Von Hardy und Anna

Vor gut einem halbem Jahr feierte „Starlight Express“ in Bochum sein dreißigjähriges Bestehen  – und präsentierte anlässlich dieses Jubiläums eine Version mit umfangreichen Änderungen. Die Notwendigkeit von Musical-Neugestaltungen ist bei Fans grundsätzlich stark umstritten; zu sehen ist dies gerade hinsichtlich der Ankündigung einer „Les Misérables“-Neuinszenierung am West End (etwa hier). Im Falle von „Starlight Express“ hat sich die Modernisierung allerdings offenbar rentiert, denn in diesem Jahr wurde das Musical für den „PRG Live Entertainment Award“ (LEA) nominiert. Als langjährige BesucherInnen des „Starlight Express“ finden wir die neue Show auch aus persönlicher Sicht im Großen und Ganzen gut gelungen.

Es ist nicht so, als seien Änderungen bei „Starlight Express“ per se etwas Ungewöhnliches. Bereits in London hatte das Musical im Jahr 1992 ein allumfassendes Update der ursprünglichen Show erfahren und wurde daher „The New Starlight Express“ genannt. Die damaligen Änderungen waren nur teilweise in die Bochumer Version eingeflossen, aber auch die deutsche Version wurde – gerade hinsichtlich der Song-Auswahl – über die Jahre hinweg stets verändert. Das Ausmaß der Neuerungen zum 30. Geburtstag aber polarisierte in der Fan Community.

Gegenstand von Diskussionen war gerade die Ankündigung, dass aus der Dampflok „Papa“ eine „Mama“ werden sollte, um sich so von den in dem Musical bisher präsentierten Rollenbildern ein wenig zu distanzieren, welche offenbar auch Andrew Lloyd Webber mittlerweile als überholt erschienen.

© STARLIGHT EXPRESS

„Keiner entscheidet über mich. Mir hat nur eine was zu sagen und zwar ich “ – „Starlight Express“ und der Feminismus der neuen Version

Dabei gibt es in der Jubiläums- Version des „Starlight Express“ derart viele Versuche, das Musical gerade hinsichtlich des Frauenbildes zu verändern, dass die Umdeutung der alten Dampflok in eine weibliche Figur gar nicht die auffälligste Änderung ist.

Die größte Neuinterpretation eines bereits bestehenden Charakters ist stattdessen bei Dinah zu finden: War sie in der Fassung von 1988 noch diejenige, die, sobald sie einmal widersprach, von Greaseball sitzen gelassen wurde und den Rest des Musicals – von einem kurzen Moment der Emanzipation mal abgesehen – damit verbrachte, sich bei ihm zu entschuldigen, um ihn zu weinen und sich schließlich um ihn zu kümmern, so ist sie in der neuen Version die Anführerin der weiblichen Waggons und weist Greaseball im ersten Akt mehrmals zurecht.

Dies unterstreicht auch das neue Lied „Ich bin ich“, welches an die Stelle von „Ne Lok mit Locomotion“ bzw. „Nie genug“ tritt, und das die neue Haltung der Waggons präsentiert, denen es nun nicht mehr darum geht, eine möglichst beeindruckende (im Original üblicherweise männliche) Lok zu finden, sondern auch ohne Lok für sich selbst einstehen zu können.

Dass die ursprüngliche Version von „Starlight Express“ aber eben nicht mit dieser Rolleninterpretation konzipiert wurde, merkt man allerdings auch gerade an der Figur der Dinah sehr deutlich und dies zeigt gerade der zweite Akt des Musicals: Hier ändert sich an der Liebesgeschichte zwischen Greaseball und Dinah im Vergleich zur früheren Version im Prinzip inhaltlich nichts. Dadurch erscheint aber die Wandlung von Dinah von einer selbstbewussten hin zu einer vor Liebeskummer zerfließenden Frau ein wenig plötzlich, weil der zweite Akt eben vor allem der Handlung der originalen Version folgt und die neue Charakterisierung Dinahs hierdurch größtenteils wieder zurückgenommen wird.

Dieser Eindruck wird allenfalls dadurch ein wenig abgeschwächt, dass Dinahs Lied „G.E.K.U.P.P.E.L.T.“  nun zu „A.B.G.E.H.Ä.N.G.T.“ umgetextet wurde und so der Fokus nicht mehr auf das Problem gerichtet ist, nun von einer Lok verlassen worden zu sein, von der sie als Waggon offenbar abhängig ist („Kann nicht reisen auf den Gleisen, diese Bahn hat keinen Mann“). Stattdessen ist „A.B.G.E.H.Ä.N.G.T.“ nun ein Lied, in dem Dinah ihren Liebeskummer ausdrückt und dem die parodistischen Elemente wieder deutlicher anzumerken sind.

Auch die Beziehung zwischen Rusty und Pearl wirkt in der Jubiläums-Version ein wenig unorganisch, denn in der überarbeiteten Fassung versucht nun Rusty Pearl hartnäckiger als bisher davon zu überzeugen, dass sie füreinander bestimmt sind, bis sie am Ende schließlich dann doch ein Einsehen hat. Dieser Erzählstrang widerspricht der eigentlichen Idee, dass die weiblichen Figuren jetzt selbstbewusster und emanzipierter gezeigt werden sollen, nun doch ein wenig.

Dennoch ist trotz aller möglichen Kritik, die sich hier anbringen ließe, der Kontrast zwischen den Rollenbildern der Jubiläumsversion und denen der älteren Fassungen schon erstaunlich groß, was nicht nur allein daran liegt, dass Lokomotiven und Frachtwaggons jetzt auch öfter weiblich sein dürfen, sondern auch daran, dass teilweise massiv in die ursprüngliche Handlung eingegriffen wurde, was jedenfalls unserer Ansicht nach zu vielen positiven Ergebnissen geführt hat.

© STARLIGHT EXPRESS

„Aus dem Weg, ich bin die Zukunft!“- Modernisierung auf allen Ebenen

Die Neuerungen der Jubiläumsversion gehen aber noch über eine veränderte Charakterisierung der weiblichen Figuren hinaus. So wurden nicht nur weitere inhaltliche Änderungen wie das Streichen einiger bekannter und die gleichzeitige Einführung neuer Charaktere sowie das Hinzufügen weiterer Textpassagen vorgenommen (Buch sowohl der ursprünglichen als auch der neuen Fassung: Richard Stilgoe), sondern es gab auch zusätzliche Investitionen in Technik und neue Kostüme; manche verbliebenen Szenen wurden zudem neu inszeniert. Sehr bedauerlich ist allerdings, dass das Orchester zeitgleich verkleinert wurde.

© STARLIGHT EXPRESS

Trotzdem ist die neue Inszenierung im Allgemeinen sehr stimmig geworden, auch wenn die Modernisierung manchmal ein wenig zu gewollt erscheint, etwa, wenn im Text plötzlich der Begriff „Fake News“ auftaucht. Auch scheint sich das Publikum nicht immer sicher zu sein, ob es über einen Zug namens Brexit und alle damit einhergehenden Brexit-Witze tatsächlich lachen kann.

Weiterhin lässt sich darüber diskutieren, ob es wirklich notwendig war, die Charaktere Ashley und Buffy durch die in Kostüm und Funktion sehr ähnlichen Figuren Belle und Carrie zu ersetzen. Durch das Weglassen von „Girls Rolling Stock“ wirken diese beiden neuen Charaktere noch zusätzlich unscheinbar.

© STARLIGHT EXPRESS

Dass der Fokus gerade in Balladen wie „Hilf mir versteh’n“ vom Rollschuhfahren und vom Tanz weg-, dafür aber zum Gesang hingerückt wurde, ist für ein Musical, dessen besonderes Merkmal eben die Schnelligkeit und Akrobatik ist, überraschend. Im Ergebnis stellt sich die Idee allerdings trotzdem als ziemlich gut heraus, denn was in diesen Szenen an beeindruckendem Rollschuhlauf herausgenommen wurde, zeigen die DarstellerInnen dafür in den Rennen umso deutlicher. Ein kreativer Einfall für diese ist auch, dass die nicht am Rennen Teilnehmenden die anderen aus dem Publikum her anfeuern. So entsteht eine Atmosphäre, die der eines Sportereignisses sehr nahe kommt.

Manchmal allerdings ist auch auf Altbewährtes zurückgegriffen worden: So wurden aus den Hip Hoppern nun wieder die Rockies, wenn auch mit teilweise farblich anders gestalteten Kostümen als zuvor; eine Änderung, die sich mir nicht ohne Weiteres erschließt.

Andere Kostümerneuerungen hingegen machen aber durchaus Sinn: Denn auch, wenn das in verschiedenen Farben leuchtende Electra-Kostüm zunächst sehr ungewohnt wirken mag, erscheint es doch logisch, dass gerade Electra, der in der neuen Version zur Lokomotive der Zukunft stilisiert wird, ein Kostüm trägt, das nicht die 80er-Jahre Vision von „Zukunft“ widerspiegelt (Kostümdesign sowohl der ursprünglichen als auch der neuen Fassung: John Napier).

Auch hinsichtlich der Choreographie (Choreographie und Regie sowohl in der ursprünglichen als auch der neuen Fassung: Arlene Phillips) wurde einiges modernisiert und dies ist grundsätzlich gut gelungen. Zwar ist es zunächst ungewohnt, die Show ohne die für das Stück charakteristischen Bewegungen zu sehen, allerdings wirkt das Musical durch die erneuerte Choreographie um einiges jünger.

Im Gegensatz zu den vorigen Veränderungen der Bochumer Fassung, die immer sukzessive eingefügt wurden, fällt positiv auf, dass „Starlight Express“ nun auch wieder musikalisch runder wirkt, was dadurch bewirkt wird, dass auch nicht-originale Melodien als Leitmotive angespielt werden. Dass für diese grundsätzlich sehr erfreuliche Änderung auch die eine oder andere Melodie etwas weniger oder auch gar nicht mehr angespielt wird, ist nachvollziehbar, für Fans aber zum Teil dennoch schade.

Unter den vielen sehr verschiedenen Änderungen fallen positiv vor allem die neuen Videoprojektionen als eine Ergänzung und Bereicherung in einer ohnehin schon sehr technisch veranlagten Show auf (neues Lichtdesign: Rob Sinclair; Video- und Projektionsdesign: Duncan McLean). Der Logik des Stückes hilft es mitunter sehr, dass die Rolle des Caboose völlig neu ausgelegt wird und diese Figur endlich einen klaren Grund für ihr Handeln erhält.

© STARLIGHT EXPRESS

Trotz aller sehr positiven Ansätze ist die neue „Starlight Express“-Version nicht perfekt, sofern es so etwas wie das perfekte Musical überhaupt geben könnte und das Besuchen eines solchen Musicals unterhaltsam wäre: Bei „Starlight Express“ ließe sich etwa kritisieren, dass der erste Akt nun einige Längen hat, dass sich das Musical inhaltlich nicht an allen Stellen ohne Weiteres modernisieren lässt, dass das Lied „Pfeife mir zu!“ textlich doch ein wenig zweideutig ist und der Einsatz der Discokugel bei der Neuinszenierung der „Starlight Sequenz“ ein bisschen zu plakativ wirkt. Zudem kommen wir nicht umhin – wie wahrscheinlich alle, die das Musical über die Jahre hinweg immer mal wieder gesehen haben – einige Szenen und Lieder zu vermissen, auch wenn diese mit der Jubiläumsversion nicht besonders kompatibel gewesen wären.

Das ändert allerdings nichts daran, dass die neue Ausrichtung der Show gerade dann, wenn man die älteren Versionen kennt und schätzt, äußerst interessant ist und das ohnehin sehr unterhaltsame Musical noch einmal zusätzlich bereichert. Wir finden es außerdem grundsätzlich sehr positiv, dass bei „Starlight Express“ überhaupt eine Neugestaltung in diesem Ausmaß stattgefunden hat, denn diese aktualisiert das Musical 30 Jahre nach der Bochumer Premiere wieder und lässt es damit auch für langjährige BesucherInnen neu erscheinen.

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © STARLIGHT EXPRESS

 

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.