Die Musicaladaption des gleichnamigen Films „Little Miss Sunshine“ feierte am 21. März 2019 Europapremiere im Arcola Theatre in London und wird anschließend auf UK-Tour geschickt. Ob man wirklich aus jedem Film ein Musical basteln muss, ist wohl DIE Frage der Musicalwelt und sie kann nur individuell beantwortet werden. Oder man stellt sie sich gar nicht erst und ignoriert die Filmvorlage einfach.

© Manuel Harlan

Wenn man mehr oder weniger bekannte Filme als Grundlage für ein Musical nimmt, bin ich grundsätzlich erst einmal skeptisch. Oft kommt hier die Frage auf, ob man wirklich genau dieses Musical noch gebraucht hätte. Nicht selten entstehen wirkliche Bühnenmeisterwerke, umso öfter hätte es jedoch die Welt wirklich nicht gebraucht. Vor allem, wenn sich der zugrunde liegende Film gar nicht erst als Musical anbietet und die Adaption dann auch nicht wirklich etwas Neues zur Filmvorlage beiträgt. „Little Miss Sunshine“ hat mich gleich zu Beginn vor eine ganz neue Herausforderung gestellt. Ich habe den Film nämlich bis dato noch nicht gesehen. Somit kam also im Vorfeld eine ganz andere Frage auf: Den Film nicht gucken und das Film-Musical-Problem vollends umgehen oder den Film gucken, um besser beurteilen zu können, worin die Änderungen liegen. Letzten Endes habe ich auch aus Zeitgründen – und aufgrund der Tatsache, dass Netflix „Little Miss Sunshine“ nicht im Angebot hatte – die Filmversion nicht gesehen und konnte mich daher ganz ohne Vorkenntnisse auf das Musical einlassen.

Ein großer Grund, mir das Musical „Little Miss Sunshine“ anzusehen, war das Arcola Theatre selbst. Sobald man ja mal ein Theater besucht, welches nicht direkt auf oder fußläufig von der Shaftesbury Avenue entfernt liegt, ist es immer ein wenig, als würde man vom Rand der Welt fallen. Und doch waren es bisher immer diese kleinen Off-West-End-Theater, in denen ich die ganz besonderen Stücke in meinen Leben gesehen habe. Deswegen war ich umso neugieriger, nun auch das Arcola Theatre kennenzulernen. Mein Traum ist definitiv, genau so eine Art modernes Hinterhof-Theater zu betreiben, würde ich im Lotto gewinnen und mir nie wieder geldtechnisch irgendwelche Gedanken machen müssen. Aber da dieser Traum wohl ein Traum bleiben wird, gebe ich mich auch damit zufrieden, viele Theater dieser Art als Zuschauerin zu unterstützen.

Ein ganz besonderer Family-Roadtrip

Wie bereits erwähnt basiert das Musical auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 2006 und erzählt den Roadtrip der Familie Hoover von Albuquerque nach Los Angeles. Da das jüngste Kind Olive nachträglich als Teilnehmerin zur Wahl der Little Miss Sunshine zugelassen worden ist, macht sich die gesamte Familie – bestehend aus Mutter, Vater, Bruder, Großvater und selbstmordgefährdetem Onkel – auf dem Weg nach Kalifornien. Natürlich geschieht dies nicht ganz reibungslos und während die ein oder andere Katastrophe passiert, werden mehr und mehr die Probleme der einzelnen Familienmitglieder aufgedeckt. Vor allem der zum Teil sehr schwarze Humor macht dieses Stück eher zu einer Komödie, es spricht jedoch auch viele ernste Themen an.

© Manuel Harlan

Da ich ohne jegliche Vorkenntnisse in das Stück gegangen bin, waren auch meine Erwartungen dementsprechend niedrig angesetzt und insbesondere nach dem ersten Akt kam mir dies doch sehr zugute, da bis auf ein paar nette Ideen und doch belanglose Musik nicht viel passiert ist. Vor allem der zweite Akt hat das ganze Stück dann jedoch sehr aufgewogen. Bis auf den Reprise von „Something Better Better Happens“ zu Beginn des zweiten Aktes blieb die Musik zwar immer noch ohne großen Ohrwurm, aber ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal fast Tränen gelacht habe und ein ganzes Theater mit solch einer Euphorie einzelne Charaktere angefeuert hat. Vor allem die kleine Olive ist hier der absolute Star der Show, wobei das weniger an ihr selbst liegt, sondern viel mehr daran, wie die ganze Familie versucht, sie so gut es geht bei ihrem Traum – und sei er noch so unrealistisch – zu unterstützen.

Vor allem die einzelnen Charaktere und der Zusammenhalt der Familie machen das ganze Stück unsagbar sympathisch und liebenswert, jedoch kam doch die Frage auf, ob es dann nicht auch ein reines Sprechtheaterstück getan hätte oder ich doch besser bedient gewesen wäre, mir nur den Film anzusehen. Ich hab den Film bisher immer noch nicht ganz gesehen, jedoch hab ich mir im Nachgang die Finalszene angesehen, welche mich vor allem begeistert hat und obwohl an sich alles gleich wie im Musical abläuft und auch sehr schön anzusehen ist, war es im Theater doch viel, viel witziger und auch aussagekräftiger. Vielleicht müsste man den ganzen Film sehen und die Filmcharaktere besser kennenlernen, damit die Szene das gleiche Potenzial entfaltet wie auf der Bühne. Und doch spielt hier sicherlich der Live-Faktor in so einem intimen Theater eine nicht unbedeutende Rolle.

Wie bereits erwähnt sind musikalisch nicht viele Highlights geboten, jedoch dient die Musik von William Finn auch eher dazu, die witzigen Szenen – insbesondere den Schönheitswettbewerb – noch mehr ins Lächerliche zu ziehen. Sonst verirrt sich auch mal die ein oder andere Szene ins Stück, die absolut nicht reinpassen will und einen als Zuschauer wirklich ein wenig rausreißt, jedoch beschränken sich solche „Lückenfüller“ eher auf den ersten Akt.

Spartanisch, aber zweckerfüllend

Diese Intimität in kleinen Theatern ist einer von vielen Gründen, warum es mich immer mehr zu den kleinen Bühnen zieht. Dort entsteht der Eindruck, dass das Team viel kreativer sein muss und es vielleicht auch sein kann. Auch bei „Little Miss Sunshine“ ist einfach weder auf noch hinter der Bühne genug Platz für große Kulissen oder aufwendige Bühnenwechsel, weswegen man sich viel mehr einfallen lassen muss. Da das Musical ein Road-Musical ist und hauptsächlich im alten Bulli der Familie Hoover spielt, braucht man zum Glück auch nicht mehr als die vereinzelt zum Einsatz kommenden Requisiten. Nur eine Art fahrbarer Untersatz ist fast unabkömmlich für die Inszenierung, um doch mehr zu sein als eine Amateurproduktion. Ich dachte zuerst, dass es wohl nur auf Stühle und die Fantasie der Zuschauer hinauslaufen würde und war umso überraschter, dass man eine interessante Lösung für den Bulli gefunden hatte. Nur wer die Farbe Gelb partout nicht ausstehen kann, sollte dieses Stück definitiv meiden, da wirklich alles im Theatersaal gelb gestrichen ist.

© Manuel Harlan

Vor allem die Charaktere machen dieses Stück zu etwas ganz besonderem und waren der Hauptgrund, warum wir lachend und vollauf motiviert das Theater verlassen haben. Allem voran natürlich die kleine Olive, gespielt von Lily Mae Denman. In London ist man natürlich gewohnt, dass die Kinderdarsteller vor allem gesanglich einiges drauf haben, in „Little Miss Sunshine“ war es ein wenig bodenständiger (was immer noch ziemlich talentiert ist). Alles andere wäre auch fatal gewesen, weil man als Zuschauer von Anfang an ahnt, dass Olive wohl nicht die besten Chancen hat, die nächste Little Miss Sunshine zu werden.

© Manuel Harlan

Alle Familienmitglieder stellen sich selbst und die eigenen Probleme immer hinter die kleine Olive. Somit kämpfen die Eltern Sheryl und Richard, gespielt von Laura Pitt-Pulford und Gabriel Vick, mit Geld- und daraus folgenden Eheproblemen. Bruder Dwayne, gespielt von Sev Keoshgerian, spricht mit niemandem, bis er Testpilot bei der Air Force werden darf und ist eigentlich fast das ganze Stück über stumm. Onkel Frank (Paul Keating) hat einen Selbstmordversuch hinter sich und lebt seit Kurzem bei der Familie, während der Großvater (Gary Wilmot) eigentlich der einzige ist, der keine Sorgen hat. Egal, ob die Familie bereits vor Beginn des Stückes oder währenddessen ihren größten Albtraum erlebt, ist es für alle Mitglieder die größte Selbstverständlichkeit, Olive die Teilnahme am Schönheitswettbewerb zu ermöglichen.

Auch die Nebenrollen tragen einen großen Teil dazu bei, dass dieses Musical während des zweiten Aktes zu dieser großartigen Feel-Good-Show mutiert. Imelda Warren-Green begeistert zuerst als Krankenhausmitarbeiterin Linda und später als Miss California, wo sie sich erst ein Duett-Battle mit dem Moderator des Schönheitswettbewerb, gespielt von Ian Carlyle, liefert und später noch ihren eigenen spanischen Hit zum Besten gibt. Auch Matthew McDonald als unmotivierter Bühnentechniker hat viele Lacher auf seiner Seite.

Unverhofft kommt schließlich bekanntlich oft und ich zehre immer noch von der guten Laune, die uns diese Show mit auf den Nachhauseweg gegeben hat und es wird hoffentlich nicht mein letzter Besuch im Arcola Theatre gewesen sein.

Uraufführung: 15.02.2011 (La Jolla Playhouse, San Diego)
Besuchte Vorstellung: 23.03.2019 (Arcola Theatre, London)
Musik & Lyrics: William Finn
Buch: James Lapine
Regie: Mehmet Ergen
Choreographie: Anthony Whiteman
Bühnen- & Kostümbild: David Woodhead
Besetzung: Lily Mae Denman (Olive Hoover), Laura Pitt-Pulford (Sheryl Hoover), Gary Wilmot (Grandpa), Paul Keating (Frank), Gabriel Vick (Richard Hoover), Sev Keoshgerian (Dwayne Hoover), Matthew McDonald (Joshua Rose/Kirby), Imelda Warren-Green (Linda/Miss California), Ian Carlyle (Larry/Buddy)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Manuel Harlan