Auch im Musicalbereich gibt es diese Stücke, die einschlagen wie eine Bombe und mit oft nur einem einzigen Song eine wahre Fan-Euphorie auslösen. Es ist nun ca. 2 Jahre her, dass man online an einem Song namens „Waving Through a Window“ nicht mehr vorbeikam und alle nur noch von „Dear Evan Hansen“ sprachen.

In den Monaten vor meinem New-York-Trip verging fast kein Tag, an dem ich nicht recherchiert, geplant oder mich informiert habe, wie ich am besten – und vor allem am günstigsten – so viele Broadway-Shows wie möglich in einer Woche unterbringen könnte. Der Plan ist dabei aufgrund der großen Auswahl fast täglich umgeworfen worden und letzten Endes ist es in New York sowieso am besten, erst spontan vor Ort eine finale Entscheidung zu treffen. Nur ein Stück stand schon auf dem Plan, bevor überhaupt sicher war, dass der Trip stattfinden würde und das war „Dear Evan Hansen“. Viele Aspekte sind hier mit eingeflossen, warum ich bereit war, für dieses Stück weit im Voraus und auch tiefer in die Tasche zu greifen. Selbst die Ankündigung der Europa-Premiere im November 2019 in London konnte mich nicht vom Music Box Theatre am Broadway fernhalten.

Dear Evan Hansen“ handelt von Evan Hansen, der sein letztes Highschool-Jahr beginnt und unter Angstzuständen leidet, die es ihm sehr schwer machen, Freunde zu finden oder allgemein soziale Beziehungen aufzubauen. Er befindet sich deswegen in psychiatrischer Behandlung und soll als Motivation Briefe an sich selbst schreiben. Da er sich in den Schulferien den Arm gebrochen hat, als er auf einen Baum geklettert und gefallen ist, ermutigt ihn seine alleinerziehende Mutter Heidi in der Schule, seine Mitschüler zu bitten, auf dem Gipsarm zu unterschreiben. Der einzige Mitschüler, der sich erbarmt, ist Connor Murphy, ein Junge, welcher auch eher zu den Außenseitern gehört und schnell zu Aggressionen tendiert. Nach einem kurzen Gespräch eskaliert die Situation, weil Connor einen von Evans Briefen findet, in dem seine Schwester Zoe erwähnt wird, in die Evan heimlich verliebt ist. Wutentbrannt nimmt er den Brief an sich und lässt Evan allein. Tage später erfährt man, dass Connor Suizid begangen hat und man besagten Brief gefunden hat. Da der Brief an „Dear Evan Hansen“ adressiert ist, gehen die Eltern Connors davon aus, dass Evan ein guter Freund ihres Sohnes gewesen ist. Überfordert von der Situation stellt Evan den Irrtum nicht richtig und verstrickt sich mit der Zeit mehr und mehr in die Lüge, dass er und Connor beste Freunde gewesen seien.

Musical im Zeitalter von Social Media

Wie bereits erwähnt, gibt es viele Gründe, warum dieses Musical für mich absolut sehenswert ist. Zum einen die Musik von Benj Pasek und Justin Paul. An diesem Komponisten-Duo kommt man in den letzten Jahren sowieso kaum vorbei und da die beiden auch bei den Musikfilmen „La La Land“ und „The Greatest Showman“ mitgearbeitet haben, sind die beiden auch dem größeren Publikum jenseits des Musicalbereichs ein Begriff. Nun war es wie bereits erwähnt „Waving Through a Window“, welches mich damals nach der Broadway-Premiere dazu bewogen hat, mich mehr mit dem ganzen Album zu befassen und ich habe es damals wirklich ein paar Wochen nicht mehr aus der Hand gegeben. Umso schöner war es dann, die Songs endlich live auf der Bühne zu hören. Der Score ist sehr poplastig und spricht sicherlich ein jüngeres Publikum an – was aufgrund der Handlung auch mehr als passend ist. Nicht nur die Melodien, auch die treffenden Texte tragen dazu bei, dass man jeden Song wieder und wieder hören möchte. Vor allem bei „You Will Be Found“ dachte ich immer, dass ein riesiges Ensemble zusätzlich auf der Bühne steht, stattdessen besteht die Besetzung während des gesamten Musicals nur aus 8 Schauspielern. Dass man das Gefühl hat, dass bestimmt doppelt so viele Menschen auf der Bühne singen, zeigt, wie kraftvoll diese Songs transportiert werden können.

Noch herausragender als die Songs selbst waren jedoch die reinen Sprechszenen im Stück, die mich des Öfteren an den Rande des Nervenzusammenbruchs getrieben haben. Ich finde, dass Musicals aus mehr bestehen als aus guten Liedern und sich die einzelnen Elemente wie Musik, Choreographie und Schauspiel oft viel mehr unterstützen sollten. Leider wird oft mehr Wert auf gute Ohrwürmer oder Showstopper gelegt als auf starke Schauspielszenen. Während bei mir und auch überall sonst im Saal bei Songs wie „You Will Be Found“ oder „Words Fail“ immer mal wieder das Geschluchze losging, waren es jedoch auch die Szenen ohne Gesang, die eindeutig sehr emotionale Reaktionen im Publikum auslösten. Bereits zu Beginn, wenn Evans Mutter vorschlägt, seinen Gipsarm unterschreiben zu lassen, hat mich die Panik, die Evan allein bei der Vorstellung überkommt, und die darauffolgende Reaktion seiner Mutter so mitgerissen, dass ich schon Tränen in den Augen hatte. Und das war erst der Anfang einer viel größeren, dramatischeren Reise, auf die mich dieses Stück mitnehmen sollte.

Sofort, wenn man das Music Box Theatre betritt, welches mit 1.000 Sitzplätzen zu den kleineren Broadway-Theatern gehört, stellt man fest, dass das Musical nicht nur von Jugendlichen handelt, sondern diese auch als Publikum ansprechen soll. Somit ist das Bühnenbild von David Korins, der sich auch für die Bühne von „Hamilton“ verantwortlich zeigte, vor Vorstellungsbeginn wie ein Computer-Bildschirm gestaltet. Es ist alles sehr finster und auf der Bühne blinken vor Show-Beginn immer wieder verschiedene Tweets und Facebook-Beiträge auf. Auch, wenn das Stück mit einem schrillen und allbekannten Handy-Klingelton als Erinnerung, das Handy auszuschalten, beginnt, bleibt die Bühne größtenteils dunkel und ist in schwarzen oder vereinzelt blauen Tönen gehalten. Zudem werden nur einzelne Möbel wie Betten, Sofas oder Esstische auf die Bühne geschoben um die Szenerie zu ändern. Insbesondere bei „You Will Be Found“, wenn Evan nach einer aufgezeichneten Live-Rede Rückmeldung von tausenden Zuschauern weltweit erhält, kommt wieder die Internet-Atmosphäre zum Einsatz. Auch das Fehlen eines Orchestergrabens – die Band sitzt leicht versteckt links oberhalb der Bühne – verstärkt die intime Atmosphäre des Stückes.

Identifizierung mit tausenden Zuschauern

Wenn man „Dear Evan Hansen“ zusammenfassen möchte, kommt man an dem großen Thema „Suizid“ nicht vorbei. Nachdem ich das Stück gesehen habe, fällt mir auf, wie wenig das Augenmerk darauf gelegt wurde. Es ist natürlich ein Hauptfaktor der Handlung und des ganzen Musicals. Jedoch geht es eher darum, wie es überhaupt so weit kommen kann und wie es im Inneren eines Menschen aussehen muss, dass er diesen Schritt in Erwägung zieht. Das Hauptaugenmerk liegt auf Evan selbst, der mit seinen Ängsten umgehen muss und der mit Connor mehr gemeinsam hat, als man am Anfang denkt. Connor, der ja letzten Endes Selbstmord begangen hat, wird erstaunlich wenig beleuchtet. Bei ihm geht es eher um die Nachwirkungen, mit denen seine Familie zu kämpfen hat und inwiefern Evan dieser mit seinen Lügen helfen kann.

Nun leide ich selbst nicht an Angstzuständen und doch konnte ich die Angst, mit der Evan tagtäglich zu kämpfen hatte, voll und ganz nachvollziehen. Ich denke, jeder hat sie schon in kleinen Maßen vor allem in seiner Jugend einmal durchleben müssen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum das Stück so ein großer Erfolg ist, weil sich jeder mit Evan ein klein wenig identifizieren kann. Das Musical basiert ganz untypisch auf keiner Vorlage, sondern ist so ähnlich während der Highschool-Zeit von Komponist Pasek passiert. Aufgrund des großen Erfolgs des Musicals kam im vergangenen Herbst der adaptierte Roman auf dem Markt. Als ich das Buch gelesen habe, muss ich sagen, so sehr ich Evans Ängste verstehen konnte, war ich doch – aufgrund der Tatsache, dass er eine Lüge rund um Connors Tod spinnt und somit die Familie, die gerade ihren Sohn und Bruder verloren haben, anlügt – richtig wütend auf den Protagonisten. Im Theater selbst habe ich während der Vorstellung kein einziges Mal einen Groll gegen Evan gehegt. Ich wusste, dass das, was er tut, falsch ist, aber man leidet so viel mit und sieht vielleicht auch den guten Hintergrund in seinem Handeln, dass ich nicht wirklich wütend auf ihn sein konnte. Hier kommt wahrscheinlich die eigene Fantasie beim Bücherlesen im Gegensatz zur Bühnenumsetzung durch die Regie von Michael Greif zum Vorschein.

Auch das Ende ist – ohne zu viel verraten zu wollen – erstaunlich „ereignislos“. Ich spoilere hoffentlich nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Lüge am Ende aufgedeckt wird und alles noch sehr dramatisch wird, jedoch fehlt der Showdown und das anschließende Happy End, welches man inzwischen von jedem typischen Highschool-Musical oder -Film kennt. Das Musical endet nach einer zweieinhalb-stündigen emotionalen Talfahrt sehr ruhig und ohne wirklichen Abschluss. Und das war für mich der beste Abschluss, den man für dieses Stück hätte finden können. Schließlich ist eine psychische Erkrankung auch nie ganz abgeschlossen, weswegen man eher mit dem Gedanken heimgeschickt wird, dass man es nicht ändern kann, man kann nur versuchen, damit zu leben.

Next to Normal“ für Teenies

Taylor Trensch ist in der Titelrolle des Evan Hansen zu sehen. In einem Interview hat er erzählt, dass er sich im Schauspielbereich sicherer fühlt als in einem Musical. Und vor allem schauspielerisch ist diese Rolle sicher eine Herausforderung. Ich habe selten einen Schauspieler gesehen, der auf Knopfdruck und doch noch ganz natürlich in Tränen ausbricht. Seine Stimme hat, wie ich finde, einen wirklich markanten Wiedererkennungswert und auch gesanglich konnte man bei ihm nichts aussetzen, aber vor allem seine schauspielerische Leistung wird mir wohl noch länger in Erinnerung bleiben.

Im Stück wird so viel über Connor geredet und doch ist die Rolle, die von Alex Boniello verkörpert wird, ein Geist, den man als Zuschauer nicht so wirklich kennen lernt. Man erhält als Zuschauer nur die wenigen – meistens negativen – Infos, die von seiner Familie kommen oder die Version, die Evan sich von ihm vorstellt. Jedoch wird Connor für Evan mehr und mehr eine Art Spiegelbild, welches Evan auf seine eigenen Probleme und Abgründe anspricht. Vor allem die Szene, wenn Connor Evan plötzlich fragt, wie er sich den Arm gebrochen hat, war für mich einer der intensivsten Momente.

Ein wichtiger Faktor des Musicals ist auch die Beziehung von Müttern zu ihren Kindern. Egal, ob alleinerziehende Mutter Heidi, gespielt von Lisa Brescia, oder Connors Mum Cynthia, gespielt von Jennifer Laura Thompson. Beide Frauen haben nicht viel miteinander gemein. Die eine ist alleinerziehend und hat neben Job und Abendschule viel um die Ohren, weswegen trotz aller Bemühungen ihr Sohn irgendwie zu kurz kommt, die andere hat fast zu viel Zeit. Und doch stehen beide vor dem Problem, nicht zu wissen, wie sie sich um ihre psychisch labilen Kinder kümmern sollen. Vor allem bei Evan ist es am Ende seine Mutter, die ihm Halt gibt, obwohl sie selbst komplett überfordert und hilflos mit der Situation ist.

Der einzige Punkt, der für mich im Musical etwas unverständlich war, war die Reaktion von Connors Familie auf seinen Suizid. Während seine Mutter Cynthia wirklich um Sohn trauerte, war mir doch unverständlich, warum seine Schwester Zoe, gespielt von Gabrielle Carrubba, und sein Vater Larry, der von Michael Park gespielt wurde, so distanziert auf Connors Tod reagieren. Bei Larry kommt zwar noch ein etwas tieferer Einblick und auch Zoe offenbart Evan ihre Beziehung zu ihrem Bruder. Aber während Larry bei „You Will Be Found“ doch noch seiner Trauer erliegt, bleibt Zoe erstaunlich kalt und unnahbar, was vielleicht aber auch die typische Reaktion eines Teenagers auf eine solche Ausnahmesituation ist.

Wenn ich etwas im Musical nicht mag, dann ist es der Versuch, ein ernstes Thema mit viel zu viel Witz aufzulockern. Bei „Dear Evan Hansen“ hat man mit Sky Lakota-Lynch als Jared eine gute Mischung zur Auflockerung des doch sehr ernsten Themas gefunden. Auch Phoenix Best als Alana bringt mit ihrem Streber-Ehrgeiz immer wieder ein wenig Witz in manche Szenen. Beide finden jedoch leicht wieder zurück zum ernsten Thema, ohne dass es zu aufgesetzt wirkt.

Dear Evan Hansen“ ist ein wenig das „Next to Normal“ für jüngere Generationen, jedoch spricht Evan wie auch Diana aus „Next to Normal“ eine Zielgruppe jeden Alters, jeden Geschlechts und auch jeden Hintergrundes an. Nach dem großen Erfolg von „Next to Normal“ in Deutschland wäre es schön, wenn man auch „Dear Evan Hansen“ in den nächsten Jahren im deutschsprachigen Raum auf einem Spielplan finden würde. Zunächst einmal findet Ende des Jahres die Premiere in London statt und ich werde mich mit großer Wahrscheinlichkeit wieder dem gerechtfertigten Hype anschließen.

Uraufführung: 09.07.2015 (Arena Stage Theatre, Washington, D.C.)
Besuchte Vorstellung: 01.01.2019 (The Music Box Theatre, New York)
Musik & Lyrics: Benj Pasek, Justin Paul
Buch: Steven Levenson
Regie: Michael Greif
Choreographie: Danny Mefford
Orchestrierung: Alex Lacamoire
Bühnenbild: David Korins
Kostüme: Emily Rebholz
Besetzung: Taylor Trensch (Evan Hansen), Gabrielle Carrubba (Zoe Murphy), Lisa Brescia (Heidi Hansen), Jennifer Laura Thompson (Cynthia Murphy), Alex Boniello (Connor Murphy), Michael Park (Larry Murphy), Sky Lakota-Lynch (Jared Kleinman), Phoenix Best (Alana Beck)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Matthew Murphy

TEILEN
Vorheriger ArtikelRatgeber: Tickets in New York City – How to survive „Broadway“
Nächster ArtikelNachgedacht: HAMILTON-Singalong in Hamburg – To the musical revolution!
Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.