Im Februar löste das Musical „Waitress“ den Langzeiterfolg „Kinky Boots“ im Adelphi Theatre in London ab und war der erste größere Broadway-Transfer seit „Hamilton“ im Dezember 2017. Da ich ein sehr großer Fan des Scores von US-Star Sara Bareilles bin, war „Waitress“ ein Stück, welches ganz oben auf meiner Must-See-Liste stand. Umso enttäuschter war ich, als der Funke nicht so wirklich überspringen wollte.

© Johan Persson

Irgendwie ließ es mein Herz schon ein klein wenig höher schlagen, als ich das Adelphi Theatre in London betrat und mich der Geruch von frischen Apfelkuchen regelrecht erschlug. Ich bin in einer Bäckerei aufgewachsen und der Geruch von frischen Kuchen und Backwaren gehört mehr zu meiner Kindheit als alle Disney-Filme zusammen. Auch den Inhalt des Songs „What Baking Can Do“, der davon erzählt, wie man Probleme zumindest für einen Augenblick wegbacken kann, kenne ich nur zu gut, da es bei uns zuhause grundsätzlich immer Kuchen gibt und viele Probleme mit guten Kuchen und einem Gespräch kompensiert werden können.

Selbst, wenn man nicht wie ich diesen persönlichen Bezug zu Kuchen hat, erfreuen die einzelnen Elemente von „Waitress“ einfach. Dieses fantastische Album, das komplett weibliche Kreativteam, der Geruch von frischen Kuchen und dann wird auch noch Apple Pie im Foyer verkauft. Spätestens in der Pause war ich jedoch etwas ernüchtert. Ja, es sieht aus wie Kuchen. Ja, es riecht nach Kuchen. Aber wie der Kuchen, der im Foyer verkauft wird, ist es eher kalter Apple Chutney statt der gute hausgemachte Apfelkuchen, den man von Mutti zuhause kennt.

Von Frauen für Frauen

In „Waitress“ geht es um Jenna, die in einem Diner als Kellnerin arbeitet und sich nebenher noch etwas dazu verdient, indem sie Kuchen backt und diese im Diner verkauft. Alles verkompliziert sich, als sie ungewollt von ihrem gewalttätigen Ehemann schwanger wird und sie eine Affäre mit ihrem Arzt beginnt. Ihr Ziel ist es schließlich, einen großen Backwettbewerb zu gewinnen und dann mit dem Preisgeld ein neues Leben ohne ihren Ehemann zu beginnen. Als Grundlage diente der gleichnamige Film aus dem Jahr 2007.

Waitress“ feierte in der gleichen Saison wie „Hamilton“ am Broadway Premiere, weswegen es bei den Tonys wie viele andere Musicals leider fast gänzlich übersehen wurde. Und doch hat sich die Tony-Performance von „She Used to Be Mine“ von Jessie Mueller (der Original-Jenna am Broadway) und Sara Bareilles (der Komponistin) in mein Gedächtnis gebrannt. Das Lied ist definitiv und zu Recht das Highlight der Show und auch, wenn ich mit vielen Dingen nicht wirklich warm geworden bin, war es doch dieses Lied, welches mich kurz daran erinnert hat, warum die Show trotz allem ein sehenswertes Musical bleibt.

Das restliche Buch hatte für mich einige Schwächen und manchmal erschien es ein wenig, als möchte man wie bei einem Jukebox-Musical nur eine Story um die Songs von Sara Bareilles bauen. Bestes Beispiel hierfür ist „I Didn’t Plan It“. Ich liebe dieses Lied auf dem Album und Marisha Wallace als Becky hat dem Song auf der Bühne alle Ehre gemacht, aber die Szene davor ist irgendwie so nichtssagend und nach dem Song hätte ich mir noch einen kleinen Dialog zwischen Becky und Jenna gewünscht. Als nach dem Song das Licht auf der Bühne ausging und man in die nächste Szene wechselte, war ich regelrecht enttäuscht und hatte das unbefriedigte Gefühl, dass man doch noch etwas aus diesem Song mitnehmen müsse.

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Das Musical hat viele Glanzmomente, sehr viele gehen in die witzige Richtung und einige auch in die dramatische und schaffen zudem einen sehr guten Spagat zwischen den beiden Stilen. Oft wurden mir jedoch vor allem die witzigen Szenen fast zu anstrengend. Auch stört mich die Grundaussage des Stückes und wie in diesem mit der Ehe bzw. mit Beziehungen an sich umgegangen wird. In „Waitress“ sind fast alle verheiratet, alle sind unglücklich, jeder hat eine Affäre und irgendwie wird damit sehr leichtfüßig umgegangen, schließlich ist man ja unglücklich. Ich bin kein Verfechter der Ehe, aber es handelt sich ja doch um eine Beziehung zwischen zwei Menschen und einer wird immer verletzt, wenn der Partner fremdgeht. Bei Jenna ist es eine Ausnahmesituation, schließlich steckt sie seit Jahren in einer nicht nur unglücklichen, sondern auch gewalttätigen Beziehung fest. Warum alle anderen Charaktere jedoch einen Freifahrtschein fürs Fremdgehen erhalten, erschloss sich mir nicht so ganz.

Die Einzige, die letzten Endes in einer glücklichen Beziehung endet, ist Dawn, die zu Beginn noch solo ist und von allen mehr oder weniger als nicht normal abgestempelt wird, weil sie eben alleine ist und nicht in einer unglücklichen Beziehung festhängt. Da das Stück ein wenig den Eindruck vermittelt, als wäre es ein Musical von Frauen für Frauen, empfinde ich solche Aussagen doch als etwas dramatisch. Natürlich spielt die Handlung irgendwo im amerikanischen Süden, wo die Uhren noch etwas anders ticken, aber man hätte trotzdem alles ein wenig moderner verpacken können. Wenn man schon nicht die Liebesbeziehungen richtig hinbekam, war es zumindest schön, dass man die Beziehung unter den Frauen umso schöner zum Vorschein brachte. Somit war Jenna immer von ihren Freundinnen und Kolleginnen Becky und Dawn umgeben, die ihr vor allem während der Schwangerschaft immer zur Seite standen. Wahre Freundschaften unter Frauen eben, die letzten Endes doch noch die Aussage des Stückes unterstreichen.

Stimmlich starke Besetzung

Wie bereits erwähnt war „She Used to Be Mine“ von Anfang an mein Favorit und überzeugte live auf der Bühne voll und ganz. Für die Rolle der Jenna hat man extra Katharine McPhee für die ersten drei Monate der Londoner Spielzeit „eingekauft“, welche die Rolle bereits am Broadway übernommen hat. Sie ist zudem unter anderem als Kandidatin bei American Idol bekannt und hatte eine Hauptrolle in der US-Serie „Smash“. Vor allem gesanglich ist sie ein Traum, leider überzeugte sie mich stellenweise schauspielerisch nicht so ganz.

Als ihre Freundinnen Becky und Dawn standen Marisha Wallace und Laura Baldwin auf der Bühne. Vor allem Marisha Wallace überzeugte gesanglich und man merkt, dass sie vorher auf der anderen Straßenseite für „Dreamgirls“ auf der Bühne stand. Auch Laura Baldwin ist definitiv ein großer Gewinn für die Show.

© Johan Persson

Highlight war für mich David Hunter als Dr. Jim Pomatter. Als Arzt meines Vertrauens wäre er wohl sicherlich nicht meine erste Wahl, aber auf der Bühne ist er für mich immer ein Volltreffer. Ich kannte und liebte ihn bereits aus der Vorgängershow „Kinky Boots“ und freute mich sehr, dass er dem Adelphi in dieser Rolle erhalten bleibt.

Auch das restliche Ensemble spielt mit viel Spielfreude und auf dem gewohnt hohen Londoner Niveau. Die Band befindet sich auf der Bühne und wird insbesondere für die Diner-Szenen immer wieder Teil des Bühnenbilds. Im Bühnenbild kam zudem sehr gut Jennas Problematik zum Vorschein. Während im Diner das Bühnenbild hell, freundlich und weitläufig erschien, war insbesondere ihr Zuhause ein eingetäfeltes, trostloses Verlies.

Londoner Niveau zu deutschen Preisen?

Ich kann natürlich immer schlecht beurteilen wie es wirklich um die Verkaufszahlen von einzelnen Musicals bestellt ist. Jedoch scheint „Waitress“ nicht der Hit zu sein, den viele im Vorfeld erwartet hätten. Ein Grund für mich, immer wieder nach London zu fahren, ist die große Auswahl an hochwertigen Shows zu wirklich sehr kleinen Preisen. Vor allem das Angebot an Day Seats finde ich in London mehr als günstig. Umso mehr fällt mir auf, wie unattraktiv „Waitress“ sowohl beim normalen Touristenpublikum als auch bei den Fans zu sein scheint. Die Show ist für West-End-Verhältnisse relativ teuer und im Gegensatz zu „Hamilton“ – einem Musical, das auch den Preisrahmen in London sprengt – hat „Waitress“ leider weder den Namen noch die Fanbase, um sich das zu erlauben.

Auch die Day Seats, welche sich zu Zeiten von „Kinky Boots“ noch in der ersten Reihe befanden, sind nun nur noch von Montag bis Freitag erhältlich und können überall im Saal verteilt sein. Für jemanden wie mich, der die Preise und Sitzpläne in Deutschland gewohnt ist, ist das immer noch ein unschlagbares Angebot. Für den eingefleischten West-End-Gänger ist es doch eher ein Grund, die Show nicht zu sehen. Viele prophezeien bereits jetzt das Ende der Show, was ich trotz dem ein oder anderen Manko mehr als schade fände.

Ich hab während meinem mehrtägigen Aufenthalt in London sehr viele fantastische Shows und Musicals sehen dürfen, welche mich alle auf ihre Weise restlos begeistert hatten. „Waitress“ war das letzte Stück, das ich mir angesehen habe und es hat mich von allen gesehen Musicals am wenigsten fesseln können, was ich unsagbar enttäuschend finde und ich hoffe, dass ich nicht zu hart mit der Show ins Gericht gehe. Alles in allem wird jeder, der das Album liebt, trotzdem seine Freude an dieser Show haben. Nur vom Apfelkuchen, der im Theater verkauft wird, muss ich aus persönlicher Überzeugung gegenüber dem Konditoren-Handwerk abraten.

Uraufführung: 19.08.2015 (American Repertory Theater, Cambridge)
Besuchte Vorstellung: 25.03.2019 (Adelphi Theatre, London)
Musik & Lyrics: Sara Bareilles
Buch: Jessie Nelson
Regie: Diane Paulus
Choreographie: Lorin Latarro
Bühnenbild: Scott Pask
Kostüme: Suttirat Anne Larlarb
Besetzung: Katharine McPhee (Jenna), David Hunter (Dr. Jim Pomatter), Peter Hannah (Earl), Marisha Wallace (Becky), Laura Baldwin (Dawn), Shaun Prendergast (Joe), Jack McBrayer (Ogie), Stephen Leask (Cal)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Titelbild: © Johan Persson