Das Theater für Niedersachsen in Hildesheim (TfN) zeigt in dieser Saison mit „Jasper in Deadland“ erneut eine Europäische Erstaufführung. Das Off-Broadway-Stück von Ryan Scott Oliver und Hunter Foster aus dem Jahr 2014 wurde von Lisanne Wiegand übersetzt und von Bart de Clercq wie ein Computerspiel Level für Level in Szene gesetzt sowie choreografiert.

Der 16-jährige Jasper verbringt gerne Zeit mit seiner besten Freundin Agnes. Eines Tages gesteht sie ihm, dass sie ihn liebt. Obwohl er diese Gefühle an sich erwidert, traut er sich nicht, es ihr mitzuteilen. Als Agnes am nächsten Tag verschwunden ist und Jasper denkt, sie ist von einer Klippe gesprungen, macht er sich auf die Suche nach ihr in der Unterwelt. Bei seinen zu absolvierenden Prüfungen durch die fünf Höllenkreise findet er sie tatsächlich wieder. Werden die beiden gemeinsam zurück in die Oberwelt kommen?

© Jochen Quast

Viele Rollen, schnell inszeniert

Das in der heutigen Zeit spielende Stück basiert auf der Orpheus-Sage. Wir sind also mitten in der griechischen Mythologie. Dazu mischen sich römische, ägyptische, nordische und christliche Einflüsse. Dies macht die Story verwirrend und es ist schwer, ihr zu folgen, zumal viele Rollen lediglich in einer Szene vorkommen und die Darsteller zahlreiche Parts übernehmen. Daher ist die Stückeinführung in diesem Fall zu empfehlen. Es erschließt sich jedoch trotzdem kaum, dass Agnes plötzlich die Fremdenführerin Gretchen ist. Dazu ist das Ende – Achtung Spoiler! – viel zu positiv für die Vorlage und den Verlauf des Stückes.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Darsteller, die den ganzen Abend über eine durchgehende Rolle spielen, aus dem starken 10-köpfigen Ensemble herausstechen. Nicolo Soller gibt eine sympathische, pubertierende, oft unsichere Titelfigur, die immer wieder über sich hinauswächst. Gesanglich wird er allerdings von Elisabeth Köstner als Agnes / Gretchen übertroffen. Sie legt auch schauspielerisch als Jaspers Freundin die Latte mit intensivem Spiel am höchsten. Alexander Prosek scheint die Rolle des schmierigen Geschäftsmanns Mr. Lethe auf dem Leib geschneidert zu sein. Bei seinen Nummern rockt er die Bühne. Stimmlich kann auch Amanda Whitford als Ammut nachhaltig auf sich aufmerksam machen, obwohl ihre Textverständlichkeit leidet.

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Bart de Clercqs Regiedebüt kommt einem manchmal wie im Zeitraffer vor, so oft und so schnell ändern sich Spielorte und Rollen. Hier hätte er der Geschichte und der Entwicklung der Charaktere mehr Zeit geben sollen. Schöne Ideen sind zum Beispiel, Pluto als Disney-Hund auftreten zu lassen, sowie die gelben, passend zu Hut und Hosenträger abgestimmten Handschuhe von Mr. Lethe. Da auf der Bühne ohnehin viel Bewegung ist, fügen sich seine leichtfüßig vorgetragenen modernen Choreografien passend in die Handlung.

Einfach, aber effektiv

Das Bühnenbild von Hannes Neumaier besteht hauptsächlich aus vier großen, transparenten Halbröhren, die von den Darstellern zu immer wieder neuen, variablen Handlungsorten wie Tore, Kanalisation und sogar eine Disco bewegt und bespielt werden. Auch die kleinen Drehflächen für Jasper und Agnes sind gelungen. Insgesamt ist dies einfach gelöst, aber äußerst effektiv. Neumaiers moderne Alltagskostüme mit viel Jeansstoff und Turnschuhen unterstreichen die zeitgenössische Handlung.

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Andreas Unsicker sorgt mit seinen fünf weiteren Musikern im Graben für eine hervorragende musikalische Untermalung. Die eingängigen Songs sind weniger rockig, als bei einem Rock-Musical erwartet. Auch der Sound ist in der besuchten Vorstellung einwandfrei abgemischt.

Obwohl dieses Stück sicherlich keinen Preis für das beste Buch gewinnen wird, ist es doch aller Ehren wert, dass sich das TfN mit seiner MusicalCompany an dieses neue Musical wagt. Bei vier bis fünf Produktionen pro Spielzeit gehört dort meist eine Neuentdeckung dazu. Wir sind gespannt, welches Musical es in der nächsten Saison sein wird.

„Jasper in Deadland“ in Hildesheim (TfN)

Uraufführung: 25.03.2014 (West End Theatre, Off-Broadway, New York)
Europäische Erstaufführung: 14.01.2019 (Theater für Niedersachsen, Hildesheim)
Musik und Liedtexte: Ryan Scott Oliver
Buch: Hunter Foster und Ryan Scott Oliver
Übersetzung: Lisanne Wiegand
Regie und Choreografie: Bart de Clercq
Musikalische Leitung: Andreas Unsicker
Bühne und Kostüme: Hannes Neumaier

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Besetzung: Nicolo Soller (Jasper), Elisabeth Köstner (Agnes / Gretchen), Alexander Prosek (Mr. Lethe), Sandra Pangl (Beatrix Portinari / Blinde Justitia), Marysol Ximénez-Carrillo (Persephone / Blinde Justitia), Lisa Maria Hörl (Eurydike / Blinde Justitia), Amanda Whitford (Ammut), Gerald Michel (Hathaway / Pluto),  Johannes Osenberg (Littel Lu), Jens Krause (Virgil)

Beitragsbild: © Jochen Quast