Wie weit dürfen Humor und Satire gehen? Kritik durch Übertreibung, Ironie und Spott ist als Unterhaltungs- und Kunstform sicher nicht jedermanns Sache. Vielleicht ist diese Form gerade bei den besonders bitteren Ereignissen im Dritten Reich genau richtig. Charlie Chaplin hat Hitler bereits 1940 in „Der große Diktator“ veralbert.

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Der für seine Parodien wie „Frankenstein Junior“ und „Spaceballs“ bekannte Mel Brooks lässt genau dieses Tabuthema in seinem ersten Film „The Producers“ von 1968 nicht aus. Das gleichnamige, mit Preisen überschüttete Musical aus dem Jahr 2001 basiert auf dieser satirischen Komödie, die Blondinen, Homosexuelle, alte Frauen und eben auch Hitler aufs Korn nimmt. Sollte sich Brooks als Jude hier zurückhalten oder es gerade humoristisch sehen? Bevor das Stück 2009 erstmals nach Deutschland kam, waren die Diskussionen groß, wie man damit umgehen soll und ob es hier überhaupt gespielt werden sollte.

Was für eine kühne Idee? Man treibt Gelder für ein neues Musical ein, verkauft die Anteile hieran mehrfach, lässt es floppen und macht sich dann mit der Kohle auf nach Rio. Dass diese Idee gerade vom schüchternen Buchhalter Leo Bloom kommt, mag auf den ersten Blick erstaunen. Doch Leo hat den bisher heimlich gehegten Wunsch, ein Broadway-Produzent zu sein.

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Nach Stadttheaterproduktionen in Schwerin, Regensburg und Görlitz wagt sich das Theater Osnabrück nun an das Werk und punktet kräftig. Alleine der Wohlklang der von Broadway-Melodien alter Schule gespickten Partitur durch das große Osnabrücker Symphonieorchester lohnt einen Besuch. Aber auch in puncto Besetzung und Ausstattung kann die Inszenierung des Schauspieldirektors Dominique Schnizer überzeugen. Er balanciert die Verunglimpfung stets geschickt „eine Spur drüber“, driftet jedoch nie ins Lächerliche ab. Herausgekommen ist eine Produktion auf höchstem Stadttheater-Niveau.

Mit Hausensemble besetzt

Musical-Produktionen mit Opernstimmen und Schauspielern zu besetzen ist immer wieder eine Herausforderung für das gesamte Ensemble. In Osnabrück kann man erfreulicherweise sagen: Alles richtig gemacht. Mark Hamman gibt einen tadellosen Max Bialystock, der sich anfangs in Unterwäsche und Bademantel mit seinem Leben als abgehalfterter Produzent abgefunden hat und durch Leos Idee vor Energie nur so sprudelt. Für Geld schläft er auch mit diversen betagten, sexlüsternen alten Damen. Gerade die Szenen mit dem blauen Schmusetuch und seine Angst vor Nähe spielt Oliver Meskendahl als Leo Bloom großartig nerdig und weltfremd, sein Ziel aber trotzdem nie aus den Augen verlierend. Allein schon die Optik dieses kongenialen Gespanns ist ein Anblick für die Götter: Der kleine, untersetzte Hamman mit Platte und Haarkranz, neben dem großen, schlaksigen Meskendahl mit brauner Lockenpracht. Zum Schreien. Dennoch ist Meskendahl als glaubwürdiger Leo etwas zu alt und Hamman als Max verfügt nicht über die Entertainment-Qualitäten eines Nathan Lane. Dadurch fällt sein Solo „Verrat“ ab.

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Objekt ihrer Begierde ist die dralle Blondine Ulla, die im ersten Akt komplett in rot (inkl. Regenschirm) und im zweiten dann ganz in weiß gekleidet ist. Monika Vivell agiert mit schwedischem Akzent hinreißend berechnend naiv und wickelt damit Max und Leo in Sekundenschnelle um den Finger. Ihre ungelenken Bewegungen auf und mit der Leiter sind urkomisch.

Als extrem präsenter Nazi-Fanatiker Franz Liebkind schießt Stefan Haschke den Vogel ab. In seinen kurzen Lederhosen mit Springerstiefeln und Stahlhelm spielt er sich mit großen Gesten und feiner Mimik selbst im Rollstuhl sitzend immer wieder in den Vordergrund. Seine Szenen auf dem sehr schrägen Dach meistert er mit Bravour und sein Schuhplattler ist wunderbar überdreht und mit Inbrunst vorgetragen. Er stellt den Nazi so überzeugend dar, dass er gar bei den Reichsbürgern nicht auffallen würde. Jan Friedrich Eggers kostet als Roger De Bris seinen Paradeauftritt als Diktator in „Frühling für Hitler“ zwischen Tänzerinnen und Tänzern in glitzernden Röcken und Hosen total aus. Herrlich, wie er als tuntiger Diktator Stalin, Churchill und Roosevelt von der Bühne tanzt. Als sein überdrehter Lebensabschnitts-Assistent Carmen Ghia fällt Benjamin Martin nicht nur durch seinen schwarzen Pelz auf.

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Höchstes Stadttheater-Niveau

Schauspieldirektor Schnitzers Regie und Riccardo De Nigris’ Choreografie lösen das Zusammenspiel von Solisten, Chor, Ballett und Statisterie sehr gut. Christin Treunert unterstützt sie durch mehrmaliges Nutzen der Drehbühne, die rasche Szenenwechsel ermöglicht. Das schäbige Büro von Max, das überladene Haus von Roger und die graue Steuerkanzlei von Leo werden von einem Gang mit Theater-Leuchtreklamen wie am Broadway in der Mitte eingerahmt. Einen solchen enthusiastischen Dirigenten wie An-Hoon Song zu beobachten macht große Freude. Er singt und spielt quasi mit und sucht dazu den Kontakt zum Publikum. Da die Songs langsamer gespielt werden als im Original, erhöht sich die Spielzeit auf über drei Stunden. Trotz des erstklassigen musikalischen Genusses könnte dem Stück ein bisschen Tempo guttun.

Die Witze des Stückes zünden beim Publikum, das viel Applaus spendet. Die Botschaft, dass die Geschichte nicht positiv dargestellt, sondern differenziert mit Augenzwinkern gesehen wird, ist angekommen. Humor und Satire kennen eben keine Grenzen. Glückwunsch an das Theater Osnabrück für diese tolle Produktion!

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„The Producers“ in Osnabrück

Uraufführung: 19.04.2001 (St. James Theatre, Broadway, New York)
Besuchte Vorstellung: 14.04.2019 (Theater Osnabrück)
Musik, Songtexte und Buch: Mel Brooks
Buch: Thomas Meeham
Übersetzung: Nina Schneider
Regie: Dominique Schnizer
Musikalische Leitung: An-Hoon Song
Choreographie: Riccardo De Nigris
Bühne: Christin Treunert
Kostüme: Christin Treunert, Elisabeth Benning
Besetzung: Mark Hamman (Max Bialystock), Oliver Meskendahl (Leo Bloom), Stefan Haschke (Franz Liebkind), Veronika Vivell (Ulla), Jan Friedrich Eggers (Roger De Bris), Benjamin Martin (Carmen Ghia)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beiragsbild: © Jörg Landsberg