Ein Musical auf Grundlage eines historischen Stoffes, unterlegt mit moderner Musik, welche man eher im Radio als auf einer Musicalbühne erwarten würde? Das Konzert-Musical über die sechs Frauen von Henry VIII. wird nicht nur wegen der Mischung aus aktueller Musik und der geschichtlichen Grundlage als britisches Pendant zu „Hamilton“ gehandelt. Auch der Hype um dieses Stück ist beachtlich und noch dazu absolut gerechtfertigt. Aber erst mal auf Anfang …

© Idil Sukan

Die Entstehungsgeschichte von „Six“ klingt ein wenig wie ein modernes (Musical-)Märchen. Toby Marlow und Lucy Moss, beide gerade mal Anfang 20, sind Studenten an der Cambridge Universität und schreiben im Auftrag ihrer Uni für das Fringe Festival in Edinburgh eine Show. Was anfangs noch als witzige Idee des Englischstudenten und der Philosophiestudentin begann, spielt nicht mal zwei Jahre nach seiner Uraufführung aufgrund des großen Erfolgs dauerhaft im Arts Theatre – einem Off-West-End-Theater, welches bisher ausschließlich zeitlich limitierte Gastspiele im Programm hatte. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Das Arts Theatre ist zwar nicht so groß wie manch andere Theater in London, jedoch ist die Show grundsätzlich Abend für Abend ausverkauft und erfreut sich einer wohl immer größer werdenden Fangemeinde.

Zum ersten Mal wurde ich mit „Six“ konfrontiert, als die sechs Darstellerinnen letztes Jahr einen Auftritt bei „West End Live“ hatten, einer Art kleinem Mini-Festival, welches jährlich am Trafalgar Square stattfindet und auf welchem immer die aktuellen Musicals in London auftreten. Wer nicht live dabei sein kann, wird zum Glück immer mit Videos aller Auftritte versorgt, wodurch die Veranstaltung grundsätzlich eine fantastische Werbeplattform für das West End ist. Bei dem Auftritt von „Six“ bin ich mehr oder weniger sofort hängen geblieben, weil es sowohl optisch als auch akustisch sehr zwischen den klassischen Musicals herausstach. Vor allem hatte ich das Gefühl, als wäre es ein Auftritt der neuesten britischen Girlband und ich hätte mal wieder den aktuellen Hype der Popwelt verschlafen. Für mich eigentlich an sich nichts Neues, da es sich hierbei jedoch um ein Musical handeln sollte, war ich sehr gespannt darauf, mehr zu erfahren. Leider habe ich den ersten Run im Londoner Arts Theatre im Herbst 2018 verpasst, was mir vor allem nach Hören des Albums mehr als leid tat. Umso glücklicher war ich, als eine Rückkehr des Stücks für Januar 2019 angekündigt wurde – und dieses Mal mit einer beachtlichen Laufzeit bis Januar 2020.

Meine anfängliche Verwechslung mit einer Girlband ist nicht nur gerechtfertigt, sondern auch gewollt, da die Show kein Musical im klassischen Sinne ist, sondern als Popkonzert aufgezogen ist. In „Six“ treffen die sechs (Ex-)Frauen von Henry VIII. aufeinander und erzählen – oder vielmehr performen – jeweils in einem Solo ihre eigene, manchmal vielleicht nicht ganz so traurige Geschichte. Dabei ist jeder Charakter musikalisch von einem aktuellen Popstar inspiriert und die Texte sind so treffsicher und teilweise intelligent mit modernen Anekdoten gespickt, dass man sich gar nicht entscheiden kann, ob man nun mitsingen oder die Lyrics Wort für Wort auseinandernehmen möchte. Das junge Komponistenduo hat es geschafft, moderne und vor allem authentische Popmusik in ein Musical zu packen, ohne dass es wie eine Kopie – oder noch schlimmer: peinlich – klingt. Zum einen ist hier ein doch gefährliches Unterfangen mehr als geglückt, zum anderen trifft man mit „Six“ genau den Zeitgeist, den man im modernen Musicaltheater noch leider viel zu oft vergeblich sucht.

God Save the Queens!

Nicht nur die Musik und die Texte tragen dazu bei, dass man sich fühlt wie bei einer Kampagne zu „Make Musical Great Again“. Auch die restlichen Elemente wie Kostüme, Bühnenbild und ganz besonders die Choreografien sind perfekt aufeinander abgestimmt und zeigen, dass Musical mehr kann als das, was der Otto Normalverbraucher meistens von der Kunstform hält. Auch versucht das Buch, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, und somit kann man der Geschichte des Stücks und dem eigentlichen geschichtlichen Hintergrund sehr gut folgen, ohne dass das Stück zu einer staubigen Geschichtsstunde verkommt. Am Ende kommt natürlich ganz im Sinne der Frauenpower die große Girlband-Nummer, dass wir Frauen gemeinsam besser sind als alleine, jedoch in einem Rahmen, in dem auch männliche Zuschauer ihren Spaß finden werden. Neben den sechs Darstellerinnen der „Queens“ befindet sich auch die komplett weibliche Band während der gesamten Spielzeit von 75 Minuten nonstop auf der Bühne.

Nachdem wir im deutschsprachigen Raum eigentlich nichts besser können, als historische Stoffe in Musicals zu verwandeln, wäre es wohl an der Zeit, sich von „Hamilton“ und „Six“ inspirieren zu lassen und auch einen Teil unserer Geschichte mit modernen Klängen und Texten zu unterlegen. Bis wir hierfür das richtige Kreativteam gefunden haben, begnügen wir uns noch mit der amerikanischen und britischen Geschichte in Form von „Hamilton“ und „Six“.

Uraufführung: 18.12.2017 (Arts Theatre, London)
Besuchte Vorstellung: 24.03.2019 (Arts Theatre, London)
Musik, Lyrics & Buch: Toby Marlow, Lucy Moss
Regie: Lucy Moss, Jamie Armitage
Choreographie: Carrie-Anne Ingrouille
Bühnenbild: Emma Bailey
Kostüme: Gabriella Slade
Orchestrierung: Tom Curran
Lichtdesign: Tim Deiling
Besetzung: Jarneia Richard-Noel (Catherine of Aragon), Millie O’Connell (Anne Boleyn), Natalie Paris (Jane Seymour), Alexia McIntosh (Anna of Cleves), Grace Mouat (Katherine Howard), Courtney Stapleton (Catherine Parr)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Idil Sukan

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Nadine Jobst
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.