Kann ein Schlagermusical, welches offen den fast schon zum Klischee gewordenen Jukeboxmusical-Slogan „Das Musical mit den Hits von …“ mit sich herumträgt, auch erfahrene Musicalfans begeistern? Es kann.

Das liegt mitunter auch am Aufführungsort. „WAHNSINN! – Das Musical mit den Hits von Wolfgang Petry“, von dem hier die Rede ist, macht auf seiner Tour einen Halt im Essener Colosseum, einer zum Theater umgebauten Industriehalle. Hier klingen Hits wie „Ruhrgebiet“ stilecht und die Geschichte um eine Gruppe Ruhrpottler, die auf einem Holzfällerfest ihre große Liebe (wieder)finden, berührt und überzeugt.

LKW-Fahrer Peter (Enrico de Pieri) ist seit 20 Jahren mit seiner Frau und Sekretärin Sabine (Vera Bolten) liiert und hat den gemeinsamen Hochzeitstag vergessen. Als er Besserung gelobt, gesteht sie ihm einen Seitensprung – mit seinem besten Freund Wolf (Mischa Mang), wie sich herausstellt. Außerdem will sie die Scheidung. Kann es für die beiden ein Happy End geben?

Ein weiterer Erzählstrang involviert ebendiesen Wolf und seine Ferienliebe Jessica (Carina Sandhaus), die sich nach langer Zeit und vielen Zufällen wiedersehen. Im Fokus der vierten Geschichte steht Tobi (in Erstbesetzung Thomas Hohler, in der besuchten Vorstellung stand Jürgen Strohschein auf der Bühne), Sohn von Karsten (Markus Dietz) und Gabi (Jessica Kessler), der eine Affäre mit Gianna (in der besuchten Vorstellung Karen Müller) hat, welche sich langsam aber stetig in Richtung Liebe entwickelt.

© Hardy Mueller

Ein Gute Laune-Musical mit Witz und Selbstironie

Ein Episoden-Musical also, welches die einzelnen Erzählstränge miteinander verknüpft und diese schließlich in einem fulminanten Happy End zusammenführt. Die Figurenzeichnung lässt kaum ein Klischee aus, wirkt aber dank des Buches von Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth nur selten auf unpassende Weise flach. Dadurch passt sich die Geschichte auf sinnvolle Weise Wolfgang Petrys Liedern an. Denn auch hier sind viele dieser Songs musikalisch durchaus einfach gehalten, begeistern aber gerade durch den dadurch hervorgerufenen Mitsing- und Bekanntheitsfaktor. Das Musical betont durch seine musikalische Gestaltung allerdings auch die ruhigeren Aspekte von Petrys Liedern und richtet den Fokus stark auf die – manchmal gelungenen, manchmal flachen, manchmal auch im Vergleich zum Original veränderten – Liedtexte, sodass das Verhältnis von Story und Songauswahl sehr stimmig ist und man teilweise sogar vergessen kann, dass es sich hier um ein Jukeboxmusical und nicht um eigens für das Musical komponierte Lieder handelt. Dennoch denkt das musikalische Arrangement gleichzeitig auch an die Schlagerfans, lädt mit Up-Tempo-Songs wie „Der Himmel brennt“, „Augen zu und durch“ und natürlich „Wahnsinn!“ zum Mitklatschen ein und heizt so die Stimmung an.

Wie in vielen nicht-biographischen Jukebox-Musicals sind auch in diesem viele Anspielungen auf Wolfgang Petrys Leben und Lieder versteckt: So haben manche Charaktere wie „Gianna“ oder „Jessica“ ihre Namen aus Petry-Songs und es gibt einen gesamten Handlungsstrang um Freundschaftsbänder. All dies ergibt einen insgesamt sehr runden Gesamteindruck – auch, wenn es ein wenig aufgesetzt wirkt, dass die Dialoge in gefühlt jeder zweiten Szene Ausrufe wie „ Wahnsinn!“ und „Weiß der Geier!“ beinhalten.

Bemerkenswert ist der große Anteil an Selbstironie: Es gehört schon Mut dazu, den Hit „Sommer in der Stadt“ in einem Wolfgang Petry-Musical als musikalischen Albtraum zu bezeichnen oder gleich Schlagermusik im Allgemeinen zu parodieren, indem die Textzeile „Rosmarie, ich hab dein Geld versoffen“ mehr gegrölt als gesungen wird. Aber auch solche Witze wirken nicht deplatziert, denn durch die Dialoge wird deutlich, dass es sich auch hierbei um eine sehr herzliche Hommage an die Musik des Schlagersängers handelt. Sehr einfallsreich sind Regie (Gil Mehmert) und Choreographie (Simon Eichenberger): Ob ein Ballett auf dem Schrottplatz oder ein Tanz auf Sitzbällen – die Ideen, die einzelnen Lieder in Szene zu setzen, begeistern durch ihre Kreativität.

Die Mischung von emotional-berührenden mit witzigen, zum Teil auch albernen, slapstickhaften Szenen macht „WAHNSINN!“ zu einem kurzweiligen Erlebnis, das durchaus sehenswert ist.

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Gut gelaunte DarstellerInnen in passenden Rollen

Zu einer gelungenen Inszenierung gehört natürlich auch die passende Cast. Und gerade diese sticht bei „WAHNSINN!“ äußerst positiv heraus. Im Gedächtnis bleiben vor allem die Darstellerinnen der weiblichen Hauptrollen: Jessica Kessler, Carina Sandhaus und Vera Bolten begeistern allesamt sowohl gesanglich als auch mit ihrem komödiantischen Talent, welches sie bereits zuvor in anderen Musicals mehrfach unter Beweis stellen konnten. Gerade durch Vera Boltens markante Stimme werden die Petry-Songs auf gelungene Weise neu interpretiert. In schauspielerischer Hinsicht erstklassig besetzt ist Jessica Kessler, welche die bodenständige, aber oft freche Gabi spielt.

Besonders  gesanglich beeindruckend ist auch Karen Müller, die in der besuchten Vorstellung statt Dorina Garuci Gianna spielte. Auch aus ihrem Text, welcher im Falle der von ihr dargestellten Rolle leider teilweise unnatürlich wirkt, macht sie das Beste.

Enrico de Pieri stellt Peter dar, also die Rolle, welche sowohl die größte Charakterentwicklung zeigt als auch den Titelsong singt und somit als die eigentliche Hauptrolle des Stückes bezeichnet werden kann. Er spielt den Peter sehr sympathisch und meistert alle Songs mit Bravour, sodass seine Leistung äußerst positiv in Erinnerung bleibt.

Diese Top-Besetzung wird durch Mischa Mang als Wolf, Markus Dietz als Karsten und Jürgen Strohschein, der in der besuchten Vorstellung für Thomas Hohler auf der Bühne stand, vervollständigt. Alle drei passen perfekt in ihre Rollen und können das Publikum mit ihrer Spielfreude begeistern.

© Hardy Mueller

Fazit: Ein kurzweiliger Abend mit viel Lokalkolorit

Insgesamt erwartet die BesucherInnen des Wolfgang Petry-Musicals eine sehr muntere, unterhaltsame Show, die das Potential hat, nicht nur Schlagerfans zu begeistern. Dass die Stimmung des Essener Publikums derart euphorisch war, mag allerdings auch am starken Ruhrgebietsbezug des Stückes liegen, welcher sogar teilweise in Ruhrpottkitsch abdriftet. Die Gags des Musicals vermögen allerdings auch außerhalb des Ruhrgebiets zu zünden. Dies deutet sich schon allein durch die Begeisterung meiner Begleitung an, welche extra für das Stück aus Wien angereist war.

So ist aus der Idee des Musicals, welche leicht alle Vorurteile bezüglich Jukebox-Stücken hätte bestätigen können, wie durch ein Wunder ein munteres, oft auch sehr witziges Stück mit kreativen Einfällen geworden, welches sowohl Wolfgang Petry-Fans als auch Musical-Liebhabern, die dem Schlager bisher eher abgeneigt gegenüber standen, gute Unterhaltung bietet.

© Hardy Mueller

Premierendatum Uraufführung: 25.2.2018 (Theater am Marientor, Duisburg)

Vorstellungszeitraum in Essen: 23.4.2019 – 5.5.2019 (besuchte Vorstellung: 23.4. 2019)

Weitere Vorstellungen: 7.5.2019 – 12.5.2019 (Theater am Aegi, Hannover); 15.5.2019 – 26.5.2019 (Deutsches Theater, München)

Creative Producer/ Autoren: Martin Lingnau; Heiko Wohlgemuth; Michael Hildebrandt

Musical Supervisor/ Arrangeur: Sebastian de Domenico

Regie: Gil Mehmert

Choreographie: Simon Eichenberger

Setdesign: Heike Meixner

Lichtdesign: Michael Grundner

Videodesign: Thomas Reimer

Make Up Design: Jarrid Vanden Eynden

Musikalische Leitung: H.C.Petzoldt

Besetzung der Hauptrollen: Enrico de Pieri (Peter);Vera Bolten (Sabine); Markus Dietz (Karsten); Jessica Kessler (Gabi); Thomas Hohler (Tobi); Dorina Garuci (Gianna); Mischa Mang (Wolf); Carina Sandhaus (Jessica)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Hardy Mueller

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.