„Der Mann mit dem Lachen“ nach der Romanvorlage „L’homme qui rit“ von Victor Hugo aus dem Jahr 1869 handelt vom entstellten Schausteller Gwynplaine, der von einem besseren Leben träumt. Eines Tages eröffnet sich für ihn tatsächlich die unerwartete Möglichkeit, adelig und reich zu werden.

© Stephan Floß

Die Geschichte des deformierten Mannes wurde schon oft erzählt und  fasziniert seit langem auch im Musical, was diverse Versionen von „Das Phantom der Oper“, „Die Schöne und das Biest“ und „Der Glöckner von Notre Dame“ belegen. Im Fall von „Der Mann mit der Maske“, der wie „Der Glöckner von Notre Dame“ ebenfalls von Victor Hugo stammt, ist die Entstellung nicht angeboren, sondern wird der Hauptperson als Kind von einem Chirurgen angetan, der ihm ein hässliches Dauergrinsen zufügt. Auf der Bühne wird dies durch rote Schminke gezeigt, was clownesk wirkt. Es wird wenig deutlich, warum Gwynplaine dadurch geächtet wird und als Freak auftreten muss. Der Tod bleibt ihm in der Dresdner Version erspart – hier flieht er mit seinen alten Gefährten.

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Story und Musik schwach

Als jedoch Gwynplaine, Dea und Ursus in der letzten Szene mit einem kleinen Boot von England in Richtung Niederlande aufbrechen, macht sich Ernüchterung beim Publikum breit. Zu verwirrend ist die Adaption der Autoren Tilmann von Blomberg und Alexander Kuchinka. Die Handlung ist mit vielen Personen und mehreren Zeitsprüngen gespickt und verstrickt sich dabei in viele Nebenschauplätze. Rollen wie die Vertraute, der Vorleser und der Maler behindern den Verlauf der Handlung, es gibt unklar eingebundene Rückblenden und eine unschlüssige Auflösung des Prologs. Inhaltlich fraglich sind dazu Songs wie „Englands Stolz“ der Admiralitäts-Beamten. Frank Nimsgerns Komposition, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Klassik, Musical oder Gitarrenrock sein will, wirkt belanglos und austauschbar. Dennoch, die Story bietet an sich eine spannende Vorlage. Die Ausstattung und das Orchester sind grandios, die Besetzung erstklassig.

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Besetzung und Ausstattung top

Jannik Harneit, der Jungtenor der Staatsoperette, nimmt die Herausforderung der kräftezehrenden Titelrolle an und gibt diese sympathisch und kämpferisch, vor allem in seiner Neugier, die Adelswelt zu entdecken und seinen Peiniger zu finden. Auch gesanglich weiß er in seinen zahlreichen Soli zu überzeugen. Seine Rolle bleibt unglücklicherweise der einzig gut ausgearbeitete Part. Olivia Delauré darf hier als seine blinde, sanfte Begleiterin Dea fast nur unglücklich nach ihm schluchzen und kann auch ihre gesanglichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Rollenbedingt bleibt Elmar Andree als deren Ziehvater Ursus ebenfalls blass. Eindringlich als Rache nehmender und an den Grafen von Monte Christo angelehnter Barkilphedro ist Christian Grygas. Unklar bleibt hier, ob er nun ein Bösewicht sein soll oder nicht. Spät taucht Bryan Rothfuss als Chirurg Dr. Hardquannone auf, der in Kostüm und Frisur stark an Herbert aus „Tanz der Vampire“ erinnert.

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Die reine Sprechrolle der Königin Anne Stuart ist mit Angelika Mann herrlich resolut und witzig angelegt, am Ende im Parlament aber überraschenderweise stumm. Hier vergeben die Autoren die Möglichkeit, mit dem Adel abzurechnen und der Geschichte eine ganz andere Wendung zu geben. Anzulasten ist dies nicht der Darstellerin, die allein schon durch ihren weiten Reifrock urkomisch ist. Als Gegenpart dazu gibt Anke Fiedler ihre Halbschwester Josiane mit kraftvollem Musical-Belt. Sie ist lasziv im Negligee, hinterhältig sowie gleichzeitig angezogen und angewidert von Gwynplaine. Damit holt sie das Optimum aus ihrer Rolle raus. Bravo!

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Bühnenbildner Sam Madwar nutzt die technischen Möglichkeiten des Hauses mit Drehbühne und moderner Projektionstechnik an einer mittig auf der Spielfläche platzierten Wand perfekt aus und schafft so opulente Bilder. Er setzt ein an beiden Seiten über Treppen begehbares Gerüst an das Bühnenportal, das mittels eines Stegs oben verbunden ist. Auch der mittels Projektionen brennende Holzwagen von Ursus gelingt beeindruckend. Zusammen mit den zeitgemäßen und edlen Roben von Uta Loher und Conny Lüders sowie dem geschickten Licht-Design kann die optische Seite stark punkten.

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Als erfahrener Regisseur nutzt Andreas Gergen alle Spielmöglichkeiten wie Gerüst, Steg und den Gang vor dem Orchestergraben dynamisch aus. Dazu hat er immer wieder schöne Ideen wie der Ritt auf einem Pferd aus drei Tänzern. Auch das Zusammenspiel von Solisten, Chor, Ballett und Statisterie ist stets sinnvoll. Es ist ein Genuss, den über 50 Musikern unter der musikalischen Leitung Peter Christian Feigels, zu lauschen. Dennoch kann das große Orchester der Staatsoperette den Schwächen der Komposition nur schwer begegnen.

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Für das Genre Musical ist es immer sehr gut, wenn ein Haus wie die Staatsoperette Dresden ein Stück uraufführt. Das Team Kuchinka, von Blomberg und Gergen hat 2018 mit „Zzaun!“ gezeigt, welch hochwertige Musicals sie auf die Bühne bringen können. Besetzung, Ausstattung und musikalische Umsetzung stimmen auch hier, Musik und Buch fallen jedoch ab. So hinterlässt diese Uraufführung lediglich einen durchwachsenen und konfusen Eindruck.

„Der Mann mit dem Lachen“ in Dresden

Uraufführung: 27.04.2019 (Staatsoperette, Dresden)
Musik: Frank Nimsgern
Buch und Dialoge: Tilmann von Blomberg
Gesangstexte: Alexander Kuchinka
Regie: Andreas Gergen
Choreografie: Simon Eichenberger
Bühnenbild: Sam Madwar
Kostüme: Uta Loher, Conny Lüders
Besetzung: Jannik Harneit (Gwynplane), Olivia Delauré (Dea), Elmar Andree (Ursus), Christian Grygas (Barkilphedro), Angelika Mann (Anne Stuart), Anke Fiedler (Josiane Darnley), Bryan Rothfuss (Dr. Hardquannone), Markus Liske (Gernadus), Jürgen Mai (Kammerdiener,) Anne Schweb (Sarah Churchill), Friedemann Condé (Vorleser), Dietrich Seidlitz (Michael Dahl)

Beitragsbild: © Stephan Floß