„Der Sound von hier!“ steht auf den Flyern, die in der Stadthalle verteilt werden. Mit einem Musical namens „Radio Ruhrpott“ versucht sich Castrop-Rauxel als Musical-Stadt im Ruhrgebiet zu etablieren. Ob das Jukebox-Musical mit den namhaften Songs aus dem Ruhrgebiet tatsächlich den prophezeiten Erfolg haben wird, muss sich noch zeigen. Zunächst ist die Spielzeit bis Mitte Juli angesetzt. Die Zuschauer erwartet ein launiger Abend mit viel Nostalgie und auch die ein oder andere überraschende Information über die Musik des Ruhrgebiets.

Inhaltlich geht es um eine fiktive Radiosendung, die den Titel des Musicals, nämlich „Radio Ruhrpott“, trägt. Der Moderator heißt hier „Sam Maldock“(Potlako Mokgadi), der durch den Namen eine Anspielung auf den berühmten WDR Moderator „Mal Sondock“ ist. Sam Maldock präsentiert in seiner Sendung Lieder aus dem Ruhrgebiet und gibt auch detaillierte Hintergrundinformationen über den im Radio spielenden Song preis. Mit diesem Setting ist lose eine Liebesgeschichte zwischen dem Bergmann Peter Richards, genannt Ritchie, und Petra von Bodelschwingh, der Tochter des Reviersteigers verknüpft. Das Konzept des Musicals ist es somit, eine Handlung mit den größten Hits aus dem Ruhrpott zu verbinden.

© Radio Ruhrpott

Durch die ständige Gegenwart des Radiosenders und der dort gespielten Lieder erklärt sich auch das Bühnenbild, welches als überdimensionales Radio konzipiert ist. Die jeweiligen Musikstücke werden nicht nur nachgesungen, sondern auch teilweise neu interpretiert. Zwischendurch werden auch Musikstars aus dem Ruhrgebiet imitiert. Diese unterhaltsamen Showeinlagen gestalten besonders den ersten Akt sehr abwechslungsreich und machen ihn zu einem kurzweiligen Erlebnis. Die Darbietungen gelingen auf beeindruckende Weise, wofür insbesondere die Leistung von Ensemble-Mitgliedern wie Lino Beatbox, welcher etwa das „Steigerlied“ mit einem ungewöhnlichen Beat hinterlegt, und Marc Stahlberg, der Sänger wie Helge Schneider und Herbert Grönemeyer großartig parodieren kann, verantwortlich ist. Im weiteren Verlauf hat auch die Kunstfigur Erwin Machulke (Bernd Böhne), welcher auch unabhängig vom Musical bereits im Ruhrgebiet bekannt ist, einige Auftritte, die dem musikalischen Potpourri noch Kabaretteinlagen hinzufügen. Musikalisch begeistert zudem die großartig aufgelegte Radio City Band ( Musikalische Leitung: Andreas Döbbe und Michael Meier), deren Saxophonist Nappo Bernatzki ganz besonders positiv heraussticht.

© Radio Ruhrpott

Dass ein Radioprogramm meist nicht nur aus Musik besteht, ist ebenfalls bedacht worden. So werden immer wieder kleinere theatrale Szenen gezeigt, welche dazu dienen, auch andere Programmpunkte, wie etwa die Sportberichterstattung oder eine Werbeunterbrechung in das Stück mit aufzunehmen. Solche Aspekte zeigen die Detailverliebtheit des Musicals und tragen zur grundsätzlich stimmigen Umsetzung des Konzepts bei. Die Inszenierung eines Radioprogramms auf der Bühne ist also über weite Strecken sehr gelungen, wenn auch die Auswahl der Lieder durch die Hits von u.a. Herbert Grönemeyer, Wolfgang Petry, Nena und Hape Kerkeling sehr schlagerlastig ausfällt und damit oft etwas einseitig wirkt.  Die wenigen etwas ruhigeren, teilweise auch englischsprachigen Lieder wie etwa Sashas „If you believe“, die eben nicht das Publikum sofort in Mitsing- und Feierlaune versetzen, wirken dadurch manchmal etwas verloren. Gerade im ersten Akt schafft es diese Zusammenstellung von zumeist Up Tempo-Songs allerdings durchaus , gut zu unterhalten.

Spielfreudige DarstellerInnen in einer überfrachteten Story

Der zweite Akt hingegen richtet seinen Fokus stärker auf die oben erwähnte Liebesgeschichte, was leider auch dazu führt, dass die Schwächen des Stücks sichtbarer werden. Zwar zeigen alle DarstellerInnen, insbesondere Markus Psotta und Romi Maria Goelich als Liebespaar Ritchie und Petra, gerade auf gesanglicher Ebene durchweg starke Leistungen, aber auch sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Handlung fast schon auf ärgerliche Weise plakativ wirkt.

© Radio Ruhrpott

Der Autor und Regisseur Bernd Böhne scheint bemüht, diese mit vielen Anekdoten aus dem Ruhrgebiet zu füllen, um den ZuschauerInnen auch die Historie des Potts zugänglich zu machen, aber die Umsetzung dieses Einfalls beinhaltet leider nicht nur die Erwähnung einiger historischen Ereignisse, sondern auch so viele Stereotype, dass die Handlung eigentlich nur als Parodie funktionieren könnte. Konnte man eine solche im ersten Akt noch vermuten, so mehren sich im zweiten Akt die Anzeichen dafür, dass hier tatsächlich kaum etwas bewusst ironisch überspitzt wurde. Es ist bereits an sich ein Klischee, die zentrale Handlung eines Musicals grundsätzlich als Liebesgeschichte zu konzipieren und zwar unabhängig davon, ob dies im Zusammenhang mit dem Thema des Musicals als sinnvoll erscheint. Ein weiteres Klischee ist es, dass eben diese Liebesgeschichte lediglich aus stereotypen Charakteren besteht.

Eine Handlung aber, die sich selbst weitgehend ernst nimmt, während sie von einer Tochter aus gutem Hause erzählt, die sich ausgerechnet in den Rockstar und Bergmann mit weichem Kern verliebt und sich mit diesem heimlich trifft, da ihr Vater etwas gegen diese Verbindung einzuwenden hätte, kann nur noch durch ungläubiges Kopfschütteln kommentiert werden. Dass die Schrebergartenkolonie dann auch noch „Schöner Fleck“ heißt und sich ein Großteil der Gespräche des Liebespaares um die Frage dreht, welcher Fußballverein eigentlich der Beste ist, ist zusätzlich unfreiwillig komisch. Auch Momente, die tiefere Einblicke in das Seelenleben der Figuren ermöglichen, schaffen es nur selten, zu berühren, da diese Momente nicht behutsam vorbereitet werden und somit die ZuschauerInnen eher aus der Handlung herausreißen, als eine größere Identifikation mit den Figuren zu ermöglichen.

Hinzu kommt, dass die Dialoge weitgehend hölzern wirken, obwohl die DarstellerInnen ihr Bestes geben, sie authentisch vorzutragen. Manche Textstellen sind zudem nicht durchdacht: So gibt es eine Szene, in der Ritchie eine flammende Rede auf das Leben im Ruhrgebiet hält, welche schon an sich auf sehr naive Weise lokalpatriotisch und nostalgisch klingt und in der er die angeblich vorurteilsfreie Lebensweise der im Ruhrgebiet wohnenden Menschen hervorhebt. Als ihm kurz darauf allerdings der Reviersteiger erklärt, seine Tochter sei bereits jemand anderem versprochen, empört sich Ritchie mit den Worten: „Wir sind ja hier nicht im Orient!“. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen seinen Aussagen in ein- und derselben Szene scheint wohl niemandem aufgefallen zu sein.

Eine interessante Grundidee, die in weiten Teilen überzeugt


Trotz dieser Kritikpunkte ist das Musical in weiten Teilen unterhaltsam und qualitativ hochwertig umgesetzt. Hierbei begeistert vor allem der erste Akt mit seinen schwungvollen Darbietungen bekannter Songs.

© Radio Ruhrpott

Die Idee, ein Ruhrgebiet-Jukebox-Musical zu entwickeln hat sich damit als durchaus lohnenswert erwiesen, auch wenn das Stück vor allem als Konzert mit kabarettistischen Einlagen funktioniert und der sehr einfache, etwas uninspirierte Plot hierbei fast schon störend wirkt.

Sehr gut gelungen ist hingegen die Darstellung eines (fiktiven) Radioprogramms auf der Bühne, welches auf unaufdringliche Weise Wissen vermitteln kann und zugleich großen Unterhaltungswert besitzt. Wie erfolgreich das Stück sein wird, bleibt abzuwarten, dass das Musical viele gelungene Einfälle beinhaltet, welche von talentierten DarstellerInnen in hoher Qualität präsentiert werden, steht jedoch fest.

© Radio Ruhrpott

Premierendatum Uraufführung: 2.5.2019 (Stadthalle Castrop-Rauxel)

Besuchte Vorstellung: 2.5. 2019 (Stadthalle Castrop-Rauxel)

Künstlerische Leitung/ Autor/ Regie: Bernd Böhne

Musikalische Leitung: Andreas Döbbe und Michael Meier

Choreographie: Benjamin Isankunya

Tondesign: Wolfgang Pentinghaus

Besetzung der Hauptrollen: Romi Maria Goelich (Petra von Bodelschwingh); Markus Psotta (Ritchie); Potlako Mokgadi ( Sam Maldock); Frank Bahrenberg (Ernst von Bodelschwingh); Karl Hölscher (Bernhard Sauer, Präsident vom Schrebergartenverein „Schöner Fleck“)

 

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

 

Beitragsbild: © Radio Ruhrpott

 

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.