25 Jahre nach der Deutschlandpremiere gastiert „Miss Saigon“ im Rahmen der UK & Ireland Tour für sechs Wochen im Kölner Musical Dome. Über die Jahre wurde das Musical an vielen Stellen verändert. Somit ist auch auf die KritikerInnen eingegangen worden, die u. a. die stereotypen Darstellungen von VietnamesInnen und problematische Castingentscheidungen der Originalproduktion wie Yellowfacing thematisierten. Unumstritten ist die Handlung um die Vietnamesin Kim, die sich in den letzten Tagen des Vietnamkrieges in den GI Chris verliebt, aber bis heute nicht. Die UK & Ireland Tour zeigt die überarbeitete Version aus dem Jahr 2014.

Zunächst einmal vorweg: Die Kölner Premiere begeisterte offenbar das Publikum, was durch anhaltenden Applaus und Standing Ovations deutlich zu erkennen war und auch ich war beeindruckt von der perfekten Inszenierung eines Stückes, dessen Handlung auf dem Papier zwar kitschig klingen mag, das aber gerade durch die ebenso eingängigen wie anspruchsvollen Balladen (Musik: Claude-Michel Schönberg; Texte: Alain Boubil; Richard Maltby, JR; zusätzliche Songtexte: Michael Mahler) auf positive Weise emotionsgeladen ist und damit berührt. Bereichernd sind auch opulente Ensemble-Szenen mit faszinierender Choreographie (etwa bei „The Morning of the Dragon“) und beeindruckendem Bühnenbild („This is the Hour“), welche auch für erfahrene MusicalgängerInnen sehr sehenswert sind (Regie: Laurence Connor, Musical Staging: Bob Avian, Mitarbeit Choreographie: Ben Osborne). Hervorzuheben ist insbesondere die Helikopter-Szene („Kim’s Nightmare“), die auch in dieser Tourversion einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Von kleineren Tonproblemen bei der Premiere abgesehen, wird in Köln ein künstlerisch anspruchsvolles Musical gezeigt, das glücklicherweise auch in Deutschland die englischen Songtexte (mit deutschen Übertiteln) verwendet.

© Johan Persson

Dass die Tourproduktion so gut funktioniert, liegt auch an der Cast: Die gesangliche und schauspielerische Leistung ist bei allen beeindruckend. Sooha Kims Leistung ist hierbei aber gerade aufgrund ihrer Rolle, die in dem Stück die größte Charakterentwicklung zeigt, nochmal besonders hervorzuheben. Ihre Darstellung der Kim ist in jeder Szene glaubhaft und erlaubt es dem Publikum, sich mit einer Figur zu identifizieren, die in dem Stück eigentlich mehr Spielball ist, als dass sie eigenständig handeln kann. Sehr schön ist ihr Zusammenspiel mit Ashley Gilmour als Chris, der schauspielerisch auf angenehme Weise sehr zurückhaltend spielt und auch stimmlich sehr positiv in Erinnerung bleibt.

In der Rolle des Engineers stand am Premierentag Christian Rey Marbella auf der Bühne. Seine Bühnenpräsenz sticht von Beginn des Musicals an heraus und auch schauspielerisch und tänzerisch spielt er seine Rolle hervorragend. Auch die Nebenrollen sind mit Elana Martin (Ellen), Ryan O’Gorman (John) Gerald Santos (Thuy) und Aicelle Santos (Gigi) perfekt besetzt.

On the other side of the earth, there’s a place where life still has worth…“ – zur inhaltlichen Kritik von „Miss Saigon“

© Johan Persson

Bei allem Lob über die Inszenierung ist es meiner Meinung nach angemessen, die Kontroversen rund um den Inhalt aufzugreifen. „Miss Saigon“ war und ist – meiner Ansicht nach zu Recht – immer wieder für die stereotypen Darstellungen gerade von Vietnamesen sowie für die Untermauerung antiquierter Rollenbilder kritisiert worden (etwa hier oder hier). Dass „Miss Saigon“ letztlich eine Adaption von Puccinis „Madama Butterfly“ aus dem Jahr 1904 ist, schwächt diese Kritik allenfalls teilweise ab. Denn auch eine Musicaladaption kann Charaktere wie auch historische Hintergründe differenziert gestalten, genau diese inhaltliche Differenzierung vermisse ich aber in dem gesamten Musical sehr.

Dabei ist es nicht so, dass die Autoren Boubil und Schönberg keine Recherchen unternommen hätten. Ihre Arbeit mit Fotos, etwa dem Bild einer vietnamesischen Mutter, die sich von ihrer Tochter trennt, um ihr ein besseres Leben in den USA zu ermöglichen, ist ganz im Gegenteil, gut dokumentiert; die ebenfalls auf einem Foto beruhende Helikopterszene hätte beinah sogar zu Urheberrechtsstreitigkeiten geführt (Nachzulesen hier).

Die Schwierigkeit mit Miss Saigon liegt meines Erachtens allerdings darin, dass das Stück wohl um der Dramatik willen historische Begebenheiten, Positionen und Charaktere stark vereinfacht – und sich manchmal auch hinsichtlich der historischen Einbettungen zu künstlerischen Freiheiten hinreißen lässt. So bezeichnet der Begriff „Bui Doi“ ursprünglich lediglich Straßenkinder; die gleichlautende Bezeichnung für Kinder, die aus Beziehungen zwischen Amerikanern und Vietnamesen hervorgingen, ist nicht die übliche vietnamesische Bezeichnung und wurde im Wesentlichen durch das Musical geprägt.

© Johan Persson

Hinsichtlich der Charakterisierungen sind alle anderen Figuren, abgesehen von den beiden Hauptfiguren Kim und Chris, welche beide sowohl in ihren Fehlern als auch in ihren Stärken beleuchtet werden, recht eindimensional und verkörpern Stereotype. So ist die einzige Handlungsmotivation fast aller in dem Musical vorkommenden Vietnamesen (auch Kim wird hier nicht ausgenommen, sie zeigt jedoch noch andere Motive), ein Visum für die USA zu erhalten, oder aber sie zeigen traditionelle und – so impliziert es zumindest das Musical – damit auch rückschrittliche Verhaltensmuster („Our parents bound us together and this is our fate“). Dagegen wird die Rolle der Amerikaner im Vietnamkrieg eher unkritisch betrachtet, da sie durchgängig als sich ihrer Verantwortung bewusst und hilfsbereit charakterisiert werden. Hierzu passt, dass der Song „Bui Doi“ mich bezüglich der Inszenierung der Szene auf der Bühne sowie des Themas, nämlich dem hier geäußerten Anspruch westlicher Länder, die Lebenssituation in anderen zu verbessern, stark an „I am Africa“ aus „The Book of Mormon“ erinnert – wobei „Bui Doi“ natürlich nicht den ironischen Unterton aufweist, der bei „I am Africa“ im Fokus steht.

Das in dem Musical vermittelte Machtgefälle in Beziehungen zwischen Vietnamesinnen und Amerikanern wird unter anderem in „The Movie in my Mind“ beleuchtet; hier lautet eine Textzeile: „And in a strong GI’s embrace flee this life, flee this place“. Besonders entlarvend, sowohl hinsichtlich des historischen Hintergrundes als auch aus feministischer Perspektive, wirkt es allerdings, wenn Chris der Prostituierten Kim von Amerika mit den Worten „On the other side of the earth, there’s a place where life still has worth…“ vorschwärmt.

© Johan Persson

Fazit : Ein furchtbar schönes Musical

Ob die großartige Inszenierung die inhaltlichen Schwierigkeiten des Buches wett machen kann, kann jede/r selbst entscheiden. Lässt man sich auf das Musical ein, findet man sich allerdings in einer äußerst professionellen Produktion wieder, die als Theatererlebnis noch lange nachwirkt und deren Inszenierung qualitativ keinerlei Anlass zu negativer Kritik bietet.

Premierendatum der Uraufführung: 20.09.1989 (Theatre Royal Drury Lane, London)
Besuchte Vorstellung: 25.01.2019 (Musical Dome Köln)
Musik: Claude Michel Schönberg
Buch & Lyrics: Alain Boubil
Weitere Songtexte
: Richard Maltby, JR, Michael Mahler
Regie: Laurence Connor
Musical Staging
: Bob Avian, Geoffrey Garrett
Choreographie
: Ben Osborne
Produktionsdesign
: Totie Driver, Matt Kinley
Kostüme: Andreane Neofitou
Licht: Bruno Poet
Videodesign: Luke Halls
Orchestrierung: William David Brown
Besetzung: Sooha Kim (Kim) / Joreen Bautista (Kim alternierend), Christian Rey Marbella (The Engineer) / Leo Tavarro Valdez (The Engineer), Ashley Gilmour (Chris), Elana Martin (Ellen), Ryan O’Gorman (John), Gerald Santos (Thuy), Aicelle Santos (Gigi)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Johan Persson

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.