Die Traumfabrik Hollywood in den Goldenen 20er Jahren: Der erfolgreiche Filmregisseur AJ Golden ist wieder auf der Suche nach einem neuen Talent, das er für die Hauptrolle in seinem aktuellen Film zum Starlet formen möchte. In einer Bar in Hollywood wird er auf die junge Mildred Williams aufmerksam. Er engagiert sie kurzerhand, erschafft aus ihr seine Kunstfigur Indigo und möchte sie heiraten. Mildred macht als Indigo schnell Filmkarriere und fühlt sich geschmeichelt. Ihr wird zudem im Laufe der Geschichte klar, dass sie Gefühle für den Komponisten Joey hat, der sie ebenfalls liebt. So entbrannt ein Kampf um ihre Gunst – umwoben von mitreißenden, kunstfertigen Artisten-Nummern. Ein Spiel zwischen Film und Realität, Artistik und Tanz, Gesang und Gefühlen beginnt.

© Stage Entertainment

Liebe und Träumen sind die Bestandteile, die die Stage Entertainment mit Cirque du Soleil als Kombination aus Musical und Artistik in Hamburg und damit erstmals in Europa zusammen auf die Bühne bringen. Mit insgesamt 51 Ensemble-Mitgliedern wird dem Zuschauer einiges in dieser Traumfabrik geboten. Alleine 20 Akrobaten für 16 Show-Acts sowie 10 Tänzer stehen auf der Bühne. Das Ergebnis ist traumhaft. Atemberaubende und extrem präzise Flug- und Shownummern, swingender Broadway-Sound, geschickte Licht- und Produktions-Design sowie die hochkarätige Besetzung garantieren einen beeindruckenden Abend.

Kombination aus Musical und Zirkus

Bereits im Opening zum schwungvollen „Hollywoods Pracht“ tanzt das ganze Ensemble auf und vor einer großen Showtreppe. Dazu fliegen Frauen durch die Luft und werden problemlos wieder aufgefangen. Diese Eröffnungsnummer knüpft an “All that Jazz” aus Chicago an, ist extrem mitreißend und auf sehr hohem Niveau.

Die Show funktioniert am besten, wenn Story und Akrobatik verschmelzen. Neben dem Beginn ist dies besonders gelungen in der Nummer „Herzensknoten“ im zweiten Teil, einem Terzett zwischen AJ, Indigo und Joey. Deren gesungene Inhalte werden zusätzlich von den Hand-in-Hand-Trapezkünstlern Jack Atherton, Audrey Labeau und Thomas Evans über den Köpfen der Darsteller erzählt. Ganz große Kunst! Aber auch andere Szenen sind verzaubernd: Bei „Der Nachtclub“ im ersten Akt, im dem Dmytro Dudnyk und Anastasia Shkandybina nahezu unglaublich zu zweit auf dem Einrad tanzen, die an Seilen elegant und absolut synchron durchs Publikum fliegenden Zwillinge Andrew und Kevin Atherton in der Cleopatra-Szene oder das Pausenfinale im Western-Style mit immer mehr und stets höheren Saltos vom Schleuderbrett bleiben als grandios im Gedächtnis.

Im spektakulären Finale kommt es gar zu einer Verfolgungsjagd über Trampoline und an Stangen schwingend über den Dächern New Yorks, bei der die Schwerkraft scheinbar ausgesetzt wird. Das Publikum kommt bei so viel Anmut aus dem Stauen nicht heraus und spendet großen Applaus. Hier zeigt sich das Ergebnis der monatelangen Probezeit der Artisten. Alle Bewegungen werden geschmeidig, mit Leichtigkeit brillant ausgeführt und sind oftmals gut in den Verlauf der Geschichte eingearbeitet.

Überzeugende Besetzung

Die Handlung fokussiert sich auf die drei Hauptrollen mit ihren Wünschen und Träumen. Alle drei singen und spielen exzellent. Absolut präsent ist Pasquale Aleardi als äußerst selbstsicherer, nahezu skrupelloser Filmemacher AJ Golden auf der Suche nach der perfekten Frau. Mit seiner einnehmenden Ausstrahlung, gepaart mit angenehmer Stimme, schafft er es, dass diese Figur trotz allem niemals unsympathisch erscheint. Eine echte Entdeckung ist die 21-jährige Niederländerin Vajèn van den Bosch als Mildred bzw. Indigo. Hervorragend spielt sie den Wandel des erfrischenden Landeis Mildred Willimas zur Kunstfigur Indigo, die sich auch in der harten Glamourwelt Hollywood behauptet. Gerade weil sie nichts erwartet, wird sie so erfolgreich. Am Ende muss sie zwischen Liebe und Karriere wählen. Anton Zetterholm verkörpert den liebenswerten und in seinem Empfinden zu Mildred hartnäckigen Komponisten Joey, der davon träumt, dass seine Songs in großen Filmen verwendet werden. Im Gegensatz zu AJ bringt er wahre Gefühle auf die Bühne.

© John Davis / Stage Entertainment

Regie und Choreografie liegen in den Händen von Sergio Trujillo. Er hat Erfahrung mit Flugnummern im Theater, denn er choreografierte bereits „Tarzan“ in der Neuen Flora. Aus dem dünnen Plot schafft er bei „Paramour“ durch die Integration der Show-Nummern einen Clou. Er sorgt meist für den notwenigen Drive und verbindet alle Kunstformen wie über Zahnräder perfekt zu einem Meisterwerk. Unterstützt wird der dabei von Acrobatic-Designerin Shana Carroll. Über die Dreiecksbeziehung zieht sich das Band der Liebe leichtfüßig durch das ganze Stück und wird zu einem Wechselbad der Gefühle und Bilder. Mithilfe der Film-Klassiker wie „Cleopatra“ und „Von Winde verweht“ lässt er das Publikum sämtliche Traumwelten Hollywoods durch eine Handkamera mit entsprechender Projektion durchlaufen. Das ist ganz großes Kino!

Das Bühnenbild von Jean Rabasse ist zeitgemäß im Art Deco-Stil mit Showtreppe und viel Showlicht gehalten. Unterstützt durch das geschickte Licht- und Produktions-Design von Howell Brinkley, Olivier Simola und Christophe Waksmann sowie die vor allem in den Film-Sequenzen aufwändigen Kostüme von Philippe Guillotel, entsteht eine Meisterleistung. Dazu trägt der erstklassige Sound von John Shivers zusätzlich bei, der die stimmigen deutschen Texte von Daniel Große Boymann gut verständlich transportiert. Klaus Wilhelm leitet das Big Band-Orchester dynamisch mit Swing- und Country-Nummern verbunden mit Musical-Balladen. Herausgekommen ist ein rundherum beeindruckendes Paket aus Akrobatik, Musik, Gesang, Kulissen und Kostümen.

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Mit „Paramour“ ist eine neue Musical-Traumwelt geschaffen worden. Ergänzt mit einer weiteren Dimension, der Verknüpfung von Musical und Artistik, schaffen Stage Entertainment und Cirque du Soleil die Erkenntnis, dass es sich immer lohnt, an seine Träume zu glauben. Indigo erblickt am Ende die Realität und deckt so die Illusion auf, mit der das Publikum zweieinhalb Stunden verzaubert wurde. Solch rasche Standing Ovations sind selten.

„Paramour“ in Hamburg

Uraufführung: 25.05.2016 (Lyric Theatre, Broadway, New York)
Europäische Erstaufführung: 14.04.2019 (Theater Neue Flora, Hamburg)
Musik: Bob und Bill
Songs und Liedtexte:
 Andreas Carlsson
Übersetzung: Daniel Große Boymann
Regie und Choreografie: Sergio Trujillo
Acrobatic Design und Choreografie: Shana Carroll
Musikalische Leitung: Klaus Wilhelm
Bühne: Jean Rabasse
Kostüme:
 Philippe Guillotel
Licht-Design: Ryan O’Gara
Projektionen: Olivier Simola, Christophe Waksman
Sound-Design: John Shivers
Acrobatic Performance Design: Boris Verkhovsky

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Besetzung: Pasquale Aleardi (AJ Golden), Vajèn van den Bosch (Mildred / Indigo), Anton Zetterholm (Joey), Laura Panzeri (Gina), Patrick Adrian Stamme (Robbie), Aaron Sabastian Dewitz (Buster), Tamás Fischer, Calum Flynn, William Geary, Laura Hills, Alessio Impedovo, Dorival Junco, Alessia Losavio, Beatrice Mechilli, Amanda Carrero Padrón, Jessica Scorpio (Tanzensemble), Ignacio Adarve, Tom Ammirati, Andrew Atherton, Gasya Atherton, Jack Cameron Atherton, Kevin Atherton, Martin Charrat, Gabriel Christo, Gabriel Costa, Alastair Davies, Jean-Philippe Deltell, Dmytro Dudnyk, Thomas Evans, Roberto Freitas Griespach, Philippe Normand-Jenny, Igor Karpovich, Roman Karpovich, Rafal Kaszubowski, Audrey Labeau, Petter Linsky, Christopher McGreevy, Guillaume Mesmin, Anastasia Shkandybina, Maksim Soprunow, Paulo de Souza, Emil Korfitz Stenhøj, Robert Watson, XL (Xiau-Ling) Wee, Thomasz Wilkosz (Artisten / Akrobaten)

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier.

Beitragsbild: © John Davis / Stage Entertainment