angekommen. Für eine heutige Mary Poppins die Idealbesetzung! Blunt und Miranda bilden zusammen ein charmantes Leinwandduo. Während Letzterer sie in den gemeinsamen Songs mit seiner Ausstrahlung und (Bühnen-)Präsenz etwas in den Schatten stellt, ist sie ihm in Sachen nuanciertes Schauspiel wiederum deutlich voraus.

Ein berauschendes Musical-Spektakel

„Mary Poppins Returns“ ist hochwertig produziert und sieht mit seinen technisch versierten Animationen und Effekten fantastisch aus – man merkt dem Film seine 130 Millionen Dollar Budget an. Besonders hervorzuheben sind dabei das Produktionsdesign (John Myhre, Gordon Sim) und die Kostüme (Sandy Powell), die einen guten Mix aus zeitgenössischem Stil und farbenfrohem Musical-Look bieten. Die Filmmusik von Marc Shaiman bietet eingängige Themen und eine stimmungsvolle Untermalung der Szenerie, wie man sie von einem Filmmusical erwarten würde. Viel kritisiert wurden die Songs, da es ihnen angeblich an Ohrwurmpotenzial fehle und sie bei weitem nicht an die des Vorgängers herankämen.  Das ist allerdings auch kein fairer Vergleich – Songs wie „A Spoonful of Sugar“ oder „Chim-Chim-Cheree“ sind zeitlose Klassiker, die man eben nicht einfach reproduzieren kann. Unserer Ansicht nach sind die Songs aus dramaturgischer Hinsicht größtenteils gut gewählt und konzipiert (auch wenn die Parallelen zum Vorgänger eindeutig sind), man merkt den Songschreibern Shaiman und Scott Whitman ihre Musical-Erfahrung („Hairspray“) an. Die neuen Songs kommen im Vergleich etwas moderner daher, vermischen Broadway-Swing mit sattem Orchester-Klang und sind dabei wirklich klasse choreographiert und inszeniert. Die Lyrics beinhalten zudem die Poppins-typischen Wortspielereien und kleinen Lebensweisheiten, die schon dem ersten Teil eine ganz eigene, unverwechselbare Note gegeben haben. Mit „Can You Imagine That“, „Trip a Little Light Fantastic“ oder „The Place Where Lost Things Go“ (seit kurzem oscarnominiert) gibt es einige Melodien, die im Kopf bleiben können und zum Mitsingen einladen. Ob im neuen Soundtrack aber tatsächlich ein zukünftiger Klassiker steckt, wird sich zeigen.

„Nowhere to go but up“

Der Film würde sicherlich deutlich positiver im Gedächtnis bleiben, würde sich das Drehbuch von David Magee im letzten Drittel nicht in eine unerwartete Richtung entwickeln. Dass der Film den ersten Teil nachahmt und an bewährtem festhält, ist angesichts der finanziellen Risiken für den Konzern Disney, für den es in den letzten Jahren nur noch steil nach oben ging, vielleicht noch verständlich. Genauso lässt sich über die wahrscheinlich nicht immer historisch korrekte Darstellung Londons in einem Musical noch leicht hinwegsehen. Dass gilt jedoch nicht für unlogische Charakterentwicklungen, erzwungene Handlungsstränge und kaum verständliche Drehbuchentscheidungen. Warum Mary Poppins es zum Beispiel zulässt, dass sich ihre Freunde in Lebensgefahr begeben, nur um letztendlich dann doch selbst zur Tat zu schreiten, ist wenig nachvollziehbar. Meryl Streeps Charakter ist, obwohl die Figur den Büchern entnommen wurde, für den Ausgang der Geschichte komplett irrelevant und hätte allein aus Zeitgründen leicht gestrichen werden können. Viel fragwürdiger und unbedingt kritisch anzumerken ist aber die unbefriedigende Konfliktlösung, die die des ersten Films nun nahezu imitiert und dabei auf unverschämt naive Weise den Kapitalismus sowie das Banken- und Aktienwesen befürwortet und anpreist. Gleichzeitig sind die viel interessanteren Aspekte, wie die Erinnerung an die Mutter und die gesellschaftlichen Probleme während der Wirtschaftskrise, plötzlich überhaupt nicht mehr wichtig. So endet der Film wenig zauberhaft und löst beim Zuschauer eher Unglauben über diese ökonomisch geprägte Moral statt Freude über das Happy End aus. Wenn am Ende alle glücklich und zufrieden mit ihren Ballons abheben, hätte das ein schönes Bild der wiedererlangten kindlichen Fantasie sein können. Doch die Konflikte, die der Film zu Beginn verhandeln möchte, sind nicht einfach verschwunden, weil man sie nicht mehr sehen kann, wenn man nur noch nach oben in den Himmel schaut. Da wirkt das ganze Ende leider um einiges zynischer, als es in einem Familienfilm eigentlich sein sollte.

Die Gretchenfrage: OV oder Synchro?

Um „Mary Poppins Returns“ im englischen Original zu sehen, mussten wir Anfang Januar nach Düsseldorf fahren, was für uns beide eineinhalb Stunden Zugfahrt durch halb NRW bedeutet. Dass man die Stimmen von Stars wie Emily Blunt, Lin-Manuel Miranda und Angela Lansbury gern in der originalen Fassung hören möchte, hat sich wohl noch nicht bis ins Ruhrgebiet herumgesprochen – vielleicht hat Disney den Film aber auch einfach nicht ausreichend in der OV zur Verfügung gestellt. Zur deutschen Synchronfassung lässt sich sagen, dass die deutsche Gesangsstimme von Mary Poppins, Musicaldarstellerin Lisa Antoni, definitiv ein Lichtblick ist. Dagegen müssen wir auf eine wirklich geeignete Synchronstimme für Lin-Manuel Miranda wohl noch länger warten. Für Musicalfans ist der Film vor allem im englischen Original sehenswert, daher sehen wir schon jetzt dem DVD-Veröffentlichungsdatum mit Freude entgegen.

Insgesamt ist „Mary Poppins Returns“ ein handwerklich und ästhetisch gelungenes Sequel geworden, das sich vor allem in Sachen Darstellern und Regie nicht hinter dem ersten Teil zu verstecken braucht. Die Besetzung kann auch über einige Längen des Filmes hinwegtäuschen und stattet den Film mit einem gewissen Alleinstellungsmerkmal aus, die die Handlung selbst nicht bieten kann. Inhaltlich geht der Film lange auf Nummer sicher, doch das missratene Ende des Plots kann selbst eine bezaubernde Emily Blunt nicht retten. 

„MARY POPPINS RETURNS“
Kinostart Deutschland: 20.12.2018
Regie: Rob Marshall
Drehbuch: David Magee
Musik: Marc Shaiman
Lyrics: Marc Shaiman, Scott Wittman
Choreographie: John DeLuca, Rob Marshall
Produktionsdesign: John Myhre, Gordon Sim
Kostüme: Sandy Powell
Besetzung der Hauptrollen: Emily Blunt (Mary Poppins); Lin-Manuel Miranda (Jack); Ben Whishaw (Michael Banks); Emily Mortimer (Jane Banks); Julie Walters (Ellen); Dick van Dyke (Mr. Dawes); Angela Lansbury (Balloon Lady); Colin Firth (William Weatherall Wilkins); Meryl Streep (Topsy); Pixie Dawson, Nathanael Saleh, Joel Dawson (Banks-Kinder).

Beitragsbild: © Jay Maidment/Disney Enterprises, Inc.

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Dennis Traud
"„The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot.“ (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton“, „Dear Evan Hansen“, „Der Kleine Horrorladen“, „HAIR“
Lieblings-Komponist: Leonard Bernstein, Alan Menken, Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unglaublich große Bandbreite an Themen, Formen, Musikstilen. Nichts ist unmöglich und nichts zu ungewöhnlich.