Von Markus Zeller

„Ich bin kein Vater, ich bin eine Drag-Queen am Rande des Nervenzusammenbruchs.“ Dass Tick am Ende seiner in dieser Situation noch vor ihm liegenden Reise ein weitaus entspannteres Verhältnis zu seiner Vaterrolle gefunden hat, ist eines der vielen kleinen funkelnden Wunder, die das Musical „Priscilla – Königin der Wüste“ zu erzählen hat. Ebenso wie der zarte Hoffnungsschimmer für Bernadette, in einer rauen Welt doch noch so etwas wie Liebe gefunden zu haben. Und nicht zuletzt die Erfüllung des selbstredend extravaganten Sehnsuchtswunsches von Adam, in voller Drag-Queen-Montur auf dem Ayers Rock die eigenen Lieblingssongs von Kylie Minogue performen zu können. Was natürlich wieder einen liebevoll-bissigen Kommentar von Bernadette provoziert: „That’s just what this country needs: a cock in a frock on a rock.“ Für die deutschsprachige Erstaufführung am Münchner Gärtnerplatztheater wurde dieser Gag mit „Ein Pimmel im Fummel am Himmel“ ins Deutsche übertragen.

Bild © Andreas J. Etter

Die Münchner Aufführung entstand in Koproduktion mit dem Theater St. Gallen, das nun wiederum das in Sydney uraufgeführte Stück als Schweizer Erstaufführung präsentieren konnte. Die begeisterte Reaktion des St. Galler Publikums zeigt, dass dieses Stück auch in einem eher beschaulich-bürgerlichen Umfeld funktioniert und nicht zwangsläufig in ein subkulturell geprägtes urbanes Ambiente eingebettet werden muss. Dafür ist der Unterhaltungswert zu groß, die Musik zu mitreißend und die erzählte Geschichte zu anrührend. Und der Schauwert ist auch in dieser gegenüber der Originalproduktion merklich abgespeckten deutschsprachigen Fassung immer noch immens: Alfred Mayerhofer zeichnet für die Sparte zuständig, in der Film und Bühnenadaption alles gewonnen haben, was es zu gewinnen gibt (u.a. Oscar, Laurence Olivier Award, Tony Award): Die Kostüme sind schrill, bunt und einfallsreich – transparente Glitzer-Feen-Flügel, explodierende Gloria-Gaynor-Gedächtnis-Frisuren in schillernden Farben und dekorative Einhausungen in Venusmuschelform fürs männliche Gemächt. Wer jedoch das Original kennt, weiß, dass es noch vielfältiger und noch mehr over-the-top geht, vor allem den Kostümen für das Ensemble fehlt hinsichtlich ihrer Originalität oft der letzte Bums. Gleiches gilt für das Bühnenbild von Jens Kilian, dem man im Vergleich mit dem Original doch deutlich das geringere Budget ansieht. Den Bus aus dem Original mit seinen ausufernden LED-Beleuchtungsmöglichkeiten auf der Oberfläche vermisst man schon schmerzlich. Durch die zentrale Unterbringung auf der Bühne und dem Einblick ins Tourbus-Innere mit Kylie Minogue-Stand-up aus Pappe nebst echter rosa Glitzer-Federboa erlangt dieses titelgebende Requisit zwar auch hier die für das Stück notwendige Bühnenpräsenz, ein Eigenleben entfaltet es jedoch nicht.

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Nicht nur Travestie-Show

Regisseur Gil Mehmert hat schon oft gezeigt, dass er neben der für das Genre so wichtigen leichten Hand auch einen Hang zur Ernsthaftigkeit hat, zum Relevanten. Auch bei „Priscilla“ verlässt er sich nicht einzig auf die dem Stück innewohnende Partystimmung, sondern er versucht merklich, dem Werk das gewisse Mehr abzugewinnen, was ihm neben den tadellos auf die Bühne gebrachten Shownummern auch immer wieder gelingt. Für eine Inszenierung, die im Repertoirebetrieb gezeigt wird, sicherlich eine kluge Entscheidung. Die intensivste Szene ist sicherlich die Fast-Vergewaltigung von Adam, die Mehmert schonungslos beklemmend in Szene setzt. An dieser Stelle weht ein düsterer Hauch von „Last Exit to Brooklyn“ durchs australische Outback. Die Theater-im-Theater-Szenen hingegen sind weniger gelungen: Die inkonsequent in Szene gesetzte Tina-Turner-Parodie von Miss Verständnis ist verschenkt und der Casinoauftritt in Alice Springs bleibt nur durch das enervierend lange Festhalten an einer Idee in Erinnerung – irgendwann weiß man, wie sich im Zeitraffer abgespielte Stimmen anhören.

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Eines der großen Erfolgsrezepte dieser Show ist ihre Setlist, die aus einer kunterbunten Mischung von Disco- und Trash-Klassikern besteht, die aus dem queeren Hymnen-Kanon nicht mehr wegzudenken sind. Bestechend ist vor allem die Selbstironie und herzerfrischende Überdrehtheit, mit der diese eigentlich für sich stehenden Songs in die Handlung eingebunden werden. Eines der eindrücklichsten Beispiele hierfür ist sicherlich Jimmy Webbs „MacArthur Park“, verankert im popkulturellen Langzeitgedächtnis vor allem durch die Version von Disco-Ikone Donna Summer. Der Song ist Kult-Trash in Reinkultur und seine etwas zweifelhafte Berühmtheit gründet nicht zuletzt in der Tatsache, dass er schon einmal zum schlechtesten Song aller Zeiten gekürt worden ist. Dies verdankt er vor allem seinen Lyrics, die die vermutlich ungelenkesten Metaphern enthalten, die die Pop- und Rockgeschichte jemals produziert hat. „Someone left the cake out in the rain“ ist eine davon, in dem Stück läutet diese Textzeile stets den Auftritt von Darstellern in einem Kuchenkostüm ein, natürlich bewaffnet mit einem Regenschirm. In St. Gallen setzt Choreografin Melissa King noch einen drauf, indem sie zusätzlich den Roller-Disco-Boom der Siebzigerjahre aufgreift und für das in aberwitzige Cupcake-Kostüme gekleidete Ensemble eine Rollschuh-Nummer auf die Bühne bringt – ein großer Spaß! Die 12-köpfige Band unter der musikalischen Leitung von Jeff Frohner lässt sich mit Wonne auf die treibenden Pop-Rhythmen ein und kann sich zudem auf das perfekte Sound-Design von Stephan Linde und Marko Siegmeier verlassen.

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Erstklassige Besetzung

Eine herausragende Stärke dieses Musicals ist, dass es eben nicht nur Tanz, Flitter und Glitter ist, sondern auch über viele Momente voller tiefgehender Ernsthaftigkeit verfügt. Die zentrale Figur in der Geschichte ist Tick: Drag-Queen, schwul, mit einer Frau verheiratet und Vater eines achtjährigen Jungen, der ihn noch nie gesehen hat. Armin Kahl spielt diesen komplexen Part nuancenreich und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl für die großen Unsicherheiten, die Tick wie einen schweren Rucksack mit sich herumträgt. Eine der ergreifendsten Szenen des Stückes ist, wenn sich Tick bei dem Song „Always on My Mind“ seinem Sohn Benji gegenüber zusehends öffnet und schließlich seine wahren Gefühle zum Ausdruck bringt, nachdem er zunächst ungelenk probiert hat, den typischen Hetero-Vater zu geben.

Zickiges Gehabe und endlose Streitereien zwischen Bernadette und Adam gehören zur Tagesordnung, beides leben die beiden Diven mit großer Leidenschaft und Hingabe geradezu exzessiv aus. Das Buch generiert aus dieser spannungsgeladenen Beziehung zwischen der am Ende ihrer Karriere angekommenen transsexuellen Bernadette und dem stürmischen Newcomer Adam die meisten der stets zielsicher treffenden Oneliner-Gags, aber auch eine intensiv-anrührende Szene, wenn sich Bernadette mit mütterlichem Instinkt um Adam kümmert. Erwin Windegger gibt Bernadette mit großer Bühnenpräsenz und mächtiger Stimme. Er ist zweifelsohne die Leading Lady des Abends: stolz, mutig, von zerbrechlicher Erhabenheit. Seine Heraufbeschwörung alter Travestiekunst-Zeiten bei „I Will Survive“ ist ein Höhepunkt.

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Neu im Bunde ist Michael Heller als Adam, als Einziger des Trios hat er seinen Part nicht schon in München gespielt. Der ersichtlich große Spaß, der ihm diese Rolle bereitet, schlägt sich in einer energiegeladenen und funkensprühenden Performance nieder. Sein Adam ist flegelhaft, unreif und erinnert an ein hyperaktives nerviges Kind. Auch das geradezu aggressive Herausstellen von Adams Schwulsein vermittelt er sehr prägnant. Ein wenig auf der Strecke bleibt jedoch dessen selbstzerstörerische Radikalität, die man Heller nicht so recht abnehmen will. Die drei Diven, die während der lippensynchron vorgetragenen Travestienummern die Songs interpretieren, müssen eine große Sicherheit in unterschiedlichen Musikstilen mitbringen und über starke Soul- und Pop-Stimmen verfügen. In St. Gallen erledigen Inga Krischke, Martina Lechner und Stefanie Köhm diesen Part mit Verve und Bravour, wobei das Wiedersehen mit Stefanie Köhm, die in St. Gallen bei der deutschsprachigen Erstaufführung von „Avenue Q“ als Kate Monster und Lucy zu sehen war, eine besonders große Freude bereitet. Frank Berg als grundanständiger Bob und Marides Lazo als grundunanständige Cynthia wiederholen ihre Rollen aus der Münchner Produktion.

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Im Gegensatz zum zugrundeliegenden Film gehen die drei liebenswerten Drag-Queens am Ende ihrer gemeinsamen Reise durch die australische Provinzhölle nicht auseinander, sondern bleiben on-stage am Fuße des Ayers Rock zusammen – ihr Zusammenhalt innerhalb des Anders- und Ausgegrenztseins hat sie fest zusammengeschweißt. „Priscilla – Königin der Wüste“ ist ein schillernd in Szene gesetzter Appell an Toleranz und ein flammendes Statement für die Lust am Leben. Schön, dass es das gibt – vor allem in der heutigen Zeit.

„Priscilla – Königin der Wüste“ in St. Gallen

Uraufführung: 07.10.2006 (Lyric Theatre, Star City Casion, Sydney)
Deutsche Erstaufführung: 14.12.2017 (Gärtnerplatztheater, München)
Besuchte Vorstellung: 23.02.2019 (Theater St. Gallen)
Buch: Stephan Elliot und Allan Scott
Musikalische Arrangements: Stephen „Spud“ Murphy
Orchestrierung: Stephen „Spud“ Murphy und Charlie Hull
Übersetzung und Dramaturgie: Michael Alexander Rinz
Regie: Gil Mehmert
Musikalische Leitung: Jeff Frohner
Choreographie: Melissa King
Bühnenbild: Jens Kilian
Kostüme: Alfred Meyerhofer
Lichtdesign: Michael Heidinger

Bild © Andreas J. Etter

Besetzung: Armin Kahl (Tick), Erwin Windegger (Bernadette), Michael Heller (Adam), Inga Krischke, Martina Lechner, Stefanie Köhm (Die Diven), Frank Berg (Bob), Esther Mink (Marion), Jakob Thielemann / Yannis Keller (Benji), Marides Lazo (Cynthia), Angelika Sedlmeier (Shirley), Eric Rentmeister (Miss Verständnis), Jurriaan Bles (Miss Fernanda Falsetta), David Eisinger (Jimmy)
Ensemble: Danilo Brunetti, Alan Byland, Amaya Keller, Andreas Nützl, Adriano Sanzò, Susanne Seimel, Samantha Turton, Stephan Zenker

Beitragsbild: © Andreas J. Etter

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