Am 14. Februar 2019 fand im Werk7-Theater in München die Europapremiere von „Die fabelhafte Welt der Amélie“ statt. Ob es am Valentinstag lag oder an den milden Temperaturen, sei dahingestellt, jedenfalls hat dieses Stück unsere Herzen wohl mehr erwärmt, als anfangs gedacht.

Als Mitte letzten Jahres bekannt wurde, dass die Musical-Adaption des französischen Kultfilms aus dem Jahr 2001 ins Werk7 in München einziehen soll, war ich – offen gestanden – enttäuscht. Ich bin ein großer Fan des neuesten Theaterhauses von Stage Entertainment und vor allem „Fack ju Göhte“ hat meine Erwartungen und Hoffnungen, die ich an solch eine Art „Off-Theater“ in Deutschland gestellt hatte, mehr als erfüllt. Die Wunschliste der Nachfolge-Produktionen war immens lang und umso überraschter war ich, als die Wahl auf „Die fabelhafte Welt der Amélie“ fiel.

Das Musical wurde im September 2015 in Berkeley uraufgeführt und anschließend im März 2017 an den Broadway transferiert, wo es nach gut zwei Monaten und nur 83 Vorstellungen aufgrund schlechter Kritiken und einer dementsprechenden Auslastung auch schon wieder geschlossen wurde. Nun habe ich das Stück selbst nicht gesehen und kann daher nicht beurteilen, woran der Misserfolg festzumachen ist, jedoch empfand ich die Broadway-Aufnahme nie sonderlich spannend und auch die Ausschnitte kamen nicht einmal ansatzweise an den Charme des Films heran, weswegen man hier wohl von einer klassischen Musical-Eintagsfliege sprechen kann. Erstaunlich also, dass die Wahl von Stage Entertainment ausgerechnet auf dieses Stück fiel.

© Franziska Hain

Wie kommt man also auf die Idee, ein Stück neu zu produzieren, welches schon in New York – wo die Theaterhypes von morgen geboren werden – gefloppt ist. Weil Deutschland nun mal nicht der Broadway oder das West End ist. Diese Aussage benutze ich für gewöhnlich immer, wenn ich höre, dass ein Erfolg in New York auch todsicher bei uns funktionieren muss, beziehungsweise ein Misserfolg niemals zu uns kommen würde. Bestes Beispiel hierfür ist Disneys „Tarzan“, welches am Broadway gefloppt ist und in Deutschland über viele Jahre sehr erfolgreich lief. Nun bin ich nicht der größte Fan von „Tarzan“ – egal, ob am Broadway oder in Deutschland – und ob „Amélie“ in München mehr Erfolg haben wird, wird sich erst noch zeigen, jedoch versprüht diese Produktion unter der Regie von Christoph Drewitz so viel Herz, Kreativität und zugleich Professionalität, wie ich sie schon lange nicht mehr in einem deutschen Theater gesehen habe.

Montmartre in München

Die fabelhafte Welt der Amélie“ erzählt von Amélie Poulain, die in Paris in einem Café als Kellnerin arbeitet. Ihr Vater, ein Arzt, stellte bei ihr als Kind fälschlicherweise einen Herzfehler fest, weswegen sie zuhause von ihrer Mutter unterrichtet wird. Nachdem Amélies Mutter durch einen Unfall ums Leben kommt, distanziert sich ihr Vater noch mehr von Amélie, weswegen sie sich oft in ihre Traumwelt stürzt. Als erwachsene Frau träumt sie immer noch ihr Leben, statt es zu leben, und versucht, die Gäste ihres Cafés glücklich zu machen und deren Leben zum Besseren zu verändern … bis es letzten Endes an ihr ist, ihr eigenes Glück in die Hand zu nehmen.

© Franziska Hain

Großer Clou dieser Produktion ist definitiv das Theater selbst. Bereits bei „Fack ju Göhte“ hat man nicht nur die Bühnenfläche bespielt, sondern hat das gesamte Theater im Stil des Stücks gestaltet. Nun würde für „Amélie“ das Theater von Turnhalle in ein französisches Café umgewandelt. Herzstück der Bühne ist eine Bartheke, da Dreh- und Angelpunkt der Handlung das „Café des 2 Moulins“ ist, wo Amélie als Kellnerin arbeitet. Mein erster Gedanke nach Bekanntgabe war, wie schön es wäre, als Zuschauer auf Bistrotischen und -stühlen zu sitzen und umso begeisterter war ich, als ich das Theater betrat und die ersten Reihe rund um die 180°- Bühne wirklich mit Bistrotischen und bequemen Sitzbänken ausgestattet war. Auch der restliche Theatersaal wird bespielt und das Publikum noch vor Beginn des Musicals in die Handlung mit einbezogen, weswegen man sich umso mehr von dieser fabelhaften Welt mitreißen lässt und der ein oder andere Zuschauer auch mal bereitwillig sein letztes Kleingeld zusammenkratzt oder etwaige Utensilien hält, um den Charakteren auf der Bühne dabei zu helfen, ihr Liebesglück zu finden.

Die klassische Bühnenrückwand ist nun wie ein zweistöckiges halboffenes Wohnhaus gestaltet. In den typischen französischen Räumen in der Empore ist die 5-köpfige Band unter der musikalischen Leitung von Philipp Gras untergebracht. Auch hier fügt sich alles zu einem stimmigen und quirligen französischen Gesamtkonzept. Im Gegensatz zur Originalproduktion kommt neben der Musik von Daniel Messé und Nathan Tysen auch immer wieder der bekannte Originalsoundtrack des Films von Yann Tiersen zum Einsatz.

© Franziska Hain

Nun wurde das Stück nicht nur musikalisch im Vergleich zur ursprünglichen amerikanischen Version in vielerlei Hinsicht überarbeitet. So wird die kleine Amélie zu Beginn von einer Puppe dargestellt, welche von der „erwachsenen“ Amélie geführt wird. Auch Amélies einziger Kindheitsfreund, ein Goldfisch namens Pottwal, wird durch eine fantasievolle Puppe dargestellt, ebenso wie ein Gartenzwerg, den Amélie auf große Reise durch die Welt sendet. Was im ersten Moment fast zu simpel klingt, ist in der Umsetzung absolut effektiv und wundervoll anzusehen.

Back to the (Theatre-)Roots

Einer der Hauptgründe, warum ich das Werk7-Theater so gerne mag, ist, weil man sich in diesem Theater wieder auf die ursprünglichen Theaterformen konzentrieren muss. Man kann keine 100 Kulissen lagern oder mit Special Effects arbeiten, um es dem Zuschauer so leicht wie möglich zu machen, der Handlung zu folgen. Gleichzeitig muss man jedoch aufpassen, dass man dem Publikum nicht zu viel zumutet. Während der erste Akt gespickt ist von einzelnen Handlungssträngen verschiedener Charaktere, denen Amélie helfen möchte, dreht es sich doch in erster Linie um die Liebesgeschichte zu Nino, welche jedoch erst im zweiten Akt konkreter verfolgt wird. Ich konnte der Handlung immer ohne Probleme folgen und doch hätte es vielleicht gut getan, die ein oder andere Szene zu kürzen oder gar ganz wegzulassen. Im ersten Akt war ich noch Feuer und Flamme für die vielen kleinen Details und liebevollen Ideen, die diese fabelhafte Welt aufleben lassen. Im zweiten Akt habe ich dann doch allmählich leichte Ermüdungserscheinungen gespürt und hätte mich sehr gefreut, wenn Nino seine Amélie doch endlich findet.

Auch fiel mir vor allem im zweiten Akt auf, dass man die Charaktere neben Amélie und Nino nicht so wirklich kennenlernt. Als zum Beispiel die Kolleginnen von Amélie Nino nach seinen Absichten gegenüber Amélie ausfragen, weil sie nicht wollen, dass sie verletzt wird, habe ich erst festgestellt, dass ich das Verhältnis der Damen nicht so wirklich einschätzen konnte. Letzten Endes müssen doch zu viel Handlung und zu viele Ideen in zwei Akte gepackt werden, weswegen hier die einzelnen Charaktere – beziehungsweise, wie sie zur Protagonistin stehen –auf der Strecke bleiben.

© Franziska Hain

Bei so einer intimen Show wie „Amélie“ ist die ideale Besetzung der Hauptdarstellerin äußerst wichtig und umso mehr hat es mich gefreut, dass man keine Unbekannte ins Werk7-Theater zurückgeholt hat. Sandra Leitner ist mir bereits bei „Fack ju Göhte” mehr als positiv im Gedächtnis geblieben und auch hier überzeugt sie sowohl gesanglich als auch schauspielerisch. Ihr gegenüber steht Andreas Bongard als Nino. Neben Amélie hat er die stärksten Songs bekommen, die er auch stimmgewaltig wiedergibt.

Auch die restliche Cast spielt mit viel Freude und aufgrund der Tatsache, dass so viele Charaktere von so wenigen Darstellern auf der Bühne verkörpert werden müssen, ist es sicherlich schwer, nicht aus der Puste zu kommen. Und doch gelingt es allen mühelos, immer wieder in neue Rollen zu schlüpfen und wie bereits bei der Vorgängerproduktion Fack ju Göhte” versprüht die Besetzung so viel positiver Energie, wie man es derzeit wohl in keinem anderen Stage-Haus zu sehen bekommt.

Amélie“ ist ein Musical, welches mich nach anfänglicher Skeptik doch schnell überzeugen konnte und jedem Musicalgänger, der Live-Entertainment in ganz neuem Maße erleben möchte, kann ich diese neue Produktion nur wärmstens ans Herz legen.

Uraufführung: 11.09.2015 (Berkeley Repertory Theatre)
Besuchte Vorstellung: 14.02.2019 (Werk 7 Theater, München)
Musik & Lyrics: Daniel Messé, Nathan Tysen
Buch: Craig Lucas
Übersetzung Buch und Liedtexte: Heiko Wohlgemuth
Regie: Christoph Drewitz
Choreographie: Naomi Said
Musikalischer Supervisor: Ratan Jhaveri
Bühnen & Kostümbild: Andrew Edwards
Licht: Tim Deiling
Besetzung: Sandra Leitner (Amélie), Andreas Bongard (Nino), Stephan Bürgi (Raphael/Bretodeaux), Dorina Maltschewa (Amandine/Philomene), Christine Rothacker (Suzanne), Fleur Alders (Georgette), Kira Primke (Gina), Rob Pelzer (Dufayel/Collignon), André Haedicke (Hipolito/Elton), Janco Lamprecht (Joseph), Charles Kreische (Lucien)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Franziska Hain

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.