Am 16. März 2019 fand in Regensburg die Premiere von „Chess“ statt, welches vor allem dank seiner beiden stimmgewaltigen Hauptdarsteller ein Genuss für viele Fans sein dürfte. Auch die restliche Inszenierung vermag zu überzeugen, täuscht jedoch nicht über das zum Teil verzwickte Buch hinweg.

Es hat bei mir nun über zehn Jahre gedauert, bis ich das Musical „Chess“ von den beiden Abba-Jungs Benny Andersson und Björn Ulvaeus in Zusammenarbeit mit Tim Rice endlich live auf einer Bühne sehen durfte. Während das Album und vor allem der Live-Mitschnitt der Konzertversion aus dem Jahr 2008 immer mal wieder von mir herausgekramt werden, kam immer wieder etwas dazwischen, weswegen ich dieses Stück bisher nicht live gesehen hatte. Die größte Chance kam wohl letztes Jahr, als das Stück wieder in London gezeigt wurde. Als jedoch fast zeitgleich bekannt gegeben wurde, dass das Musical in Regensburg zur Aufführung gebracht werden soll, sah ich es fast als ein Muss an, dieses Stück nach Jahren des Wartens in meiner Heimatstadt zum ersten Mal zu sehen. Wenn sozusagen der Berg nicht zum Propheten kommt … Somit verging noch einmal ein Jahr und die Angst wuchs, dass die Erwartungen für eine Stadttheaterproduktion nach all den Jahren doch zu hoch geschraubt sind. Zum Glück – oder eher zu meiner Schande – sind 70er-/80er-Jahre-Musicals meine „Guilty Pleasure“.

© Jochen Quast

Fast genauso langwierig wie meine persönliche Beziehung zu „Chess“ ist auch die Entstehungsgeschichte des Musicals selbst. Tim Rice wollte Anfang der 80er-Jahre ein politisches Musical schreiben. Während ihm Andrew Lloyd Webber – mit dem er schon erfolgreich unter anderem für „Jesus Christ Superstar“ und „Evita“ zusammengearbeitet hatte – damals absagte, fand er in den beiden Abba-Jungs Benny Andersson und Björn Ulvaeus zwei Komponisten, die schon länger mit den Gedanken spielten, ein Musical zu schreiben. Man entschied sich anfangs für das Crowdfunding der 80er-Jahre und veröffentliche im Herbst 1984 erstmals ein Konzeptalbum der Songs, um Geld zu sammeln, bevor man das Stück auf die Bühne bringen konnte. Vor allem „One Night in Bangkok“ war nicht nur bei der Veröffentlichung ein großer Erfolg, auch heute noch ist der Song ein beliebter Titel im Radio und die wenigstens wissen vermutlich weder, dass hinter diesem Song die Männer von Abba stecken, noch, dass es eigentlich ein Musicalsong ist.

Aufgrund des großen Erfolg des Albums schaffte man zwei Jahre später den Sprung auf die Musicalbühne und „Chess“ erlebte am 14. Mai 1986 seine Uraufführung im Prince Edward Theatre in London. Wiederum zwei Jahre später wagte man den Schritt über den großen Teich an den Broadway, wo das Stück seinen ersten großen Dämpfer erfuhr, als es nach nicht mal zwei Monaten geschlossen wurde. Auch hier wurde der altbekannte Fehler begangen, dass man das Stück komplett umschrieb und ein fast gänzlich verändertes Musical als in London auf die Bühne brachte. Auch sonst scheint „Chess“ im Laufe seiner über 30-jährigen Bestehenszeit noch nie ganz vollendet worden zu sein und das Stück erfährt immer wieder Umschreibungen und Veränderungen.

Weniger ist oft mehr

Angelehnt ist das Musical an die Schachweltmeisterschaft 1972 und erzählt von Frederick Trumper, einem amerikanischen Schachgroßmeister, der seinen Titel gegen Anatoly Sergievsky aus der Sowjetunion verteidigt. Während die beiden Kontrahenten charakterlich nicht unterschiedlicher sein könnten – was in der Inszenierung von Christina Schmidt besonders herausgearbeitet schien – werden beide selbst vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ihrer Heimatländer zu Schachfiguren der Politik. Noch komplizierter wird es, als die Geliebte und Managerin Trumpers, Florence, sich in seinen russischen Gegner verliebt.

© Jochen Quast

Ein großes Manko des Stückes ist definitiv das Buch selbst. Es ist oft viel zu verzwickt und kompliziert und wichtige Handlungsstränge und Zwischenschritte bleiben auf der Strecke, weswegen man als Zuschauer oft den Überblick verliert. Auch treffen die Charaktere innerhalb von Sekunden Entscheidungen, die man nicht kommen sah. Es passiert alles so schnell und ohne wirklich logische Anbahnung der Ereignisse, dass es fast schon frustrierend ist. Man möchte fast meinen, dass Tim Rice mit seinem Wunsch, ein politisches Musical zu schreiben, ein wenig zu ambitioniert war und es gut getan hätte, den ein oder anderen Gedanken zur Seite zu schieben.

Stimmgewaltige Darbietungen

© Jochen Quast

Natürlich wird zudem alles ein wenig wett gemacht, wenn man den Score von Benny Andersson und Björn Ulvaeus mit dem 30-köpfigen Orchester unter der musikalischen Leitung von Alistair Lilley in Perfektion aus dem Orchestergraben dröhnen hört. Musikalisch ist das Stück sehr breit gefächert und vor allem die beiden Leading Men Ruud van Overdijjk als Amerikaner Freddy Trumper und Thomas Christ als Russe Anatoly Sergievsky, die für diese Produktion als Gäste auf der Bühne des Velodroms stehen, lassen jegliche inhaltliche Ungereimtheit sofort vergessen.

Am Anfang der Premierenaufführung hatte ich das Gefühl, dass das Publikum nicht so wirklich in das Stück finden wollte, bis Brent L. Damkier als Schiedsrichter auf die Bühne kam und mit der grandiosen Szene von „Der Referee“ („The Arbiter“) das Eis schlussendlich doch zum Brechen brachte. Danach folgte eine grandiose Leistung die nächste und selbst ein minutenlanges Schachspiel ohne Dialog – nur musikalisch untermalt und mit Einlage des Regensburger Tanzensembles – war ein spannungsgeladener Hochseilakt. Da ich selbst fast gar keine Ahnung von Schach habe und man als Zuschauer sowieso nicht viel von den Zügen der Kontrahenten sehen konnte, war es umso erstaunlicher, wie angespannt das ganze Publikum der Szene folgte.

Gekrönt wurde der erste Akt zuerst von „Sei wie ein Kind“ („Pity the Child“) von Ruud van Overdijk und anschließend „Anthem“ von Thomas Christ. Vor allem das Solo von Ruud van Overdijk blieb am nachhaltigsten in Erinnerung und wurde nicht mal von seinem „One Night in Bangkok“, der Eröffnungsnummer des zweiten Aktes, getoppt. Wobei diese Szene einfach nur Spaß macht und ich trotz der guten Übersetzung von Kevin Schroeder heilfroh bin, dass dieses Lied im englischen Original belassen worden ist. Während der erste Akt mit vielen Highlights aufwartet, ist vor allem der zweite Akt ein wenig langatmiger. Hier kommt jedoch einfach wieder das Buch in die Quere.

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Während die Männerrollen top besetzt sind und ein Hauptgrund, diese Inszenierung zu besuchen, bin ich von der Damenriege leider etwas enttäuscht worden. Vor allem die Rolle der Florence, gespielt von Christiana Wimber, empfinde ich als ebenso wichtig wie die beiden Herren, und sie sollte ebenso stimmgewaltig auftreten. Während die Herren ausnahmslos in ihren Soli glänzen könnten, verpuffte „Jeder geht allein seinen Weg“ („Nobody’s Side“) fast ein wenig. Auch „Ich kenn ihn so gut“ („I Know Him So Well“) konnte dank Esther Baar als Svetlana zwar mehr überzeugen, ließ jedoch noch etwas Spielraum nach oben.

Fast so begeistert wie vom großen Orchester war ich von der Idee des Opernchors und des zusätzlichen Extrachors bei dieser Produktion, welche dem Score noch zusätzliche Stärke gaben. Leider fehlte es vor allem beim Opernchor manchmal an Textverständlichkeit und insbesondere die in meinen Augen zum Teil unnötigen Choreografien wirkten oftmals mehr als hölzern. Insbesondere die Tanzeinlagen des Regensburger Tanzensembles mit den Choreographien von Tamás Mester  – welcher auch in der Rolle des Viigand auf der Bühne zu sehen ist – waren dafür umso sehenswerter.

Zwischen Zeit und Raum

© Jochen Quast

Die Regie von Christina Schmidt verzichtet nicht nur im Bühnenbild auf das sich anbietende schwarz-weiße Schachbrett. Ein guter Ansatz, schließlich ist auch im echten Leben nicht immer alles deutlich einer Farbe oder Nation zuzuordnen. Aufgrund des Hintergrunds des Kalten Krieges zwischen Amerika und Russland spielt man bei „Chess“ zwischendurch immer mal wieder mit Klischees und Stereotypen. In Regensburg hat man diese Problematik bis auf eine Szene in der die Delegation der Sowjetunion mit Wodka, Pelzmützen und Lack-Overknee-Stiefeln zu russicher Folklore tanzt, doch mehr als gut gelöst. Auch sonst besticht diese Inszenierung mit vielen modernen Einfällen, die im Musicaltheater vielleicht nicht neu sind, aber doch eine äußerst sehenswerte Produktion auf die Bühne bringen.

Auch das Bühnenbild von Frank Fellmann und die Kostüme von Susanne Ellinghaus überraschen mit vielen kleinen Einzelheiten. Vor allem das Ensemble tritt bei den großen Szenen als fantasievolle Schachfiguren auf, während jedoch vor allem die Hauptdarsteller eher in modernen Klamotten auf der Bühne stehen. Ein wichtiger Aspekt, da man mit der Handlung und seiner Thematik rund um den Kalten Krieg auf keinen Fall in den 70er-Jahren bleiben muss, schließlich ist das Thema heute wieder brisanter wie nie.

Wie bereits erwähnt, hat man beim Bühnenbild gänzlich auf das Thema des schwarz-weißen Schachbrettes verzichtet. Die Bühne ist einfach und doch bildgewaltig. Besonders hervorzuheben ist der Glaskasten, in dem die beiden Kontrahenten ihre Schachpartie austragen und fast ein wenig in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen sind. Der Aspekt, dass die Inszenierung in der heutigen Zeit angesiedelt werden kann, wird zudem durch den Einsatz der modernen Medien dargestellt. Rechts und links der Bühne hängen LED-Wände, die immer wieder Tweets und Likes über die Geschehnisse auf der Bühne teilen.

Letzten Endes bin ich mehr als zufrieden mit meiner Entscheidung mein erstes Mal „Chess“ in Regensburg gesehen zu haben. Obwohl dieses Stück bisher nicht oft seinen Weg auf eine Bühne gefunden hat, sollte der Bann nun erfahrungsgemäß gebrochen sein und es werden sicherlich noch viele weitere Besuche folgen. Spätestens im Juni wird „Chess“ nämlich auch in Linz in einer halbszenischen Inszenierung gezeigt.

Uraufführung: 14.05.1986 (Prince Edward Theatre, London)
Besuchte Vorstellung: 16.03.2019 (Velodrom, Regensburg)
Musik: Benny Andersson, Björn Ulvaeus
Lyrics & Buch: Tim Rice
Übersetzung: Kevin Schroeder
Regie: Christina Schmidt
Choreographie: Tamás Mester
Musikalische Leitung: Alistair Lilley
Bühnenbild: Frank Fellmann
Kostüme: Susanne Ellinghaus
Besetzung: Ruud van Overdijk (Frederick Trumper), Christiana Wimber (Florence Vassy), Thomas Christ (Anatoly Sergievsky), Christian Schossig (Walter de Courcey), Seymur Karimov (Alexander Molokov), Brent L. Damkier (Der Schiedsrichter), Esther Baar (Svetlana Sergievskaya)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Jochen Quast

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.